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Archiv für die Kategorie „Folklore & Unterhaltung“

Bizarre Musikgenres Teil 12: Black Midi

Gisela Feuz am Mittwoch den 16. April 2014

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Black Midi.

Gehören Sie auch zu den Menschen, die auf eine abverreckte Klavierkarriere zurückschauen können? Schrecken Sie zwischendurch immer noch aus dem Schlaf auf, weil sie gerade geträumt haben, sie sitzen vor den schwarz-weissen Tasten, und zwar unter dem gestrengen Blick von Frau Thöni, die sie ausschimpft, weil sie wieder mal nicht geübt haben? Black Midi ist die elektronische Rache an allen Frau Thönis dieser Welt.

Grundsätzlich ist Black Midi ein Sub-Genre von Dubstep und wird zur Zeit in Asien als das nächste Grosse Ding abgefeiert. Die Notation von Black-Midi-Stücken sieht auf den ersten Blick gar nicht so anders aus als diejenige von klassischen Klavierstücken. Wäre da nicht die ungeheure Anzahl an Noten. Normalerweise werden bei einem Black-Midi-Stück abertausende elektronisch generierte 1/32 oder noch kürzere Noten verwendet, so dass eine fertige Komposition aussieht, als habe man auf einem linierten Blatt Papier einen ganzen Ameisenstaat plattgemacht. Das «Black» in Black Midi bezieht sich denn auch auf dieses Phänomen. Also auf die Schwärze, nicht die Ameisen. Eat this, Frau Thöni!

Bizarre Musikgenres Teil 11: Splitter

Gisela Feuz am Dienstag den 8. April 2014

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Splitter.

Innerhalb der Gattung Speedcore – also der extrem schnellen Variante von Hardcore Techno – wird Splitter als die schnellste Variante überhaupt gehandelt, ist also quasi der Usain Bolt des Techno. Anfang der 90er-Jahre wurde im Bereich der Techno-Musik viel ausprobiert, alles war neu und entsprechend ungezwungen ging man an Experimente heran. Im damaligen Untergrund gab es auch die Speedfreaks, denen es nicht schnell genug sein konnte und die sich im aufstrebenden Internet zusammentaten und austauschten, wobei die Speedcore-Szene vor allem ein europäisches Phänomen war und blieb.

Der Ursprung dieser schnellstmöglichen Version von Techno liegt in der Benutzung von Drumcomputern und Perkussionssampels; aufkommende Computerprogramme wie «Tracker» unterstützen und vereinfachten die Bearbeitung. Bald einmal gab es in Bezug auf die Geschwindigkeit keine Obergrenze mehr, so erreichen die schnellsten Splitter-Stücke aberwitzigen 15'000 BPM. Grundsätzlich wird ab 600 BPM, also 10 Beats pro Sekunde, von Splitter gesprochen. Oft sind die Beats dermassen schnell, dass die ursprünglichen Bässe nach anderen homogenen Geräuschen zu klingen beginnen. Entsprechend steht bei Splitter auch nicht der einzelne Beat, sondern der Gesamtklang im Vordergrund. In Passagen mit vielen hohen Frequenzen klingt dies zum Teil wie zersplitterndes Glas - von da hat diese Stilrichtung auch ihren Namen. Nun aber Video ab. Und falls Sie sich gerade zum Tanzen animiert fühlen sollten, werte Leser und Leserinnen: Man muss also nicht zwingend jeden Takt einhalten, jeder 139. reicht auch.

Ausdrucksstarke Punk-Poesie

Gisela Feuz am Donnerstag den 3. April 2014

Kotzreiz-Scheisse«Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs», «Die toten Crackhuren im Kofferraum», «The Deinemutter» – gehts um die Namensgebung laufen einige Bands zu literarischer Höchstform auf. Interessanterweise zeigen sich dabei diejenigen Vertreter, die dem Dosenbier, mangelnder Körperhygiene und verfilzten Hunden zugetan sind, äusserst kreativ.

Punkbands benennen sich gerne nach anatomischen Eigenheiten («Abgestorbene Gehirnhälften», «Blase’n’Schwäche», «Eisenpimmel»), reflektieren kritisch den eigenen Werdegang («Abeizamt», «Bildungslücke», «Die asozialen Superhelden»), deuten im Namen das ästhetische Konzept des eigenen musikalischen Schaffens an («Arschfaltenquintett», «Kindercore», «Lärmbelästigung», «Das Niveau singt»), geben sich verschwörerisch («Siewissenschon», «Pinocchio auf der Flucht») und lassen sich auch gerne von der Kulinarik inspirieren («Blutpudding», «Ernährungsfehler», «Stasi Goräng»).

In die Kategorie letzterer Bands gehören auch «Kotzreiz» aus Berlin und «Fondükotze» aus Zürich, die heute Abend in Bern ihr Œuvre präsentieren. Es wird gemunkelt, dass die Zürcher auch ein Nebenrojekt namens «Raclette Gaggi» hätten. Welch wunderbar  musische Schöpferkraft, welch ingeniöse Fantasie da doch in den Seelen der Nieten- und Sicherheitsnadelnbestückten schlummert. Goethe, Shakespeare, ja die ganze Poeten-Gilde, verneiget euch!

Kotzreiz aus Berlin und Fondükotze aus Zürich spielen heute Abend im Rössli der Reitschule. Türe 21 Uhr.

Bizarre Musikgenres Teil 10: Cuddlecore

Gisela Feuz am Dienstag den 1. April 2014

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Cuddlecore.

Die Bezeichnung Cuddlecore (cuddle = kuscheln) wurde anfänglich für die kanadischen Bands «Cub» oder «Bunnygrunt» verwendet. Diese verstanden sich in den frühen 90er-Jahren als Gegenpol zu der Riot-Grrrl-Bewegung, in welcher (Frauen-)Bands wie L7, Hole oder The Muffs rotzigen Alternative-Rock oder Punk produzierten. Der Begriff Cuddlecore wird seitdem für Bands verwendet, die oft, wenn auch nicht immer, nur aus Frauen bestehen und eine eher pop- und harmonieorientierte Art von Punk oder Rock spielen. Während die Riot Grrls in schönster Teenager-Manier mit zerrissenen Strümpfen, schwarzumrandeten Augen und gestrecktem Mittelfingern der Welt einen Tritt in den Hintern zu verpassen gedenken, sind Cuddlecore-Mädchen quasi die kleinen Zahnspangen-Schwestern, die höchstens mit Stofftieren um sich werfen und sich anschliessend dann auch noch dafür entschuldigen.

Bizarre Musikgenres Teil 9: Wizard Rock

Gisela Feuz am Dienstag den 25. März 2014

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Wizard Rock.

Zu den führende Vertreter von Wizard-Rock-Bands (Wizard = Zauberer, Hexenmeister) gehören «Harry and The Potters» und «Draco and The Malfoys», womit denn auch bereits klar wäre, welches die Kernelemente dieses Genres sind. Gerne wird hier die Perspektive eines zauberstabschwingenden Jünglings eingenommen und obwohl die Zauberwelt da doch so einige Charaktere zu bieten hätte, wird der blasse Potter mit seiner John-Lennon-Brille bevorzugt behandelt.

Verbrochen haben Wizard Rock die beiden amerikanischen Brüder De George, welche um 2003 herum dermassen von den Büchern der J.K. Rowling begeistert waren, dass sie sich zu «Harry and the Potters» zusammentaten und in Bibliotheken (!) zu spielen begannen. Dabei bediente der damals 18-jährige Joe De George das Keyboard und gab den Harry im vierten Zauberlehrjahr, während sein um acht Jahre älterer Bruder Gesang und Gitarre beisteuerte und den offenbar ein paar mal sitzen geblieben Harry im siebten Zauberlehrjahr darstellte. Die Songs sind voller Anspielungen auf den Hogwarts- und Muggle-Kosmos und tragen Titel wie «Luna Loveggod is OK», «Phoenix Song» oder «Save Ginny Weasley». Harry sei halt schon ziemlich punk, erklärte einer der De George-Brüder die eigene Faszination für den bleichen Zauberschüler. Nun ja. Über die Definition von «punk» lässt sich bekanntich streiten. Nun aber Video ab - exklusiv für Sie mit Text zum Mitsingen, werte Leser und Leserinnen. «Expecto Patronum!!»

Verknallt in Berns Donnerstagnacht

Milena Krstic am Freitag den 7. März 2014

IMG_20140306_224530Immer am ersten Donnerstag im Monat präsentiert das Hauptsitz-Team ein kulturelles Schmankerl, nennt die Veranstaltung Kultur Blind Date und verrät im Vorfeld bloss die Uhrzeit.
Und ich wusste ja, dass es gut wird, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was passieren würde (Blind Date halt, ne). Aber dass ich mich glatt in den King Pepe verknallen würde, das konnte ich nicht ahnen. Dabei wirkte der King selbst so, als ob ihm sein eigener Auftritt peinlich wäre und er seinen eigenen Liedern misstraue. Ich fragte ihn dann, selig grinsend, ob er die Stücke extra für diesen Abend geschrieben habe. Er sagte «nei, nid würklech», lächelte verlegen und reichte mir mein Bier. Die Kultur-Welt Berns war da gerade so was von in Ordnung.

Da kam der zerzauste King Pepe aka Simon Hari an, mit nichts weiter als einer Gitarre, einem mini Spielzeug-Megaphon und einem Kassettenrekorder. Er rutschte auf dem Klavierstuhl herum, erzählte in einer Bandbreite von liebevoll bis derb Geschichten aus dem Alltag und tanzte so wunderbar ungelenk, dass es einem warm ums Herz wurde. Ein besonderes Amüsement waren diese Trash-Beats, die er vom Kassettenrekorder abspielte. Eine kleine Auswahl seiner Themen: Ein-Ton-Song, eine Nacht in einer afrikanischen Disco und eine Ode an ein Dekolleté.

Irgendwann bin ich an einem dieser «geheimen» Stubenkonzerte gelandet und habe - aus Platzgründen - von weit hinten im Raum dem Bündner Pascal Gamboni gelauscht. Das hingegen war mystisch, düster - und auch sehr schön. UnbenDASannt

Bizarre Musikgenres Teil 8: Visual Kei

Gisela Feuz am Dienstag den 4. März 2014

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Visual Kei.

Falls Sie Visual Kei nicht kennen sollten, freuen Sie sich, denn hier gibts gleich zünftig eins aufs Auge. Jawohl, aufs Auge, denn Visual-Kei-Bands sind weniger für ihre Musik, sondern vielmehr für ihre ausgefallenen Bühnenoutfits bekannt. Visual Kei ist vor allem ein japanisches Phänomen, wobei die Vorbilder in den 80er-Jahren der westlichen Musikszene zu finden sind. Die modische Aufmachung von David Bowie, Souxsie and the Banshees, Twisted Sisters und anderen Bands aus der Glam-Rock- oder Gothic-Ecke haben einige japanische MusikerInnen offenbar dazu inspiriert, sich nach westlichem Vorbild zu kleiden und schminken, wobei in Punkto (Renaissance-)Grellheit gerne noch eines oben drauf gesetzt wird.

visualkei

Es ist nicht gänzlich geklärt, welche japanische Band zuerst im Visual-Kei-Stil auftrat. Als möglicher Vorreiter wird die Band X genannt, obwohl die Truppe selber sich nie dahingehend geäussert hat, sondern sich vielmehr als reine Metal-Band verstand. Musikalisch lassen sich die VK-Bands nicht auf einen Nenner bringen, denn von Pop über Glam Rock bis Heavy Metal ist alles vertreten. Hauptsache schön toupiert, viel Haarspray und ordentlich Farbe auf den Augendeckeln.

S’Rothe Zäuerli around the world

Christian Zellweger am Dienstag den 25. Februar 2014

öseschuppel

Kennen Sie nicht, s'Rothe Zäuerli? Ein Zäuerli jedenfalls ist

ein ganz spezieller Naturjodel, welcher nur im Appenzell gesungen oder gespielt wird.

Sagt volksmusik.ch. Bald kennts die ganze Welt, das Zäuerli der Roths, gesungen von den Jodlern von Öse Schuppel und auch der Schweizer Illustrierten hats gefallen.

budapest

Verantwortlich für den Zäuerli-Hype zeichnet Wes Anderson, respektive seine Soundleute Alexandre Desplat und Randall Poster, die mit dem Jodel den Soundtrack zum neusten Anderson-Werk The Grand Budapest Hotel eröffnen. Und so kommts, dass es dieser exklusive Appenzeller-Gesang nun sogar bis zu Pitchfork geschafft hat.

Vom Film hatten wirs hier schon mal, jetzt ist der Start doch deutlich näher gerückt: Ab dem 6. März im Kino ihrer Wahl.

Bizarre Musikgenres Teil 7: Glitch

Gisela Feuz am Dienstag den 25. Februar 2014

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Glitch.

Stellen Sie sich vor, Ihr CD-Player hat einen Aussetzer und kann ihren Lieblingssilberling aus dem Jahr 1989 nicht mehr richtig lesen, versucht es aber immer und immer wieder. «Wfuiiitsch, wfuiiitsch ... wfuiiitsch», so klingt das ungefähr. Wenn Sie dieses Geräusch nun aufnehmen und weiterverarbeiten, dann machen Sie Glitch.

Es ist eine Ästhetik der elektronischen Fehlfunktion, welche bei Glitch im Zentrum steht. Dazu werden Geräusche verwendet, welche der Computer oder ein technisches Audiogerät von sich gibt, wenn es mit irgendetwas nicht einverstanden ist. Einige Glitch-Musiker gehen sogar so weit, dass sie elektronische Geräte so lange beschädigen, bis diesen nur noch knapp ein Ton entlockt werden kann. Damit wird dann eine Art Melodie kreiert, die wiederum von anderen Störgeräuschen unterbrochen wird; Brummtöne, Rauschen, Verzerrung, Bit-Rate-Reduktion, Hardware-Geräusche oder Geräusche von Software-Warnungen oder System Errors lassen dabei das Herz jedes Glitchers höher schlagen.

Als selbständige Bewegung lässt sich Glitch erstmal im Deutschland der 90er-Jahre festmachen, allerdings finden sich Ideen zu dieser Fehlfunktion-Ästhetik bereits in «The Art of Noises» aus dem Jahre 1913, dem Manifest des italienischen Futuristen Luigi Russolo zu Noise-Musik.

Bizarre Musikgenres Teil 6: Unblack Metal

Gisela Feuz am Dienstag den 18. Februar 2014

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Unblack Metal.

Was kommt ihnen in den Sinn, wenn Sie «Black Metal» hören? grimmig dreinblickende Mannsbilder in langen schwarzen Ledermänteln wahrscheinlich. Vielleicht auch noch Nieten- oder Patronengürtel, schwarze Schminke, Kunstblut und irgendeinmal dann sicher auch der Gehörnte höchstpersönlich. Die Faszination für Satan und Teufels-Symbolik ist untrennbar mit Black Metal verknüpft, zumal satanische Texte als eigentliches Kernelement von Black Metal gelten. Irgendwie passen der finstere, misantrophe Kerl und die düstere Musik, die einst im Schweden und Norwegen der 80er-Jahre entstanden ist, ja auch bestens zusammen. Oder anders: Der olle Satan würde ein prima Black-Metaller abgeben.

Es gibt aber auch Liebhaber von harten verzerrten Gitarrenriffs, Blast Beats, Doublebass und knurrend-fauchendem Guttural-Gesang, die sich mit den satanistischen Themen von Black Metal nicht anfreunden mögen und deswegen sogenannten «Unblack Metal» (manchmal auch «Grey Metal» oder «Christian Metal») bevorzugen. Dieser ist zwar musikalisch nicht von seinem düsteren Bruder zu unterscheiden, in Bezug auf den Textinhalt bedient er sich allerdings einer ganz anderen Metaphorik und Symbolik: Christliche Werte werden hochgehalten, Satanismus attackiert und gerne werden auch mal biblische Zitate eingeflochten.

Wer genau mit der christlichen Version von Metal begonnen hat, ist umstritten. Rockmusik im Namen des Herrn gibt es bereits seit den 70er-Jahren, in der Metal-Abteilung darf sich wahrscheinlich die australische Band Horde die Erfinder-Medaille ans Revers heften, verwendeten die Herren auf ihrem 1994 erschienenen Album doch erstmals den Begriff «holy unblack metal».

Vielleicht würde hier ja der Schlüssel liegen, wie Kirchen ein neues Publikum ansprechen und ihre Bänke wieder füllen könnten mit (langhaarigen) Schäfchen. Man stelle sich vor: Anstelle antiquierter Choräle schallt moderner Unblack Metal durch die Gotteshäusern, anstelle des Frauenchörli Hinterfultigen sorgen Horde für musikalische Erbauung. Da würde selbst Frau Feuz hingehen. Hallelujah!