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Archiv für die Kategorie „Film & Fotografie“

Fantoche on Tour

Roland Fischer am Donnerstag den 18. September 2014

Das Animationsfilmfestival (und persönliche Highlight im Festivalkalender) Fantoche geht mit den besten Filmen dieses Jahres wieder mal auf Schweizer Reise. Morgen macht es Halt in der Cinématte - ein Besuch ist sehr empfohlen!

Gezeigt wird auch das wagemutige Wunderwerk «Through the Hawthorn» der Engländerinnen Anna Benner, Pia Borg und Gemma Burditt. Ein dokumentarischer Kurzfilm über einen schizophrenen Teenager, über Medikamente, gesellschaftliche Zwänge und eine Mutter, die in dem ganzen Durcheinander ihren Platz sucht - auch auf der Leinwand.

I am groot

Miko Hucko am Donnerstag den 11. September 2014

Ich liebe Science Fiction. Wirklich. Sowohl in Buch- als auch in Film- oder welcher Form auch immer, Theater ist da leider eher selten vertreten. Und so nehme ich ab und zu Kinobesuche in Kauf - war das schon immer so teuer? - von denen ich weiss, dass sie mit Unzulänglichkeiten gespickt sein werden. Ich habe mir also Guardians of the Galaxy angesehen, eine Komödie, die mit allen Mitteln Hollywoods und des Sci-Fi kokettiert. Wie es sich für einen guten lustigen Film gehört, ist auch eine Portion Selbstironie dabei.

Es gab einiges zu lachen, ziemlich viel Action und einen bestandenen Bechdeltest. Nicht schlecht. Andererseits ist mir auch eine gewisse Faulheit auf Seiten der Filmemacher_innen aufgefallen: 1. im Notfall greifen sie auf die zuvor ironisierten Muster zurück und 2. Alle Spezies ausser Groot sind ungemein Humanoid und langweilig. Sie unterscheiden sich vom weissen Mann (der einzige Mensch) höchstens durch andere Hautfarben, Nasen- und Augenstellungen. Was durchaus eine schwierige Aussage in sich birgt, wenn man dies konsequent zu Ende denkt. Sonst ist das Worlbuilding ziemlich dicht und gelungen, was wahrscheinlich daran liegt, dass sich hier auf ein ganzes Marvel-Universum bezogen werden kann.

Und dann das Ende. Wenigstens keine Romantik. Aber nachdem den ganzen Film hindurch der Teambildungsaspekt, das Treffen gemeinsamer Entscheidungen und das Einstehen füreinander im Vordergrund standen, wird Mr. Hauptfigur mit der letzten Einstellung zum Anführer des sympathisch-verliererischen Grüppchens ernannt.

Apropos Comicverfilmungen: Der nächste grosse Wurf gehört dann für einmal wieder DC. Sie wollen im Frühjahr 2016 mit Batman vs. Superman auftrumpfen. Ich freue mich jetzt schon auf dieses wahrscheinliche Desaster.

Destilliertes Morsen

Gisela Feuz am Mittwoch den 10. September 2014

Waren sie früher in der Pfadi und haben da Morsen gelernt? So was lernt man doch in der Pfadi, nicht? Jedenfalls wären genau in diesem Moment Kenntnisse im Bereich kurz-lang-lang-kurz-lang-pause-kurz-kurz (falls ich Sie gerade beschimpft haben sollte, wäre das unabsichtlich geschehen) äusserst hilfreich, um den Beginn des neuen Videos von Destilacija entschlüsseln zu können.  Also nichts wie mit Kugelschreiber und einem Stück Papier vor den Compi gesetzt und Video gestartet. Das Wetter ist eh sch....lecht, aus dem Fenster schauen brauchen Sie also nicht und der Chef guckt bestimmt auch grad nicht. Und sonst behaupten Sie einfach, sie würden sich für den Kriegsfall rüsten. Man weiss ja nie.

Wer als erstes die Morsezeichen am Anfang entschlüsselt, gewinnt das Akkordeon von Mario Batkovic. Das ist ein Witz. Aber ein Destilacija-Album können Sie gewinnen. Video ab:

Selling Vivian Maier

Roland Fischer am Dienstag den 2. September 2014

Es ist wohl die Filmenttäuschung des Jahres - das traurige Märchen von Vivian Maier, der grossen Fotografin, die erst nach ihrem Tod entdeckt wurde. Man war gespannt auf diese Geschichte von einem Leben, das doch ganz anders hätte verlaufen sollen, wenn es nach Drehbuch gegangen wäre. Oder?

So haben wir es wieder einmal mit der Crux der inszenierten Wahrheit zu tun, mit dem «Mind the gap» zwischen Fakt und Fiktion. Der Dokfilm, gleich vom Entdecker von Maiers fotografischem Schatz, John Maloof, selber realisiert, wäre lieber ein Hollywooddrama als eine sorgfältige Nachforschung. Und vor allem verwechselt er das subjektive Element, das heute ja fast zwangsläufig zu einem Dokfilm gehört, mit der Selbstinszenierung des Regisseurs.

Und so interessiert sich Maloof viel mehr für das Klischee von der tragischen und unentdeckten Künstlerin als für die Geschichte von Vivian Maier, der Frau, die ganz eigene Wege ging und dabei wohl auch ein ganz eigenes Glück fand. Dass ihre Bilder in Kisten statt an Museumswänden landeten mag ein Skandal sein oder nicht - da kann man geteilter Meinung sein, das lassen die Protagonisten des Films, die Maier kannten, erahnen. Dass der Filmemacher, der an den entdeckten Bildern gut verdient, dazu eine so dezidierte Meinung hat, ist allerdings viel eindeutiger einer.

Haben Sie mal eine halbe Stunde?

Christian Zellweger am Freitag den 29. August 2014

Dann gehen Sie raus, solange es grad nicht regnet. Oder Sie bleiben drin, vor dem Computer. Dann können Sie sich diese zwei Dinge ansehen, völlig zusammenhangslos aus dem Internet gefischt:

1. Miranda July hatte eine Idee. Von fremden Menschen und wie sie sich begegnen. Quasi das Leitmotiv ihres Werkes. Bewährt ist: Sie hat daraus einen Film gemacht. Neu ist: Sie hat daraus ein App gemacht:

2. Teju Cole schrieb einen Text. Über das Schwarz-sein 2014 und 1953, über Leukerbad und was das Heute mit dem Früher und mit den Ereignissen in Ferguson zu tun hat. Auch er bleibt seinen Leitmotiven treu und verknüpft Hoch- und Popkultur, Politisches mit Persönlichem:
Black Body: Rereading James Baldwin’s “Stranger in the Village

Und falls Sie doch lieber rausgehen, machen Sie Halt in der Buchhandlung Ihrer Wahl und suchen Sie nach Julys No One Belongs Here More Than You und Coles Open City.

Findest du mich hübsch?

Milena Krstic am Dienstag den 5. August 2014

Herr Fischer und die Krstic haben sich «Under the Skin» – den neuen Science-Fiction-Thriller mit Scarlett Johansson – schon mal angesehen. Sie waren geteilter Meinung.

Der Film läuft nächste Woche, ab dem 14. August, auch in Bern an.

https://www.facebook.com/UnderTheSkinMovie/photos/a.262212200608478.1073741828.219741664855532/318002621696102/?type=1&theater

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Pornografisch, blasphemisch, meisterhaft

Christian Zellweger am Montag den 14. Juli 2014

Es war ein ziemlich unerwartet starkes Stück Musik-Kultur, dass da am vergangenen Freitag über die Menschen im Innenhof der Reitschule niederging. Etwas vom Verrücktesten, was er je gemacht habe, hörte man Robert Butler vor dem Auftritt sagen. Sowas aus solch berufenem Rock'n'Roll-Mund weckte natürlich Erwartungen - und die wurden vollständig eingelöst.

Experimental-Industrial-Noise labelierte unsere Frau Krstic den Auftritt und tatsächlich: Ein wild gewordenes Schlagzeug mit Hang zum Becken-Lärm, eine äusserst kratzige Gitarre und über allem knirschend-fiepende Schaltkreis-Effekte aus dem Synthesizer schallten da an die Gemäuer und zurück.

Das Herzstück bildete aber der Film, zu dem das Ganze improvisiert wurde: Ein wilde Orgie aus pornografisch-blasphemischen Versatzstücken, ein stilistisch breiter Mix zwischen vergilbten Filmszenen, blutigen Cartoons und pythonesken Animationen, scham- und tabulos, aber mit einer grossen Portion ziemlich abseitigen Humors, alles aus dem Kopfe des (mir) unbekannten Franzosen an den elektronischen Geräten.

Sollte es je nochmals Gelegenheit geben, diesen Brocken aufzuführen: Duex ist sicher schon am Booking für die nächste Kilbi.

Openair-Kinos 2014

Roland Fischer am Dienstag den 1. Juli 2014

Ein kleiner Überblick zum Berner Kinosommer unter offenem Himmel (was aber hoffentlich nicht auch für die Regenschleusen gilt):

- den Anfang macht wie immer das Solar-Kino im Eichholz, mit einem grandiosen Programm dieses Jahr. Ab heute bis Samstag gibt's unter anderem Hitchcock (North by Northwest), Japan (das Highlight des Kinojahrs Like Father Like Son) und Cukor (The Philadelphia Story). Gibt's ein Abo? Ah nein, ist ja gratis.

- am Sonntag geht's dann auch wieder los mit dem Kleinen Dachkino. Vier etwas überhängende Juli-Wochenenden (jeweils von Sonntag bis Dienstag), vier verschiedene Dachterrassen (zwischen 3007 und 3011), zwölf tolle Filme. Sehr schöne Kulturinitiative.

dachkino

- eine Woche später startet dann das nach wie vor tollste Openairkino der Region, auf dem Dach des Bieler Filmpodiums, mit vielen Perlen aus den letzten paar Filmjahren.

- am gleichen Wochenende gibt's auch wieder drei Filmnächte in Münsingen, auch mit einem aparten Programm.

- zwei Wochen später starten das hof3-Openair in Trubschachen und das Marzili-Movie mit dem Länderthema Australien. Empfehlung hier: der wunderbar schrullig-warmherzige Animationsstreifen Mary et Max.

- dieses Jahr leider keinen schönen Openair-Schlusspunkt setzt das Kino Kunstmuseum - es ist derzeit ja auch mit wichtigeren Vorbereitungen beschäftigt.

Und der Big Screen oben auf der big Schanze feiert dieses Jahr übrigens das 25jährige Jubiläum und zeigt deshalb ab 24. Juli neben dem üblichen Zeug auch ein paar Kultfilme von Casablanca bis Pulp Fiction. Auch nett.

Geschichten aus dem Motel, früher und heute

Roland Fischer am Dienstag den 24. Juni 2014

Bisschen Nostalgie für die junggebliebene Leserschaft - und ein wenig TV-Historie für die tatsächlich junge: Vor dreissig Jahren sendete das Schweizer Fernsehen allwöchentlich eine Folge aus dem Motel. Sehr kontrovers war das, damals:

Kritisiert wurde, dass die Serie einen grauen und traurigen Alltag zeige.

Hier die Folge vom 15.4.1984.

Sehr schön übrigens auch der Vorabbericht aus dem Jahr 1983. «Nein, Dallas ist für uns kein Vorbild. Die Geschichten, die wir erzählen, sind keine Schwarzweiss-Geschichten.»

motelGanz und gar keinen grauen und traurigen Motel-Alltag zeigt dreissig Jahre später die Düsende Dora.

Das Motel ist spektakulär. Mitten im etwas anrüchigen Salon steht die Badewanne, die sowohl als Ehebett als auch als Dusche für die Gäste herhalten muss.

Das Zirkus-Theater-Ensemble zieht mit seiner ersten Produktion gerade kreuz und quer durch die Schweiz und wird in einer Woche auch auf dem Münsterplatz haltmachen.

Klein sein und klein bleiben

Roland Fischer am Mittwoch den 14. Mai 2014

Es walsert gerade allenthalben, im Kino Kunstmuseum - mit einer exquisiten Filmreihe - ebenso wie im Kunsthaus Aargau, wo in einer schönen Ausstellungsidee Zeitgenössisches und Historisches zum grossen Helden der ganz alltäglichen Unterwürfigkeit zusammengetragen wurde.

Wie glücklich bin ich, daß ich in mir nichts Achtens- und Sehenswertes zu erblickten vermag! Klein sein und klein bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Weile bis hinauf, wo Nacht und Einfluß gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den untern Regionen atmen ... Liebe entbehren, ja, das heißt lieben ... Ich will nicht hoffen, daß ich mich sehne. Unsinn.

Das Zitat aus «Jakob von Gunten» fand ich in dieser schönen Kolumne, in der es zum Schluss heisst, wer Robert Walser erst für sich entdeckt habe, «braucht fortan nicht mehr sehr viele andere Literatur, fast möchte ich sagen: nicht mehr sehr viele andere Menschen.»

Heute abend gibt es im Kino Kunstmuseum das Institut Benjamenta zu sehen, die famos freie Interpretation der Brüder Quay von «Jakob von Gunten» aus dem Jahr 1995 - die Filmemacher sind anwesend. Und noch bis Ende August die (noch nicht gesehene) Ausstellung in Aarau.

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Die Ausstellung wie die Filmreihe sind in Zusammenarbeit mit dem Robert-Walser-Zentrum zustande gekommen, das natürlich auch immer einen Besuch lohnt. Noch bis im Oktober kann man da Walsers berühmte Mikrogramme erkunden.