Archiv für die Kategorie ‘Fiction & Facts’

Genossen №9: Kuno Lauener

Mirko Schwab am Mittwoch den 29. März 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Kuno Lauener.

Lauener zum Interview vor den Eidgenossen.

Es ist Krise auf der Redaktion.

Kurznachricht vom Urs, dem notorischen Styler: «Rockboy, hab da ne Scherbe ausgegraben, dystopisch-postpostmodernes, windschief neo-existenzialistisches Fricklermeisterwerk, Doppel-10inch in einer Auflage von 66 Stück, am Abgrund von japanischem Wave und Afro-Trash über Samples nie veröffentlichter sowjetischer Propagandastreifen und so. Mach doch was drüber, mal wieder was für den lokalen Untergrund …» Jaja, hörs mir an. Dandy Fischer meint, ich gehe zu wenig ins Museum. Ob Theater auch wieder einmal Thema sei. Und ob ich überhaupt wisse, wie eine Galerie von innen aussieht. Stimmt, aber das Wetter. Vielleicht. Joa. Auch von oben herab ist nichts gutes zu erwarten. Frau Feuz, die selbsternannte Chefin, zitiert mich ins Büro. Dass Doppelspurigkeiten mit dem gedruckten Bund tunlichst zu vermeiden seien, Finger weg von Flückiger, Anliker, Lauener, den Jeans for Jesus neuerdings – dass die ins Feuilleton gehörten, in einer anderen Liga spielten. Champions League, Herr Schwab, oder emel mindestens Super League mit europäischen Ambitionen! Das Blog aber, das könne knapp Alternativliga-Niveau halten. Und das auch nur, weil man aus der Alternativliga nicht absteigen könne. Und dann: «Schwab, überlassen Sie das den echten Journalisten!»

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#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag den 26. März 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.
Zum Beispiel gestern im Garten der Spezies mit den montrealer Ornithologen HELIODROME und ihrem psych-spattered neo-dreamy avant-rap-rock. Der Raum zersetzte sich mal wieder, zerrieben zwischen Klängen einer bazookaähnlichen E-Posaune, polytheistischen Sprechgesang-Halluzinationen und analogen Effektschaltkreisen. Glücklich, wer sich dort selbst verfeinstofflichte – who needs Bushwick if we got Terrassenweg – one love!

we got weird wired

Frisch gepresst #5 «To Do Without»

Urs Rihs am Donnerstag den 23. März 2017

«Frisch gepresst» die Serie auf KSB. Bringt zum Vorschein, was in feuchten Kellerstudios und synthesizerbestückten Dachböden unserer Stadt an Mukke produziert wird – vornehmlich Elektronisches, aber grundsätzlich alles was direkt ab Presswerk in meinem MK landet.

Lasst uns mit Labels beginnen, mit Majors und Indies. Majors: lassen wir bleiben. Indies: folgendermassen. Es gibt die sich unabhängig schimpfenden und trotzdem eben abhängigen Indies. Nach Auflage, Publizität und Erfolg dürstende, sich alle trotzdem an Anlässen wie m4notmusic treffende. Sich da mit günstigem Sekt und Billigbier abfüllende und danach networkende, provisionsfilzende.

Unweigerlich wichtig für die Musiklandschaft, unweigerlich unwichtiger sonst Kommentare bitte unten.

Dann gibt es verbissen alternative Indies – die Sturköpfe, die Stoikerinnen. Die abgehalfterten, die richtig kompromisslosen, optional mit street cred und Persönlichkeitsstörungen. Den Ethos des Scheiterns Echten leidenschaftlich hegend und pflegend, egal ob in Hi- oder Lo-Fi. Hauptsache kommerzielle Aspiration egal null – to do without.

Sie sind hart zu finden, zwischen wuchernden Mülldeponien auf Bandcamp und Soundcloud, schwer aufzuspüren ohne Agenten im Untergrund – denn auch dort gibt es viel Schrott. Doch sie sind da. Unsichtbar für den Hauptstrom, nur jenen bekannt, die tiefer schürfen oder selber produzieren – Dateien Goldgräber oder Tonträger Alchemisten.
Höchste Zeit den Lichtkegel mal wieder zu richten, auf genau ein solches Label. Etwas Bauchpinselei kann denen nicht schaden.

MISM Records, zu gleichen Teilen in Züri wie Bern zuhaus, fiftyfifty. Seit 2009 Vinyl und Tapes raushauend – nur Rohdiamanten versteht sich – nichts Geschliffenes, sondern harter, unverschnittener Stoff. Abstract rap, psychedelic Hip-Hop, prekäre Beats, experimentelle Arrangements – von Bastlern, verstreut über die ganze Kugel: James Reindeer, Bleubird, Bit Tuner u.v.a – noch Fragen? MISM, ein Haufen Aufmerksamkeitsgestörter, dem Versuch der sonoren Selbstmedikation erlegen – was ein Glück.

Aktuell mit einem Release aus dem nordamerikanischen Niemandsland: «To Do Without» vom rap-sorcerer «Babelfishh» – let’s talk it through.

Gefangen im Netz von Abhängigkeiten wäre der fishh fast verendet. Das Trockene hat ihn gerettet, komischerweise – und der Wald, doch dazu später. Sein neues 7 Track Minialbum, eine nicht nur wutgeladene Abhandlung aus der Abgeschiedenheit seines Bauwagens. Selbstversorgend, der Reizüberflutung trotzend, ein Leben im Diminutiv führend, und vielleicht gerade darum – ein Album auf seven inches Singleformat!

Sein Rap mehr Lyrik als Sprechgesang, die Versmasse in allen Regeln der Kunst auslotend, schwer verständlich zuweilen, für die dem Englischen nicht mutterredlich Zugefallenen vor allem. Doch nicht weiter wichtig, denn die Sprache ist hier auch Selbstzweck, geht spielend über den Wortsinn hinaus. Verzweiflung und Leidenschaft, Irrwitz und Virtuosität, universal verständlich.

Babelfishhs Sound gleicht Geistesblitzen, seine Stücke sind mehr Fetzen als Stücke. Ein Mantra auf die willkürlichen Auffassungsspanne des Geistes vielleicht. Das Gehirn folgt keinem Plan, brauchts auch nicht – to do without.

Ein Stromschlag in einer Fabrikhalle, wo er zu entfremden pflegte, bewegte Babelfishh zum drop-out. Er kehrte einfach nicht zurück, klingt romantisch – ist es nicht. Obwohl er danach mit Hund, Freundin und rudimentärem Mobilheim unter Bäume flüchtete. Kein Geld, keine Motivation und zu viel Teufel Alkohol. Er musste grundsätzlich umkrempeln. Lange Zeit hatte er die Musik und Mystik verbannt, sein Zurückfinden katalysierten vor allem die Heads bei MISM. Es gibt keinen tieferen Sinn in dieser Anekdote. Schlicht schön ist er nicht ganz gestrandet, ein Danke in den Kosmos an dieser Stelle.

Aus der Periode am Fliessband bleibt etwas Bemerkenswertes, etwas Konstruktives – etwas was zu hören ist. Aus den sonst hochverdichteten, industriell-knisternden, drumdominierten Instrumentals, scheint plötzlich fleckenweise Erdiges durch – Organisches. Gitarre, Harmonien, Roots. Während dem Schichtbetrieb schepperte Country aus dem Fabrikradio, vom Vorarbeiter eingestellt. Babbelfishh entwickelte eine Faszination für die banal durchschlagenden Texte und für die Eindringlichkeit der Melodien. Babelfishh, der gebeutelte streetpoet im Wald, inspiriert vom Folk, would have been sad – to do without.

Get that 7 inch folks, ihr habt schon dümmer Geld verprasst!

 

Genossen №8: Haiyti aka Robbery

Mirko Schwab am Donnerstag den 9. März 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Haiyti, Underground Superstar.

Früher war es nur ein Spiel, jetzt ist es Realplay. Hayiti vor den Eidgenossen.

Das Fumoir riecht nach kaltem Rauch. Nach einem Gestern. Meinen Kaffee mag ich nicht recht austrinken, wozu denn wach bleiben? Und also ist auch die Tasse kalt und nichts ist los. Nicht am Billardtisch, die Kugeln starren sich an in einem ewigen Mexican-Standoff. Nicht an der Jukebox nebendran, der Musik fehlt das Münz und so schweigt sie. Die Aschenbecher sind leer wie die Bänke wie die Gläser wie die Blicke der Vereinzelten, die sich hier eingefunden haben. Sie haben ihr eigenes Gestern die Treppe hinaufgeschleppt, um ihm nachzuhangen. So wie ich.

Im Internet ist das anders.

Haiti. Hayti. H-A-I-T-H-Y. «Meinten Sie: Haiyiti?» Nach einem halben Jahr schüchterner Beobachtung – hab ab und zu verstohlen reingeklickt, wenn grad niemand herum war – brennt die Liebe jetzt heiss und öffentlich und ich kann ihren Namen richtig schreiben. Mit Haiyti kommt man gut durchs Leben. Es scheint, als habe sie sich meinen ganzen Schmerz aufgeladen. Als könne sie in Hauptsätzen erfassen, was sich mir in hypotaktischer Diffusie entzieht. Und bei alldem ist sie unantastbar, unzerstörbar, digital. Haiyiti ist Rapperin.

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White Riot in der grauen Halle

Mirko Schwab am Samstag den 25. Februar 2017

Am heutigen Tag genau vor dreiundreissig Jahren spielten The Clash in der Berner Festhalle.

Vor dreiunddreissig Jahren einunddreissig – und alive: Joe Strummer, der ewige Held.

Und die war schon damals eine angegraute Fingerübung humorloser Hochbauzeichner. Nach dem Krieg gebaut für Volkstümliches, wurde sie in den 1970er und 80er-Jahren immermal wieder von der Pophistorie gestreift. Im müffeligen Zweckbau kehrten die Moody Blues ein, Zappa und Cash, Joan Baez und sogar die Stones gaben hier 1973 ein als schwierigschwierig kolportiertes Doppelkonzert.

Wenig später entbrannte im angloamerikanischen Raum, was dem psychedelischen Kater der frühen Siebziger eine klare Haltung der Ablehnung entgegenbrachte: Punk. (In der Festhalle hörte man derweil Genesis zu …) Und aus dieser Zeit, da sich offenbar jede zweite Feierabendband «nach einem Konzert der Sex Pistols» gegründet hatte, bleibt wenig so nachhaltig in wärmster Erinnerung wie The Clash. Die Londoner verstanden es, dem Rotzigen das Schlitzohrige zu lehren. Und schenkten den berühmten drei Akkorden obendrauf die Coolness und den Groove. Spätestens by 1979 war klar: Strummer, Jones, Simonon und Headon sind die geilste Gang auf dem Planeten.

Von dieser Gang waren 1984 noch Frontmann und Poet Joe Strummer sowie Bassmann und style provider Paul Simonon übrig. Mick Jones und Topper Headon wurden gegangen – der kongeniale Gitarrist Jones konnte sich mit der wiederholten Einstellung Bernie Rhodes’ als Manager nicht arrangieren. Und Schlagzeuger Headon sich nicht mit dem Heroin. Und also waren dem Maul der einst geilsten Gang des Planeten zwei Zähne ausgeschlagen und die Spötter nannten es: The Clash II.

Ich war 1984 noch kaum ein feuchter Traum. Und auch kaum jenen feuchten Traum hatte damals wohl mein Vater, der mit dem Fieber im Bett lag. Da hat man andere Träume. Neben ihm auf dem Nachttisch lag vielleicht dieses nie eingelöste Billet (should I stay or should I go?) –  und so kann er mir nichts davon erzählen. Am darauffolgenden Montag handelte die Berner Zeitung das Konzert jedenfalls mit einem solidlangweiligen Konzertbericht ab, der sich wie der Matchbericht eines torlosen Unentschiedens liest. Und insofern ganz gut zur bis heute gültigen Solitärkompetenz des Blattes passt: Sportjournalismus. Wahrscheinlich war das Konzert ebenso solide und ein bisschen langweilig. Wahrscheinlich verhallten Joe Strummers Schlachtrufe schon etwas müde im halbvollen Geviert. Wahrscheinlich parodierten die angeheurten Tourmusiker in Jones’ Abwesenheit die Projektion der kredibilsten Gang auf dem Planeten, eine Idee, die The Clash in den Jahren davor so unwiderstehlich und allen stilistischen Neugierigkeiten zum Trotz verkörperten. Und wahrscheinlich war der Sound wirklich kacke.

Aber ich war ja nicht da. Es hätte einfach gut zur Festhalle gepasst, die, selbst aus der Zeit gefallen, alles pophistorische Schwemmholz überlebt hat. Und das Schwemmholz ist – auch wenn einst die geilste Gang auf dem Planeten – vor der Altersmorschheit nicht gefeit.

Die Schlacht um «KLEINE MUKDISHO»

Urs Rihs am Donnerstag den 23. Februar 2017

Es war ein Kampf auf Zeit, «KLEINE MUKDISHO» – am Randweg 21 – hätte niemals auf Dauer gehalten werden können. Zu erdrückend die Übermacht der staatlichen- sowie gesellschaftlichen Exekutivorgane. Das war auch den Rebellen klar, trotzdem opferten sie sich auf – im wahrsten Sinne – und vermochten ihre Hochburg rund zwei Jahre zu verteidigen.
Ein Bericht, vom Verlust eines unscheinbar aber wertvollen Ortes.

Diese Geschichte beginnt nicht in Somalia, nicht in Mogadischu, sondern auf einem Parkfeld in der Lorraine, mit einer Horde Tanzender, einem lichterloh brennenden Grill und Bob Marley.
So brannte sich mir dieser Ort erstmals in mein Bewusstsein. Im Sommer vor zwei Jahren, auf dem Weg ins Lorraine-Bedli. Eine Fest – um 13:30 Uhr – alles laut, alles ausgelassen, alle besoffen, alle bekifft, oder alles beides. Durch den Ghettoblaster hämmerte «Burnin‘ and Lootin‘» – zwei Stunden später, die meisten der Rebellen lagen auf dem Asphalt, mit dem Gesicht nach unten, aber – wenn nicht mit Kotze – mit einem Lächeln auf den Lippen. Damals war der Ort ohne deklarierten Namen, dafür aber meist mit einigen wehenden Fahnen im Fenster – hellblau, ein weisser Stern, verschiedene Formen – die Flaggen somalischer Milizionäre.

In den folgenden beiden Jahren war ich durchschnittlich zwei Mal pro Woche dort – weil nebst dem Weg an die Aare, bei MUKDISHO eben auch ein zu frequentierendes Studio liegt – und das Bild wiederholte sich, ungeachtet von Wetter oder Saison, das Fenster war immer offen, die Leute auch, das Volumen meist am Anschlag, die Polizei auch.

Der Rebellenführer J* war ein Chamäleon – war mal Diplomat, mal Erzieher, war mal am Schlichten, mal selber völlig am Ausrasten – er war wohl ein Schluckspecht, aber keinesfalls ein Wendehals, er war alles andere als ein Opportunist. Er glaubte an diese kaputten Menschen, die hier verkehrten, die er zu sich einlud, obwohl sie seinen Mietvertrag aufs Spiel setzten, er brauchte sie, er war Panafrikaner und er war sicherlich sowas wie ein Posthumanist. J* regierte KLEINE MUKDISHO libertär, es gab wenig Regeln – doch etwas zählte, ein Mensch ein Wort und keinen Stress anfangen, das war die Devise!

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Mit Dänen im Kairo-Keller

Urs Rihs am Freitag den 10. Februar 2017

Gestern Donnerstag im Kairo-Keller, traf sich auf ein Wiedersehen, wer sommerzeits im Garten festete.

Nach einem dieser Nachmittage – lesen im Lorrainebad, auf kalkgehärtetem Frottiertuch liegend, neben Freunden, lachen, baden, rauchen – landeten wir auf der Dachterrasse des Hofs, zum Essen, zum Trinken und zum Hören. Gartenfestival war angesagt.
Beim Kochen noch Lambchop aus den Boxen, dann Anna Calvi, im Sinn schon bei der Trouble. Dann plötzlich, verzerrt durch die Rauchschwaden unseres qualmenden Webers, diese Klänge. Americana, mit staubigem Timbre, Orgel-untermalt, Tindersticks-mässigen Vocals, Wilco Verve, wer zur Hölle…?
Einmal über den Terrassenrad gelugt und die Frage runter zur Mischerin: «Yo Bery, who’s that? Fuckin nice!» Sie: «Hey, hani o nid kennt, so Dänä, heisse DESOTO CAUCUS, si aube mit Giant Sand am Start gsi.» Damnit, klar, kurz etwas Grillasche übers Haupt gestreut, Howe Gelb, war auch schon oft in Bern, Giant Sand: Tucson-Sound – so klingt die Wüste! – Alternative-Country vom Feinsten, und das sind seine Jungs.

Das Konzert von DESOTO CAUCUS trifft uns mitten in die von Sonne, Speis und Trank aufgeweichte Seele, einer dieser Momente – musikinduziertes Endorphinflash, völlig überdosiert…

Schnitt – halbes Jahr später – gestern, wieder in der Lorraine, diesmal in der eisigen aber. Und nicht unter dem freien Himmel, sondern im Keller, im Kairo-Keller. Selbe Truppe, mal sehen wie sich das im Winter macht. Der erste Ton schrammt, die ersten Worte hallen und der Funken springt sofort: DESOTO CAUCUS, empfiehlt sich auch gekühlt.

Die Stimmung ist locker – viele gute Menschen – herzlich, fast euphorisch, trotz der dämpfenden Wetter-Tristesse. Vielleicht der genau richtige Kontrast für diese Truppe, welcher musikalisch die Sonne von Arizona aus dem Allerwertesten scheint. Aber eben, sind ja eigentlich Dänen, die sind auf Du mit Kälte. Auch mit subtiler Ironie und Wortwitz übrigens, die Texte und Arrangements ihrer fragil-dynamischen Stücke sind durchzogen davon. Ein schrulliger Humor – Motor dieser skandinavischen Charmebolzen.

«I hope some of this fun up here, reaches you down there» Raunt Sänger Nikolaj Heyman von der Bühne. «Absolutely!» entfährt es mir.
Eine gute Stunde wird gespielt, Singer-Songwriter Melancholie trifft auf Indie, trifft auf Groove, trifft taktweise auf Funk(!). Wohlüberlegt alles, mit dieser scheinbaren Zufälligkeit, wunderbar unaufgeräumt. Und natürlich blitzt auch hie und da die Lust an Verstärkerwänden auf, schliesslich eine Rockband, wie seitens Musiker verschmitzt versichert wird.

Nach dem Konzert ein kurzes „Bye Guys“ in den Raum gerufen und schnell die Treppe wieder hoch. Arbeit wartet, leider bleibt keine Zeit für ein Zigarettchen danach mit den Herren. Dem einzigen was diesem Konzert im Untergeschoss fehlte, etwas Rauch, auch um Ausdünstungen zu schleiern -Grillrauch hätts getan, aber der nächste Sommer kommt, und DESOTO CAUCUS hoffentlich auf ein ebenso baldiges Wiedersehen.

«DESOTO CAUCUS», gestern im Kairo-Keller.

Berner Beben (2)

Urs Rihs am Sonntag den 29. Januar 2017

Bern Zweitausendundbald. Ein Erdbeben hat die Sandsteinstadt aus den Angeln gehoben und mit ihr Recht und Ordnung. In den Trümmern gedeihts. Eine Fantasie in Fortsetzungen. Szenen in der neuen Stadt.

Berner Beben (1)…In der Kuppelhalle schneit es kleine Papierschnipsel als du eintrittst. Der Boden ist übersät mit Glassplitter und Marmorbruch. Die drei Eidgenossen stehen schief auf ihrem Sockel, Arnold von Melchtals Kopf liegt am Boden. Du folgst der Treppe hoch, geleitet von einem Geruch. Mittelmeer liegt in der Luft: Salz, Fisch, Gewürze.

Im Nationalratssaal rühren Menschen in grossen Pfannen Eintöpfe an, eine Gruppe Secondos aus Spanien und Portugal debattiert über Ingredienzen. Die Stimmung ist ausgelassen.
Du isst den besten Teller Paella deines Lebens und hörst, wie sich Kinder über den Westen der Stadt unterhalten: «Bethlehem hat es nicht ganz so heftig erwischt, dort stehen gar noch ein paar Hochhäuser! Die versuchen da einen Radiosender aufzubauen.» «Ja, ich habs auch gesehen, die haben eine riesige Antenne auf den Wohnturm gehievt!»
Es stimmt also, die Dreieckskooperative scheint sich zu organisieren, bis anhin war nur gerüchteweise davon zu hören. Durch einen alten Polizeifunk am Waisenhausplatz hatte wer das Kredo der Kooperative mitgeschnitten: Eine direkte Aktion mit der Utopie Neu-Bern kulturell zu resetten: Kein Subventionsfilz mehr, keine Grabenkämpfe in der freien Szene, alles multidisziplinär und synergetisch. Mit einem gemeinsamen Organ, einem freien Radio, an drei Orten stationiert.

Dein Plan ist klar, du willst da hin und mittun, diese Chance gibt es nur genau jetzt. Und den Reaktionären muss Paroli geboten werden. Die sind nicht untätig. Kurz nach dem Beben hat sich im Stadttheater die Rebellengruppe «DHP» eingenistet: «Die hochkulturellen Puristen», mit dem Ziel ihre Burg bis aufs blaue Blut zu verteidigen. Ihre markige Losung – Nach dem Zaster, bleibt der Stand! – kursiert auf den wertlosen Geldscheinen, als Mahnmal quasi. Einige riechen schon den Bürgerkrieg zwischen den Rebellen und schwadronierenden K-Kollektiven. Diese versuchen ihrerseits in den Gassen postrevolutionäre Theorien rigoros durchzusetzen und provozieren dabei üble Strassenschlachten. Transparente an Ruinenmauern in der Lorraine mit der Aufschrift «Das Beben zerrüttet seine eigenen Kinder!» zeugen von den Auseinandersetzungen.

Nun denn, du holst dir noch eine Portion Paella zur Stärkung, bedankst dich bei der Vokü-Gruppe und machst dich auf den Weg. An den offenen Adern der Stadt entlang Richtung Bümpliz. Es ist Nacht und bitterkalt, aber du trägst Hoffnung in dir, Hoffnung auf die Versprechen der Dreieckskooperative.

Einer der noch stehenden Wohntürme in Berns Westen, Base der Dreieckskooperative.

Redaktorin die Krstic übernimmt und macht aus der angebrochenen Fantasie eine eigene.
Der Film «Berner Beben» aus dem Jahr 1990 dokumentiert die metaphorischen Erdbeben der Achtzigerjahre und zeigt, dass lebendige Stadtkultur eben Beben braucht. Hier in voller Läng

Berner Beben (1)

Mirko Schwab am Samstag den 21. Januar 2017

Bern Zweitausendundbald. Ein Erdbeben hat die Sandsteinstadt aus den Angeln gehoben und mit ihr Recht und Ordnung. In den Trümmern gedeihts. Eine Fantasie in Fortsetzungen. Szenen in der neuen Stadt.

Als es zu rumoren beginnt und der Gassenboden sich auftut und das Geläut der zitternden Kirchen, als die Leuchtreklamen sich aus den Halterungen lösen, als die Welle gegen den Bahnhof brandet und das Senkeltram in der Waagrechten liegt, als oben und unten durcheinanderkommen in ein paar entrückten Augenblicken – da greift Frau Mülller noch zum Hörer, um sich über den Lärm zu beschweren.

Und da streichst du durch den Staub. Rasch war das Nötigste eingerichtet worden in Zelten und Baracken. Dir gefällt, wie der ganze Wohlstand dafür eingesetzt wurde, das Nötige zu bezeichnen, herzuschaffen und ausnahmslos allen zur Verfügung zu stellen. In der Suppenküche interessiert es niemand, wer du warst vor dem Beben, seit welcher Generation du hier warst, ob du Pfarrer warst oder Hure oder von der Polizei.

Also gehst du furchtlos durch den Staub. Auf der Suche nach deinen Leuten und nach den Plätzen. All die Orte, die du im Schlaf gefunden hättest, die im Schlaf standen seit du dich erinnern kannst, sind jetzt faszinierende Wimmelbilder. In den Zwischenräumen versammeln sich die Bebenskinder und am offenen Thorax der Strassen entsteht, was du zuvor nicht kanntest: echte Öffentlichkeit als Raum für alle. Zu erkunden ziehst du weiter mit den offensten Augen. Die Dämmerung legt sich langsam über die Wimmelbilder, die Bebenskinder entzünden Feuerstellen. Dein Blick folgt den Rauchsäulen und du entdeckst, wie Lichter leuchten in den glaslosen Fenstern des eingefallenen Kuppelbaus, der einst Bundeshaus hiess und noch keinen neuen Namen hat, weil noch nichts einen neuen Namen hat. Du gehst hin und die Tür steht offen.

Redaktor der Urs übernimmt und macht aus der angebrochenen Fantasie eine eigene.
Der Film «Berner Beben» aus dem Jahr 1990 dokumentiert die metaphorischen Erdbeben der Achtzigerjahre und zeigt, dass lebendige Stadtkultur eben Beben braucht. Hier in voller Länge.

Fast ein Rückblick

Urs Rihs am Freitag den 16. Dezember 2016

Sitzend im Burgunder, brütend über Depeschen, fast brechend über die darin verlautbarten Breaking News. Immerhin den besten hausgemachten Eistee der Stadt trinkend, drängt sich mir – neben einem Gefühl von multiplen Frakturen im Hirn – ein Resümee des sich dem Ende zuneigenden heurigen Kalenders auf. 2016 – ein Drecksjahr – und trotzdem, es war nur fast alles schlecht, mindestens bei uns…

Brexit, Trump & Co. – die Geschichte einer interkontinentalen Tragödie – so oder ähnlich können dann die Expertengilden titeln. Die müssen sich dann auch noch ganz anderen Gräueln annehmen und dazu Kritik wursten, ich wünsch denen viel Spass.
In Syrien und der halben Welt fliegt den Leuten ihr Zuhause, Menschenrechte, schlicht ihr ganzes Leben um die Ohren, und sich dieser Absurdität anzunehmen, bedarf auch ein gewisses Mass an Anmassung.
Ich bleib hier lieber bei den Leisten, Kultur und so, heiter weiter feiern, die totale kognitive Dissonanz: «Wie könnt ihr nur?» und warum uns das nur fast vorzuwerfen ist.

Da gibt es Einiges vorzubringen, auf den postfaktischen Zeitgeist gepfiffen – meint der nicht eh nur Borniertheit? – es gibt Fakten, die zählen was!
Unser Städtchen bebte schliesslich, fast das ganze Jahr. Vor Eigeninitiative, aura-katalysierender Lebenslust, Kreativität und Passion. Auf Vollständigkeit hier keinen Anspruch natürlich, aber denkt an das 20 Jahre Jubiläum der lokalen UNIKOM Station RaBe, mit der dazugehörigen Ausstellung im Löscher, an die Skate-Bowl unter der Brücke, welche eben nur fast am Baukredit gescheitert wäre, an die neue Spinnerei in der Felsenau, oder die Zwischennutzungen auf der Warmbächli Brache. Man denke an besetzte Bäume im Breitsch, an das UNA-Festival in der grossen Halle, das eigentliche Stadtfest, zusammen mit dem NO BORDERS NO NATIONS auf der Schützenmatte. Die Heitere Fahne, weht weiterhin, denkt an das Neu-Stadt-Lab Freunde, welches mit D.I.Y. Perlen wie etwa der Solstage funkelte, und denkt natürlich an dieses Lebensgefühl: Aare, Lorrainebad, Fahrrad… Wer da immer noch nur miesepetert und Moralin predigt, hilft niemandem, sich selbst am allerwenigsten.
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