Archiv für die Kategorie ‘Folklore & Unterhaltung’

Whisky, Lady, Uschi

Milena Krstic am Donnerstag den 30. März 2017

Gestern taufte Michael Fehr sein Buch «Glanz und Schatten» im Rahmen von Bee-Flat. Wer eine Lesung erwartet hatte, bekam ein Konzert zu hören. Ein pretty grosses sogar.

Vor zwei Jahren war das, als ich an einem Sommerabend in einen der Räume des Progrs trat und mich mit anderen Interessierten in einen Halbkreis stellte, um mir diesen grossgewachsenen Mann im weissen Hemd anzuhören. Fehrs Foto war damals auf fast jeder Titelseite der Schweizer Kulturblätter zu sehen. Da musste doch was dran sein, dachte ich mir.

Und da war was dran. Mit Manuel Troller an der Gitarre und James Gruntz am hinreissend reduzierten Schlagzeug tat er etwas, was leider viel zu selten passiert: Er überraschte. Da stand er, sang Hochdeutsch, aber mit Schweizer Akzent (war das nicht ein No-Go, vorbehalten den PolitikerInnen?), seine Stimme kreischend raspy, seine Hände verwarf er stetig und durch die Fenster strömte abendwarme Sommerluft.

So wusste ich also in etwa, was mich erwarten würde, wenn Fehr sagt, er taufe sein neues Buch, aber mit Band und nicht klassisch am Pult sitzend mit Anknipslampe. Andi Schnellmann spielte Bass, Julian Sartorius bediente das Schlagzeug und wie damals war Manuel Troller Gitarrist. Nicht, dass ich «Glanz und Schatten» gelesen hätte, sogar der «Simeliberg» ist bei mir noch in Folie verpackt. Aber man muss Fehrs Bücher nicht gelesen haben, um diesen Konzertabend begriffen zu haben. Mit einer streberhaften Präzision zog die Band rund um Fehrs wunderlich trippigen Märchen jazzig-bluesige Welten auf und stand ihm bei, als dieser erzählerisch ein Rebhuhn auseinandernahm.

Er sang und sprach er von einem Hirt (Hirt, jawoll, nicht Hirten), von vom fettgrünen Gras flankierten Landstreichern und von Messern, die ihm in seinen Träumen entgegenflogen.

Und dann erzählte er uns von Uschi Obermaier. Auf einer Amerikareise hatte er die 70er-Jahre Ikone getroffen. So wie das aus seinem Munde klang, hat die Uschi nicht an Wirkung verloren. Der Fehr hatte mich endgültig im Sack. Uschi war schliesslich eine der Heldinnen meiner späteren Jugend. Ich goss mir etwas vom Demeter-Orangensaft, der da auf einem Buffet bereitstand, in ein Weinglas und stoss an auf Fehr, der gerade das Lied «Whisky Lady» darbrachte, eine Hommage an die Uschi.

«Glanz und Schatten» ist bei Der gesunde Menschenversand erschienen. Und hier ein Einblick in Michael Fehrs Agenda.

Kulturgirls & Lederboys

Gisela Feuz am Montag den 6. März 2017

WARNUNG: DER FOLGENDE BEITRAG BEINHALTET PUBERTÄRHUMOR

Links von vorne nach hinten: Harvest, Feuz, Shearer, Fischer, (verdeckt: Herr Sohn), Val der Ama Rechts von hinten nach vorne: Rihs, (verdeckt: Schwab), Krstic, Zellweger, Rrr, Briger

Kultur-Leder-Instant-Kolaboration

Einmal jährlich trifft man sich ja mit den werten Lederboys von drüben zum Weihnachtsessen. Ja, das kann durchaus im März sein. Diese Zusammenkünfte verlaufen dann immer öppen gleich: Die Kulturgirls versuchen die Lederboys doch noch in die rechten Kunstbahnen zu leiten und bedienen sich dabei zweifelhaften Methoden wie etwa Stevie-Wonder-Witzen oder lehrerhaften Faltzeichnungen. Die Resultate sprechen für sich (siehe rechts). Die Lederboys zeigen sich stets lernresisten, schwafeln irgendetwas von einem Timo Konietzka (ein tschechischer Performance-Künstler?) und Güggeli im Chörbli und bekommen dann am Töggelikasten so richtig auf den Sack, ha!

Wie diese Weihnachtsessen jeweils enden? Am Schluss sind alle strunzblau (ausser Frau Krstic), liegen sich in den Armen und schwören sich ewige Freundschaft und zukünftige Kolaboration. Dazu kommt es dann nie. Aber auch egal. Hauptsache das nächste Weihnachtsessen kommt.

P.S. Lederhäuptling Rrr hat im Vollrausch ausgeplaudert, wie die Lederboys zu ihrer hohen Kommentardichte kommen: «Marken-hicks-namen und Genita-al-hicks-Begriffe») Deshalb frage ich Sie, werte Leserschaft: Möchten Sie Ihren Penis mit einer Gucci-Tasche verlängern?

Frederyk und die Ritter des metallenen Ordens

Gisela Feuz am Mittwoch den 22. Februar 2017

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein junger Prinz namens Frederyk. Frederyk lebte im hohen Norden (Basel), wo die Nächte lang und die Gemüter finster sind. Auch Frederyks Gemüt war finster. Sein ganzes Leben hatte er als Gefangener im hohen Turm seiner bösen Schwiegermutter Roche verbringen müssen, weil diese eifersüchtig auf Frederyks goldenes, wallendes Haupthaar war. Roche selber hatte nämlich nur Pilze auf dem Kopf. Dafür leuchteten diese.

Eines Tages ritt ein Trupp fescher Ritter an Frederyks Gefängnis vorbei. «Ja wer seid denn ihr? Seid ihr etwa Grillen?» rief Frederyk aus dem Fenster, denn sein Turm war so hoch, dass die feschen Ritter von oben klein wie Insekten aussahen. «Ich bin euer Zar», schrie Frederyk weiter, er, der aufgrund seiner menschenfernen Erziehung wenig Ahnung von Anstand, geschweige denn von politischen Ämtern hatte, dafür aber für sein Leben gerne schrie. «Nein, wir sind Ritter des metallenen Ordens. Wir sind auf dem Weg zum militärischen Stützpunkt, wo wir am Palmsonntag musizieren wollen. Im Volksmunde werden wir deswegen Palmer genannt», antwortete die Viererschaft. Da ging dem jungen Frederyk das Herz auf. Musizieren! Welch wundersamer Klang dieses Wort schon nur hatte. «Zatokrev aber auch, nehmt mich mit!», schrie er und liess schnell seine wallendes blondes Haupthaar herab. Da erbarmten sich die Ritter dem jungen Frederyk, befreiten ihn aus seinem Turm, nahmen ihn in ihre Gesellschaft auf und nannten ihn fortan liebevoll Zar der Grillen.

Frederyk war überglücklich und den Rittern des metallenen Ordens endlos dankbar für die Befreiung. Zu gerne hätte er sich seinen neuen Freunden gegenüber erkenntlich gezeigt, bloss wie? Als der Tross an einem düsteren Hinterhof vorbeizog, erblickte Frederyk dort Geselle Schwarzbart, der gerade dabei war, wundersames Getier auf eine Kuhhaut zu zeichnen. «Zatokrev aber auch, du bist begabt!», krähte Frederyk, beeindruckt. «Kannst du für meine Ritter ein Zeichen schnitzen, auf dass wir es in Farbe tunken und überall hinterlassen können? Ich will dich auch ordentlich dafür entlöhnen.» «Kann ich wohl», brummte Geselle Schwarzbart und machte sich an die Arbeit.

Ambigram for a bandlogo.

Wie gross war die Freude der Ritter des metallenen Ordens über Frederyks Geschenk! Schilder, Rüstungen, Helme, Pferde …. alles und jedes wurde auf der Stelle bepalmert. Gross war auch die Vorfreude auf das Fest im militärischen Stützpunkt. Als die wackeren Mannen diesen am späten Abend dann endlich erreichten, verflog die Freude allerdings im Nu. Man habe keine Antwort auf die Brieftaube erhalten, hiess es, und deswegen habe man einen anderen Musikanten fürs Palmsonntagsfest aufgeboten. Also strenggenommen sei es eigentlich kein richtiger Musikant. Mehr Kleinkunst. Wasser in Wein und so. Zaubern halt.

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Wo ist Gaudenz?!

Gisela Feuz am Montag den 13. Februar 2017

Kommendes Wochenende kommen Hörfetischisten auf ihre Kosten: Im Kino Rex wird beim 7. sonOhr Festival Ohrensex Audiokunst geboten. Form und Inhalte der Wettbewerbsbeiträge sind vielfältig. Es gibt Features, Dokumentationen, Reportagen und Klangcollagen in Deutsch, Französisch und Italienisch zu hören, die sich unter anderem um Kühe am Schönheitswettbewerb, den schweren Umgang mit Demenz oder die vermeindliche Mutation von Getreidekörnen drehen. Ausserdem wird mit «Nosferatu reloaded» ein Live-Hörspiel fabriziert und bei den Hörgames «Blowback – Der Auftrag» und «Polder – become a story» kann das Publikum gar selber mittun.

Der Blick ins Programm verrät, dass dieses Jahr einer fehlt. Ein Kurzhörspielmacher, der sonst bei sonOhr immer dabei ist. Einer, der in schönster Do-it-yourself-Manier vom Texten übers Komponieren und Pegeln alles selber übernimmt und dann auch noch gleich alle Rollen einspricht und zwar in unterschiedlichen Dialekten. Einer, dessen Beiträge humortechnisch, nun ja, vielleicht nicht jedermanns Sache sind, der aber andererseits gerade wegen seiner kindlichen Experimentierfreude und dem niederschwelligen «Gott, du bisch ä blöde Siech»-Humor über eine eingefleischte, weltumfassende Fangemeinde verfügt (Matto Kämpf und Frau Feuz). Gaudenz Trüeb, wo bist du? Dir ist doch hoffentlich nichts zugestossen, oder?! Und gell, nächstes Jahr kommt wieder was von dir? Einfach bitte nicht über Raclette. Sonst kann man das dann auch nicht mehr essen.

Das sonOhr Festival findet vom 17. – 19. Februar im Kino Rex statt, mehr zu Gaudenz Trüeb können Sie hier in Erfahrung bringen.

 

«Bauer sucht Power»

Gisela Feuz am Freitag den 10. Februar 2017

Das Jahr ist zwar noch jung, aber die Gewinner im Wettbewerb um den schönsten Flyer sind bereits bekannt. Welcher Wettbewerb? Na jeder, der da im 2017 noch kommen mag. Ich mein: dieses ausgeklügelte Arrangement, diese sinnliche und harmonische Ästhetik der Bildkomposition. Meisterhaft. Fürwahr.

Seit 15 bis 17 Jahren (man ist sich bezüglich der Dauer des Bestehens bandintern nicht ganz einig) «verpiggern» die Herren vom Biggerclub Heuler aus der Rock-, New Wave- und Punkgeschichte. Gefunden hätten sie sich damals per Annonce in der Tierwelt, sagt Sänger Thomas «Hoschi» Hostettler. Auf «Bauer sucht Power» hätten sich die Herren Schütz (Bass), Abt (Gitarre) und Hertig (Schlagzeug) gemeldet und seitdem fährt die illustere Männerriege mit dem Traktor von Landgasthof zu Landgasthof und beschallt alles, was bei one, two, three, four nicht auf den Bäumen ist.

Nun soll der ungefähre eigene Geburtstag gefeiert werden, und zwar in Berns chicstem Inlokal, dem Dead End. Wer Piggerclub schon mal live gesehen hat, der weiss: Erwartet werden kann eine ausufernde Show mit überbordender Rampensau am Mikrofon, die irgendeinmal äusserst leichbekleidet sein wird und besagtes Mikrofon nur im besten Fall zum Singen gebraucht, im wahrscheinlicheren Fall aber sonstigen Unfug damit anstellt. Falls Sie einen Konzertbesuch anstreben: Leihen Sie sich doch eine Hockeyaustrüstung aus. Denn die Chance, dass sie von Hoschi in irgendeiner Form angepiggert werden oder beim Verlassen des Lokals in der Morgendämmerung die Treppe runterfallen, ist gross.

15-17 Jahre Biggerclub, Samstag 25. Februar Dead End, Türöffnung um Mitternacht, Konzert ca 2Uhr. 

Segen sprechen, Regeln brechen

Milena Krstic am Donnerstag den 9. Februar 2017

Gestern sang, tanzte und bezirzte Božo Vrećo in der Turnhalle des Progr: ein Abend irgendwo zwischen Magie, Erstaunen und Ergriffenheit.

«Ha, lug itz, die ganzi Jugo-Connection ist da», begrüsste mich eine liebe Bekannte und wir umarmten uns. Ja, tatsächlich, da war die ganze Jugo-Gemeinschaft versammelt in der Turnhalle des Progr, weil Bee-Flat wieder einmal ein programmtechnischer Clou gelungen ist: Bosniens exotischster Kunstexport Božo Vrećo war in Bern zu Gast.

Inmitten des Saales stand sein Mikrofon, drei kleine Lichtpunkte komplettierten das Bühnenbild. Vrećo alleine ist Schmuck genug, seine Stimme Spektakel genug. Mit viel Halleffekt erzeugte er ein Ambiente, als sässe man in einer Kathedrale und sang in wärmstem, klarstem Sopran eigene Kompositionen und Sevdah Lieder, traditionelle Stücke aus dem Bosnien des 15. Jahrhunderts.

Worum es in Vrećos Liedern geht? Sagen wir es einmal so: bittere Liebesgeschichten, aber auch solche mit fröhlichem Ausgang, Zwangsheirat, Mutterverehrung und die Vergänglichkeit des Daseins eines allen. Verständlich, wenn sich manche Anwesende geärgert haben, dass Vrećo nicht ein paar Worte mehr auf Englisch gesagt hat. Küre fand aber, dass es doch schon okay wäre, wenn man halt mal nicht alles verstehen würde. Die Musik spreche schliesslich für sich. Nun, da kann ich nicht mitreden, ich hoffe nur, dass es für niemanden ein Grund war, das Konzert nicht geniessen zu können.

Vrećo, dieser an einen Derwisch erinnernden Menschen in hohen Hacken, erschien wie ein Wesen aus einer parallelen Welt, es schien, als wolle er uns zeigen: Hey, alles ist möglich, wenn da nur genug Einfühlungsvermögen vorhanden ist. So pickte er sich immer wieder eine Person aus dem Publikum, hielt ihre Hand, strich ihr durchs Haar und es war, als würde er einen Segen sprechen.

Klar, da waren diese Playback-Einspielungen, die an den Eurovision Song Contest erinnerten. Aber alles in einem war Božo Vrećos Auftritt eine Offenbarung, ein Zeugnis dessen, weshalb es sich lohnt, für ein Konzert das Haus zu verlassen und sich einzulassen auf die musikalischen und menschlichen Kostbarkeiten, welche die Welt uns zu bieten hat.

Postkarte aus Berlin

Gisela Feuz am Montag den 5. Dezember 2016

Liebe KSB-Leserschaft
Fahr ich doch jetzt auch mal hin, in dieses Berlin, von dem immer alle reden, hat sie sich gedacht, die olle Feuz. Wettertechnisch ist es ja wie bei uns, bloss wird’s ein bisschen früher finster. Dank der Kälte ist die grosse Menge an Hundekacke auf den Trottoirs gefroren und drum kann man diese lustig durch die Gegend kicken, anstatt sie am Ende eines Spaziergang mühselig aus den Rillen der Schuhsohlen puhlen zu müssen. Bloss das mit diesem Checkpoint hab ich mir irgendwie anders vorgestellt.
Herzlichst,
Ihre Frau Feuz

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Popeye auf 2900 Pfeifen

Gisela Feuz am Mittwoch den 30. November 2016

Draussen herrscht bei eisiger Kälte buntes Treiben, Plastic-Hämmer werden geschwungen und Konfetti geschleudert, die eine oder andere rote Nase zeugt von frühmorgendlichem Glühweinkonsum und über allem liegt dieser unverkennbare Duft von Zwiebeln und Gasen. Zibelemärit. Die einen lieben ihn, andere meiden ihn wie die Fasnacht und suchen entsprechend Schutz hinter heiligen Gemäuern, um beim erbaulichen Zwiegespräch mit dem obersten Chef die Seele zu stärken. Aber: oh Ungemach! Welch unheilige Klänge erschallen denn in der Heiliggeistkirche? Und was genau treibt ein Matrose auf der Empore?!

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Einmal pro Jahr spiele er in der Heiliggeistkirche beim «Zibelesound» alles das, was Gott verboten habe, sagt Marc Fitze. Das Programm stellt der 42-jährige Organist aus Publikumswünschen zusammen. Die Grundregel sei, dass er alles ausser Orgelmusik spiele. Am meisten würden Popsongs, Filmmusik oder auch Opern gewünscht, sagt Fitze. Grundsätzlich sei fast alles möglich, wenn auch die Transkription der Songs grossen Arbeitsaufwand bedeute. «Besonders bei Filmmusik mit komplexen Partituren ist es nicht immer ganz einfach, auf der Orgel etwas zu finden, was adäquat klingt», erklärt Fitze. Die Songs würde er so auswählen, dass sie sich unter einem bestimmten Thema zusammenfassen liessen und es sei Ehrensache, dass er sich dann auch dem Thema entsprechend kleide. Dieses Jahr lautete das Motto «Schiff ahoi!» – darum auch das Matrosenkostüm – er sei aber auch schon als Torrero oder Cowboy verkleidet auf der Empore gestanden. Ein Schalk, wer hier an YMCA denkt.

Schon als kleiner Bub habe ihn das Instrument Orgel begeistert, sagt Marc Fitze, weil diese ja eigentlich ein Einmann-Orchester sei und man so gut wie alles damit spielen könne. In der Heiliggeistkirche ist der Organist Herrscher über 2900 Pfeifen und es hat durchaus was, wenn da die Titelmusik von «Pirates of the Caribbean» oder «Popeye» durchs Kirchenschiff schallt. Bei «Yellow Submarine» der Beatles nickt dann das eine oder andere ergraute Haupt gar freudig im Takt mit. Profane Unterhaltungsmusik in der Kirche, ja darf man das denn? Jawohl, hier in dieser Kirche dürfe man das, sagt Fitze bestimmt. Es gehöre ja zum Konzept der Heliggeistkirche, dass man eine offene Kirche sein wolle. Alles was zum Leben gehöre, gehöre auch in die Kirche. So dann eben auch eine kitschige Herzschmerz-Nummer wie «My heart will go on».

Die Heliggeistkirche war übrigens brechend voll bei «Zibelesound».Vielleicht wäre weltliche und nichtchorale Beschallung ja ein Rezept, mit welchem leere Bänke gefüllt werden könnten, liebe Kirchen? Den Popstar hätte man mit dem sympathischen Organisten Marc Fitze ja jedenfalls schon.

Zugezogen: #2 «The Uganda-Truebschachen-Buchsi Gang»

Urs Rihs am Samstag den 5. November 2016

Unsere Stadt lebt auch von Zugezogenen, vom Land, vom Ausland oder gar St.Gallen. Hier gibt es Geschichten dazu, Angereiste und ihr kulturelles Erbe und warum Bern sie braucht.

Am Mittwoch vor einer Woche war Cup und da man am Wochenende die Hoppers schon mal weggeputzt hatte, konnte gar ich als gernegross-YB-Fan wieder mal den Gang ins Wankdorf wagen. Zumal der Panzer am Mittag angerufen hatte und Matchbesuche mit dem Panzer gleichbedeutend sind mit Eskalation, Spass und Exzess. Darum kurzerhand gegen den gemütlichen Radio Bollwerk Abend im Kapitel entschieden und rein in den 20er Bus.

Vor dem Stadion treffen wir auf weitere Freunde: Tonio, Päscu und KabuKöbu, ein illustres Grüppchen. Köbu wird zudem von seiner neuen Freundin begleitet, welche sich als «Allen» vorstellt und aus Uganda stammt. Wir smalltalken erstmals eine Runde. In hölzernem Englisch versuche ich Afrika-Europa-Fettnäpfchen zu umschiffen, klappt nur so halbwegs, wir kippen darum zur Zungenlockerung noch eine Dose – danke Tonio – und begeben uns daraufhin ins D4.
Das Spiel nimmt schnell Fahrt auf; YB liegt nach 20 Minuten 2:0 vorne und wir können uns somit den wichtigen Dingen im Stadion widmen: Wer holt die nächste Runde, Regel-Fachsimpeleien – obwohl wir keine Ahnung haben – und sowieso Trashtalk. Wir schwelgen, gute Stimmung allenthalben, König Fussball: Eduardo Galleano: «El fútbol a sol y sombra».
Trotz todlangweiliger Liga, inkompetenten Führungsriegen in den Oberstuben und idiotisch hoch aufgelöster Überwachungskameras; solange in den Kurven noch unscharfe Ränder für Leidenschaft und Taumel bleiben, wird dieses Gefühl leben.
Die zweite Halbzeit ist etwas neblig, Allen hat ugandischen Gin in kleinen Plastikbeutel mitgebracht – wahlweise mit Kokosaroma – und der Panzer bringt statt YB-Wurst Gelbe-Wurst, tolle Kombo. Endresultat: 5:0 und mittlere Schlagseite. Nach dem Spiel beschliessen wir noch etwas weiterzuziehen, die Brass in der Lorraine wird kurzerhand ins Visier genommen, und dann los von Rom.
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«Hey Wichsers»

Gisela Feuz am Montag den 24. Oktober 2016

«Hey Wichsers» ist ein denkbar schlechter Titel für einen Blog und wird Frau Feuz ganz bestimmt Scherereien mit dem Volkskommissariat für innere TA-Angelegenheiten einhandeln. Aber andererseits ist es den KSB-Schreiberlingen hier ja auch ein Anliegen, Sie, werte Leserschaft, bezüglich Meisterwerke der Hochkultur auf dem Laufenden zu halten und dazu gehört eben auch ein soeben herausgekommenes musikalische Erzeugnis mit dem klingenden Titel «Hey Wichsers». Gibt es einen besseren Namen für eine Garagen-Punkrockplatte? Mal eben schnell im Wortfächer «Flüech & Schlämperlige» Alternativen nachgeschlagen. Anbieten würde sich allenfalls «Hey Mürggle», «Hey Tuble», «Hey Gigle», «Hey Süchle» oder «Hey Möffe». Alles gut und recht, hat aber nicht die gleiche Tiefe, Dringlichkeit und Prägnanz, da gehen Sie mit mir einige, werte Leserschaft, nicht?

Mit «Hey Wichsers» meldet sich der St. Galler Kultbarde Jack Stoiker zurück. Der macht jetzt nämlich unter dem Namen Knöppel Garagen-Punkrock nach dem Motto: weniger Riffs, mehr laut. Zotig, derb und hintergründig-komisch werden hier in breitestem St.Galler-Deutsch die relevanten Themen des Weltgeschehens abgehandelt wie etwa König FussballShopping, Arztbesuch («Hend weg vo mim Sack») oder prekläre Machtverhältnisse am Arbeitsplatz («Scheff»). Ein astreines Konzeptalbum hat der Herr Stoiker da mit seinem Männertrio gebastelt, wobei das Konzept darin besteht, dass in jedem Song mindestens einmal das Wort «Wichser» vorkommen muss. Sie finden das primitiv und ordinär? Kindisch und unreif? JA UND?! Genau das richtige für einen Montag, oder etwa nicht?! Bob Dylan war gestern, the future is Knöppel, ihr Wichsers!

«Hey Wichsers» ist seit drei Tagen im Handel erhältlich, Knöppel werden ihr Meisterwerk am 18.11. im Helsinki taufen und irgendwann Anfang nächstes Jahr nach Bern kommen. Mehr zum Wortfächer «Flüech & Schlämperlige», mit dem es sich wunderbarst Berndeutsch fluchen lässt, gibt’s hier.