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Archiv für die Kategorie „Politik & Debatten“

Wird es ein Geschenk?

Roland Fischer am Montag den 9. Dezember 2013

Die Initiantinnen vom CO-Labor sind sich bei ihrer gestrigen Jux-Adventskalender-Aktion nicht so sicher: (K)ein Geschenk nennen sie die Verpackungsaktion im Wyler-Quartier.

jux, co-labor

Was da anfänglich so hübsch und harmlos nach Christo aussieht, hat allerdings einen hörbaren politischen Unterton: Das verpackte Gebäude, bis vor ein paar Monaten als Moschee genutzt, muss bis zum Abbruch leer stehen, weil die Behördenwege wieder mal zu lang und verwirrend sind, um da eine Zwischennutzung möglich zu machen. Also gilt einmal mehr: Im Zweifel für die Leere.

Auch für Monate leer stand übrigens die letzte Transform-Liegenschaft an der Güterstrasse 8, wo nach der letzten Kunst-Invasion doch eigentlich sofort der Abriss hätte kommen sollen. Nun bekommen die Macher nochmals einen Hausschlüssel und bespielen die Räumlichkeiten ein zweites Mal, vom 10. Januar bis am 28. Februar 2014. Mehr Infos dazu folgen, sobald das detaillierte Programm steht.

Unabhängig bleiben!

Roland Fischer am Montag den 25. November 2013

Heute mittag wurde auf der Bundesterrasse die Charta 2016, eine Petition für unabhängige Kunsträume, eingereicht. Fast 2500 Unterschriften sind über die Sommermonate in Sachen «Hundert Räume geben mehr Licht als ein Leuchtturm» zusammengekommen. Die Charta verlangt, der Bund solle noch einmal auf den Entscheid von 2011 zurückkommen, als auf ziemlich trockene Weise die Kunst-Offspaces finanziell trockgelegt wurden. Ein fröhliches Häufchen um Marks Blond, Stefan Wagner und Chris Frautschi feierte die Übergabe des Petitionspakets und sogar der Sicherheitsdienst kam noch vorbei, für eine schöne Ad-hoc-Performance. Sage noch jemand, Kunst werde nicht wahrgenommen in dieser Stadt.

charta 2016

Ein loser Kreis von Berner Kunstschaffenden rüstet sich derweil für die besinnlichen Tage und beschert der Stadt einen etwas anderen Adventskalender namens «JUX». Öffentliche Gelder? Drauf geschissen! Öffentliche Orte? Drauf gehockt! Öffentlicher Raum? Drin gespielt! Man darf gespannt sein, was da im Stadtraum so passieren wird den ganzen Dezember durch.

Welche Kultur braucht die Stadt?

Roland Fischer am Dienstag den 19. November 2013

Welche Kunst wollen wir? So einfach wäre die Frage gewesen gestern, im wieder mal mit grosser Kelle angerichteten Bonsoir Jardin. Aber irgendwie hätte man es ja wissen können: Wenn es um Subventionen geht, dann wird jede Diskussion über kurz oder lang zu einem Jahrmarkt der Polit-Eitelkeiten. Also machte man aus dem Was und Warum kurzerhand ein Ob überhaupt und tauschte munter Ideologien aus. Dabei fing es doch so toll an: Die Jungfreisinnigen (als Kulturschlächter der Stunde) schickten ihre Präsidentin Marlen Bigler, die sich arg- und auch gehörig ahnungslos auf das hochdotierte Podium - mit der städtischen Kulturchefin Veronika Schaller und dem Dampfzentrale-Leiter Georg Weinand - wagte. Die (auch für den Moderator) irritierend ehrliche Art, mit der Bigler ihre fehlende Dossierkenntnis eingestand («Nein, ich war noch nie in der Kunsthalle»), wäre eine schöne Chance gewesen, die Diskussion mal ein bisschen abseits der kulturpolitischen Trampelpfade zu führen.

kunsthalle

Aber nein: Am Schluss vollführten alle wieder die üblichen Volten - der Kulturmacher philosophierte etwas von einem Labor für die Gesellschaft und wünschte sich in Bern ein doch bitte etwas neugierigeres Publikum. Die Chefin meinte, sie entscheide ja eigentlich gar nichts, das läge in der Hand der entsprechenden Gremien - kein Wunder sieht sie nicht ein, wozu es da eine Strategie bräuchte. Und der Jungfreisinn möchte alles (d.h. auch eine Kulturabteilung) gern unternehmerisch geführt sehen, am liebsten wohl mit einem Businessplan.

Es gibt da wohl auch einen altbekannten politischen Abwehrreflex: Wenn die Jungfreisinnigen fragen, warum es eine Kunsthalle denn braucht, so sollte man nicht gleich die Kanonen in Stellung bringen, sondern sie beim Wort nehmen. Und erklären warum. Tut man die Frage als dumm und ungehörig ab, dann ist ganz und gar niemandem geholfen - der Kunsthalle und der Kunst am wenigsten.

Philosophischer Rausch

Gisela Feuz am Freitag den 15. November 2013

Es birgt ja durchaus eine gewisse Ironie, wenn da einer ernsthaft über philosophische Perspektiven in Bezug auf Drogen diskutiert, der gerne in breitestem Baseldeutsch verkündet «Mach kai Booge um Drooge, Drooge sin guet alles andri isch glooge». Aber Bubi Rufener ist eben nicht nur Rapper und Vorzeigelümmel bei Revolting Allschwil Posse, sondern arbeitet auch seit 17 Jahren bei der Drogenanlaufstelle der Stadt Bern. Entsprechend konnte Rufener gestern Abend als Gesprächsgast beim philosophischen Abend zum Thema «Rauschmittel» im Kairo durchaus seriös, fundiert und aus erster Hand Auskunft geben, was Dimensionen und Folgen von Räuschen anbelangt.

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Anja Leser und Bubi Rufener

Organisiert hat den Abend Anja Leser von  Philosophie.ch (wir haben hier bereits darüber berichtet), welche denn auch gleich die Rolle der Gastgeberin und Talkmasterin übernahm. Einleitend gab Leser einen kurzen Abriss über die Geschichte von Rausch und rauschfördernden Substanzen, wobei sie darauf hinwies, dass bereits die alten Ägypter Bier brauten und im 19. Jahrhundert Opium ein beliebtes und alltägliches Mittel war, um Kinder ruhig zu stellen.

In der anschliessenden Diskussionsrunde sprach sich Bubi Rufener für einen bewussten und lustvollen Umgang mit Drogen aus, wobei der exzessive Velofahrer darauf hinwies, dass Fahrrad fahren und Heroin so unterschiedlich auch nicht seien, bei beidem sei es besser, wenn man sich auf den Ausflug vorbereite und einen Helm trage. Rufener erzählte Eindrückliches aus seinem Arbeitsalltag in der Drogenanlaufstelle, lobte dabei die Zusammenarbeit mit der Polizei und sprach sich für eine Legalisierung aller Drogen aus, wobei er explizit betonte, dass dies seine persönliche Meinung sei.

Harte Drogen und der Umgang damit standen gestern Abend in der philosophischen Diskussion im Zentrum, was aufgrund Rufeners Tätigkeit nur logisch war. Auch interessant wäre gewesen, andere Arten von Räuschen, von denen es ja viele gibt, philosophisch noch zu vertiefen. Müsste in letzter Konsequenz für Leute im Kaufrausch auch eine Anlaufstelle eingerichtet werden? Sind Workaholics auch Drögeler? Ist es philosophisch vertretbar, sich zu betäuben? Und gehört Ovomaltine («nicht besser aber länger») eigentlich zu den Neuro-Enhancern? Räusche sind so alt wie die Gesellschaft und entsprechend viele Diskussionsabende könnten mit diesem Thema wohl noch gefüllt werden.

Wer gehört ins Theater?

Miko Hucko am Mittwoch den 13. November 2013

Zuerst die erfreuliche Nachricht, Positives liest sich gern:
Der Club der Voyeure kommt nach Bern! Das heisst konkret, dass Leute zwischen 15 und 30 endlich nicht mehr alleine ins Theater müssen. Ab dem 28. November trifft sich das junge Grüppchen jeweils Donnerstag, um die verschiedenen Berner Theater nicht nur zu besuchen, sondern auch darüber zu diskutieren und Blicke hinter die Kulissen zu werfen - wie echte Voyeurinnen das halt so machen.

Diese Form macht Lust und ist relativ niederschwellig zugänglich, das Erkunden, Entdecken und gemeinsame Erfahren steht im Vordergrund, Theater als Erlebnis. Besucht wird sowohl die Freie Szene als auch das Stadttheater, ein Ausgleich der Formen ist also vorprogrammiert.

Weniger zugänglich gibt sich das KTB selbst in der Erstausgabe der eigenen Vierteljahresschrift (Der Bund - Werbebeilage von vergangenem Samstag), die neben Kurzinterviews mit Angestellen und Vorschauen auf Premieren auch ein Interview enthält, das den vielunddochnichtssagenden Titel Was kann Kultur? trägt. Es handelt sich um ein Gespräch zwischen Thomas Beck (Direktor HKB) und Stephan Märki (Direktor KTB). Das Interview plänkelt vor sich hin, Floskeln zu Erhalt und Wichtigkeit der eigenen Institutionen werden in die Runde geworfen, es scheint lange, dass Kultur sich vor allem besonders für Finanzen interessiert. Bis Stephan Märki zu einem ersten Schluss kommt:

Das Feld der Ökonomie an einem Vierspartenhaus ist wichtig, aber auch begrenzt, das Feld der Kunst hingegen unendlich. Auch wenn früher in künstlerischen Leistungsetagen von Theatern oder Orchestern zuweilen wenig Interesse am Budget bestand: Das Berechnen einer endlichen Geldmenge kann (fast) jeder, künstlerisch gestalten eben nicht.

Das digitale Zeitalter, die Demokratisierung der Kunst und der Medien, der niederschwellige Zugang zu Bildung und Arbeitsmaterialen haben bewiesen, dass Kunst (TM) nicht diese abgeschlossene Elitenblase ist, wie sie sich Stadttheaterdirektoren wünschen. Aber solche Thesen scheinen die Subventionswürdigkeit einer Institution zu gefährden, anstatt ihre Strukturen mit frischem Wind zu erfüllen. Schade. So kristallisiert sich heraus (vom Design her zum Glück! so aufbereitet, dass auch wir Banausen es verstehen):

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Ich glaube ja, dass auch der Club der Voyeure beurteilen können wird, wie gewagt Theater in Bern ist. Und das ist doch gerade interessant, wenn für einmal nicht die Expert_innen sprechen. Ich möchte gar sagen: Das Theater dem Volk! Das Volk dem Theater! Weil Theater tatsächlich Raum bieten soll für "Denken, Unruhe, Widersprüche und eine lebendige Öffentlichkeit", wie Stephan Märki das früher im Interview eigentlich ganz schön sagt.

Comics-Stipendien aus der Stadt

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 7. November 2013

Für die Stadtberner Comic-Zeichnerschaft brechen neue Zeiten an, denn ab dem kommenden Jahr vergibt die Stadt im Rahmen eines Pilotprojekts erstmals Comics-Stipendien. Allerdings stemmt die Stadt Bern dieses Projekt, das auf drei Jahre angesetzt ist, gemeinsam mit den Städten Zürich, Luzern, St. Gallen und Winterthur. Das Stipendium, so teilt die Stadt in einer Mitteilung mit, «richtet sich an Zeichnerinnen und Zeichner, deren künstlerischer Fokus auf dem Comic liegt. Dabei werden sowohl klassische Formen von Comic wie auch ein experimenteller Umgang mit dem Medium berücksichtigt.»

Ausgeschlossen von der Jurierung sind Animationsfilme und Cartoons. Und letzteres ist dann doch schade, fallen dabei doch die immer wieder lustigen Witzeschreiber und -zeichner und Erbauer des «Podests für Alle» von Pause ohne Ende zwischen Stuhl und Bank:

podest

Wie auch immer: Ich bin gespannt, wer im Frühling anlässlich des Fumetto mit den Stipendien prämiert wird. Dieses findet vom 5. bis 13. April wie gewohnt in Luzern statt.

Kurznotiz: Gaskessel-Klick-Protest

Christian Zellweger am Montag den 14. Oktober 2013

Jugendzentrum Gaskessel

Progonosen sind schwierig. Es darf aber angesichts der aktuellen Diskussion zumindest leise angezweifelt werden, dass der Gaskessel nochmals 40 Jahre erleben wird.
Nachdem es in Sachen Klick-Protest lange ruhig blieb, hat sich letzte Woche nun doch die lang erwartete Facebook-Gruppe formiert. Aktueller Stand: Knapp 2400 Likes. Da ist noch Luft nach oben.

Bloggen? Kann jeder.

Roland Fischer am Freitag den 11. Oktober 2013

Lisa Steiner, ein tag im atelierOk, das wird jetzt wieder mal ein etwas wilder Ritt. Weil ein Blogbeitrag nämlich kein Magazinartikel ist, man also das Textende bestenfalls schon im Blick hat am Anfang - also spute ich mich mal besser. Wir bekommen demnächst Konkurrenz, zumindest wenn das Crowdfunding noch in die Gänge kommt. Ein neuer Kulturblog für Bern, oder gleich ein Magazin, wenn es nach den Machern geht:

«Seelenreiter» ist ein Online-Magazin für die Stadt Bern in Form eines Blogs. Es versteht sich als eine Art kollektives Tagebuch verschiedener Berner Kulturschaffenden. Offizieller Startschuss ist am 6. Januar 2014, 10.00 Uhr.

Wir werden auf die Uhr schauen. Inzwischen ist man eben noch am Geld sammeln, «dies, weil wir alle Beteiligten für ihre Blogbeiträge (wenigstens symbolisch) entschädigen möchten (was heutzutage im Online-Geschäft ja kaum mehr gang und gäbe ist).» Die paar schon im gediegenen Design erschienenen Beiträge haben jedenfalls noch Luft nach oben, sowohl konzeptionell (was genau will man da? Nabelschau der Schreibenden? Untergrundjournalismus? junge Talente fördern?) wie auch stilistisch. Aber wir freuen uns, weil es ja bekanntlich gut fürs Geschäft ist, wenn sich der Marktplatz füllt.

Ah ja, apropos Markt. Da hat's ja in den letzten Tagen ein ziemliches Geschrei gegeben in Deutschland, wegen der HuffPo, wie die deutschsprachige Ausgabe der Huffington Post in der Blogosphäre gerufen wird.

Ist es nicht das bevorstehende Ende des Journalismus, wenn Journalisten und andere Autoren für eine Redaktion schreiben sollen – und ihre einzige “Bezahlung” ist die Aufmerksamkeit und ein bisschen was vom Ruhm, den ein großer Name abstrahlt? Am Tag 1 der HuffPo zeigt sich vor allem eines: Es war die falsche Diskussion [...]. Die eigentliche, viel wichtigere und ganz simple Frage lautet vielmehr: WAS SOLL DAS, HUFFPO?

Blogger Christian Jakubetz fand den Start der amerikanischen Journalismus-Rettungsinsel in Deutschland offenbar nicht so berauschend. Und macht gleich den saloppen Umkehrschluss: Wer bezahlt wird wie ein Praktikant, liefert auch Arbeit wie ein Praktikant:

Eine krude und aufmerksamkeitsheischende, in weiten Teilen aber substanzlose Mischung aus Focus Online und Bild, die aussieht, als sei sie von Praktikanten zusammengestopselt worden – das hat der deutsche Medien-Regenbogen nun wirklich nicht gebraucht.

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KSB-Heimatkunst, 3008 Bern

Roland Fischer am Donnerstag den 3. Oktober 2013

Achtung, Gaskessel unter Druck. Gestern war es im Bund zu lesen:

Weil auf dem Berner Gaswerkareal gebaut werden soll, gerät das Jugendzentrum Gaskessel unter Druck.

Vielleicht sollte sich jemand beizeiten daran machen, da mal ein wenig Druck abzulassen. Ich meine, nicht, dass uns wieder eine Jugendbewegung um die Ohren fliegt. Im Kessel drin können die sich ja sonst gern noch ein wenig bewegen.

Gaskessel_druck

Der «Gaskessel» an der Nägeligasse?

Benedikt Sartorius am Montag den 16. September 2013

Nun liegt es vor, das Konzept Nachtleben für die Stadt Bern. Neben Worten wie Littering und Security-Konzept gibt es auch anderes zu lesen. So soll etwa die Liegenschaft an der Nägeligasse 2 – der einstige Stützpunkt der Sanitätspolizei – zum Club umgerüstet werden. Wir zitieren aus dem Konzept:

«Nach dem Auszug der Sanitätspolizei aus der Nägeligasse 2 ergibt sich die Gelegenheit, das Parterre- und Kellergeschoss einer Nutzung für das Nachtleben zuzuführen. Der Standort Nägeligasse 2 eignet sich in verschiedener Hinsicht für das Nachtleben. Er könnte einer kommerziellen Nutzung zugeführt werden. Die Nägeligasse würde die Lücke in der Ausgehmeile Bollwerk - Aarbergergasse - Speichergasse - PROGR - Kornhausplatz schliessen. Der Standort ist nicht in einem Wohnquartier und würde somit dem Anliegen der Rechtssicherheit der Klubszene dienen. Auch könnte der Standort einer nicht-kommerziellen Nutzung zur Verfügung stehen. Es könnte die bei Massnahme 10 erwähnte Lücke bei Jugendangeboten in der Innenstadt für Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren geschlossen werden. Analog dem Gaskessel könnte ein Angebot in der Innenstadt geschaffen werden. Allenfalls könnte dieses Angebot die Funktion des Gaskessels übernehmen.»

topelement

Anders gesagt: Geht es nach der Stadt, gehört der Gaskessel als Jugendlokal wohl schon bald der Vergangenheit an.