Archiv für die Kategorie ‘Hip & Hop’

«Mach kes Drama»

Milena Krstic am Mittwoch den 8. März 2017

Auf einmal erschien die Bernerin Lil Lou auf meinem Radar und liess mich ratlos zurück. Wer ist diese junge Frau, die wegen dem Rappen ihre Lehrstelle verloren hat und sich die Queen von Bern nennt?

Vor ein paar Monaten hat mich eine gute Seele auf diese «eine ihrer Freundinnen, die rappt» aufmerksam gemacht. Die erscheine bald auf der Bildfläche und das werde ein grosses Ding. Ball flach halten, dachte ich. Und doch war ich angefixt vom Gedanken, dass da eine neue Rapperin in den Startlöchern steckt. Kurz darauf erschien ein Video auf meiner Timeline. «Who’s back?! Lil Lou’s back!» stand dazu und ich wusste: Das ist die, von der die Rede war.


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#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag den 19. Februar 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Photokredit: Rôgn H.

Es lag in der Luft und dann ist es explodiert.
Leute flogen durch den Raum, Bier, ein Stuhl. Einer hing am Lichtgebälk.
Scheinwerfer ein für den Bassderwisch Bit, Scheinwerfer ein für den göldenen Chronisten.
Liebe in Zeiten vom kommenden Alltag.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück. Kommt halt auch drauf an, wann man wieder essen kann.

Tonspur zum Aufstand

Milena Krstic am Freitag den 17. Februar 2017

Erst wenige Stunden sind seit dem Konzert von Göldin und Bit-Tuner im Rössli vergangen. Die besagte Nacht ist jetzt schon eine Legende.

Rap is the new Punk: Stagediven am Göldin & Bit-Tuner Konzert im Rössli.

Mein Lieblingsjourni ist ein Rapper? Das habe ich erst kürzlich aus der Presse erfahren. Göldin, Göldin … Sein Name fiel immer wieder, wenn mir jemand erklären wollte, dass es kaum gute Mundart-Musik gebe, und die, die da herumgeistere, meistens etwas peinlich sei. Aber einen gäbe es, der sei unschlagbar: der in Chur geborene Göldin nämlich. Natürlich stand der dann auf meiner To-Listen-To-Liste, aber ich habs dann immer irgendwie versäumt (WIE BLOSS?!, werden sich eingefleischte Fans jetzt fragen und ja, das frag ich mich jetzt auch).

Und nun also kam er gestern für ein Konzert nach Bern ins Rössli – nach sechs Jahren wieder – und schmiss zusammen mit Bit-Tuner ein Fest, dass es einem auch in der Retrospektive die Herzchen in die Augen treibt.

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Schon mancher Traum

Mirko Schwab am Samstag den 28. Januar 2017

Ein rastloser, einsamer Wolfshund, nächtliche Leere auf dem Asphalt der Aussenquartiere. Die neue Migo Buzz-Single als beeindruckendes Reifezeugnis in Bild und Ton.

«You better run, when you hear the sirens coming.»

Seit dem überkochenden Saviours Of Soul-Hype dürfen die Untergrundhelden der Chaostruppe schon fast zu den Szenevätern gezählt werden. Eng damit verwachsen ist der Rapper Migo, der die Truppe seit ihrer Zusammenrottung mit den technisch wendigsten und textlich vielschichtigsten Parts anführt.

Als Solist kommt er stets zu zweit. Der kongeniale Schaffenspartner Buzz zeichnet verantwortlich für Videos und Beats – und obwohl als wortloser Akteur im Hintergrund und an der Youtube-Oberfläche, steht ihm der prominente Platz in der Interpretenzeile fraglos zu. Auch er hat sich über die Jahre Meisterschaft erarbeitet auf seinen Gebieten, davon zeugt die konsequente Videoproduktion «Schlaflos in Bärn» mit stilistischer Unaufgeregtheit. Und davon zeugt die bittersüsse Vorstadtatmosphäre, die er im Beat widerzuspiegeln vermag, davon zeugt der pointierte Einsatz der Hookline als down-pitch-Entlehnung von Jorja Smith mal Dizzie Rascal. Und nicht zuletzt die satte Produktion: eine Snare, die knallt und Hats, die sitzen.

Textlich bewegt sich Migo durchs Aussenquartier seiner Sozialkritik, wo die Wahrheiten der Leistungs- und Selbstoptimierungs-Gesellschaft an verkratzem Plexiglas zerscherbeln. Die Biographien der Gescheiterten, Gefangenen und Ge*ickten sind immer noch das beste Argument wider die einfachen Losungen. Jeder ist seines Glückes eigener Schmied – doch auf dem Amboss des Systems ist schon mancher Traum verglüht.

Dass das nicht nach marxistischem Lesekreis klingt, ist den poetischen Bildern zu verdanken, die Migo bei aller Wut mit Sorgfalt in den Text flicht. Das sind nicht Sätze wie Pflastersteine. Das sind Verse aus der Nachbarschaft der Sozialwohnheime.

Migo Buzz «Schlaflos in Bärn» kann gratis für einen Wahlwert heruntergeladen werden.

Genossen №6: Eminem

Mirko Schwab am Mittwoch den 16. November 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Marshall Mathers battlet doch.

3eg_em

Auch einer, der die 8 Meilen schon hinter sich hat, muss sich bei den 3 Eidgenossen noch beweisen.

Lueg, wenn du einen Schuss hättest
oder eine Gelegenheit, mit einem Moment alles zu greifen, was du je haben wolltest –
würdest du es packen oder alles schleifen lassen?

Ich sitze, wo ich immer sitze und trinke, was ich immer trinke. In dieser Beiz bleibt alles gleich, auch wenn die Welt sich übergibt. Die Europäische Union könnte auseinanderbrechen (dringendste Frage: Was passierte mit bereits gelösten Interrail-Pässen?), dieses Blog könnte eingestellt werden (dringendste Frage: wohin mit all dem Geld?) oder irgendein Oligarch zum mächtigsten Mann der Welt gewählt werden (dringendste Frage: … the fuck?) – die Stange im 3 Eidgenossen bliebe, was sie immer schon war, die Jukebox spielte, was sie immer schon tat und die Runde bespräche, was sie immer schon beschäftigte. Also Stadtpolitik.

Ursula «Willary» Wyss, Verkörperin der alten Ordnung, des netten rotgrünen Establishments? Die wutbürgerlichen Herausforderer? The Erich, abgetan als Clown und jetzt bereit zur grossen Machtübernahme, ganz in der Tradition weltweiter Nostalgiegelüste nach schlechtfrisierten Faschos? Wird der Mattenhof entscheiden als Swing-Quartier? Oder der Rüst-Belt – agglonahe, um den eigenen Mittelstand bangende Stadtteile, wo es noch Hausfrauen gibt, die die Küche alleine schmeissen müssen? Oder doch die Burger? Weil die immerhin noch wissen, wie man diese alte, knarrende Stadt regiert in liebgemeinter Aristokratie?

Und so hör ich mich etwas um und übersehe, wie dieser unscheinbare blasse Junge zur Tür hineintritt. Die hochgezogene Kapuze des mit reichlich Marge getragenen Pullovers wirft einen Schatten über sein Gesicht, das ich erst dann erkenne, als es schon vor mir aufgeht wie ein bleicher, freundlicher Supermond. Will er battlen? Und: Würde ich zupacken oder alles schleifen lassen?

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Berner Wolke

Mirko Schwab am Freitag den 7. Oktober 2016

Neue Langsamkeit. Nicht, dass den Bewohnern dieser Stadt das Stigma der Behäbigkeit schon genug schlechte Witze bescheren würde. Aber zum Glück ist das jetzt cool so wie «cool» schon seit mindestens hundertzwanzig Jahren nicht mehr und Bern die Haupstadt des Cloud Rap.

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Die Berner Yangboy$.

Träge Beats in verspultem Synthiegewebe, Stimme keta-tief oder zum Schlumpf geshiftet, assoziative Texte über das Nichtstun, über miese Drogen nehmen oder vom Freshersein als du. Die Spielarten einer globalen Jugendkultur geistern durch die Stadt. Angefangen hat das alles natürlich anderswo, sagt mein Mitbewohner, der den Hustensaft zwar vorzugsweise wirklich zur Bekämpfung chronischen Winterkränkelns trinkt, sich sonst aber sehr gut auskennt mit solchen Dingen. Amerika oder Schweden also. Von A$AP Rocky und Yung Lean erzählt er mir, wie ein violetter Virus verbreitet sich der Stil in ganz Europa, schliesslich auch im deutschsprachigen Raum. Yung Hurn und Hustensaft Jüngling werden auf den Handys herumgereicht, über Videos und soziale Medien wächst 1 eigene Jugendsprache heran, 1 eigene Ästhetik zwischen Kunsthochschule und Arbeitsamt.

In Bern beginnt die Sache mit einem Rätsel. Wer ist dieser Jungä 6ex God? Mit persiflierten Chauvi-Texten und einem Sack über dem Kopf stolpert er zum Jahresanfang durch die nachttote Stadt. Da will mitgeraten werden. Ein Outing ist nicht zu erwarten, überhaupt ist es seit März still um den Sechsecksgott (?) – was in diesem Genre einer halben Ewigkeit gleichkommt. Unangekündigt und mit hoher Frequenz raushauen gehört zum Stil. Also übernehmen andere: Das Duo Yangboy$, Bern West, stellt in gut zwei Monaten vier Videos ins Netz. Der dritte Streich «Weni Zit Ha» wird zum verspäteten Sommerhit, Yangboy$ für die Altweibertage, wir haben berichtet. Und auch hier wird nicht gespart mit lahmen Lines, die ihre Attraktivität gerade aus dem Konflikt mit einem in der traditionellen Rapszene hochgehaltenen Wertsystem von Skills und Realness beziehen. Whack ist eben geil und scheisse zu gleicher Zeit.

Hinter den Yangboy$ steckt das Kollektiv Darksome Productions, eine Schummerküche für solcherlei audiovisuelle Experimente. Als Donnie Darksome veröffentlicht die bärtige Hälfte der Yangboy$ die EP «Waud». Und der Name ist Konzept, auf acht Tracks wird mit Trance-Ästhetik und Feldaufnahmen verschiedenen Waldfantasien nachgegangen. Wenn Darksome als autogetunter Countertenor den Wald besingt als idyllischen, usrpünglichen Zufluchtsort ohne Netz und Natel – es ist insofern auch ironisch, weil die Subkultur des Cloud Rap nur über Netz und Natel funktionieren kann.

Natürlich mischt sich die Erscheinung mehr und mehr unter die Arrivierten. Dank Jeans For Jesus’ «Dyanmit» können wir erahnen, wie Mani Matter geklungen hätte als Youtube-Phänomen. Und so wird uns die Sache mit dem Cloud Rap noch einige bizarre Überraschungen bereithalten, bevor sie verschluckt wird von der Musikindustrie und so den Tod jeder (erfolgreichen) Subkultur sterben muss. Aber Bern war wiedermal kurz Hauptstadt.

«Ids Weyerli ga tschille»

Milena Krstic am Donnerstag den 22. September 2016

So als letzten Sommergruss hinterlasse ich hier nun dieses Video von den Yangboy$ aus dem Hause Darksome Production Collective, einer verheissungsvollen Stätte realer Beats, irgendwo im Westen von Bern.

Also mir gehts wie
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Ds Weyerli in HD: Clip ab.

Das Leben ist ein Schleck

Mirko Schwab am Dienstag den 21. Juni 2016

An der Mittelstrasse zu Länggassen gibts ja diesen omnigeliebten Glacéladen. Zieht einer also diese lange Strasse entlang, entlang der geduldig-gelassenen Glacécrowd an der Mittelstrasse, die bald zur Bühl-, später zur Freiburgstrasse wird, landet er beim Bremgartenfriedhof.

NV

Weitsicht im Duo: Noti Wümié. (Also das Pressefoto, wo sie drauf abgebildet sind.)

Benjamin Noti und Greis Grégoire Vuilleumier sind Noti Wümié und tun, was hiesige Chansoniers tun müssen: Sie verneigen sich vor dem Matter. Ihr neuestes Video, Platz nehmend (wie der Engländer sagt) in eben jenem Schmelzeis-Etablissement grad neben dem Sattler-Café, ist eine Hommage an Matters «Die Strass, won i dran wohne.»  Welchen Blumen- oder Nachttopf, der dem Ferdinand nicht schon tausendmal über dem Kopf zerbrochen worde, kann man denn damit noch gewinnen?

Bliebe es nämlich bei der Neuinterpretation des Originalmaterials und der halben Minute Einschunkeln, die Sache wäre wohl als Soundteppich für eine sympathisch-harmlose Werbung eines Detailhändlers zu verbuchen. Dann setzt aber Vuilleumier an zu zwei Strophen feinster Sprachrhythmik, die dem Thema der eigenen Vergänglichkeit mit einer zeitgenössischen Handschrift bestens beikommen. Die Instrumentierung wird herber, während er zitiert, ohne sich im Schatten des Matterhorns zu verstecken, die matter’schen Verse streift und doch immer der ihm eigenen versierten Leichtfüssigkeit treubleibt. Wie im Original lässt sich so die bittersüsse Geschmacksrichtung der überblickbaren Lebensspanne schmecken. Und die Moral ist wie so oft bei Matter eine einfache und schöne: Das Leben ist ein Schleck. Aber der schmilzt bestimmt.

Das Lied ist die vorab veröffentlichte Zutat einer weiteren Mani Matter-Tributkompilation, die am 2.9. im Zytglogge Verlag erscheinen wird.

«Mittufinger ufe»

Milena Krstic am Donnerstag den 12. Mai 2016

Oh, es macht einfach so Spass, wenn geklotzt und nicht gekleckert wird. Wo man sich genau diese Attitüde am besten abschaut: bei der Berner Rap-Nachwuchs-Garde von S.O.S. Im Clip zu ihrem Track «Candomblé» gibts kultische Weltuntergangs-Stimmung, einen dopen Beat und Mittelfinger à discrétion.

S.O.S. Rapper Nativ lebt diese Haltung übrigens nicht nur in seiner Kunst, sondern auch, wenn der französische Staatspräsident Hollande zu Besuch nach Bern kommt (die NZZ hat berichtet).

Clip ab, Sisters und Brothers.

SOS spielen übrigens am Sonntag im Club Bonsoir. 

«Chum, Pablo, bou itz dä Park»

Milena Krstic am Dienstag den 3. Mai 2016

Wir wissen es ja mittlerweile alle: Pablo Lobsangs Geduld wurde belohnt und wenn alles nach Plan läuft, steht noch diesen Sommer eine Skateanlage vor der Reitschule (Bericht aus dem Bund hier).

Passend zum Thema hat der Berner Rapper Nisl Anfang April ein Video veröffentlicht, in dem er vor der Reitschule auf seinem Brett herumcruiset und Initianten Lobsang inständig bittet: «Chum, Pablo, bou itz dä Park». Sein Wunsch wurde erhört.

Clip ab.