Archiv für die Kategorie ‘Fiction & Facts’

Mit Dänen im Kairo-Keller

Urs Rihs am Freitag den 10. Februar 2017

Gestern Donnerstag im Kairo-Keller, traf sich auf ein Wiedersehen, wer sommerzeits im Garten festete.

Nach einem dieser Nachmittage – lesen im Lorrainebad, auf kalkgehärtetem Frottiertuch liegend, neben Freunden, lachen, baden, rauchen – landeten wir auf der Dachterrasse des Hofs, zum Essen, zum Trinken und zum Hören. Gartenfestival war angesagt.
Beim Kochen noch Lambchop aus den Boxen, dann Anna Calvi, im Sinn schon bei der Trouble. Dann plötzlich, verzerrt durch die Rauchschwaden unseres qualmenden Webers, diese Klänge. Americana, mit staubigem Timbre, Orgel-untermalt, Tindersticks-mässigen Vocals, Wilco Verve, wer zur Hölle…?
Einmal über den Terrassenrad gelugt und die Frage runter zur Mischerin: «Yo Bery, who’s that? Fuckin nice!» Sie: «Hey, hani o nid kennt, so Dänä, heisse DESOTO CAUCUS, si aube mit Giant Sand am Start gsi.» Damnit, klar, kurz etwas Grillasche übers Haupt gestreut, Howe Gelb, war auch schon oft in Bern, Giant Sand: Tucson-Sound – so klingt die Wüste! – Alternative-Country vom Feinsten, und das sind seine Jungs.

Das Konzert von DESOTO CAUCUS trifft uns mitten in die von Sonne, Speis und Trank aufgeweichte Seele, einer dieser Momente – musikinduziertes Endorphinflash, völlig überdosiert…

Schnitt – halbes Jahr später – gestern, wieder in der Lorraine, diesmal in der eisigen aber. Und nicht unter dem freien Himmel, sondern im Keller, im Kairo-Keller. Selbe Truppe, mal sehen wie sich das im Winter macht. Der erste Ton schrammt, die ersten Worte hallen und der Funken springt sofort: DESOTO CAUCUS, empfiehlt sich auch gekühlt.

Die Stimmung ist locker – viele gute Menschen – herzlich, fast euphorisch, trotz der dämpfenden Wetter-Tristesse. Vielleicht der genau richtige Kontrast für diese Truppe, welcher musikalisch die Sonne von Arizona aus dem Allerwertesten scheint. Aber eben, sind ja eigentlich Dänen, die sind auf Du mit Kälte. Auch mit subtiler Ironie und Wortwitz übrigens, die Texte und Arrangements ihrer fragil-dynamischen Stücke sind durchzogen davon. Ein schrulliger Humor – Motor dieser skandinavischen Charmebolzen.

«I hope some of this fun up here, reaches you down there» Raunt Sänger Nikolaj Heyman von der Bühne. «Absolutely!» entfährt es mir.
Eine gute Stunde wird gespielt, Singer-Songwriter Melancholie trifft auf Indie, trifft auf Groove, trifft taktweise auf Funk(!). Wohlüberlegt alles, mit dieser scheinbaren Zufälligkeit, wunderbar unaufgeräumt. Und natürlich blitzt auch hie und da die Lust an Verstärkerwänden auf, schliesslich eine Rockband, wie seitens Musiker verschmitzt versichert wird.

Nach dem Konzert ein kurzes „Bye Guys“ in den Raum gerufen und schnell die Treppe wieder hoch. Arbeit wartet, leider bleibt keine Zeit für ein Zigarettchen danach mit den Herren. Dem einzigen was diesem Konzert im Untergeschoss fehlte, etwas Rauch, auch um Ausdünstungen zu schleiern -Grillrauch hätts getan, aber der nächste Sommer kommt, und DESOTO CAUCUS hoffentlich auf ein ebenso baldiges Wiedersehen.

«DESOTO CAUCUS», gestern im Kairo-Keller.

Berner Beben (2)

Urs Rihs am Sonntag den 29. Januar 2017

Bern Zweitausendundbald. Ein Erdbeben hat die Sandsteinstadt aus den Angeln gehoben und mit ihr Recht und Ordnung. In den Trümmern gedeihts. Eine Fantasie in Fortsetzungen. Szenen in der neuen Stadt.

Berner Beben (1)…In der Kuppelhalle schneit es kleine Papierschnipsel als du eintrittst. Der Boden ist übersät mit Glassplitter und Marmorbruch. Die drei Eidgenossen stehen schief auf ihrem Sockel, Arnold von Melchtals Kopf liegt am Boden. Du folgst der Treppe hoch, geleitet von einem Geruch. Mittelmeer liegt in der Luft: Salz, Fisch, Gewürze.

Im Nationalratssaal rühren Menschen in grossen Pfannen Eintöpfe an, eine Gruppe Secondos aus Spanien und Portugal debattiert über Ingredienzen. Die Stimmung ist ausgelassen.
Du isst den besten Teller Paella deines Lebens und hörst, wie sich Kinder über den Westen der Stadt unterhalten: «Bethlehem hat es nicht ganz so heftig erwischt, dort stehen gar noch ein paar Hochhäuser! Die versuchen da einen Radiosender aufzubauen.» «Ja, ich habs auch gesehen, die haben eine riesige Antenne auf den Wohnturm gehievt!»
Es stimmt also, die Dreieckskooperative scheint sich zu organisieren, bis anhin war nur gerüchteweise davon zu hören. Durch einen alten Polizeifunk am Waisenhausplatz hatte wer das Kredo der Kooperative mitgeschnitten: Eine direkte Aktion mit der Utopie Neu-Bern kulturell zu resetten: Kein Subventionsfilz mehr, keine Grabenkämpfe in der freien Szene, alles multidisziplinär und synergetisch. Mit einem gemeinsamen Organ, einem freien Radio, an drei Orten stationiert.

Dein Plan ist klar, du willst da hin und mittun, diese Chance gibt es nur genau jetzt. Und den Reaktionären muss Paroli geboten werden. Die sind nicht untätig. Kurz nach dem Beben hat sich im Stadttheater die Rebellengruppe «DHP» eingenistet: «Die hochkulturellen Puristen», mit dem Ziel ihre Burg bis aufs blaue Blut zu verteidigen. Ihre markige Losung – Nach dem Zaster, bleibt der Stand! – kursiert auf den wertlosen Geldscheinen, als Mahnmal quasi. Einige riechen schon den Bürgerkrieg zwischen den Rebellen und schwadronierenden K-Kollektiven. Diese versuchen ihrerseits in den Gassen postrevolutionäre Theorien rigoros durchzusetzen und provozieren dabei üble Strassenschlachten. Transparente an Ruinenmauern in der Lorraine mit der Aufschrift «Das Beben zerrüttet seine eigenen Kinder!» zeugen von den Auseinandersetzungen.

Nun denn, du holst dir noch eine Portion Paella zur Stärkung, bedankst dich bei der Vokü-Gruppe und machst dich auf den Weg. An den offenen Adern der Stadt entlang Richtung Bümpliz. Es ist Nacht und bitterkalt, aber du trägst Hoffnung in dir, Hoffnung auf die Versprechen der Dreieckskooperative.

Einer der noch stehenden Wohntürme in Berns Westen, Base der Dreieckskooperative.

Redaktorin die Krstic übernimmt und macht aus der angebrochenen Fantasie eine eigene.
Der Film «Berner Beben» aus dem Jahr 1990 dokumentiert die metaphorischen Erdbeben der Achtzigerjahre und zeigt, dass lebendige Stadtkultur eben Beben braucht. Hier in voller Läng

Berner Beben (1)

Mirko Schwab am Samstag den 21. Januar 2017

Bern Zweitausendundbald. Ein Erdbeben hat die Sandsteinstadt aus den Angeln gehoben und mit ihr Recht und Ordnung. In den Trümmern gedeihts. Eine Fantasie in Fortsetzungen. Szenen in der neuen Stadt.

Als es zu rumoren beginnt und der Gassenboden sich auftut und das Geläut der zitternden Kirchen, als die Leuchtreklamen sich aus den Halterungen lösen, als die Welle gegen den Bahnhof brandet und das Senkeltram in der Waagrechten liegt, als oben und unten durcheinanderkommen in ein paar entrückten Augenblicken – da greift Frau Mülller noch zum Hörer, um sich über den Lärm zu beschweren.

Und da streichst du durch den Staub. Rasch war das Nötigste eingerichtet worden in Zelten und Baracken. Dir gefällt, wie der ganze Wohlstand dafür eingesetzt wurde, das Nötige zu bezeichnen, herzuschaffen und ausnahmslos allen zur Verfügung zu stellen. In der Suppenküche interessiert es niemand, wer du warst vor dem Beben, seit welcher Generation du hier warst, ob du Pfarrer warst oder Hure oder von der Polizei.

Also gehst du furchtlos durch den Staub. Auf der Suche nach deinen Leuten und nach den Plätzen. All die Orte, die du im Schlaf gefunden hättest, die im Schlaf standen seit du dich erinnern kannst, sind jetzt faszinierende Wimmelbilder. In den Zwischenräumen versammeln sich die Bebenskinder und am offenen Thorax der Strassen entsteht, was du zuvor nicht kanntest: echte Öffentlichkeit als Raum für alle. Zu erkunden ziehst du weiter mit den offensten Augen. Die Dämmerung legt sich langsam über die Wimmelbilder, die Bebenskinder entzünden Feuerstellen. Dein Blick folgt den Rauchsäulen und du entdeckst, wie Lichter leuchten in den glaslosen Fenstern des eingefallenen Kuppelbaus, der einst Bundeshaus hiess und noch keinen neuen Namen hat, weil noch nichts einen neuen Namen hat. Du gehst hin und die Tür steht offen.

Redaktor der Urs übernimmt und macht aus der angebrochenen Fantasie eine eigene.
Der Film «Berner Beben» aus dem Jahr 1990 dokumentiert die metaphorischen Erdbeben der Achtzigerjahre und zeigt, dass lebendige Stadtkultur eben Beben braucht. Hier in voller Länge.

Fast ein Rückblick

Urs Rihs am Freitag den 16. Dezember 2016

Sitzend im Burgunder, brütend über Depeschen, fast brechend über die darin verlautbarten Breaking News. Immerhin den besten hausgemachten Eistee der Stadt trinkend, drängt sich mir – neben einem Gefühl von multiplen Frakturen im Hirn – ein Resümee des sich dem Ende zuneigenden heurigen Kalenders auf. 2016 – ein Drecksjahr – und trotzdem, es war nur fast alles schlecht, mindestens bei uns…

Brexit, Trump & Co. – die Geschichte einer interkontinentalen Tragödie – so oder ähnlich können dann die Expertengilden titeln. Die müssen sich dann auch noch ganz anderen Gräueln annehmen und dazu Kritik wursten, ich wünsch denen viel Spass.
In Syrien und der halben Welt fliegt den Leuten ihr Zuhause, Menschenrechte, schlicht ihr ganzes Leben um die Ohren, und sich dieser Absurdität anzunehmen, bedarf auch ein gewisses Mass an Anmassung.
Ich bleib hier lieber bei den Leisten, Kultur und so, heiter weiter feiern, die totale kognitive Dissonanz: «Wie könnt ihr nur?» und warum uns das nur fast vorzuwerfen ist.

Da gibt es Einiges vorzubringen, auf den postfaktischen Zeitgeist gepfiffen – meint der nicht eh nur Borniertheit? – es gibt Fakten, die zählen was!
Unser Städtchen bebte schliesslich, fast das ganze Jahr. Vor Eigeninitiative, aura-katalysierender Lebenslust, Kreativität und Passion. Auf Vollständigkeit hier keinen Anspruch natürlich, aber denkt an das 20 Jahre Jubiläum der lokalen UNIKOM Station RaBe, mit der dazugehörigen Ausstellung im Löscher, an die Skate-Bowl unter der Brücke, welche eben nur fast am Baukredit gescheitert wäre, an die neue Spinnerei in der Felsenau, oder die Zwischennutzungen auf der Warmbächli Brache. Man denke an besetzte Bäume im Breitsch, an das UNA-Festival in der grossen Halle, das eigentliche Stadtfest, zusammen mit dem NO BORDERS NO NATIONS auf der Schützenmatte. Die Heitere Fahne, weht weiterhin, denkt an das Neu-Stadt-Lab Freunde, welches mit D.I.Y. Perlen wie etwa der Solstage funkelte, und denkt natürlich an dieses Lebensgefühl: Aare, Lorrainebad, Fahrrad… Wer da immer noch nur miesepetert und Moralin predigt, hilft niemandem, sich selbst am allerwenigsten.
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Genossen №6: Eminem

Mirko Schwab am Mittwoch den 16. November 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Marshall Mathers battlet doch.

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Auch einer, der die 8 Meilen schon hinter sich hat, muss sich bei den 3 Eidgenossen noch beweisen.

Lueg, wenn du einen Schuss hättest
oder eine Gelegenheit, mit einem Moment alles zu greifen, was du je haben wolltest –
würdest du es packen oder alles schleifen lassen?

Ich sitze, wo ich immer sitze und trinke, was ich immer trinke. In dieser Beiz bleibt alles gleich, auch wenn die Welt sich übergibt. Die Europäische Union könnte auseinanderbrechen (dringendste Frage: Was passierte mit bereits gelösten Interrail-Pässen?), dieses Blog könnte eingestellt werden (dringendste Frage: wohin mit all dem Geld?) oder irgendein Oligarch zum mächtigsten Mann der Welt gewählt werden (dringendste Frage: … the fuck?) – die Stange im 3 Eidgenossen bliebe, was sie immer schon war, die Jukebox spielte, was sie immer schon tat und die Runde bespräche, was sie immer schon beschäftigte. Also Stadtpolitik.

Ursula «Willary» Wyss, Verkörperin der alten Ordnung, des netten rotgrünen Establishments? Die wutbürgerlichen Herausforderer? The Erich, abgetan als Clown und jetzt bereit zur grossen Machtübernahme, ganz in der Tradition weltweiter Nostalgiegelüste nach schlechtfrisierten Faschos? Wird der Mattenhof entscheiden als Swing-Quartier? Oder der Rüst-Belt – agglonahe, um den eigenen Mittelstand bangende Stadtteile, wo es noch Hausfrauen gibt, die die Küche alleine schmeissen müssen? Oder doch die Burger? Weil die immerhin noch wissen, wie man diese alte, knarrende Stadt regiert in liebgemeinter Aristokratie?

Und so hör ich mich etwas um und übersehe, wie dieser unscheinbare blasse Junge zur Tür hineintritt. Die hochgezogene Kapuze des mit reichlich Marge getragenen Pullovers wirft einen Schatten über sein Gesicht, das ich erst dann erkenne, als es schon vor mir aufgeht wie ein bleicher, freundlicher Supermond. Will er battlen? Und: Würde ich zupacken oder alles schleifen lassen?

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Zugezogen: #2 «The Uganda-Truebschachen-Buchsi Gang»

Urs Rihs am Samstag den 5. November 2016

Unsere Stadt lebt auch von Zugezogenen, vom Land, vom Ausland oder gar St.Gallen. Hier gibt es Geschichten dazu, Angereiste und ihr kulturelles Erbe und warum Bern sie braucht.

Am Mittwoch vor einer Woche war Cup und da man am Wochenende die Hoppers schon mal weggeputzt hatte, konnte gar ich als gernegross-YB-Fan wieder mal den Gang ins Wankdorf wagen. Zumal der Panzer am Mittag angerufen hatte und Matchbesuche mit dem Panzer gleichbedeutend sind mit Eskalation, Spass und Exzess. Darum kurzerhand gegen den gemütlichen Radio Bollwerk Abend im Kapitel entschieden und rein in den 20er Bus.

Vor dem Stadion treffen wir auf weitere Freunde: Tonio, Päscu und KabuKöbu, ein illustres Grüppchen. Köbu wird zudem von seiner neuen Freundin begleitet, welche sich als «Allen» vorstellt und aus Uganda stammt. Wir smalltalken erstmals eine Runde. In hölzernem Englisch versuche ich Afrika-Europa-Fettnäpfchen zu umschiffen, klappt nur so halbwegs, wir kippen darum zur Zungenlockerung noch eine Dose – danke Tonio – und begeben uns daraufhin ins D4.
Das Spiel nimmt schnell Fahrt auf; YB liegt nach 20 Minuten 2:0 vorne und wir können uns somit den wichtigen Dingen im Stadion widmen: Wer holt die nächste Runde, Regel-Fachsimpeleien – obwohl wir keine Ahnung haben – und sowieso Trashtalk. Wir schwelgen, gute Stimmung allenthalben, König Fussball: Eduardo Galleano: «El fútbol a sol y sombra».
Trotz todlangweiliger Liga, inkompetenten Führungsriegen in den Oberstuben und idiotisch hoch aufgelöster Überwachungskameras; solange in den Kurven noch unscharfe Ränder für Leidenschaft und Taumel bleiben, wird dieses Gefühl leben.
Die zweite Halbzeit ist etwas neblig, Allen hat ugandischen Gin in kleinen Plastikbeutel mitgebracht – wahlweise mit Kokosaroma – und der Panzer bringt statt YB-Wurst Gelbe-Wurst, tolle Kombo. Endresultat: 5:0 und mittlere Schlagseite. Nach dem Spiel beschliessen wir noch etwas weiterzuziehen, die Brass in der Lorraine wird kurzerhand ins Visier genommen, und dann los von Rom.
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Genossen №5: Thom Yorke

Mirko Schwab am Mittwoch den 2. November 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Thom Yorke feiert die Schweizer Szene.

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Thom Yorke hört ausschliesslich Schweizer Popmusik, der kleine Dieb.

Unten ist voll. Und weil ich heute grad keinen Bock habe auf solche vollen Gespräche über die Lage der Nation, über Wahlen («die Österreicher, die machens halt schlechter») und den erlahmenden Wintertourismus («die Österreicher, die machens halt besser») ziehe ich mich ins Fumoir zurück. Das Fumoir bei den Eidgenossen ist das letzte Refugium in dieser plappernden Welt. Eine Oase für Herz, Kopf und Lunge. Den Billardtisch bespielt man konzentriert und also meist schweigend, die Jukebox an der Wand tut das übrige: übertönt Witz und Geistesblitz der Leute mit Hitz und Shitz von gestern und heute. Ich werfe eine Handvoll Münzen ein und streife durch die Auswahl. Bei «Campari Soda» von Taxi bleibe ich hängen und kehre zurück an mein Tischchen, wo mein Kaffee vor sich hinfriert. Der Ventilator summt leise.

Mitten im Saxophonsolo öffnet sich die Tür und einer setzt sich hin, ein schmächtiger Typ mit fädigem Haar. Aus blödem Reflex fingere ich in meiner Hosentasche etwas Kleingeld zusammen. Er zwinkert mir durch den Raum zu, ich starre leer zurück. Ein paar Minuten lang geht das so. Und als er immer noch zu zwinkern scheint, merke ich, dass es Thom Yorke sein muss, winke ihn zu mir herüber – Zeit für ein kleines Interview, Brudi, das packst du, ist ja nur einer der besten lebenden Songschreiber und nicht zu sehr aufs Auge starren.

Soll ich den Stecker der Jukebox ziehen? Ist immer so laut, das tötet ja jedes Gespräch …

Auf keinen Fall – I love this song! Weisst du, als ich meinen ersten Hit schrieb, habe ich dieses Lied zwanzigmal am Tag gehört. Es gibt sogar Leute, die behaupten, dass man das höre. Grosser Unfug natürlich, ein wahrer Künstler schöpft zunächst aus sich selbst. But I definitively love this Song. Und sowieso bin ich obsessed mit Musik aus der Schweiz.

Du hörst Schweizer Musik?

Eigentlich nur. Kennst du Gölä?

G …?

Kleiner Scherz, just joking, mate. Aber es gibt wirklich viel verdammt gute Künstler hier bei euch. In England und Amerika wollen eigentlich alle nur klingen wie Radiohead, but this is obviously not gonna work. Aber ihr habt eben nur ein shitty radio (SRF3, Behauptung der Red.), so you are using your own heads – get it?

Joa. Weil wir die gute internationale Popmusik nicht kennen (Radio zum Glück!), machen wir halt eigene. Aber die Isländer, Österreicher, Schweden, die machen Pop aus Kleinstaaten im Grossformat. Aber wir?

Ach, weiss du was: die Isländer haben ja wohl vor allem Björk, die geht mir auf den Sack. Aus Österreich ists mir immer ein bisschen zu funky und die Schweden leiden am «ABBA-Gen». Sooner or later klingt jeder Song nach ABBA, spätestens im Refrain wollen die nen Gassenhauer schreiben, aber das haut nicht hin. Nein, trust me, to swiss pop music belongs the future.

Wenn du meinst. Dann mach mal ne kleine Thom Yorke’s Finest-Playlist für einen Tag, damit sich unsere Leserschaft was darunter vorstellen kann.

Okay, ich stehe früh auf und mach Kaffee, manchmal rufe ich einen alten Freund an und frage, was ihn gerade bewegt im Leben, zupfe was aus der Gitarre, wenns ihm gut geht oder schlecht, alles Gute wünsch ich ihm. Und les Zeitung, Europa im Taumel, wann hat eigentlich alles angefangen, so schief zu laufen? Sollten wir besser den Laden dicht machen und aufbrechen zu neuen Planeten, zum Mars? Is this the modern age? Das macht mich trüb. Und so sehe ich nach meiner Frau und tanze mit ihr durchs Wohnzimmer, sage ihr, dass ich sie liebe, mehr als sonst jemanden. Ich muss bald los, Dämmerung, als läge die Stadt unter einem violetten Trichter, ich irre durch die Strassen. Als ich ankomme, hängt schon der Mond und ich lass mich ein auf diesen Tanz mit Fremden, die grosse Flucht. Something like that?

Nice. Vielen Dank für die Empfehlungen. So klingt das also in der Schweiz.

(Wir geben uns noch ein paarmal «Campari Soda» und schliesslich gesteht er, dass er die Harmonien wirklich geklaut hat. Ein feiner Herr.)

Genossen №4: Falco

Mirko Schwab am Mittwoch den 26. Oktober 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Falco hilft.

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Falco: der erste weisse Rapper, der letzte schwarze Magier?

Du graue Stadt. Deine Sandsteinmauern graben sich ins Gemüt. So, wie sie sich in deine Pflastersteingassen graben, in müder Rücklage und innerlich absackend. Ich kann jeden verstehen, der sich in eine sonnige türkische Hafenstadt fortträumt. Auch wenn es die Ex-Freundin ist, auf der Suche nach besseren Zeiten. Im kalten Kaffee spiegelt sich meine trübe Feige, als wollte mir selbst die Tasse bedeuten, dass da nicht viel mehr ist als Selbstmitleid. Schau dich an oder trink mich aus, aber bitter ist es eh.

«Gspritzt.» Ich hebe den Blick und sehe schwarze Lackschuhe, einen schwarzen Mantel und schwarzes, streng frisiertes Haupthaar, das mit den Schuhen um die Wette glänzt. Den Weisswein hält er in der Hand und dreht sich um. Mit dem Rücken zum Tresen schaut er in meine Richtung, deutlich über mich hinweg aber und grinst. Über mir ist der grosse Spiegel aufgehängt. Und als ich realisiere, dass auch er sein eigenes Spiegelbild mustert, dass, egal wie hoch oder tief der Kopf, er sich spiegeln will irgendwodrin, da muss ich lächeln, da muss ich den Bemantelten anlächeln, ein Gruss unter Narzissten. Er schaut mich an, erwidert den Wink und tritt an meinen Tisch. «My name is Falco und du siehst aus, als solltest du etwas anderes trinken als Kaffee.» Er sagt das mit ruhiger, warmer Stimme, als müsste er mir den Weg zeigen, raus aus dem Wald, out of the dark ins Licht. «Eigentlich müssig, den Spiegel an die Wand zu hängen, wenn man ihn auch flach vor sich auf dem Tisch haben kann.» Das schneeweisse Grinsen. Er schnippst nach der Barfrau und verschwindet auf der Toilette. Ich nehme den teuren Whiskey entgegen und bedanke mich verdutzt. Einen Schluck später sitzt er wieder da. «Die Frauen, nicht?» Ich nicke. Sie seien gefährlich sagt er, alle, alle ausser seiner Mutter natürlich. Er setzt an zu einem Monolog um ein seltsames Frauenbild, einer in sich unlogischen, aber rhetorisch brillant vorgetragenen Unterscheidung zwischen Mütter und Frauen und Töchter und Girls, ich hänge ab. Er hat eigentlich eine recht grosse Nase, dieser Falco. Das Geplapper fädelt aus, vielleicht, weil ich etwas fest auf seine Nase starre. Wir schweigen uns kurz aus, dann verschwindet er wieder und als er zurückkehrt, erliege ich der Versuchung schon wieder, glotze seine Nase an. Was für eine Nase! Sie ist doch noch grösser als zuvor und er trägt weiter vor, als wär ich ganz Ohr. Aber er ist ganz Nase. Meine Güte, diese Nase. Toilette. Die Dinge in der Bar verschwimmen. Toilette. Wo ist sein Gesicht hin, da ist nur noch Nase, Nase allenthalben. Toilette. Ich schlage die Augen auf, wo ist die Bar? Wo ist mein Glas? Eine riesige Nase gluckst vor sich hin, laut und ordinär. Wo ist er hin? Ein riesiger Nasenflügel, ein riesiges Nasenloch. Ich muss ihn finden, denke ich in meinem Wahn und klettere in das Nasenloch hinein.

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Zugezogen: #1 «Über Nacht gebaut»

Urs Rihs am Samstag den 15. Oktober 2016

Unsere Stadt lebt auch von Zugezogenen, vom Land, vom Ausland oder gar St.Gallen. Hier gibt es Geschichten dazu, Angereiste und ihr kulturelles Erbe und warum Bern sie braucht.

Freitagabend sass ich zuhause und hörte mir – begleitet von einem kulturpessimistischen Schub – irgendwelchen russischen Coldwave aus den 80ern an, was dazu führte, dass ich meine komplette Scherbensammlung wechselweise als hilflose Anhäufung von synthetischen Emotionen oder als hedonistischen Dünkel empfand. Im Netz lief zudem nur Cloudrap, was – angesichts meiner leeren Codeinbestände – zu noch grösserer Verstimmung führte. Ich musste also raus, schmiss den alten Schweden an und fuhr in die Lorraine zu meinem türkischen Freund B. Um Trost zu suchen in seinen Erzählungen, seinen Geschichten und in anatolischer Volksmusik.

Gecekondu Skizze by «der urs illustration»
B. serviert Tee und Raki, was schnell zu einer wattigen Atmosphäre führt, mein Selbstmitleid verfliegt und ein wohlig-warmes Gefühl macht sich breit. Aus der Stereoanlage perlt Brenna Maccrimmon – die Kanadierin, welche 1981 in einer Bücherei per Zufall eine türkische Folkplatte fand und danach Toronto Richtung Istanbul verliess, um diese Musik selber spielen zu lernen – wunderschöne Musik. «Mittlerweile ist Maccrimmon einer der grössten Namen in der zeitgenössischen Szene, begeistert gar Traditionalisten», wie mir B. erklärt.

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Genossen №3: Lenin

Mirko Schwab am Freitag den 14. Oktober 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Lenin kollektiviert.

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Das Erinnerungsfoto. Lenin bevorzugt Schwarzweiss, wegen des Teints und überhaupt finde er dieses Technicolor-Zeugs «imperialistischen Hippie-Kram.» Die Aufforderung, sich ganz natürlich zu geben, quittiert er mit der abgebildeten Pose.

Draussen Nieselregen, drinnen reges Niesen. Eine verschnupfte Bar sitzt über ihrem Tee-Rum und lüpft sich die Laune mit Gesprächen über die Young Boys oder den Islamischen Staat. Mein Kaffee ist erkaltet und als ich so bei mir über die metaphorische Bedeutung kalten Kaffees nachdenke, platzt er herein mit einem türaufreisserischen Knall. Lenin. The boy is back in town.

Etwas inszeniert und als hätte er sich schon beim Velo-Anketten darauf gefreut, durchschneidet er die Bar mit strammem Schritt. Den Blick hält er hoch, sodass der Spitzbart immer waagrecht zum Boden nach vorne weist. Vorwärts! In die Zukunft! Zur Toilette. Bei den Eidgenossen bricht sich solcherlei geckenhaftes Gebaren eben schnell am bodenständigen Spuntenalltag, am Ende der Stube ist nichts anderes als das Scheisshaus. Der alte Haudegen aber macht kehrt, fräst noch einmal durch den Raum und verschwindet nach dem Fumoir in der oberen Etage. Einer mit Mission, denke ich, und noch ehe ich mich mit dem Spuderschluck anfreunden kann, baut er sich schon wieder im Parterre auf. Fertig Visite, er klettert auf einen Tisch und holt aus: «Genossen! Ich habe mich umgesehen und muss euch befreien! Hört mich an: Nur die Oberen dürfen rauchen, Billard spielen und ihre eigene Musik! Ihr aber, ihr lasst euch knechten auf dem Niveau der Gosse! Und die Grundbesitzer machen euch taub und tumb mit dem Alkohol, den sie euch auch noch verkaufen!» Oha.

Der Applaus bleibt aus und einer murmelt, der Alte solle die Milch mal ein wenig runtergeben. Sichtlich irritiert steigt Lenin wieder herab von seiner provisorischen Bühne, der Spitzbart zeigt jetzt auf die Brust. Da, wo es einen schmerzt, wenn keine Sau zuhört. Und wohl weil ich als einziger der Showeinlage ein bisschen Beachtung gewidmet habe, setzt er sich zu mir. Natürlich bitte ich ihn um ein Interview. Er schüttelt den Kopf und sagt, er stelle die Fragen. Wie ich also heisse, aha Mirko, aber nein, ich sei nicht slavischer Abstammung, Modename halt. Nein, mein Vater und auch mein Grossvater hätten auch nicht so geheissen.

In welcher Fabrik arbeitest du, Miroslav?

Fabrik?! Ich schreibe für «KulturStattBern», ein Blog (wie soll ich ihm das bloss andrehen?) ein Organ zur Aufkärung des Volkes, jawohl.

Wieviel verdienst du, Miroslav?

In der Schweiz reden wir nicht über Geld … Ja gut, es ist nicht sehr viel – aber es macht Spass. Und ist es nicht das, was zählt, Vladi?

Nein. Und nenn mich nicht Vladi. Wieviel verdient dein Chef?

Es gibt zwei. Frau Feuz, also die verdient nicht mehr als ich. (Sozialistisches High-Five?) Und oben im Verlag, in Zürich, da verdienen sie schon mehr, haben aber auch mehr Stress und so. Wegen Clickbaiting und so. Und wieso darf ich dich eigentlich nicht Vladi nennen – du heisst ja gar nicht wirklich Lenin, Mr. Владимир Ильич Ульянов! Wieso nennst du dich überhaupt Lenin?

Weisst du wie Falco eigentlich heisst? Johann Hölzel. Also. Ich muss jetzt weiter, muss mir diesen Tamawda-Verlag ansehen. Rechne mit der Befreiung, Miroslav! Aus den lodernden Flammen wird ein neuen Haus entstehen, ein Verlag der Arbeiter, des Volkes! Und diese Frau Feuz, die nehm ich gleich mit. Macht ihr doch heute so, dass Frauen auch Politik machen dürfen, oder?

Ja.

Geilo.

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