Archiv für die Kategorie ‘Film & Fotografie’

Die Welt zu Gast in Bern

Milena Krstic am Freitag den 13. Januar 2017

Das allumfassende Musikblog Norient betreibt dieser Tage wieder sein üppiges Musikfilm Festival. Und hat zu Ehren des Anlasses eine Liste mit Elektronika-Musik aus Bern zusammengestellt.

Norient, oh, Norient. Was trägst du nicht alles an uns heran: Musik aus den staubigsten Winkeln unseres Planeten, Geräusche von Orten, die wir nichtmal vom Hörensagen her kennen. Du gehst weit für uns, damit wir nur einen Klick davon entfernt sind, was in Favela, Wüste und Grossstadt musikalisch gerade so los ist.

Du hast uns eine Ausstellung beschert, die auf dem Erdboden bündelt, was du im Netz sonst streust. Du zeigst uns im achten Jahr in Folge Musikfilme aus aller Welt und organisierst dazu auch schon mal ein Konzert im Kinosaal.

Norient, du bist die Hauptstadt der Musik, weil alle bei dir vorbeikommen, auch die, welche sonst unbemerkt blieben. Du bist politisch engagiert, du bist offen für alle/s, du bringst zusammen und du inspirierst zu Neuem. Eigentlich bist du perfekt. Schön, dass es dich gibt.

Und bevor ichs vergess’:

Hier die Liste, welche ein paar Splitter des elektronische Musikschaffens Berns bündelt. Wer fehlt noch?

Das Norient Musikfilm Festival läuft noch bis am Samstag. Heute Abend: Ein Film über den jungen russischen Musiker Moa Pillar (Bonfires and Stars) und eine Dok über die Musikszene in Mittel- und Osteuropa. Danach live im Rössli: zwei Berner Elektronika-Männer, zuerst Jean-Claude und danach Elektrobopacek. 

«Tony, you rock»

Gisela Feuz am Mittwoch den 11. Januar 2017

Während andere in seinem Alter sich auf die Pensionierung und das süsse Nichtstun freuen, denkt Anthony Thomas mitnichten ans Aufhören. Der Beruf des gebürtigen Amerikaners: Gitarrist und Sänger der Basler Garagerock-Truppe The Lombego Surfers. Seit rund 30 Jahren malträtiert der 63-jährige Tony bei den Lombegos die Gitarre und schreit sich dazu die Seele aus dem Leib. Mattias Willi hat der Legende nun den 40-minütigen Dokumentarfilm «Tony, you rock» gewidmet, in welchem besagter Tony in charmantem Baseldeutsch-Englisch über seine musikalischen Anfänge, die veränderte Attitüde der heutigen Kids und den Punk-Spirit sinniert.

Nebst Anthony Thomas selber kommen auch langjährige Wegbegleiter zu Wort wie etwa Künstler Dirk Bonsma, Schlagzeuger Olivier Joliat und Teilzeit-Lombego Bassist Luc Montini. Sie alle zeichnen das gleiche Bild: Ein authentischer und umgänglicher Mann ist er, dieser Tony, der die Gitarre lieber zu laut als zu leise spielt und die musikalische Schlichtheit der 60er-Jahre beibehalten hat. Zudem hat Matthias Willi die Lombego Surfers auch auf langen Autofahrten quer durch Deutschland begleitet und so gibt sein Film auch Einblick in ein manchmal extrem unglamouröses Tourleben. Während die anderen Band-Mitglieder schon mal heimlich die Nase rümpfen, wenn der Schlafsack unter einem Tisch in einer Gaststätte ausgerollt werden soll, zeigt sich Tony auch hier beneidenswert unkompliziert.

«Tony, you rock» ist das Porträt eines Mannes, der seine Bestimmung gefunden hat und zwar in einem Leben, welches Abseits der gängigen Pfade verläuft. Dank seinem Elan, der Freude an der Sache, Hartnäckigkeit und Bescheidenheit ist dieser Tony im Kopf junge geblieben, ungemein sympathisch und in Punkto Haltung ein Vorbild, von dem sich noch so macher Jungspund ein Stück abschneiden könnte. Hoffentlich bleibt er den düsteren Rock’n’Roll-Kellern noch eine Weile erhalten, dieser Tony, weil er rocken tut er definitiv.

Das Porträt «Tony, you rock» von Matthias Willi wird am Freitag 13. Januar in der Cinématte gezeigt. Anschliessend spielen die Lombego Surfers zusammen mit Here Hare Here eine Live-Show in der Brennerei.

Höhenfeuer 2.0

Milena Krstic am Samstag den 24. Dezember 2016

Jawoll, da sind wir schon zu spät dran, um Ihnen eine Weihnachtsgeschenk-Empfehlung abzugeben. Aber Sie können sich «Gaumbenfieber», den Foto-Comic aus Bern, auch so ziehen.

Im Brocki-Chique auf Wanderschaft. Foto: Pius Bacher

Ist das eigentlich ein Trend unter uns jungen Menschen, sich in eine Alphütte zu verkriechen, alleine oder mit Friends, und sich abseits von Internet und fliessend Wasser ein Abenteuer zu gönnen? Dort können wir unseren Brockenstuben-Chique zelebrieren und Kaffee schlürfen aus Titan-Tassen, UNO spielen und zäme öppis Feins chöcherlen.

Diese Ästhetik, oder eben diesen Trend,  haben nun ein paar junge Menschen aus Bern aufgegriffen und ihre Ideen dazu in das Buch «Gaumenfieber» fliessen lassen. Der Foto-Comic ist kürzlich beim jungen Verlag Union Bild erschienen und erzählt in «94 Fotografien und wenig Text», wie die Macher*innen selbst erklären, die Geschichte von fünf jungen Leuten, die sich drei Tage lang in eine Alphütte verabschieden.

Was gemütlich werden soll, wird zu einem gespenstischen Splatter-Erlebnis: da erscheinen gruslige Gestalten und passieren zwischenmenschliche Liebes-Scharmützel.

Es ist ein kurzweiliger Spass, sich durch die kontrastreichen Fotografien von Pius Bacher zu blättern und mitzuverfolgen, was für ein Schauermärchen sich diese (aus Berns Kulturleben bereits zum Teil bekannten) Leuts ausgedacht haben (Regie: Joel Hafner). Schön ausgesucht sind auch die Schauplätze: das Walliser Obergoms und Lengtal am Nufenenpass nämlich. Und dank dem trashigen SennentuntschiAspekt gibts einen zusätzlichen Amüsement-Faktor.

Die Vernissage ist schon gewesen. Sie können «Gaumbenfieber» für CHF 16.- (exkl. Versand) hier bestellen. 

PS. Beim Durchblättern von «Gaumbenfieber» ist mir Fredi M. Murers Film «Höhenfeuer» in den Sinn gekommen. Wäre doch etwas, sich dieses poetische Werk über die Festtage mal (wieder?) anzusehen.

Katholische Unholde

Gisela Feuz am Donnerstag den 15. Dezember 2016

Was schätzen Sie? Wie viele RIGs misst die Seetemperatur im neuen Video von Unhold? Sie wissen nicht was RIG bedeutet? Das ist denk die Wassertemperatureinheit «Rümpf im Gigu» kurz: RIG. Mit ihr verhält es sich einfach gerade umgekehrt als mit der normalen Celsius-Skala, denn je mehr RIGs desto kälter. Logisch, oder. Also, wie viele? Ach kommen Sie schon, tun Sie nicht so erwachsen. Ist doch viel interessanter, als wenn ich Ihnen jetzt hier eine tiefenpsychologische Analyse liefere, wie es um den Protagonisten des Videoclips zu «Southern Grave» bestellt ist. Der ist im Arsch. Da muss man nicht Freud heissen, um das zu erkennen. Die kühle aber doch fulminante Bildsprache soll ich beschreiben? JA SCHAUEN SIE DOCH EINFACH DAS VIDEO, TAMI!

Eine sinnvollere Jahreszeit, um Baden zu gehen, haben sich die drei Tunichtgute von Trampeltier of Love ausgesucht, auch wenn hier die Schwimmbekleidung doch eher Fragen aufwirft. Immerhin: Der RIG-Dichte dürfte diese abträglich sein. Was glauben Sie, wo gibt’s mehr RIGs: bei Unholds nackigem Bötlifahrer oder bei den drei Katholen in der Aare zusammengezählt?

Unhold spielen heute Abend im Rahmen der Alpine Coalition im Rössli der Reitschule. Was die Liebestrampeltiere treiben, weiss der Papst Teufel, live zu sehen sind sie erst wieder am 4. Februar in der Buchhaltung Stauffacher.

Angesexter Electropop

Gisela Feuz am Freitag den 9. Dezember 2016

Hat Ihnen heute schon jemand gesagt, dass Sie sexy seien? Nicht?! Skandal. Dann gucken Sie jetzt auf der Stelle das neue Video von Fiji, polieren ihr Ego und lernen dabei auch noch gleich ein bisschen Französisch. Deux …. ähem …. Fliegen? …. voleuses à une coup, oder so. Also eigentlich drei, weil das Video von Mag Design bietet ja auch gleich eine prima Zeitreise dank Neonfarben- und Rubik-Würfel-Ästhetik, die an irgendeine Bonusrunde eines Computergames erinnert (Mario Kart? Super Mario? Wipe Out??) und verdrängte Erinnerungen an diese gerillten Gartenschlauch-Instrumente wach werden lässt, die man schwingen konnte und die dann einen Ton erzeugten. Also die, die nach den Hula-Dings-Ringen kamen. Wie «schlechtes Gedächtnis»?! Wissen Sie etwa noch, was Sie in den 90ern getrieben haben? Mein Beileid.

Farbenfroh und angesext ist im Übrigen auch das neuste Erzeugnis aus dem Hause Tim & Puma Mimi. Eines Tages sei eine Anfrage in den Band-Briefkasten geflattert, so die Legende, ob man nicht einen Song kreieren wolle für einen Animationsfilm, in welchem ein Bäckerslehrling sich ausgiebig mit dem Kneten von Teig befasst. Man wollte. Herausgekommen ist ein Animationsfilm namens «Ivan’s Need» zu Deutsch: «Ivan knetet sich in Ekstase», der landauf landab an Filmfestivals gezeigt wird. Und ausserdem haben die Macher von «Ivan’s Need» (Veronica L. Montaño, Manuela Leuenberger, Lukas Suter) mit Szenen aus ihrem Animationsfilm nun auch ein hübsches Musikvideo für Tim & Puma Mimis «Dupi Dough» zusammengestiefelt.

Mit Seidl auf Safari

Gisela Feuz am Dienstag den 6. Dezember 2016

Er hat es wieder getan. Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl hat sich einmal mehr an die Fersen von Landsleuten geheftet und begleitet diese wie bereits in einem Teil seiner Trilogie «Liebe, Glaube, Hoffnung» nach Afrika. Allerdings stehen dieses Mal nicht liebesbedürftige Damen im Zentrum, sondern Jäger und Jägerinnen. «Safari» heisst Seidels neuster Streich und wie es der Titel bereits ankündigt, stehen Touristen im Zentrum, die nach Südafrika reisen, um dort für viel Geld Grosswild erlegen zu dürfen. Ein Gnu: 615 Euro, ein Wasserbock: 1400 Euro pro Abschuss – das Töten wilder Tiere als käufliche Ware.

Es ist ein Markenzeichen des 64-jährigen Regisseurs Seidl, dass in seinen stilisierten Dokumentation nicht immer ganz klar ist, wer jetzt hier tatsächlich authentisch agiert und wer Schauspieler ist. Diese Komponente fällt in «Safari» weg, oder spielt zumindest eine weniger grosse Rolle. Die vierköpfige Familie, welche da mit Gewehren im Anschlag durch die afrikanische Steppe pirscht, scheint echt zu sein. Tiere kommen im Film erst spät ins Bild (mal abgesehen von ausgestopften Varianten), wodurch denn auch diese seltsame Distanziertheit und Sterilität von Grosswildjagd hervorgehoben wird. «Das Stück» (so bezeichnen Jäger ein Tier) wird aus grosser Distanz ins Visier genommen, nach dem Erlegen – «Waidmannsheil!» – hübsch fürs Foto drapiert und dann den Einheimischen zum Ausnehmen überlassen.

Ulrich Seidl ist ein Meister darin, Unwohlsein bei der Zuschauerschaft auszulösen. In «Safari» entsteht dieses Unwohlsein vor Allem dadurch, dass es sich bei den Grosswildjägern und -jägerinnen um durchaus intelligente Menschen handelt, welche ihre Gefühle beim Akt des Tötens genau zu beschreiben vermögen und auch Ehrfurcht für Tiere zu empfinden scheinen. Verstehen tut man sie deswegen trotzdem nicht. Im Gegenteil: Umso barbarischer wirkt das Treiben, zumal beim letzten Aufbäumen einer Giraffe in ihrem Todeskampf die Kamera voll draufhält. Das ist schwer zu ertragen.

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«Fuckin’ biblical, man!»

Gisela Feuz am Dienstag den 8. November 2016

Wie ein Ferrari sei ihre Band gewesen: Das schnellste und heisseste Geschoss überhaupt. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass man mit so was irgendwann frontal in eine Wand brettere, sei eben gross, sagt Noel Gallagher. Er wird’s wissen, denn in die Wand gebrettert ist er mit seinen Oasis tatsächlich. Und zwar mit Vollgas. Der englische Filmemacher Mat Whitecross («Amy», «The Road to Guantanamo», «Sex & Drugs & Rock & Roll») legt mit «Supersonic» eine Dokumentation vor, welche den kometenhaften Aufstieg der Rüpel-Truppe aus Manchester zeigt. Durch Zufall waren die beiden Brüder Noel und Liam Gallagher, Tony McCarroll, Paul «Guigsy» McGuigan und Paul «Bonehead» Arthurs 1993 in Glasgow von Allan McGee entdeckt worden – drei Jahre später spielten sie vor 250’000 (!) Leuten in Knebworth, wobei 4% der britischen Bevölkerung, also 2.6 Millionen Menschen, sich für Tickets beworben hatten. Damit beginnt und endet «Supersonic», der wenig ruhmhafte Abstieg und die definitive Auflösung der Band vor sieben Jahren sind in Whitecross’ Film kein Thema. Macht nichts. Wie katastrophal selbstzerstörerisch das Ferarri-Modell Oasis war, wird auch so klar.

«Supersonic» ist eine kurzweilige Dokumentation, die viele frühe, grobkörnige Konzert- oder Top-of-the-Pops-Aufnahmen und On-The-Road-Bilder beinhaltet. Abwechslungsweise kommen die Bandmitglieder zu Worte, wobei Noel und Liam am meisten zum Zuge kommen. Der Bruderzwist der beiden Brüder Gallagher, die sich auch mal mit einem Cricket-Schläger auf den Kopf hauen, ist omnipräsent, wird von den beiden Streithälsen aber wohltuend selbstironisch kommentiert.

Whitecross’ Film zeigt den Triumphritt, welche Oasis nach den beiden Alben «Definitely Maybe» (1994) und «What’s the story morning glory» (1995) antraten, führt aber auch schonungslos die Desaster vor, welche die fünf Lads aus Manchester veranstalteten. So konnte etwa das erste Konzert im Ausland (Holland) gar nicht erst angetreten werden, weil auf der Fähre dermassen Rambazamba veranstaltet wurde, dass Oasis bei der Ankunft gleich des Landes verwiesen wurden. Und bei einem Konzert in Los Angeles spielten die Tunichtgute mehrere Songs gleichzeitig, weil die ganze Mannschaft randvoll mit Crystal Meth und deswegen maximal verpeilt war.

Wahrscheinlich seien sie «the biggest bunch of cunts» gewesen, sagt Noel Gallagher rückblickend, womit er nicht so weit von der Wahrheit entfernt sein dürfte. Aber der grossmaulige Grössenwahn der Gebrüder Gallagher und die unverblümte Art, wie sie Anekdoten über Schlägereien, Alkohol- und Drogenexzesse zum Besten geben, hat eben auch was. Und daneben waren Oasis ja einfach auch eines: Eine verdammt gute Rock’n’Roll-Band, die uns fantastische Hymnen beschert hat. «Live Forever», «Don’t look back in anger», «Wonderwall» ….. fuckin’ biblical, man!

«Supersonic» wird in der Cinématte gezeigt und zwar DO 10. – SA 12.11., FR 18.11., SA 19.11., DO 24.11., SA 26.11. und SO 27.11.

Erzähltes und Verschwiegenes

Roland Fischer am Dienstag den 1. November 2016

Mein Gott, was wird gelogen in dem Film! Was werden Fassaden gepflegt, was wird gekittet und gekleistert, damit Wahrheiten nicht ans Licht kommen. Eine herrliche Spielwiese ist das für einen Filmemacher wie François Ozon, der die Doppelbödigkeiten des Erzählens mag.

Eine Liebesgeschichte eigentlich, nichts weiter – und obwohl diese Geschichte ihren irgendwie ein wenig behäbigen Gang nimmt, muss man am Schluss zugeben: Was ist das ein verteufelt gut geschriebener Film. Denn zwischen Wahrheit und Lüge interessiert sich Ozon hier für allerlei Zwischentöne, für Ausgelassenes, Totgeschwiegenes, und vor allem: für Unerzähltes. Zwei Länder, zwei Menschen, zwei Vorstellungen, wie die Dinge sind und wie sie sein könnten, alt und neu, schwarz und weiss – hier kann fast alles zur Metapher werden, und ist doch ganz unaufgeregtes Erzählkino, an der Oberfläche. Heile Welt des Kinos.

Der verrückteste Trick dabei: Wie Ozon schon sehr früh einen kleinen Verdacht zwischen die Bilder und Zeilen streut und ihn dann den ganzen Film lang ein wenig weiterpflegt, eine Wahrheit, die sich irgendwann dann doch mal noch offenbaren sollte (und es ansatzweise auch tut). Vor allem lässt Ozon das dann aber im Kopf der Zuschauer passieren, der Film nimmt irgendwann eine andere Wendung. Aber man bleibt bis zum Schluss damit beschäftigt, diese andere Wahrheit noch mit hineinzuerzählen. Und dreht und wendet die Dinge, immer wieder. Und weiss beim Abspann dann gar nicht mehr so genau ob man denn nun Gespenster gesehen hat.

Hat man natürlich, auf der Leinwand. Alles ein wenig spröde. Ein beinahe biederes Erzählen. Und dann doch: ein moderner Schachtelzauber, ein Erzählspiel, bei dem die Geschichte nur Vorwand ist und erst der Blick hinter die Kulissen zeigt, wie vertrackt die Dinge doch sind. Und da hinten sitzt übrigens Ernst Lubitsch und zwinkert verschwörerisch.

Da draussen

Roland Fischer am Mittwoch den 19. Oktober 2016

Bern? Was läuft? Bisschen durchatmen vor dem Wochenende, mit Tanz in Bern, zoom in, Raving Iran und bee-flat-Eröffnung? Also schauen wir doch rasch in die weite Welt hinaus, da läuft nämlich gerade ziemlich was. Könnte womöglich auch hier von Interesse sein.

Wann? 2017! «There’s a freshness to it, a lightness to it,» MacLachlan says.
Lightness? Twin Peaks? Nun bekomme ich wirklich Gänsehaut.

Und apropos:

Mark Frost’s new book The Secret History of Twin Peaks is now out and available for purchase. For those who simply cannot wait for Twin Peaks’ new season to hit Showtime, this might help tide you over.

Wem der ganz konkrete weltpolitische Horror lieber ist, dem sei der neueste Wurf von Adam Curtis ans Herz gelegt, auch eben erst herausgekommen und hier in Gänze zu sehen. Food for thought.

all of us in the West – not just the politicians and the journalists and the experts, but we ourselves – have retreated into a simplified, and often completely fake version of the world. […] This strange world was built by all of us. We all went along with it because the simplicity was reassuring. And that included the left and the radicals who thought they were attacking the system. The film shows how they too retreated into this make-believe world – which is why their opposition today has no effect, and nothing ever changes.

Moralisches Dilemma im Mittelmeer

Gisela Feuz am Montag den 10. Oktober 2016

Künstlerisches Schaffen ist immer auch ein Spiegel desjenigen, was gesellschaftspolitisch gerade in der Welt passiert. So erstaunt es nicht, dass sich viele der rund 180 Filme, welche bei der diesjährigen Ausgabe des Kurzfilmfestivals Shnit zu sehen waren, mit dem physischen Grenzübertritt beschäftigten, zumal das Shnit ja auch unter dem Jahresthema «Crossing Borders» stand. Gestern Abend ging die 14. Ausgabe von Shnit zu Ende, der Flaming Faun – also der Oscar für Kurzfilme – im Schweizer Wettbewerb ging an das rund 25-minütige Drama «Bon Voyage» von Marc Wilkins.

In «Bon Voyage» kreuzt das Ehepaar Jonas und Silvia auf einer Yacht durchs Mittelmeer; die Idylle scheint perfekt, der Blick über das weite Wasser ist atemberaubend, die Fische beissen und am Heck des Bootes flattert lustig ein Schweizerfähnchen im Wind. Des Nachts allerdings taucht plötzlich etwas auf dem Radar auf, das da nicht sein sollte. Beim Näherkommen erkennt das Ehepaar ein Boot, welches komplett mit Flüchtlingen überladen ist. Was tun? Werden alle Flüchtlinge aufs eigene Boot geholt, droht dieses zu kentern. Ausserdem ist die Gesetzeslage klar: wer im Mittelmeer illegal Leute aufnimmt, macht sich strafbar und muss mit bis zu 10 Jahren Gefängnis rechnen. In der ersten Schrecksekunde fahren Jonas und Silvia einfach am Boot in Seenot vorbei. Später allerdings drückt das schlechte Gewissen, eine Kehrtwende wird eingeleitet. Als die beiden am nächsten Morgen die Stelle wieder finden, treiben viele der Flüchtlinge tot im Wasser, deren Kahn ist offenbar gekentert.

The trailer to my short film BON VOYAGE from Marc Wilkins on Vimeo.

Auch wenn das Mittelmeer weit weg sei, so sei es ihnen wichtig gewesen, einen Schweizer Fokus zu schaffen, sagt Produzent Joel Jent. Und ausserdem sehe er Parallelen vom Verhalten von Jonas und Silvia zur Schweizer Flüchtlingspolitik: «Die Schweiz ist ein neutrales Land. Das hat gute aber auch schlechte Seiten. Wir verstecken uns oft hinter Gesetzen, dabei bleibt aber die Humanität auf der Strecke.»

Es ist ein beklemmender und starker Kurzfilm, den Marc Wilkins und sein Team mit «Bon Voyage» liefern. Zuhause in der warmen Stube scheint die Entscheidung sonnenklar: Die Flüchtlinge gehören an Bord geholt. Aber mitten in der Nacht, auf hoher See, mit Kentergefahr und drohender Strafe? Da sieht es dann natürlich wieder anders aus. Es ist diese Ambivalenz zwischen Hilfsbereitschaft, Menschenverstand und moralischer Pflicht, welche «Bon Voyage» zu einem unbequemen Film machen. Und dass wir uns in unseren warmen Schweizer Stuben ab und an so richtig unbequem fühlen, ist von Nöten. Denn so weit weg ist es eben doch nicht, das Mittelmeer.

«Bon Voyage» von Marc Wilkins ist der Gewinner in der Kategorie «Schweizer Film» und gehört auch zu den drei nominierten Beiträgen im internationalen Wettbewerb. Wer dort den Flaming Faun abholt wird am 16. Oktober in New York bekannt gegeben.

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