Archiv für die Kategorie „Politik & Debatten“

25 Jahre

Miko Hucko am Sonntag den 9. November 2014

Ich bin 26 Jahre alt, also nur knapp älter als die Wende, die Wände, die gefallen sind. Und ich geb's zu - ich wäre wahnsinnig gerne ein Wendekind. Einfach weil's cool ist. Cool?

Jetzt feiern wir also. Was eigentlich? Dass das nicht alle so genau wissen, und vielleicht, auch nicht wissen wollen, wissen wir bereits. Berlin stellt (zugegeben schöne) Lichtballons entlang der ehemaligen Mauergrenze auf:

Derweil haben wir, Europa, uns selbst eingemauert. Um diesen Aspekt mit der Feier zu verbinden, hat sich das Zentrum für politische Schönheit auf den Weg an die europäische Grenze gemacht, in Bulgarien. Heute, da sich der Mauerfall zum 25sten Mal jährt, wollen sich ein paar Wenige (ich habe ein bisschen den Verdacht, dass mehr Presse dabei ist als wirkliche Aktivist_innen) also an den Ersten Europäischen Mauerfall machen. Livestream hier.

Mehrfach segregiert: «I apologize for breaking up your perfect home»

Oliver Roth am Donnerstag den 25. September 2014

Rumziehen und Musik hören

Mit dem Mixtape «Shyne Coldchain II» von Vince Staples durch die Länggasse in Bern

Ich spaziere am Mittag durch die Strassen, steuere auf den Sandwich-Laden in der Ecke Fabrik-Länggasse zu und hole mir das dicke Thunsandwich mit Gurken. Die geloopten Engelchöre hauen mir fast die Kopfhörer vom Kopf. Die Stimme räuspert sich:

«Yeah. Back and blacker than ever.»

Ich gehe schmatzend vorbei an massenweise herumziehenden, Rucksack mit Büchern und Lunchpaketen tragenden, jungen Menschen. Sie sind wieder da. Eine eher hohe aber akzentuierte Stimme erzählt über einen gesampelten Vocal-Beat Geschichten und zeigt mir Bilder. Zum Beispiel von einem Jungen, der jemanden umbringen will, weil er gesehen hat, wie sein Vater das selbe tut. Manchmal verfallen die Raps in krächzende Töne, die im im Hals stecken bleiben.

«Breaking all the written rules / 
Breaking the tradition of that inner-city raising fools»

«I apologize for breaking up your perfect home»

segregation

Der Beat klingt trocken, wie damals «NY State of Mind» von Nas, mit diesem sich im Kreis drehenden, ins unendliche fliessenden Ton. Die Lieder sind kaum länger als drei Minuten, voller Energie und bestehen aus dichter, verschachtelter, zugänglicher Sprache. An meiner Ecke, wo früher das Bettenland war, wohnen jetzt auch neue Leute. Sie pflanzen vor ihrem Haus Gemüse an, haben eine Seilbahn gebaut und spielen auf der Strasse Fussball. Auf der anderen Seite wurde ein altes Geschäft zu einer glänzenden Wohnung umgebaut. Darin ist ein Ehepaar eingezogen, das ich nie sehe, immer die Vorhänge zugezogen hat und einen BMW fährt.

«Homie, I ain't humble, I deserve this shit. [...] So fuck you, fuck you, fuck you and fuck you.»

Ich denke daran, wie in der Strasse, in der ich gehe, am Donnerstag Abend die einzelnen Party-Kolonnen mit je circa zehn Leuten johlend Richtung Innenstadt ziehen und am Sonntag in derselben Strasse sich die jungen Eltern darüber unterhalten, in welchem Restaurant es die besten Kindersitzchen gibt und dass es eigentlich auch ein Ronorp für Kinder geben sollte!

«They let the monkey out of the cage, he got a gun / he got a book, he got a brain, you better run»

«Little black boy shooting down the avenue»

Haben Sie mal eine halbe Stunde?

Christian Zellweger am Freitag den 29. August 2014

Dann gehen Sie raus, solange es grad nicht regnet. Oder Sie bleiben drin, vor dem Computer. Dann können Sie sich diese zwei Dinge ansehen, völlig zusammenhangslos aus dem Internet gefischt:

1. Miranda July hatte eine Idee. Von fremden Menschen und wie sie sich begegnen. Quasi das Leitmotiv ihres Werkes. Bewährt ist: Sie hat daraus einen Film gemacht. Neu ist: Sie hat daraus ein App gemacht:

2. Teju Cole schrieb einen Text. Über das Schwarz-sein 2014 und 1953, über Leukerbad und was das Heute mit dem Früher und mit den Ereignissen in Ferguson zu tun hat. Auch er bleibt seinen Leitmotiven treu und verknüpft Hoch- und Popkultur, Politisches mit Persönlichem:
Black Body: Rereading James Baldwin’s “Stranger in the Village

Und falls Sie doch lieber rausgehen, machen Sie Halt in der Buchhandlung Ihrer Wahl und suchen Sie nach Julys No One Belongs Here More Than You und Coles Open City.

Her mit den Säulen!

Miko Hucko am Freitag den 29. August 2014

Sie haben uns neue Plakatstellen versprochen, die von der Stadt, damit Plakatierung nicht mehr nur im Weltformat durch grosse, finanzkräftige Kulturinstitutionen legal möglich ist. Toll! habe ich mir gedacht. Jetzt ist das Stadtgebiet ja ziemlich weitläufig und irgendwie haben wir beide nicht die selbe Idee, wo denn ein möglichst guter Ort für so eine offizielle legale Plakatstelle wäre.

Also beim unbefahrensten Kreisel im ganzen Breitenrain bestimmt nicht. Ich meine, weiter so! Mehr Plakatstellen! aber bitte an einem Ort, an dem auch Leute vorbeikommen. 

2014-08-29 09.55.43

Musik für amerikanische Polizisten: Hands Up, Don’t Shoot

Oliver Roth am Freitag den 22. August 2014

Rumziehen und Musik hören.

Mit dem Album "Lese Majesty" von Shabazz Palaces im Zug von Bern nach Basel.

Ich steige in den Zug und nippe an meiner Flasche Orangensaft. Der Beat setzt ein und der Zug rollt los. Untermauert von sphärischem Wummen aus dem Outerspace lehne ich mich zurück und sehe die leeren Strassen Berns verschwinden.

Meet us there / We throwing cocktails at the Führer

Schnell wechseln die kurzen Lieder ihre energiegeladenen Klänge: Disco, Gil-Scott Heron, Black Panters, Blues, Jazz und World sind eine Rakete, die in den Himmel schiesst. In Olten kreuzt mein Zug einen anderen. Ich sehe nebenan im Fenster eine weisse Frau die gelangweilt eine Zeitung liest und in der Nase bohrt. Von dem Bild in der Zeitung schauen mich wütende afroamerikanische Bürger an.

Blackness is abstracted and protracted by the purest

Ich streife an zersiedelten mittelländischen Dörfern vorbei und sehe ein Quartier mit neugebauten eckigen Bauhaus-Häusern. Ich denke, dort wohnt vielleicht André Corboz.

It's black-ephilic and petalistic catastrophic hymns

I scream and yell like Samuel L / I’m often on like Chaka Khan

Als ich Basel aussteige bin ich wieder auf dem Boden gelandet und schaue etwas kritisch die Waffen der Polizisten an, die vor dem Bahnhof stehen.

Bitch boy, pistol aimin' /
Black star, minds are schemin'
/ Fulfill all our dreamin'
/ That's what's up this evenin'

Shabazz Palaces "Forerunner Foray"

Shabazz Palaces "They Come In Gold"

 

Ein heisser Berner Kultursommer

Roland Fischer am Mittwoch den 20. August 2014

Was ist eigentlich los im Berner Kulturleben? Ist das die übliche Sommermalaise, dass überall plötzlich Baustellen sind, wo eben noch gutes Durchkommen war? Fabrice Stroun gibt offenbar nicht ganz freiwillig die Leitung der Kunsthalle auf, und auch die Vernehmlassung zur städtischen Kulturförderung 2016–2019 hat ein ziemliches Chaos verursacht. Nun hat der Chef der Kulturchefin offenbar entschieden, dass eine einjährige Überbrückungsfinanzierung für 2016 gesprochen werden soll, damit die Szene mehr Zeit erhält, die offenen Fragen gründlich zu diskutieren. Dabei geht es natürlich vor allem um die Fusion von Schlachthaus und Dampfzentrale, die übrigens hier auf transparente Art begleitet werden soll. Vom Treffen der freien Szene am Montag abend ist da noch nichts vermerkt, aber es soll lange und ausgiebig erörtert worden sein, welche Strukturen die freie Szene tatsächlich bräuchte – und auch der Vorschlag gemacht, alle Intendanzen rundweg abzuschaffen und die Häuser ganz für «freie Szenen» zu öffnen.

fight for your rightDiskutiert wird derzeit ohnehin eine ganze Menge, und das mitunter sehr lebhaft. Hinter den Kulissen läuft schon seit einigen Monaten die von der neuen Progr-Chefin Franziska Burkhardt moderierte Auslegeordnung in Sachen Musikfestival und Biennale - von der wird es zunächst allerdings eine Menge kultureller Taten statt Worte geben. Die Idee mit dem einjährigen Marschhalt kam vor einer guten Woche auf den Tisch, anlässlich einer Orientierung von Veronika Schaller und Alexander Tschäppät, bei der es dem Vernehmen nach ziemlich emotional zugegangen sein soll. Urheber der Idee ist pikanterweise Schallers Vorläufer Christoph Reichenau. Und munter weiter gestritten werden darf dann in einer guten Woche, anlässlich der zweiten Berner Kulturkonferenz, an der das Grobkonzept für ein neues Kulturkonzept 2016–2019 für die Stadt Bern vorgestellt wird, ausgearbeitet von vierzig Exponenten aus der Kulturszene. Eben doch ein heisser Sommer.

Der Zorn hockt in Gstaad

Milena Krstic am Dienstag den 22. Juli 2014

«Dä muesch gseh ha!», rief Küre ins Telefon. Es war für ihn kein Leichtes, mich davon zu überzeugen, mit ihm ans Menuhin Festival in Gstaad zu kommen, wo Bobby McFerrin auftreten würde. Ich fuhr dann hin, nach Gstaad also, in das Dorf im Berner Oberland, zugehörig der Einwohnergemeinde Saanen; ab Bern dauert die Zugfahrt rund zwei Stunden. Wer die beste Verbindung wählt, steigt nur einmal um.

Ich war bereits bei der Dorfkirche in Saanen angekommen, als mich Küre wissen liess, dass er sich um eine halbe Stunde verspäten würde. Also blieb genug Zeit, mich mit Alec anzufreunden, dem braungebrannten Aktivisten, der sich am Fusse der Kirche installiert hatte, um die Festivalbesucher mit Flyern auszustatten (und nebenbei den Zorn der Organisation auf sich zu ziehen). Hier grob zusammengefasst, was auf den Flugzetteln geschrieben steht: Yehudi Menuhin, Gründer des Festivals/Violinist/Dirigent/Humanist und Ehrenbürger von Gstaad, hätte sich wohl im Grabe umgedreht, wüsste er, dass seit dem Jahr 2002 (also drei Jahre nach seinem Tod) die HSBC Bank als Hauptsponsor für sein Festival ins Boot geholt wurde. Alec und ich waren gerade erst per du, als Küre kam und wir in die Kirche hetzten. Die war rappelvoll, aber wir erspähten noch zwei freie Plätze, drückten uns an den bereits Sitzenden vorbei und da wurde uns klar, weshalb die überhaupt noch frei waren, aber da war es schon zu spät: Balken

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Letztens in Thun (wieder einmal)

Milena Krstic am Samstag den 21. Juni 2014

Holaduli Akut ThunIn der Stadt Thun geschah gestern Abend Magisches: In dem nah an den Bahngeleisen gelegenen Kultur- und Politzentrum Akut spielte die Band Holaduli. Die vier jungen Berner Oberländer geben schon seit Jahren Konzerte, aber auf Tonträger haben sie ihren schaurig schönen Mundart-Pop noch nicht verewigt. Und obwohl man sich Holaduli nicht in der Endlosschlaufe anhören kann (man würde ja gerne), hat die Band eine treue Gefolgschaft, die mehrstimmig mitsingt, wenn der verwegene Sänger «dSunneblueme» oder «Dr Cowboy» anspielt. Besungen werden die Planeten, das Meer («zMeer i mir isch zMeer i dir»), die Blumen und die Revolte gegen alles, was dem Gemüt nicht gut tut. Veredelt von Kontrabass, Piano und einem stimmigen Schlagzeugspiel, stimmt irgendwie alles in Holadulis Galaxie. Und weil die Stimmfarbe des Sängers an Thom Yorke erinnert, könnte man meinen, das Berner Oberland habe seine eigenen Radiohead. Der Mond kreist um die Erde? Gestern hat er für ein Weilchen die Umlaufbahn geändert und Holaduli in sein Zentrum genommen.

Ein paar Worte zum Akut: Das Akut ist eine selbstverwaltetes und unkommerzielles (Eintritt und Preise für Getränke sind frei wählbar) Kultur- und Politzentrum, das im Dezember 2013 eröffnet wurde. Es ist die Errungenschaft vom Kollektiv A-Perron, das sich seit geraumer Zeit für Freiräume in der Stadt Thun engagiert – und auch schon symbolisch das Schloss Thun besetzt hat. Die Stadt Thun hat dem Vereinskollektiv eine ungenutzte Baracke auf dem Gelände des ehemaligen Feldschlösschen-Depots zur Nutzung überlassen. Die SVP-Fraktion macht sich nun aber Sorgen darum, wie die Stadt Thun sicherstellen will, dass es nicht zu «übermässigen Störungen der Nachbarschaft, Problemen mit Gewalt und/oder Drogenkonsum» kommt. Nun gibt es aber an der Seestrasse – also praktisch vor der Haustüre des Akut - einen Strassenstrich, der seit Jahr und Tag geduldet wird. Dass dort täglich Prostituierte in Autos von Fremden steigen und garantiert einer grösseren Gefahr ausgesetzt sind als die Nachbarn, denen es aufgrund von tiefen Bässen zu laut werden könnte, stört weder die SVP noch sonst jemanden. I just don’t get it.

Schweizer Tugenden, lohnende

Roland Fischer am Donnerstag den 8. Mai 2014

Also, ich stelle mir das am ehesten so vor: Cornelius Gurlitt lässt sich auf dem Sterbebett eine Europakarte und ein paar Dartpfeile bringen und wirft dann solange, bis er eine valable Stadt mit einem vernünftigen Kunstmuseum (womöglich noch eines, das Ausbaupläne hegt) getroffen hat. Und - genau ins Schwarze, genau Bern. Jedenfalls:

Trotz Spekulationen habe die Nachricht eingeschlagen «wie ein Blitz aus heiterem Himmel», liess das Berner Kunstmuseum in einer kurzen Stellungnahme verlauten. Gurlitt und das Museum hätten vorher nie irgendwelche Beziehungen gepflegt.

"Straßenbahn" von Bernhard Kretschmar   |  © Lost Art Koordinierungsstelle Magdeburg/Getty Images

"Straßenbahn" von Bernhard Kretschmar | © Lost Art Koordinierungsstelle Magdeburg/Getty Images

Nie war da gar nichts. Ausser ein paar loser geschäftlicher Beziehungen zum Auktionshaus Kornfeld, bekanntlich auch in Bern beheimatet. Aber das ist natürlich reiner Zufall. Erinnert irgendwie an die Bankenszene, die Rhetorik. Von nichts wissen aber natürlich auch nicht nein sagen. Und ansonsten golden schweigen. Schweizer Tugenden, wenn man so will.

Gefällt mir. Nicht!

Milena Krstic am Donnerstag den 1. Mai 2014

Haben Sie sich schon einmal gefragt, weshalb es auf Facebook keinen Dislike-Button gibt? Das «Dislike - Magazin für Unmutsbekundung» liefert auf diese Frage zwar keine Antwort, ist aber von der Gefällt-mir-Philosophie beeinflusst und unter anderem deshalb entstanden. Die junge Berner Journalistin Katja Zellweger hat gemeinsam mit Rebekka Gerber und Sarah Pia ein Magazin gegründet, das sich eigens damit befasst, seinem Unmut Luft zu machen; zu sagen, was einem auf den Wecker/Zeiger/Sender/Sack geht, was nervt/missfällt/anekelt/abstösst/empört.

comment_section_bund_gifGleich zwei Beiträge behandeln das Thema Online-Kommentare. So etwa Mirko Plüss, Reporter beim Tagesanzeiger, in seinem Essay «Die verfluchte Kommentar-Funktion» und die Journalistin Michèle Binswanger, die einen gruseligen Einblick in ihr privates Postfach gibt («... sonst droht ein hässlicher Krieg. Sorry!»).

 

«Dislike - Magazin für Unmutsbekundung» ist diesen Monat zum ersten Mal erschienen. Es wurde von der Berner Design Stiftung prämiert und ist deshalb Teil der Ausstellung BESTFORM im Kornhausforum (bis 18. Mai). Zu kaufen auf der Dislike-Website oder vom 14. bis 21. Mai im Pop-Up-Store des Kulturbüro Bern. 

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