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Ach, Bundi

Mirko Schwab am Donnerstag den 18. Mai 2017

Er hat keine Website, dafür eine grosse Klappe. Und wir können ihm beim Klettern zuschauen, dem Emanuel Bundi: Autor, Performer, Unikat.

Der Berner Schriftensteller Emanuel Bundi und ein etwas wüster Hund.

Dieser Text hat folgendes Vorwort: Bundi ist ein guter Freund und wir küssen uns oft auf den Mund. Ob man denn Kritik betreiben könne an einem, den man auf den Mund küsst. Ob das nicht eben genau diese inzestuöse Kulturfuzi-Kuschelei sei, dieses freischaffende «einander am Anus chräbele», wie der Porträtierte selbst es formulieren würde. Dazu muss ich die Begriffe der Freundschaft und der Kritik etwas von ihrer mitgemeinten Unbedingtheit befreien. Zum einen ist es durchaus möglich, manchmal nötig, streng zu sein mit guten Freunden. Im Gegensatz zu flüchtigen Bekannten besteht bei ihnen wenigstens die Gewissheit, dass, sollte einer beleidigt sein, man sich einmal gepflegt auf die Haube geben könnte und gut ist. Zum anderen wird auch der Begriff der Kritik oft als unbedingt, als unbedingt negativ nun, verstanden. Wobei einander 1 runterzuholen natürlich keine wohlgesinnte Kritik sein kann, die sorgfältig begründete Bewunderung aber mit Sicherheit schon.

Also versuch ich mich in Sorgfalt. Meine Annäherung an Bundis Sprachen beginnt bei ebenjenem Plural: den Sprachen. «Jeder Autor hat viele Sprachen», hat der Portätierte einmal zu Bedenken gegeben «ausser Martin Suter vielleicht.» Es ist schon so: Das journalistische Bedürfnis, die Dinge beim Schopf zu packen, tausend Sprachen auf eine beschreibbare Essenz einzudampfen, es ist gleichzeitig ein gefährliches Verfahren und ein nötiges. Wie sonst soll ich Ihnen ein Geschmäcklein dessen vermitteln, was dieser Bundi aus sich herausschreibt Tag für Tag, was Sie ja nicht lesen können, weil der Tubel hat ja weder eine Website noch hat er einen Verlag …

An Bundis Sprachen ist da: das Helvetistische, dialektal eingefärbte bis hin zum Dialekt als eigenständige Erzählsprache. In der Tradition einiger seiner literarischen Kollegen, Fehr und Lenz natürlich oder auch ein Reichen, der die Dialektisierung der Standardsprache bis an den linguistischen Rand treibt, arbeitet Bundi mit diesem Klang. Es ist ein Klang, wie er der inhaltlichen Direktheit seiner Arbeiten gut ansteht. Und die Verkörperung der Figuren ermöglicht, die er lesend erst vollständig zum Leben erweckt, variierend zwischen breit vorgetragenem allemand fédéral und dem Berndeutschen. Dann: das Drastische, das Rohe. Dass es einigen «zuviel» wird, dass sie die Lesung verlassen oder vergrämt durchstehen müssen – er riskiert es gerne. Dabei ist er immer gleichzeitig Punk und Aufklärer, brachial und demütig, seinen Figuren und der Menschlichkeit verpflichtet, aber ebenso gewillt, einen Feuchten zu geben auf jene, die ob der schieren Nacktheit einer Erzählung die eigene bildungsbürgerliche Verklemmtheit so spüren, dass sie unruhig auf dem Stuhl herumzujuckeln beginnen. Die Authentizität dieses Draufgängertums ist nicht selbstverständlich. Und selbstverständlich ist sie nicht in letzter Konsequenz einzufordern, denn es ist das schöne Recht des Geschichtenerzählers, sich seine Geschichten auszudenken. Und doch ist ein Gangster-Rapper wenig mehr als ein lachhafter Dieb, wenn er sich den Codes einer Lebenswelt bedient, ohne diese Lebenswelt zu kennen. Bundis Figuren sind auch deshalb lebendig, weil sie stimmig sind, psychologisch fein gezeichnet von einem, der seine Figuren kennt. Der sich nächtelang in miesen Bars herumtreibt, um sie kennenzulernen. Der zwar nicht dafür zur Arbeit geht – sondern, weil er sich eine Bleibe und das Saufen zu leisten hat – der aber auch dabei an die Geschichten gerät, die dem durchschnittlichen Maturanden mit Südamerika-Erlebnissemester im Backpack halt nicht unterkommen. Es ist, was indes auch Lenz auszeichnet: die Gewissheit, dass einer auch neben der sozialen Komfortzone des sozialromantischen Studenten seine Fragen stellt.

Ach, Bundi: Wie kann ich von ihm erzählen, ohne die Extreme anklingen zu lassen? Das Laute und das Leise, das Unbeirrte und die Zweifel, das Grosszügige, das Grössenwahnsinnige. Es ist ihm alles mitgegeben auf dem steilen Vorstieg im Schriftenstellen, das immer zuerst eine Behauptung ist, der Welt zu begreifen: er meine es dann ernst. Und so stellt er sich hin vor die Apéronicker, Hausbesetzer und Kleinkunstwichser und zieht eine Kurzgeschichte aus der Sporttasche.

Am Anfang seiner Lesung ist er noch etwas unsicher, da flattert die Stimmhöhe noch etwas unter der eigentlichen Sprechstimme. Doch das Abtasten ist bald vorbei. Kommt er in Fahrt, mit der Zigarette herumfuchtelnd, rauend, krächzend, dem Derben feinfühlig auf der Spur, das Rohe ausgekocht und ausgelöffelt, angefressen von der eigenen Erzählung – dann können wir ihm beim Klettern zuschauen, dem alten Sauhund, dem das Leben schon ins schöne Bubengesicht hineingepfuscht hat. Was gibt es besseres, als wenn einer seine grosse Klappe so furios dazu verwendet, gute Geschichten zu erzählen? Ja, das Dringliche: Wer ihn lesend erlebt hat, weiss, dass er seine Geschichten immerfort erzählen wird. Wer ihn lesend erlebt hat, begreift: er meint es ernst. Nichts mag er weniger, als wenn ihm gutmütig und altväterlich «Potenzial» zugemutet wird, denn, listen up bitches: Er ist schon jetzt, was er immer sein wird; Autor, Performer, Lebermann (haha).

Auch an den Solothurner Literaturtagen. Am Freitag, den 26. Mai um 15 Uhr in der Cantina del Vino (SRF Broadcast), dann um 17 Uhr, im Kino Uferbau sowie am Sonntag, den 28. Mai um 14:30 Uhr mit einer Kurzlesung im Aussenpodium Landhausquai.

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