Archiv für die Kategorie ‘Eins auf die Ohren’

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag den 19. Februar 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Photokredit: Rôgn H.

Es lag in der Luft und dann ist es explodiert.
Leute flogen durch den Raum, Bier, ein Stuhl. Einer hing am Lichtgebälk.
Scheinwerfer ein für den Bassderwisch Bit, Scheinwerfer ein für den göldenen Chronisten.
Liebe in Zeiten vom kommenden Alltag.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück. Kommt halt auch drauf an, wann man wieder essen kann.

Glossolalie in der Grosstadt

Mirko Schwab am Mittwoch den 15. Februar 2017

Es war kalt, aber sie hatten Rum: Die Ber(li)ner Gruppe 13 Year Cicada dropt mit dem ersten Langspiel ein wunderlich schönes DIY-Video.

Jaja, da gibts terminologisch schon nach der Kopfzeile einiges zu hinterfragen. Und das hat nicht mal mit der Alkoholverherrlichung zu tun. Problem eins: «Ber(li)ner» – müffelt natürlich verdächtig nach zugezogen Friedrichshain Strich ausgewandert Breitenrain. (Raute endlichkreativ.) Problem zwei: «Do It Yourself!» Was bezeichnen wir damit? Ein Verfahren, eine Ästhetik oder eine Haltung? Also schön der Reihe nach.

Sängerin und Querkopf Zooey Agro jedenfalls ist wirklich aus Berlin. Ihre Band auch. Dass aber «Milk», so heisst die Single des eben erschienenen Debuts, jetzt im Freakblog Ihres Vertrauens abgefeiert wird, hat mit der Berner Wohnung der Sängerin zu tun. Frau Agro zieht ihre Kreise zurzeit nämlich in der Sandssteinstadt. Das hiesige Kulturleben dankt und die geografischen Trivialitäten wären geklärt – drum let’s talk video. Dahinter steckt die Filmschaffende Işıl Karataş und ein kleines Team, das sich in einer saukalten  Winternacht aufmachte, den Berliner Strassenverkehr zu lenken.

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Wo ist Gaudenz?!

Gisela Feuz am Montag den 13. Februar 2017

Kommendes Wochenende kommen Hörfetischisten auf ihre Kosten: Im Kino Rex wird beim 7. sonOhr Festival Ohrensex Audiokunst geboten. Form und Inhalte der Wettbewerbsbeiträge sind vielfältig. Es gibt Features, Dokumentationen, Reportagen und Klangcollagen in Deutsch, Französisch und Italienisch zu hören, die sich unter anderem um Kühe am Schönheitswettbewerb, den schweren Umgang mit Demenz oder die vermeindliche Mutation von Getreidekörnen drehen. Ausserdem wird mit «Nosferatu reloaded» ein Live-Hörspiel fabriziert und bei den Hörgames «Blowback – Der Auftrag» und «Polder – become a story» kann das Publikum gar selber mittun.

Der Blick ins Programm verrät, dass dieses Jahr einer fehlt. Ein Kurzhörspielmacher, der sonst bei sonOhr immer dabei ist. Einer, der in schönster Do-it-yourself-Manier vom Texten übers Komponieren und Pegeln alles selber übernimmt und dann auch noch gleich alle Rollen einspricht und zwar in unterschiedlichen Dialekten. Einer, dessen Beiträge humortechnisch, nun ja, vielleicht nicht jedermanns Sache sind, der aber andererseits gerade wegen seiner kindlichen Experimentierfreude und dem niederschwelligen «Gott, du bisch ä blöde Siech»-Humor über eine eingefleischte, weltumfassende Fangemeinde verfügt (Matto Kämpf und Frau Feuz). Gaudenz Trüeb, wo bist du? Dir ist doch hoffentlich nichts zugestossen, oder?! Und gell, nächstes Jahr kommt wieder was von dir? Einfach bitte nicht über Raclette. Sonst kann man das dann auch nicht mehr essen.

Das sonOhr Festival findet vom 17. – 19. Februar im Kino Rex statt, mehr zu Gaudenz Trüeb können Sie hier in Erfahrung bringen.

 

Schon mancher Traum

Mirko Schwab am Samstag den 28. Januar 2017

Ein rastloser, einsamer Wolfshund, nächtliche Leere auf dem Asphalt der Aussenquartiere. Die neue Migo Buzz-Single als beeindruckendes Reifezeugnis in Bild und Ton.

«You better run, when you hear the sirens coming.»

Seit dem überkochenden Saviours Of Soul-Hype dürfen die Untergrundhelden der Chaostruppe schon fast zu den Szenevätern gezählt werden. Eng damit verwachsen ist der Rapper Migo, der die Truppe seit ihrer Zusammenrottung mit den technisch wendigsten und textlich vielschichtigsten Parts anführt.

Als Solist kommt er stets zu zweit. Der kongeniale Schaffenspartner Buzz zeichnet verantwortlich für Videos und Beats – und obwohl als wortloser Akteur im Hintergrund und an der Youtube-Oberfläche, steht ihm der prominente Platz in der Interpretenzeile fraglos zu. Auch er hat sich über die Jahre Meisterschaft erarbeitet auf seinen Gebieten, davon zeugt die konsequente Videoproduktion «Schlaflos in Bärn» mit stilistischer Unaufgeregtheit. Und davon zeugt die bittersüsse Vorstadtatmosphäre, die er im Beat widerzuspiegeln vermag, davon zeugt der pointierte Einsatz der Hookline als down-pitch-Entlehnung von Jorja Smith mal Dizzie Rascal. Und nicht zuletzt die satte Produktion: eine Snare, die knallt und Hats, die sitzen.

Textlich bewegt sich Migo durchs Aussenquartier seiner Sozialkritik, wo die Wahrheiten der Leistungs- und Selbstoptimierungs-Gesellschaft an verkratzem Plexiglas zerscherbeln. Die Biographien der Gescheiterten, Gefangenen und Ge*ickten sind immer noch das beste Argument wider die einfachen Losungen. Jeder ist seines Glückes eigener Schmied – doch auf dem Amboss des Systems ist schon mancher Traum verglüht.

Dass das nicht nach marxistischem Lesekreis klingt, ist den poetischen Bildern zu verdanken, die Migo bei aller Wut mit Sorgfalt in den Text flicht. Das sind nicht Sätze wie Pflastersteine. Das sind Verse aus der Nachbarschaft der Sozialwohnheime.

Migo Buzz «Schlaflos in Bärn» kann gratis für einen Wahlwert heruntergeladen werden.

«Saufen für die Obdachlosen»

Gisela Feuz am Freitag den 23. Dezember 2016

Viele halten das Dead End, das dreistöckige Haus beim Henkerbrünnli, einfach nur für eine zwielichtige Spelunke, in die man einkehrt, wenn alles andere bereits geschlossen hat. Der traurige Vorfall, der sich kürzlich vor den Dead-End-Toren ereignet hat (das Mutterschiff hat hier darüber berichtet) und bei dem ein Mitarbeiter ums Leben kam, dürfte bei einigen die Vorurteile noch verstärkt haben.

Weniger bekannt ist, dass das Dead End auch eine Notschlafstelle und eine Gassenküche beherbergt und somit eine wichtige soziale Funktion in der Stadt Bern übernimmt. Frau Feuz hat im Sommer 2016 mit ihrem Aufnahmegerät einen Tag und eine Nacht im Dead End verbracht. Im Audio-Feature «Saufen für die Obdachlosen» kommen BetreiberInnen des Dead Ends zu Wort sowie Menschen, welche sich in der Gassenküche verköstigen oder im Sleeper übernachten. Und natürlich dürfen auch die zum Teil nicht mehr ganz so artikulationsstarken Partyraketen der frühen Morgenstunden nicht fehlen.

Hey, Gitarre-Johnny!

Mirko Schwab am Mittwoch den 21. Dezember 2016

Bern hat Bock auf neue Bands. Anders ist der jüngste Zuwachs im Bereich Newcomerbühnen kaum zu erklären. Ein Überblick über altbackene, altbewährte und neue Formate.

Der kleine Schwab 2010 am Emergenza-Halbfinale im Gaskessel. Tja.

Und wer nach Zürich und Basel oder gar Luzern schielt, wie es das Berner Auge gerne schön im Geheimen macht, weiss auch grad wieso Bedarf da ist in der Nachwuchsförderung. Die Hauptstadt hinkt, von den Steckenpferden Rap und Rumpelrock à la Voodooise einmal abgesehen, hintendrein. Aus der Banken-, der Pillenstadt und der Postkartenstadt wird ausladend angelegte, originelle und zeitgenössische Popmusik in die weite Welt (oder nach Deutschland immerhin) exportiert, während hier noch nostalgisch der letzten Mundartrock-Welle nachgehangen wird. Selbstverständlich und zum Glück gibts AusreisserInnen, ein Kollektivdenken oder greifende institutionelle Katalysatoren aber fehlen.

Oder fehlten. Jahrelang musste man sich als knapp dem Schulbandraum entwachsene Neulingsband bei Emergenza verdingen, einem etwas unsympathischen weltweiten und industrieorientierten Netzwerk identischer Nachwuchswettbewerbe. Dessen deutscher Ableger koordiniert auch die Austragungen in den Schweizer Städten und vergrault die jungen Bands zum Ticketverkauf im Vorschussmodus – und wälzt damit das finanzielle Risiko auch gleich auf die Bewerber ab. Am Schluss gewinnt, wer am meisten trinkfreudige Schulfreunde mitgebracht hat. Mit der Wiederbelebung der Waldbühne am Gurtenfestival kam ein zweiter grosser Wettbewerb dazu. Löblich in der Grundidee, junge Bands aus der Region auf den Hügel zu hieven, bleibt die mühsame Klickerei (mitsamt monatelanger Strapazierung sozialmedialer Freundschaften) und am Schluss oft ein halbtolles Konzerterlebnis in der sonntäglich verkaterten Mittagssonne. Immerhin was fürs Palmares, aber Szene bildet sich daran kaum.

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Als sänge einem

Mirko Schwab am Mittwoch den 7. Dezember 2016

Die Popgruppe East Sister aus Basel macht alles richtig. Doch lassen Sie sich von der Niedlichkeit nicht täuschen. Eindrücke von der ersten EP «Colourblind».

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Irgendwo zwischen spät und früh sitze ich auf einem Parkettboden oder liege auf einer Matratze, als ich es zum ersten mal mit East Sister zu tun bekomme. Ich beobachte den Rauch zweier Zigaretten, wie er sich nach der Decke hochschraubt und von einem kühlen Luftstoss zerzaust wird, den man dem Schnauf zuliebe ins Zimmer gelassen hatte. Im Laufwerk dreht sich «Colourblind». Achtzehnminutenlang, bevor die Platte endet, wie sie begonnen hat: mit einer gebrochenen, brüchigen Holzgitarrenfigur.

Das Gefühl von Intimität, Nähe, Wärme – es ist wie ein Schermen vor der daran mangelnden Welt über das ganze Album gespannt. Aber solcherlei Wohligkeit stirbt schnell den Tod des Belanglosen. Oder der Überzuckerung oder woran sonst so verleidet, was uns im Hitradio als Befindlichkeitsmusik entgegengeschmettert wird. Auf «Colourblind» ist nichts zu befürchten. Der darauf ausgeführte Perfektionspop ist eben auch im Timing perfekt, die schöne schiefe Note kommt bestimmt und in Drums, Lines und Sounds hocken die kleinen lustvollen Fallen.

Zum Beispiel «Code», der zweite Song aus fünf. Er verbindet das unschuldige Lächeln mit dieser cleveren Listlust. Laura Schenks Retroorgel aus dem Repertoir kanadisch-amerikanischen Indipops kommt vertraut. Oder Lorraine Dinkels warm und klar formulierte Gesangslinien, die spätestens in Doppelstimmigkeit und Kombination mit der Schlagzeugerei zum ersten unwiderstehlichen Popmoment der Platte führen. Davon gibt es reichlich mehr und auch in balladeskem Register, sie beleuchten den handwerklich-kompositorischen Plan hinter East Sister und der vordergründig bodenständigen Songschreibe.

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«Journalisten sind bekannt dafür, faul zu sein»

Mirko Schwab am Mittwoch den 23. November 2016

Wenn morgen Morgen früh das Putzlicht angeht im Dachstock, wird wohl ein wieterer denkwürdiger Abend über das alte Anarcho-Parkett gefegt sein. Mal kurz nachgefragt bei den Herren Beak> um Geoff Barrow.

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Beak>: Geoff Barrow, Will Young, Billy Fuller.

Zum Glück durfte Frau Feuz nicht ran ans Telefon. Aus zwei Gründen: Erstens hätte sie dann diesen wunderbaren Artikel nicht so geschrieben, dem Sie bitte die wichtigsten Eckdaten zur morgigen Affiche entnehmen wollen. Und zweitens gibt es sicher erbaulichere Interviewpartner da draussen, als die für ihre Journalistenaversion bekannten Krautrocker, die sie in eleganter südenglischer Schmallippigkeit vortragen.

Umso schöner also, dass da immerhin ein kleines Frage-Antwort-Spiel per Digitalpost zustande gekommen ist. KulturStattBern im Gespräch «question and answer» mit Beak> aus Bristol.

Bristol ist seit einem Vierteljahrhundert eine der ersten Adressen für elektronische Popmusik – trotz seiner überschaubaren Grösse. Was ist anders in Bristol?

Der künstlerische Glaube daran, sich nicht anzupassen. Es ist zwar keine grosse Stadt – aber gerade deshalb auch nicht gross genug, um vom Musikbusiness kontrolliert zu werden. Also arbeitet jeder mit jedem.

Welchen kreativen Vorteil habt ihr erreicht, als ihr mit der EP «Beak> <Kaeb» zu zwei verschiedenen Bands wurdet?

Das «<Kaeb-Ding» erlaubte es uns einfach, mit Gästen zu arbeiten, ohne, dass wir das dann «Beak> with …» nennen mussten. Weil das wär kitschig.

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Er wird ganz gross

Mirko Schwab am Freitag den 18. November 2016

Dem Zürcher Faber jetzt noch eine grosse Zukunft zu bescheiden, ist etwa so prophetisch, wie dem Kapitalismus keine. Trotzdem muss beides immer wieder getan werden.

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Bis sich die Stimme überschlägt und die Kehle sich rötet: Faber aus Zürich. (Le Rod)

Der vorab ausverkaufte ISC ist gestern Donnerstag so berstend voll, dass einige Dutzend Leute auf den Treppen und am Rand des Raums um eine Streifdosis Beschallung, einen erspähten Haarschopf oder einen aufblitzenden Gitarrenhals zu kämpfen haben. Macht nichts. Ein gutes Konzert dringt bis in die hintersten Ecken und auch einer, der an der Bar steht seit zwanzig Jahren, Cuba Libre säuft und sich den Bart mit Nüsschen vollstopft, kann sich dieser Dringlichkeit nicht entziehen. Und das Publikum weiss das, erwartet das. Als die Zupfgitarre eröffnet, werden die Gespräche noch zu respektvollen Tuscheleien, wer trotzdem weiter dreinplaudert, hat mit bösen Blicken zu rechnen. Zweihundertfünfzig Leute haben sich hier eingefunden, um für etwas mehr als eine Stunde gepflegt die Fresse zu halten oder mitzusingen bei Faber und Band. Und dieses vorgeschossene Vertrauen unterscheidet, was gemeinhin mit den Branchenfloskeln «aufstrebender Newcomer» beschrieben wird, von einem «Headliner». Und nirgends ist die deutsche Sprache ohnmächtiger als im Bookingwesen.

In diese Stimmung bester Erwartung hinein tritt er, der eigentlich zu jung ist für seine Stimme und die von ihr erzählten Geschichten. Von obessiver Liebe im Milieu, von den unterdrückten Fantasien unterdrückter Bürolisten und von der hochbeschworenen Wut im Bauch jener, die vor allem Angst haben. Faber singt davon und täte er es als altkluger Beobachter mit Gesicht und Tolle eines Jünglings, hiesse der Verdacht, einem Voyeur mit Gitarre gegenüberzustehen, der sich an den schön dreckigen Biographien anderer verlustiert. Aber Faber ist kein Beobachter, er ist ein Ergriffener, mit den wachen Augen eines Frühzwanzigers die Traurigkeiten und derben Freuden dieser Welt erst aufsaugend, dann verkörpernd, dass Zeilen wie «Bleib dir nicht treu, sei niemals du selbst» nicht nihilistisch ironisiert daherkommen, sondern glaubhaft. Über die (selbsternannten) Verlierer des Systems macht er keine Witze, sondern offenbart auch in der bitterbösesten Abrechnung mit ihren trüben Ideen Empathie und Verständnis – er wird selbst zu einem, dem der Hass die Kehle rötet, nimmt sich der Parolen an und schreit sie in den Raum, von sich weg, damit sie sich selbst auflösen mögen.

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Dark Sound; Whispering

Mirko Schwab am Freitag den 28. Oktober 2016

Am Anfang steht so eine Journalistenfrage. Und weil der, der sie stellt, kein rechter Journalist ist und der, der sie beantworten soll, keine falschen Werbeslogans abgibt, entsteht daraus ein kleiner diskursiver Brand. In Gespräch und Besprechung: Clemens Kuratle, Schlagzeuger, Komponist und Kopf des Quintetts «Murmullo».

Setzt sich verbal ungern in die Nesseln und ist am Schlagzeug umso zupackender: Clemens Kuratle.

Ich frage: «Was erzählt uns deine Platte vom Jazz, was wir noch nicht wissen?» und ernte Gegenfragen. «Was erzählt uns neue Musik von der Musik, was wir noch nicht wissen? Was ist Jazz? Und was haben wir gewonnen mit Genrenamen?» Dass es eine  Notwendigkeit der Ordnung und des Sortierens gebe, wende ich ein, codierte Hinweise über Milieu-Zugehörigkeit und musikalische Beziehungen, mit dem Ziel, das Publikum zu leiten, zur Musik heranzuführen … Aber ob es produktiv ist, ob es musikalisch ist, in Säckli abzufüllen und sowieso: Was ist Jazz, ein alter Sack? Können wir Jazz stilistisch und ästhetisch hinreichend verorten? Oder zeichnet sich, was zeitgenössische Musiker damit und darin und daneben anstellen, vor allem dadurch aus, dass sie sich alle Freiheiten nehmen, ausscheren – und also erst eine methodische Definition dieser stumpfen Frage, was Jazz denn überhaupt sei, etwas Kontur zu verleihen vermag? «Das Komponieren im Moment, die Improvisation. Und daneben das Zeitverständnis als Bekenntnis zum musikalischen Puls, zum Time. Aber wir müssen sorgfältig sein mit Genrezuschreibungen.» – gerade weil weite Teile der medialen Öffentlichkeit damit operierten sei es wichtig, darüber ein feines Sensorium wachen zu lassen. Clemens Kuratle ist vorsichtig im Abschluss. Immer gibt es Ausnahmen – und vielleicht ist die Ausnahme die einzige Regel im Jazz, denke ich bei mir. «Oder den Begriff abschaffen: Jazz.»

Also liegt vor mir zunächst ein Stück Musik. «Murmullo», bald jährig, eine Sammlung grösstenteils von Kuratle selbst komponierter Stücke. Eingespielt von einer Truppe, die zum Studiotermin selbst noch nicht sehr eingespielt gewesen sein soll und darob im besten Sinn neugierig und im Prozess begriffen: Kuratle am Schlagzeug, Weiss an der Posaune, Jerjen am Bass, Hellmüller an der Gitarre und Voirol am Tenorsax.

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