Blogs

Züritipp · Das Magazin ·

Archiv für die Kategorie „Hip & Hop“

Mehrfach segregiert: «I apologize for breaking up your perfect home»

Oliver Roth am Donnerstag den 25. September 2014

Rumziehen und Musik hören

Mit dem Mixtape «Shyne Coldchain II» von Vince Staples durch die Länggasse in Bern

Ich spaziere am Mittag durch die Strassen, steuere auf den Sandwich-Laden in der Ecke Fabrik-Länggasse zu und hole mir das dicke Thunsandwich mit Gurken. Die geloopten Engelchöre hauen mir fast die Kopfhörer vom Kopf. Die Stimme räuspert sich:

«Yeah. Back and blacker than ever.»

Ich gehe schmatzend vorbei an massenweise herumziehenden, Rucksack mit Büchern und Lunchpaketen tragenden, jungen Menschen. Sie sind wieder da. Eine eher hohe aber akzentuierte Stimme erzählt über einen gesampelten Vocal-Beat Geschichten und zeigt mir Bilder. Zum Beispiel von einem Jungen, der jemanden umbringen will, weil er gesehen hat, wie sein Vater das selbe tut. Manchmal verfallen die Raps in krächzende Töne, die im im Hals stecken bleiben.

«Breaking all the written rules / 
Breaking the tradition of that inner-city raising fools»

«I apologize for breaking up your perfect home»

segregation

Der Beat klingt trocken, wie damals «NY State of Mind» von Nas, mit diesem sich im Kreis drehenden, ins unendliche fliessenden Ton. Die Lieder sind kaum länger als drei Minuten, voller Energie und bestehen aus dichter, verschachtelter, zugänglicher Sprache. An meiner Ecke, wo früher das Bettenland war, wohnen jetzt auch neue Leute. Sie pflanzen vor ihrem Haus Gemüse an, haben eine Seilbahn gebaut und spielen auf der Strasse Fussball. Auf der anderen Seite wurde ein altes Geschäft zu einer glänzenden Wohnung umgebaut. Darin ist ein Ehepaar eingezogen, das ich nie sehe, immer die Vorhänge zugezogen hat und einen BMW fährt.

«Homie, I ain't humble, I deserve this shit. [...] So fuck you, fuck you, fuck you and fuck you.»

Ich denke daran, wie in der Strasse, in der ich gehe, am Donnerstag Abend die einzelnen Party-Kolonnen mit je circa zehn Leuten johlend Richtung Innenstadt ziehen und am Sonntag in derselben Strasse sich die jungen Eltern darüber unterhalten, in welchem Restaurant es die besten Kindersitzchen gibt und dass es eigentlich auch ein Ronorp für Kinder geben sollte!

«They let the monkey out of the cage, he got a gun / he got a book, he got a brain, you better run»

«Little black boy shooting down the avenue»

Berner Beef: Baze schreibt ab!

Christian Zellweger am Montag den 1. September 2014

Seit kurzem ist das Video zu Baze' neuer Single online: I Bi heisst das Werk und soll angeblich eine Hommage an Peter Toshs I am that I am sein. Musikalisch mag das durchaus zutreffen. Doch die Titelzeile - das ist für den profunden Kenner der Berner Rapszene mehr als offensichtlich - ist geklaut. Aber schauen Sie selbst, im KSB-Videobeweis.

Hier Baze:

Und zum Direktvergleich der Track Drum bin I win I bi des Berner Erfolgsrappers MC Bösi Ouge von Ende 2011:

Wenn das kein Grund für MC Bösi Ouge ist, endlich mit einem Diss-Track nachzulegen!

___
Und wer hat's als erster gemerkt? Natürlich der Ex-Chef.

Musik für amerikanische Polizisten: Hands Up, Don’t Shoot

Oliver Roth am Freitag den 22. August 2014

Rumziehen und Musik hören.

Mit dem Album "Lese Majesty" von Shabazz Palaces im Zug von Bern nach Basel.

Ich steige in den Zug und nippe an meiner Flasche Orangensaft. Der Beat setzt ein und der Zug rollt los. Untermauert von sphärischem Wummen aus dem Outerspace lehne ich mich zurück und sehe die leeren Strassen Berns verschwinden.

Meet us there / We throwing cocktails at the Führer

Schnell wechseln die kurzen Lieder ihre energiegeladenen Klänge: Disco, Gil-Scott Heron, Black Panters, Blues, Jazz und World sind eine Rakete, die in den Himmel schiesst. In Olten kreuzt mein Zug einen anderen. Ich sehe nebenan im Fenster eine weisse Frau die gelangweilt eine Zeitung liest und in der Nase bohrt. Von dem Bild in der Zeitung schauen mich wütende afroamerikanische Bürger an.

Blackness is abstracted and protracted by the purest

Ich streife an zersiedelten mittelländischen Dörfern vorbei und sehe ein Quartier mit neugebauten eckigen Bauhaus-Häusern. Ich denke, dort wohnt vielleicht André Corboz.

It's black-ephilic and petalistic catastrophic hymns

I scream and yell like Samuel L / I’m often on like Chaka Khan

Als ich Basel aussteige bin ich wieder auf dem Boden gelandet und schaue etwas kritisch die Waffen der Polizisten an, die vor dem Bahnhof stehen.

Bitch boy, pistol aimin' /
Black star, minds are schemin'
/ Fulfill all our dreamin'
/ That's what's up this evenin'

Shabazz Palaces "Forerunner Foray"

Shabazz Palaces "They Come In Gold"

 

«Das Paléo ist wie ein 3D-Buch»

Oliver Roth am Mittwoch den 23. Juli 2014


Protokoll vom Festival in Nyon.

IMG_4247

(Bitte klicken Sie auf die Dateien und lassen sie diese im Hintergrund laufen, während sie den Text laut vorlesen.)

 

«Dieser Jake Bugg spielt ziemlich belanglosen Rock'n'Roll.»
«Aber er macht das toll. Nur ist kein Kontakt mit dem Publikum da, wie hinter einer Glaswand. Die Qualität ist top.»
«Ich erwarte auch, dass die Qualität gut ist, bitte sehr.»
«Er hat einfach keinen Draht zum Publikum.»
«Ist mir doch egal!»
«Gut aber herzlos. Ein Konzert zum Vergessen.»
«Nicht jeder muss mit Herz.»

«Warum sind eigentlich die Leute am Paléo weniger Prolls als am Gurten?»
«Kein Ahnung.»
«Am Gurten kommen sie von überall. Von Thun und so. Das ist mehr ein Volksfest.»
«Ja, stimmt. Hier kommen die Leute wegen der Musik.»
«Der Camping ist auch viel besser. Du kannst machen, was du willst! Nicht wie auf dem Gurten»

 

«Diese Hype-Band Jungle hat wohl nicht genug Lieder. Sie haben gerade mal 50 Minuten gespielt.»
«Ich habe nur mit einem Ohr hingehört. Aber ich sage, klar 70er Disco!»

«Welches andere Festival hat sonst schon ein Village du monde? Die anderen bringen ja nur diese Mainstream-Kacke. Etwas wie hier, zum Beispiel aus den Anden, würde bei anderen Festivals nicht reinpassen.»
«Ja, aber was haben diese komischen Schnur-Zelte mit den Anden zu tun? Ich finde das irgendwie überhaupt nicht passend.»
«Ich verstehe das total, das sind halt Schnurberge!»

 

«Ich bin froh, wirkt MIA so sympathisch. Ich respektiere sie sehr als Künstlerin und wäre enttäuscht gewesen, wenn nicht. Das halbe Konzert spielt sie am Gitter bei den Leuten.»
«Ich möchte sie küssen und heiraten.»
«Aber das Konzert war jetzt im klassischen Sinne nicht besonders gut.»

«Das Paléo ist wie ein 3D-Buch, das beim Zahnarzt im Warteraum liegt. Und die anderen Festivals sind der Zahnarzt. Der Zahnarzt möchte auch gerne ein Künstler sein, aber das ist er nicht. Auch wenn er in einer Steelband spielt.»

«Wow, diese DJs sind besser als jede Band.»
«Die heissen A Tribe Called Red

«Diese Kunstinstallation mit den Wohnwagen und den Dächern aus Alufolie sieht aus, als sei sie aus einem Kanye West Video.»

«Dafür, dass sie nur zu zweit auf der Bühne stehen, rocken diese Black Keys ganz schön. Die Qualität ist krass gut.»
«Stell dir mal vor du sitzt an diesem Schlagzeug und haust diese unglaublich lauten Schallwellen in die Menge raus.»

«Das Magret-Sandwich ist ganz klar das Beste, was du auf der Passage essen kannst.»
«Ich muss ja jedes Jahr dieses eine Pad Thai essen. Jetzt finde ich es nicht mehr, sie haben irgendwie die Essensstände umgestellt.»

«Ich schlafe nie wieder in einem Zelt. Im Wohnwagen bist du wie in einer Glasglocke – wunderbar!»

«Dieser Gesaffelstein bringt nicht wirklich geilen Sound.»
«Nein, aber es flasht.»

-----

Das Paléo Festival in Nyon läuft noch bis am Sonntag, 27. Juli 2014. Das Festival ist ausverkauft. Es gibt jedoch täglich noch 1'500 Tickets bei Ticketcorner und auf der Festivalseite.

Vorher-Nachher mit Lo & Leduc

Milena Krstic am Samstag den 26. April 2014

Nach drei Gratis-Alben haben Lo & Leduc  nun ihr erstes offizielles Album «Zucker fürs Volk» veröffentlicht - und Freitagnacht im Bierhübeli getauft. KSB hat sich in den Backstage-Bereich geschlichen, um ein Vorher-Nachher-Experiment mit den Berner Lokalhelden zu wagen.

Lo_Leduc_Pre_GigLo_Leduc_après_Gig

 

Lo (links) und Leduc, abgelichtet im Backstage.

← Vor und

unmittelbar nach dem Konzert →

 

Auf dem Foto sieht man es vielleicht nicht so krass, aber die Jungs haben geschwitzt. Ich schwöre es! Die sehen sogar nach einem zweistündigen Konzert und maximaler Verausgabung immer noch aus wie Traumschwiegersöhne. Gleich zwei Abende hintereinander füllen sie das Bierhübeli. Der zweite Streich folgt heute Nacht. Wer hingeht: Es wird ein Fest! Versprochen.

Auf Brocki–Tour

Milena Krstic am Donnerstag den 27. Februar 2014

Mixtape FrontEs geschah auf einer meiner Brockenstuben-Touren durch Bern. Da habe ich ein Mixtape gefunden, gebrannt auf CD. DJ Funkmaster Flex - fragen Sie nicht, ich kenne ihn auch nicht - hat ein paar Tracks zusammengetragen, und dazu ein eigenes Cover gebastelt. Darauf abgebildet, zwar klitzeklein, aber immerhin: ein Snowboarder. Das weckte Erinnerungen. Zum einen FUNK, zum anderen SNOWBOARD.

Ich war gefährlich jung und meine erste grosse Liebe liebte den Funk und fuhr Snowboard. Er war es schliesslich, der mir Prince näher brachte (he still makes me dance).

Die Verkäuferin hat mir DJ Funkmaster Flexs CD geschenkt, da sie «gebrannt» sei. Ich dachte dann so bei mir, dass die wilden Zeiten des Meisters vorbei sein mussten, denn mit CDs legt heute kein DJ-Mensch mehr auf. Ist er in ein Reihenhaus am Stadtrand gezogen und hat mit Plunder gefüllte Kisten zur Heilsarmee-Brockenstube im Breitsch gebracht?

Viele Fragen und noch viel mehr Trouvaillen, über die man Geschichten zusammendichten könnte. Vielleicht eröffne ich auch eine neue Rubrik, «Auf Brocki-Tour» oder so. Aber das weiss ich jetzt noch nicht. Das ist ja erst mein Anfang hier.

Mixtape FlipsideOh, und sehen Sie, ein Auszug aus der Trackliste des DJ Funkmaster Flex (leider ohne Prince):

Biz Markie - Make The Music With Your Mouth

DJ Cool - 20 Minute Workout

Run-D.M.C. - Peter Piper

___
Mit diesem Beitrag begrüssen wir Frau Krstic auf unserem kleinen Kulturstatt-Dampfer. Herzlich Willkommen!

Plattenkiste Vol. 38: Young Fathers

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 6. Februar 2014

Die dritte Platte des Jahres in der Plattenkiste: Die Young Fathers mit «DEAD».

dead Wenn das Pop-Koordinatensystem gesprengt wird, landet man derzeit in Edinburgh. Dort, in der schottischen Hauptstadt, wohnen die drei Mitglieder der Young Fathers, die nach den beiden Mixtapes «Tape One» und «Tape Two» nun ihr Debütalbum «DEAD» veröffentlichen.

Die Platte ist in Europa auf Big Dada und in den USA auf Anticon erschienen und damit auf den Labels, die Rap und Hip-Hop im Untergrund weiterdenken. «DEAD» passt grossartig in diese furchtlosen Labeltraditionen, die in den vergangenen Jahren auch arge Schwächephasen erlebten. So gibts eine kurze, überaus dichte Platte zu bestaunen, die – bei allen Fusionen und Amalgamisierungen – den lustigen und knalligen Anything-Goes-Schüttelbecher überwindet

Verantwortlich für diese Gegenwartsmusik sind Alloysious Massaquoi, Kayus Bankole und 'G' Hastings, «three young men from Edinburgh and Nigeria and Liberia, all at the same time». Die drei mischen auf ihrem Debüt rabiate Raps, Gospelgesänge, Poprefrains, ganz tiefe Bässe, listige Instrumente und verschraubte Beats zu einem frenetischen und dringlichen, beunruhigenden und auch tröstenden Welt-Soundtrack.

«Come here and do the right thing//Get up and have a party», singen die Young Fathers in der Single «Get Up», doch gleichzeitig zur Party klingen hier Unruhe, Krieg, Hoffnung und Heimatlosigkeit an. Man könnte auch sagen: «DEAD» ist der widerspenstige Soundtrack zum Jetzt.


____
Young Fathers: «DEAD» (Big Dada). Konzerte: 21.2., Palace, St. Gallen; 22.2., Fri-Son, Fribourg

Berner Battle

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 4. Dezember 2013

Derzeit wird in der Berner Hip-Hop-Landschaft ein Battle ausgetragen. Protagonist ist der Rapper Tommy Vercetti, der auf dem neuen, gemeinsam mit Dezmond Dez eingespielten Album «Glanton Gang», einen Diss in Richtung Erfolgsmann Knackeboul schickt. Es geht um die mittlerweile viel zitierte Zeile «Dr Knack dä Hueresohn macht üsi Arbeit zumnä Witz, verharmlost aues wi d’Kommentarinnä-Bitch». Die Diskussion um diese Zeile, die auf Knackebouls Moderatorentätigkeit in der Sendung «Cover Me» abzielt, entbrannte am Donnerstag auf dem Sender Joiz. Wir schauen mal rein in die Diskussion:

Hier gibts eine Einschätzung, auf den Facebook-Walls häufen sich noch immer die Beiträge, kurz: eine bessere, wenn auch höchst zwiespältige Promo für die Platte «Glanton Gang», die am 21. Dezember im Bierhübeli getauft wird, gibt es kaum.

Hochleistungs-Hochstapelei

Christian Zellweger am Montag den 26. August 2013

Es gibt Geschichten, die klingen zu gut, um wahr zu sein. Öfters sind sie dann auch tatsächlich gar nicht wahr. Eine Maxime, die sich immer wieder bestätigt, gerade bei unglaublichen Storys, die einem irgendwo in diesem Internet begegnen. (Kleines Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Das Hochhaus im spanischen Benidorm, bei dessen Planung angeblich der Lift vergessen gegangen sein soll. Unglaublich? Stimmt auch gar nicht.)

Diese unglaublich gute Geschichte hier scheint aber zumindest auf den ersten Blick zu stimmen.

snb

Sie geht so: Zwei verschuldete Studenten aus der schottischen Provinz fahren im Fernbus nach London. Hier hoffen sie, mit ihren Rap-Skills gross rauszukommen. Das einzige, was man für die sie übrig hat, ist aber die Beschmähung als "rappende Proclaimers".

Die Beleidigung sitzt tief und so beschliessen die Nachwuchs-Eminems, es dem ganzen Business so richtig zu zeigen.

Diesen Beitrag weiterlesen »

Eine kleine Ehrenrettung

Christian Zellweger am Dienstag den 16. Juli 2013

Eine kleine Ehrenrettung für das Programm des Gurtenfestivals: Böse Zungen behaupten jedes Jahr aufs neue, das Gurtenfestival würde sich nicht ganz auf der Höhe der Zeit befinden. Vergleicht man aber das Openair mit den zwei anderen musikalischen Gemischtwarenläden diesseits des Röstigrabens, dem Openair St. Gallen und demjenigen in Gampel, zeigt sich erstaunliches: Das Gurten-Programm ist das aktuellste.

Um den Gurten so gut dastehen zu lassen, muss man sich fragen: Wann haben die jeweils vier Headliner der Hauptbühne ihr letztes Studioalbum veröffentlicht? Und kommt zu folgendem Schluss:

Am Gurten:
Volbeat: 2013
Die Toten Hosen: 2012
Smashing Pumpkins: 2012
Die Fantastischen 4: 2012

Am Openair St. Gallen:
Die Antwoord: 2012
Biffy Clyro: 2012
Kings of Leon: 2010
Die Ärzte: 2012

Am Openair Gampel:
Billy Talent: 2012
Tenacious D: 2012
Xavas: 2012
Max Herre: 2012

Etwas ungelenk visualisiert wird es klar: Das Gurtenfestival schwingt obenaus!

Voilà. Auf vier sonnige Tage am zeitgeistigsten Gross-Festival der Deutschschweiz.

___
Zugegeben: Einen Haken hat die Sache: Die 2012-er-Veröffentlichung der Fantastischen 4 ist «nur» ein MTV-Unplugged-Album. Aber da sie ebenfalls unplugged kommen, solls gelten.