Archiv für die Kategorie ‘Keinzigartiges Lexikon’

Keinzigartiges Lexikon: Folge 8

Gisela Feuz am Dienstag den 21. Februar 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Klitzegroß
Als klitzegroß wird im Allgemeinen etwas Winziges mit großer Wirkung bezeichnet: der Apfelkern, aus dem ein starker Baum wird, das Universum vor dem Urknall, eine befruchtete Eizelle, der Flügelschlag eines Schmetterlings, der zu einem Wirbelsturm oder immerhin zu einer Fönfrisur führen kann, Napoleon, Pumuckl oder auch einfach mal so dahingesagte Behauptungen, die heute jeder glaubt – zum Beispiel dass Süßes schlecht für die Zähne sei. In den letzten Jahren ist geradezu ein Klitzegroß-Trend entstanden, der etwa Bereiche wie die Gesundheitsindustrie oder die Esoterik erfasst hat. Davon zeugen Buchtitel wie „Die innere Klitzegröße finden“, „Wie klitzegroß ist mein Partner?“ oder „Das große Klitzegroß-Buch für Groß und Klein“.


Durch Hungern satt werden: Viele Menschen setzen heute auf klitzegroße Ernährung.

Nächste Woche: Das Geheuer

Keinzigartiges Lexikon: Folge 7

Gisela Feuz am Dienstag den 14. Februar 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Die Zweiöde
Zweiöden sind höchst unbeliebte Orte, zumal sie gleich doppelt so öde sind wie Einöden. Sie werden, wenn überhaupt, nur von Zweisiedlern aufgesucht. Während eine Einöde gemeinhin als Arsch der Welt bezeichnet wird, muss man die Zweiöde als Warze darauf verstehen. Neben radioaktiv verseuchten Gebieten, den Oberflächen fremder Planeten und Brennnesselplantagen wurden jüngst auch CD-Läden, Videoverleihe und die Yahoo-Suchmaschine als eindeutige Zweiöden klassifiziert. Vorsicht: Auch einige Bars und Lounges gehören dazu. Man erkennt sie daran, dass sie zur Tarnung Slogans wie „The place to be“, „Two thumbs up“ oder „Where the cool
people meet“ einsetzen.


Zu den klassischen Zweiöden gehören auch Geburtstagspartys von Strebern.

Nächste Woche: Klitzegroß

Keinzigartiges Lexikon: Folge 6

Gisela Feuz am Dienstag den 7. Februar 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Das Eichhorn
Das Eichhorn, der ausgestorbene Urahn des heutigen Eichhörnchens, gehört neben dem Mammut und dem Säbelzahntiger zu den schreckenerregendsten Riesensäugern der Urzeit. Durch seine Größe, seine scharfen Zähne und sein hinterlistiges Wesen war das Eichhorn für die Menschen der Steinzeit eine permanente Bedrohung. Zugleich wurde es als Gott der Fruchtbarkeit, der Vorsorge und des Knabberspaßes verehrt. Einige Forscher vermuten, dass das Eichhorn durch verbesserte Jagdtechniken der Neandertaler ausgerottet wurde. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sein natürlicher Feind es zu Tode gepickt hat: die Rotkehle.


Selbst vollständig erhaltene Skelette geben keinen Aufschluss über die kontroverse Frage, wie buschig der Schwanz des Eichhorns war.

Nächste Woche: Die Zweiöde

Keinzigartiges Lexikon: Folge 5

Gisela Feuz am Dienstag den 31. Januar 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Kunterschwarzweiß
Mit den Emanzipationsbewegungen der letzten Jahrzehnte empfand man kunterbunte Bilder zunehmend als Diskriminierung gegenüber Farbenblinden. Man begann deshalb, kunterschwarzweiße Angebote zu entwickeln, etwa Werbeplakate, die zwar farblos waren, aber umso mehr auf ein Durcheinander zahlreicher kontrastierender Grautöne setzten. Kunterschwarzweiße Konfetti, Kuchenstreusel und Haribo-Mischungen kamen auf den Markt. Bald versuchten sich auch Maler auf dem Gebiet, der Kunterschwarzweiß-Film wurde entwickelt, und in der Clownszene waren kunterschwarzweiße Kostüme für kurze Zeit geradezu en vogue. Unbestätigt ist das Gerücht, dass „Kunterschwarzweiß“ als deutscher Titel für „Fifty Shades of Grey“ im Gespräch war.


Die kunterschwarzweißen Nana-Figuren gehören zu Niki de Saint Phalles weniger beachteten Kunstwerken.

Nächste Woche: Das Eichhorn

Keinzigartiges Lexikon: Folge 4

Gisela Feuz am Dienstag den 24. Januar 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Entletzen
Die Entletzung ist das Gegenteil der Verletzung: ein Vorgang, bei dem man sich, meistens aus Unachtsamkeit oder durch Zufall, heilt. Medizinische Journale führen zum Beispiel die folgenden Entletzungssituationen auf: Man hat eine ausgekugelte Schulter, stolpert und renkt sie sich dabei wieder ein. Oder man wird angeschossen, und die Kugel entfernt exakt einen Tumor im Anfangsstadium. Die bekannteste Sportentletzung besteht darin, einen Tennisarm, also eine Entzündung der Streckmuskulatur, mit einem Golferarm, das heißt einer Entzündung der Beugemuskulatur, zu neutralisieren. Gegenwärtig wird untersucht, ob auch das Gesetz, der Stolz oder Tabus entletzt werden können.


Eine typische Entletzung: der Sturz in eine Wiese mit Heilkräutern, nachdem man sich den Kopf aufgeschlagen hat.

Nächste Woche: Kunterschwarzweiß

Keinzigartiges Lexikon: Folge 3

Gisela Feuz am Dienstag den 17. Januar 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Der Hundertsassa
Da der Hundertsassa im Schatten des Tausendsassa steht, ist er immer noch weitgehend unbekannt. Zu Unrecht: Wichtige Errungenschaften von Hundertsassas sind beispielsweise halblustige Witze, der elegante Rückzieher nach einer waghalsigen Ankündigung sowie – eine der jüngsten Erscheinungen – der Beweis von Trinkfestigkeit mit Light-Bier. Forscher streiten sich bis heute darüber, ob die in Österreich heimischen Wunderwuzzis eher den Hundert- oder den Tausendsassas angehören. Eine ähnliche Diskussion wird über die schweizerischen Siebensieche geführt. Ein jüngst im Emmental entdeckter Viereinhalbsiech, der mit Schwimmflügeln vom Zehn-Meter-Brett springen wollte, könnte der Debatte eine neue Wendung geben.


Der Hundertsassa ist ein Alleskönner und Draufgänger – mit einigen Einschränkungen.

Nächste Woche: Entletzen

Keinzigartiges Lexikon: Folge 2

Gisela Feuz am Dienstag den 10. Januar 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Die Tagigall
Aus biologischer Sicht gehört die Tagigall, wie die Nachtigall, zu den Singvögeln. Allerdings empfindet kaum jemand ihre Laute als Gesang. Einzig Free-Jazz-Liebhaber und Björk-Fans können dem schrillen Geräusch etwas abgewinnen. Am treffendsten lässt sich der Ruf der Tagigall mit der Rückkopplung eines Mikrofons vergleichen, in das eine brünstige Perserkatze hineinschreit. Das erklärt, warum die Tagigall viel seltener Eingang in die Dichtung gefunden hat als ihre nachtaktive Schwester. Umso höhere Wertschätzung verdient sie aber für ihre Bedeutung als Folterinstrument. Auch bei der Vertonung von Horrorfilmen, etwa beim hochgelobten Siebziger-Jahre-Streifen „Invasion der Bluthuster“, kam sie immer wieder zum Einsatz.


Antike Fundstücke weisen darauf hin, dass bereits die alten Griechen die Tagigall als Waffe einsetzten.

Nächste Woche: Der Hundertsassa

Keinzigartiges Lexikon: Folge 1

Gisela Feuz am Dienstag den 3. Januar 2017

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Die Mondschnuppe
Während Sternschnuppen nur dem Namen nach Sterne sind, handelt es sich bei Mondschnuppen um echte Monde, die plötzlich abstürzen. Besonders häufig kommen Mondschnuppen in der Atmosphäre von Jupiter vor, weshalb der Planet derzeit nur noch über siebenundsechzig von ursprünglich vierundachtzig Monden verfügt. Für die Erde hätte eine Mondschnuppe gemäß wissenschaftlichen Berechnungen schwerwiegende Konsequenzen: Das Fehlen des Mondes könnte etwa Auswirkungen auf die Gezeiten, auf den Orientierungssinn von Nachtfaltern oder auf den Menstruationszyklus haben. All diese Probleme würden, wie Experten versichern, glücklicherweise dadurch entschärft, dass durch eine Mondschnuppe jegliches Leben auf der Erde ausgelöscht wäre.


Auch bei einer Mondschnuppe kann man sich was wünschen – wenn die Zeit noch reicht.

Nächste Woche: Die Tagigall

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