Archiv für die Kategorie ‘Hin & Weg’

#BernmobilNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag den 5. März 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Warten auf die Niederflur-Disko: Downtown Rüfenacht. (Photo: Son Strauss)

Halbzehn Freitagnacht. An der Tramhalte beim Hirschengraben versammelt sich eine Hundertschaft wohlstandsverwahrloster Raverkids. Die blaue Sechs Richtung Worb hält, das bernmobile Soundsystem wird angeworfen – heiteres Viervierteln bis Rüfenacht. Grosse Pause, ein herzliches Wiedersehen mit dem Chauffeur. Und Ehrenrunde ins Fischi ist Ehrensache.

Das Verhalten nennt sich Tram-Sauvage und birgt nebst kribbeligem Entgleisungsrisiko auch unschlagbare Preisvorteile: Ausgang zum Preis eines Langstreckenbillets, das niemand zu lösen hat. Ich hätte mich übrigens auch ganz gern swaggy rebellisch gegeben und auf einen gültigen Fahrschein **schissen, habe aber ein GA.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück.

Frederyk und die Ritter des metallenen Ordens

Gisela Feuz am Mittwoch den 22. Februar 2017

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein junger Prinz namens Frederyk. Frederyk lebte im hohen Norden (Basel), wo die Nächte lang und die Gemüter finster sind. Auch Frederyks Gemüt war finster. Sein ganzes Leben hatte er als Gefangener im hohen Turm seiner bösen Schwiegermutter Roche verbringen müssen, weil diese eifersüchtig auf Frederyks goldenes, wallendes Haupthaar war. Roche selber hatte nämlich nur Pilze auf dem Kopf. Dafür leuchteten diese.

Eines Tages ritt ein Trupp fescher Ritter an Frederyks Gefängnis vorbei. «Ja wer seid denn ihr? Seid ihr etwa Grillen?» rief Frederyk aus dem Fenster, denn sein Turm war so hoch, dass die feschen Ritter von oben klein wie Insekten aussahen. «Ich bin euer Zar», schrie Frederyk weiter, er, der aufgrund seiner menschenfernen Erziehung wenig Ahnung von Anstand, geschweige denn von politischen Ämtern hatte, dafür aber für sein Leben gerne schrie. «Nein, wir sind Ritter des metallenen Ordens. Wir sind auf dem Weg zum militärischen Stützpunkt, wo wir am Palmsonntag musizieren wollen. Im Volksmunde werden wir deswegen Palmer genannt», antwortete die Viererschaft. Da ging dem jungen Frederyk das Herz auf. Musizieren! Welch wundersamer Klang dieses Wort schon nur hatte. «Zatokrev aber auch, nehmt mich mit!», schrie er und liess schnell seine wallendes blondes Haupthaar herab. Da erbarmten sich die Ritter dem jungen Frederyk, befreiten ihn aus seinem Turm, nahmen ihn in ihre Gesellschaft auf und nannten ihn fortan liebevoll Zar der Grillen.

Frederyk war überglücklich und den Rittern des metallenen Ordens endlos dankbar für die Befreiung. Zu gerne hätte er sich seinen neuen Freunden gegenüber erkenntlich gezeigt, bloss wie? Als der Tross an einem düsteren Hinterhof vorbeizog, erblickte Frederyk dort Geselle Schwarzbart, der gerade dabei war, wundersames Getier auf eine Kuhhaut zu zeichnen. «Zatokrev aber auch, du bist begabt!», krähte Frederyk, beeindruckt. «Kannst du für meine Ritter ein Zeichen schnitzen, auf dass wir es in Farbe tunken und überall hinterlassen können? Ich will dich auch ordentlich dafür entlöhnen.» «Kann ich wohl», brummte Geselle Schwarzbart und machte sich an die Arbeit.

Ambigram for a bandlogo.

Wie gross war die Freude der Ritter des metallenen Ordens über Frederyks Geschenk! Schilder, Rüstungen, Helme, Pferde …. alles und jedes wurde auf der Stelle bepalmert. Gross war auch die Vorfreude auf das Fest im militärischen Stützpunkt. Als die wackeren Mannen diesen am späten Abend dann endlich erreichten, verflog die Freude allerdings im Nu. Man habe keine Antwort auf die Brieftaube erhalten, hiess es, und deswegen habe man einen anderen Musikanten fürs Palmsonntagsfest aufgeboten. Also strenggenommen sei es eigentlich kein richtiger Musikant. Mehr Kleinkunst. Wasser in Wein und so. Zaubern halt.

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Die Welt zu Gast in Bern

Milena Krstic am Freitag den 13. Januar 2017

Das allumfassende Musikblog Norient betreibt dieser Tage wieder sein üppiges Musikfilm Festival. Und hat zu Ehren des Anlasses eine Liste mit Elektronika-Musik aus Bern zusammengestellt.

Norient, oh, Norient. Was trägst du nicht alles an uns heran: Musik aus den staubigsten Winkeln unseres Planeten, Geräusche von Orten, die wir nichtmal vom Hörensagen her kennen. Du gehst weit für uns, damit wir nur einen Klick davon entfernt sind, was in Favela, Wüste und Grossstadt musikalisch gerade so los ist.

Du hast uns eine Ausstellung beschert, die auf dem Erdboden bündelt, was du im Netz sonst streust. Du zeigst uns im achten Jahr in Folge Musikfilme aus aller Welt und organisierst dazu auch schon mal ein Konzert im Kinosaal.

Norient, du bist die Hauptstadt der Musik, weil alle bei dir vorbeikommen, auch die, welche sonst unbemerkt blieben. Du bist politisch engagiert, du bist offen für alle/s, du bringst zusammen und du inspirierst zu Neuem. Eigentlich bist du perfekt. Schön, dass es dich gibt.

Und bevor ichs vergess’:

Hier die Liste, welche ein paar Splitter des elektronische Musikschaffens Berns bündelt. Wer fehlt noch?

Das Norient Musikfilm Festival läuft noch bis am Samstag. Heute Abend: Ein Film über den jungen russischen Musiker Moa Pillar (Bonfires and Stars) und eine Dok über die Musikszene in Mittel- und Osteuropa. Danach live im Rössli: zwei Berner Elektronika-Männer, zuerst Jean-Claude und danach Elektrobopacek. 

Postkarte aus Berlin

Gisela Feuz am Montag den 5. Dezember 2016

Liebe KSB-Leserschaft
Fahr ich doch jetzt auch mal hin, in dieses Berlin, von dem immer alle reden, hat sie sich gedacht, die olle Feuz. Wettertechnisch ist es ja wie bei uns, bloss wird’s ein bisschen früher finster. Dank der Kälte ist die grosse Menge an Hundekacke auf den Trottoirs gefroren und drum kann man diese lustig durch die Gegend kicken, anstatt sie am Ende eines Spaziergang mühselig aus den Rillen der Schuhsohlen puhlen zu müssen. Bloss das mit diesem Checkpoint hab ich mir irgendwie anders vorgestellt.
Herzlichst,
Ihre Frau Feuz

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Alte versus neue Stadt

Roland Fischer am Donnerstag den 1. Dezember 2016

Mal wieder nach Biel fahren! Des späten Herbsts (oder frühen Winters) im Jura wegen – am einfachsten mit dem Bus 70 ins erste und beste verlorene Tal nach Prés-d’Orvin, kaum mehr als eine Viertelstunde vom Bahnhof Biel.

Und dann auf dem Rückweg noch ein wenig in der Stadt bleiben, die gerade «reloaded» wird, wie der Bund heute schreibt.

Jeweils am ersten Freitag im Monat verwandelt sich die Bieler Altstadt in ein fröhlich-farbig-kreativ-lebendiges Universum, das von Massen von Besucherinnen und Besuchern heimgesucht wird. Was man vor ein paar Monaten noch für unmöglich gehalten hat, ist heute Realität: Während des «First Friday» pulsiert das Leben in den ansonsten verschlafenen Gassen, und die Altstadt wird zum Treffpunkt für ganz Biel.

Max Schlup mit dem Arbeitsmodell des Farelhauses © Christian Staub / Sammlung Fotostiftung Schweiz

Max Schlup mit dem Arbeitsmodell des Farelhauses © Christian Staub / Sammlung Fotostiftung Schweiz

Aber Biel ist eben auch eine dezidierte Neu-Stadt, und die feiert derzeit ein besonderes Jubiläum: Vor fünzig Jahren wurde das Kongresshaus gebaut, eines der kühnsten Häuser weit und breit. Dazu läuft im Neuen Museum eine kleine feine Ausstellung, die

dem zwiespältigen Verhältnis der Hassliebe nach[geht], mit dem die Bielerinnen und Bieler ihrem Wahrzeichen begegnen.

Der Bieler Max Schlup hat auch noch andernorts in der Stadt gewirkt, auf weniger spektakuläre aber deswegen nicht weniger nachhaltige Art. Vor gut einem Monat ist das Farelhaus neueröffnet worden, mit einem Bistro und einem architektonisch wie akustisch sehr schönen Saal, in dem es auch regelmässig kulturelle Veranstaltungen gibt.

Er wird ganz gross

Mirko Schwab am Freitag den 18. November 2016

Dem Zürcher Faber jetzt noch eine grosse Zukunft zu bescheiden, ist etwa so prophetisch, wie dem Kapitalismus keine. Trotzdem muss beides immer wieder getan werden.

faber

Bis sich die Stimme überschlägt und die Kehle sich rötet: Faber aus Zürich. (Le Rod)

Der vorab ausverkaufte ISC ist gestern Donnerstag so berstend voll, dass einige Dutzend Leute auf den Treppen und am Rand des Raums um eine Streifdosis Beschallung, einen erspähten Haarschopf oder einen aufblitzenden Gitarrenhals zu kämpfen haben. Macht nichts. Ein gutes Konzert dringt bis in die hintersten Ecken und auch einer, der an der Bar steht seit zwanzig Jahren, Cuba Libre säuft und sich den Bart mit Nüsschen vollstopft, kann sich dieser Dringlichkeit nicht entziehen. Und das Publikum weiss das, erwartet das. Als die Zupfgitarre eröffnet, werden die Gespräche noch zu respektvollen Tuscheleien, wer trotzdem weiter dreinplaudert, hat mit bösen Blicken zu rechnen. Zweihundertfünfzig Leute haben sich hier eingefunden, um für etwas mehr als eine Stunde gepflegt die Fresse zu halten oder mitzusingen bei Faber und Band. Und dieses vorgeschossene Vertrauen unterscheidet, was gemeinhin mit den Branchenfloskeln «aufstrebender Newcomer» beschrieben wird, von einem «Headliner». Und nirgends ist die deutsche Sprache ohnmächtiger als im Bookingwesen.

In diese Stimmung bester Erwartung hinein tritt er, der eigentlich zu jung ist für seine Stimme und die von ihr erzählten Geschichten. Von obessiver Liebe im Milieu, von den unterdrückten Fantasien unterdrückter Bürolisten und von der hochbeschworenen Wut im Bauch jener, die vor allem Angst haben. Faber singt davon und täte er es als altkluger Beobachter mit Gesicht und Tolle eines Jünglings, hiesse der Verdacht, einem Voyeur mit Gitarre gegenüberzustehen, der sich an den schön dreckigen Biographien anderer verlustiert. Aber Faber ist kein Beobachter, er ist ein Ergriffener, mit den wachen Augen eines Frühzwanzigers die Traurigkeiten und derben Freuden dieser Welt erst aufsaugend, dann verkörpernd, dass Zeilen wie «Bleib dir nicht treu, sei niemals du selbst» nicht nihilistisch ironisiert daherkommen, sondern glaubhaft. Über die (selbsternannten) Verlierer des Systems macht er keine Witze, sondern offenbart auch in der bitterbösesten Abrechnung mit ihren trüben Ideen Empathie und Verständnis – er wird selbst zu einem, dem der Hass die Kehle rötet, nimmt sich der Parolen an und schreit sie in den Raum, von sich weg, damit sie sich selbst auflösen mögen.

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Da draussen

Roland Fischer am Mittwoch den 19. Oktober 2016

Bern? Was läuft? Bisschen durchatmen vor dem Wochenende, mit Tanz in Bern, zoom in, Raving Iran und bee-flat-Eröffnung? Also schauen wir doch rasch in die weite Welt hinaus, da läuft nämlich gerade ziemlich was. Könnte womöglich auch hier von Interesse sein.

Wann? 2017! «There’s a freshness to it, a lightness to it,» MacLachlan says.
Lightness? Twin Peaks? Nun bekomme ich wirklich Gänsehaut.

Und apropos:

Mark Frost’s new book The Secret History of Twin Peaks is now out and available for purchase. For those who simply cannot wait for Twin Peaks’ new season to hit Showtime, this might help tide you over.

Wem der ganz konkrete weltpolitische Horror lieber ist, dem sei der neueste Wurf von Adam Curtis ans Herz gelegt, auch eben erst herausgekommen und hier in Gänze zu sehen. Food for thought.

all of us in the West – not just the politicians and the journalists and the experts, but we ourselves – have retreated into a simplified, and often completely fake version of the world. […] This strange world was built by all of us. We all went along with it because the simplicity was reassuring. And that included the left and the radicals who thought they were attacking the system. The film shows how they too retreated into this make-believe world – which is why their opposition today has no effect, and nothing ever changes.

Olten, ein Fotoroman

Roland Fischer am Dienstag den 11. Oktober 2016

Der Bund-Rezensent fragte sich nach der Lektüre von Pedro Lenz’ neuem Roman:

Denn wer braucht schon die ganze Welt, wenn er Olten hat?

Und der Blogger gibt ihm recht, mit einer kleinen Fotostory der Baslerstrasse entlang, die Stoff genug bietet für noch so manches Drama. Vielleicht liegt es daran, dass sich gleich im Rücken dieser Mittelland-Heilewelt der Jura aufbaut, anbrandende Wellen die dann einfach stehenbleiben? Als wollten sie diesem Olten nichts anhaben.

olten

olten

mohr

baslerstrasse

The Guilty-Goa-Pleasure

Christian Zellweger am Donnerstag den 6. Oktober 2016

piet

Der Techno-Schamane Piet Jan Blauw scheint aus der Zeit gefallen. Abenteurliche Neon-Konstruktionen sind seine Spezialität und auch im Bad Bonn am Mittwoch hat er ein leuchtendes Monster aufgebaut. Daneben steht Julian Sartorius’ präpariertes Schlagzeug, der dritte im Bunde ist Bruno Spoerri, dessen Set-up aus Laptop und Saxophon auf den ersten Blick geradezu spartanisch aussieht.

Wenn die drei zum ersten mal überhaupt gemeinsam auf der Bühne stehen, kommt es schon auch vor, dass Blauw mal eben alles mit seinen Goa-Trance-Bässen und Lichtschwert-gesteuerten Synthies zuballert. Bei Spoerri und Sartorius provoziert das dann ein frustiertes Grinsen. Spass macht es aber trotzdem.

Wirklich interessant aber wirds in den subtileren Momenten. Wenn Spoerri seine Samples im Laptop mit weissen Handschuhen und der Computerkamera oder auch mal einem bewegunssensitiven Ball dirigiert etwa und Sartorius darauf reagieren kann.

Insgesamt ein schöner und kaum enden wollender Abend, irgendwo zwischen Guilty-Goa-Pleasure und richtig guten Improvisations-Momenten.

Postkarte aus Belgrad

Milena Krstic am Mittwoch den 21. September 2016

Wir hatten sie schon einmal, die Postkarte aus Belgrad. Und es hat sich seither nicht viel verändert.

Da sind immer noch unzählige Klimaanlagen, die Kondensflüssigkeit aussondern, welche dann auf die nackten Schultern tröpfelt. Es ist nicht mehr so heiss, dass diese Anlagen auf Hochbetrieb laufen müssten. Jetzt reicht die moderate Stufe, denn es war warm letzte Woche, die Röcke kurz und der Kaffee vorzüglich (wenn Sie hingehen, empfehle ich, eine «domaca kafa» zu bestellen). Es gibt dort eine Strasse, die heisst «ulica gladnih» («Strasse der Hungrigen»), da gibt es «brza hrana» («schnelles Essen») und wer mit Turbo Folk etwas anfangen kann, wird in einem der Clubs auf den «Splavovi» die Nächte durchtanzen (ich nicht, aber feel free).

Es grünt auch ganz ordentlich, denn hier lassen sie die Bäume stehen (wohl auch deswegen, weil nicht genug Kapital da ist, um sie zu fällen).

Belgrad ist ein Grossstadtdschungel, das darf man so sagen – und dazu ein passendes Panoramabild posten.

beograd

Pozdrav,
die Krstic