Archiv für die Kategorie ‘Keinzigartiges Lexikon’

Keinzigartiges Lexikon: Folge 30

Gisela Feuz am Dienstag den 25. Juli 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Schachglanz setzen
Ursprünglich gab es im Schach drei Möglichkeiten, seinen Partner zu besiegen: schachmatt, schachglanz und – bei Profis – schachhochglanz. Die letzten beiden Spielarten wurden vom Weltschachbund inzwischen verboten, weil sie zu gefährlich sind. Kam es früher in einem Spiel zu einem Patt, begannen automatisch die Schachglanz-Regeln zu greifen. Dabei können die Spieler ihre Figuren nicht nur horizontal, vertikal und diagonal, sondern auch frontal einsetzen: Hat ein Spieler seinen Läufer auf Feld g7 beziehungsweise g2 platziert, kann er im nächsten Zug unter wildem Gekreische seinem Gegner die Spielfiguren ins Gesicht werfen. Da dies heute nicht mehr Brauch ist, sollte die Frage neu beurteilt werden, ob Schach wirklich ein Sport ist.


Schachhochglanz-Spieler verwenden Marmorfiguren und werfen je nach Strategie auch das Brett oder die Schachuhr hinterher.

Nächste Woche: Der Erdikus

Keinzigartiges Lexikon: Folge 29

Gisela Feuz am Dienstag den 18. Juli 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Die Quität
Wie die These zur Antithese oder der Held zum Antihelden, so bildet die Quität den Gegenpol zur Antiquität. Quitäten sind folglich Gegenstände, die sich schlecht zum Angeben eignen und bei denen es sich nicht lohnt, sie zu kopieren und auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Im Unterschied zu morschen Holztruhen spricht man ihnen auch keine Seele zu, um einen überrissenen Preis zu rechtfertigen. Es wäre nun ein Trugschluss, zu glauben, dass das Geweih einer Antilope eine Antiquität sei, jenes der Lope – ihres weniger ängstlichen und positiver eingestellten Pendants – dagegen eine Quität. Beide Geweihe sind bei entsprechendem Alter eine Antiquität. Genau gleich verhält es sich natürlich mit Gazelle und Antigazelle.


Quitäten erkennt man unter anderem daran, dass sie nicht nach Großmutter müffeln.

Nächste Woche: Schachglanz setzen

Keinzigartiges Lexikon: Folge 28

Gisela Feuz am Dienstag den 11. Juli 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Der Augenstocher
Da man für Zähne und Augen aus hygienischen Gründen nicht denselben Stocher verwenden sollte, hat sich neben dem Zahnstocher auch der Augenstocher etabliert. Ursprünglich wurde er als Werkzeug entwickelt, mit dem man sich Staubkörner oder kleine Insekten aus dem Auge pulen konnte. Die Nebenwirkungen haben aber inzwischen zu neuen Absatzmärkten geführt: Wer bei einer Beerdigung nicht weinen kann und nicht als unsensibel gelten möchte, macht sich fröhlich hinter vorgehaltenem Taschentuch mit dem Augenstocher ans Werk. Aber auch für emotionale Erpressungen in der Partnerschaft empfiehlt sich das Instrument. Und manch ein Milchbart kann sich dank dem praktischen Augenstocher als Draufgänger inszenieren und mit einem blauen Auge angeben.


Fast-Food-Liebhaber und Krümelmonster-Imitatoren nutzen den Augenstocher klassisch zur Entfernung von Speiseresten.

Nächste Woche: Die Quität

Keinzigartiges Lexikon: Folge 27

Gisela Feuz am Dienstag den 4. Juli 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Die Zwitterin
Im Bemühen um eine geschlechtergerechte Sprache redet man heute selbstverständlich von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Schülern und Schülerinnen. Die weibliche Form des Zwitters – die Zwitterin – wird aber immer noch sträflich vernachlässigt. Immerhin haben sich in letzter Zeit weniger androzentrische Formen wie „die Knäbin“ oder „die Bruderin“ durchgesetzt. Gendersensible Biologen und Landwirte reden heute auch etwa von Böckinnen oder Hengstessen. Kritiker fordern im Gegenzug, den Lesbier, den Tantel oder, in Anlehnung an das Fräulein, das Männlein in den Sprachgebrauch aufzunehmen, außerdem den Henner und – auch außerhalb der Schweiz – den Schneck. Zudem soll künftig jeder Mann das Recht einfordern können, als blöde Kuh bezeichnet zu werden.


Seit Jahrhunderten spricht man nur von Stierkämpfen, obwohl rund dreißig Prozent der Toreros und Toreras gegen Stierinnen antreten.

Nächste Woche: Der Augenstocher

Keinzigartiges Lexikon: Folge 26

Gisela Feuz am Dienstag den 27. Juni 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Der Stadt-Öhi
Der Stadt-Öhi ist eine Figur aus einem Schweizer Kinderbuch. Als Lebemann, Socializer und Halbtagshallodri gehört er zur Crème de la Crème der großstädtischen In-Quartiere. Er hat seine Enkelin Adelheid in Obhut, bis diese zu ihrer gehbehinderten Freundin Klara ins hinterletzte Alpenkaff geschickt wird. Dort nennt man sie Heidi und setzt ihr sogleich einen sächlichen Artikel vor den Namen. Adelheid vermisst nicht nur die rund um die Uhr geöffneten Dönerstände, sie ekelt sich auch vor den unsterilen Verpackungen im Dorfladen, der stinkenden Ziegenmilch und der gruseligen Jodelmusik. Am Ende kann Adelheid zum Stadt-Öhi zurückkehren, gemeinsam mit Klara, die dort endlich die nötige medizinische Versorgung erhält und wieder laufen lernt.


Das Rauschen der Tannen und die blutverschmiert aussehenden Berge versetzen Adelheid in Angst und Schrecken.

Nächste Woche: Die Zwitterin

Keinzigartiges Lexikon: Folge 25

Gisela Feuz am Dienstag den 20. Juni 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Das Großod
Das Großod ist ein beliebtes Schmuckstück, insbesondere bei älteren Damen, die ihr Geld sinnvoller einsetzen möchten als für die Schulbildung der Enkel oder für wohltätige Zwecke. Im Unterschied zum Kleinod hat das Großod den Vorteil, dass es Problemzonen überdecken kann: Ein adrettes Monsterbijou im Haar lenkt dezent vom Hinterteil ab, und eine Kette aus Riesenperlen hinterlässt nur noch eine Ahnung vom Bauch darunter. Geübte Großod-Trägerinnen haben auf Galas und Kreuzfahrten schon bewiesen, dass sie auch auf der Tanzfläche eine gute Figur machen. Um dabei der hohen Zentrifugalkraft zu trotzen, empfiehlt sich neben regelmäßiger Rückengymnastik und Stützgurt eine Stabilisierung der Ohrläppchen durch Ringlochverstärker.


Auch mit Kronleuchter-Ohrringen lässt sich Discofox oder rassiger Cha-Cha-Cha tanzen.

Nächste Woche: Der Stadt-Öhi

Keinzigartiges Lexikon: Folge 24

Gisela Feuz am Dienstag den 13. Juni 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Der Nu
Dass die Zeit manchmal im Nu vergeht, wurde durch den „Eurovision Song Contest“ möglich. Die Sendung langweilte so viele Menschen lebensbedrohlich, dass man ein Physikerteam damit beauftragte, ein alternatives Raum-Zeit-Kontinuum zu schaffen, in dem alles etwas schneller geht: den Nu. Leider hat man bis heute keine Kontrolle über den Nu. Im Schlussverkauf oder beim Ligretto-Spielen rutscht man ungewollt hinein, während man beim langweiligen Schwätzchen mit der Nachbarin vergeblich darauf hofft, in den Nu zu gelangen. Manche Wesen stecken permanent im Nu fest: Börsenspekulanten, Kellerasseln und natürlich das Gnu. Völlig vom Nu abgekoppelt sind dagegen die italienische Bahn oder Menschen mit langweiligen Sternzeichen wie Steinbock oder Waage.

Im Unterschied zum Faultier befindet sich das Hyperaktivtier fast immer im Nu.

Nächste Woche: Das Großod

Keinzigartiges Lexikon: Folge 23

Gisela Feuz am Dienstag den 6. Juni 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Der Altspund
Der Altspund ist ein höchstens fünfzigjähriger Mann, der sich bewusst älter gibt, um von den vielen Vorteilen des Seniorenlebens zu profitieren. Er färbt sich die Haare grau, lässt sich Zähne ziehen und duscht nicht mehr. So kommt der Altspund nicht nur zu Ermäßigungen im öffentlichen Nahverkehr, er darf auch guten Gewissens über alles nörgeln, sich vordrängeln, Ämter mit Beschwerden nerven, seinen Gehstock den Jugendlichen zwischen die Fahrradspeichen stecken und dabei stets mit seiner Weisheit angeben. Jeder hat Verständnis, wenn er sich Namen oder Geburtstage nicht merken kann. Selbst ein muffiger Geruch wird hingenommen, und wo nicht, überlässt er die Körperhygiene einfach einer hübschen Pflegekraft.


Das Verlangen, seine alternde Seite hervorzukehren, wird in der Fachpsychologie Altgier genannt.

Nächste Woche: Der Nu

Keinzigartiges Lexikon: Folge 22

Gisela Feuz am Dienstag den 30. Mai 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Das Jazzcorn
Jazzcorn ist ein wesentlich anspruchsvollerer Snack als Popcorn und nur einem ausgewählten Kreis von Kennern zugänglich. Schon die Zubereitung hat es in sich: Man sollte nicht zu viel nachdenken, möglichst hysterisch und sinnlos mit den Küchengeräten hantieren und auf keinen Fall jemand anderem zuhören, der vielleicht am Nachbarherd auch gerade Jazzcorn macht. Besonders wichtig ist das Improvisieren: Man kann Butter, Karamell oder gar Butterkaramell hinzufügen. Natürlich gilt das auch für Popcorn, doch aus ungeklärten Gründen ist Improvisation einzig bei Jazzcorn wirklich genial. Kinogänger, die von kunstvollem Knuspern nichts verstehen, missdeuten das atonale und synkopische Knistern von Jazzcorn leider oft als Störgeräusch.


Freejazzcorn – ohne Pfanne zubereitet – ist die meisterhafte Vollendung der Puffmaiskunst.

Nächste Woche: Der Altspund

Keinzigartiges Lexikon: Folge 21

Gisela Feuz am Dienstag den 23. Mai 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Die Sintebbe
Die Sintebbe ist eine alternative Evolutionstheorie, die von Wissenschaftlern der Universität Stanford entwickelt wurde und die davon ausgeht, dass ein blubbernder Wassergott zu Urzeiten die Erde einer großen Trockenheit aussetzte, um die sündigen Fische zu strafen. Diese legten ihre Eier lasziv auf billigem Blasentang und halbseidenem Seegras ab, schürzten die Lippen zu Kussmündern und trieben Unzucht mit Korallen. In der Not entwickelten die Fische Lungen und Beine – so entstand der Mensch. Die Wissenschaftlichkeit dieser Theorie wird jedoch angezweifelt. Dies vor allem deshalb, weil gerade die verruchtesten Fischarten noch heute im Meer dem leichten Leben frönen, unter ihnen der Aal, der Stechrochen, der Franzosendorsch und der Butt.


Spielte sich die Entwicklung vom Fisch zum Menschen doch schneller ab als bisher vermutet?

Nächste Woche: Das Jazzcorn