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Hübsch gebautes Stück №1 – Die Oberzolldirektion

Urs Rihs am Samstag den 13. Mai 2017

– Hübsch gebaute Stücke – Die KSB-Gang hält Ausschau nach Perlen der Baukunst inmitten unseres von Mittelmässigkeit durchwucherten grauen Dschungels. Erstes Objekt, die Oberzolldirektion an der Monbijoustrasse 40. Ein Bau mit unaufdringlicher und trotzdem selbstbewusster Präsenz. Ein Gebäude das Blicke bannt, ohne Protz – konstruiertes Understatement

Es ist schon ein Weilchen her – an einem verschneiten Mittwochabend im Winter – als die KSB-Gang an einem Tisch über städtische Architektur zu sinnieren begann, bei gutem Rum, Gurkenwasser und Raucherwaren. Wir fragten uns, wo stehen sie, die gut gebauten Stücke, die Gebäude mit Selbstachtung, die Stiloasen mit Ausstrahlung, die der Beliebigkeit die Stirn bieten.

Dabei landete man plötzlich bei diesem Verwaltungsgebäude – welches aussieht als sei es der Feder eines Ligne claire Comic Zeichners entsprungen – dem Hauptsitz der Oberzolldirektion an der Monbijou-Allee. Vielleicht der geschmuggelten Genussmittel auf der Küchenablage des Rockboys wegen, vielleicht aber tatsächlich wegen der beiläufigen Eleganz dieses Gebäudes, mit seiner so nonchalant geschwungenen Hauptfassade als point de vue. Wahrlich ein Blickfang, der Fischer – Bloginterner Architekturspezialist – sprach von einer der stilsichersten Baute unserer Stadt. Erste Nachkriegsmoderne und so – ich traute mich trotzdem mal hin, an den Empfang dieser Bude, um mehr zu erfahren, über die Entstehung und die Geschichte dieses Objekts – es wurde zu einer kleinen Odyssee.

Die klar strukturierte Fensterfassade des Kopfbaus, von der Frontseite her betrachtet.

Gebaut vom Architektenpaar Hans und Gret Reinhard – später berühmt geworden mit ihren Pioniersiedlungen im Tscharnergut, Gäbelbach, Schwabgut u.a. – zusammen mit dem Zürcher Architekten Werner Stücheli. Das Projekt war vom Bund als Wettbewerb ausgeschrieben gewesen und wurde schliesslich an die beiden Erstplatzierten vergeben, eben den Reinhards und ihrem Freund Stücheli – 1944 war das.

Soviel entnahm ich vor meinem Hausbesuch dem Netz und stand nun, weisslicher Cristallinamarmor unter mir, im Eingangsbereich der Oberzolldirektion.

Bauklasse: 6 – Nutzungszone: GG – Geschosse: 8,9 – Bauzustand „Gut“ – Hinweis: Aussenraum von gartendenkmalpflegerischem Interesse – Bewertung: „schützenswert“. (Auszug aus den Akten der Denkmalpflege der Stadt Bern, Inventar Monbijou-Mattenhof)

Portier G*, welcher mich erst äusserst freundlich aus seinem holzgetäfelten Kabinchen im Parterre der Direktion begrüsst, will mir dann aber nicht mehr verraten – obwohl er zweifellos könnte. Dies scheint aber seinen Zuständigkeitsbereich zu überschreiten. Pflichtbewusst übergibt er mir dafür ein Zettelchen mit den Telefonnummern der für das Gebäude beauftragten Denkmalpflegern.

Ich rufe an und werde, sehr charmant zwar, aber abermals weitergeleitet – an den Projektleiter* und Bauherrn der Bauten Inland III – dem eidgenössischen Finanzdepartement zugehörig und dem Bundesamt für Bauten und Logistik. Langsam wirds also ernst. Es folgt ein trocken-zielgerichtetes Gespräch. Ich versuche mich an einer Erklärung was unser Blog ist und stelle meine Fragen: Gab es seitens der Bauherrschaft formale Auflagen für die Zeichner – sollte der Bau repräsentativ wirken für die Oberzolldirektion? Was waren die architektonischen Einflüsse unter welchen Reinhards standen? Wie steht es um den Zustand der Bausubstanz – steht eine Sanierung an? Des Weiteren nimmt mich die persönliche Wahrnehmung des Fachmanns wunder, was löst die Betrachtung des Gebäudes bei ihm aus?

Nach einem Räusperer am anderen Ende der Leitung werde ich gebeten – äusserst anständig versteht sich – diese Fragen doch zu verschriftlichen und sie per Mail zu versenden. So klar strukturiert wie die Fensterfront dieses Eisenbeton-Skelettbaus, ist also auch die ihm innewohnende Behörde – Form folgt auf jeden Fall Funktion hier.

Der Längsbau von der Parkseite her betrachtet. Gut zu erkennen, die profilierten Fensterrähmen.

Wenige Tage später erhalte ich Antwort – nicht vom Projektleiter persönlich, sondern von einem Gewissen Herrn S.* vom Infodienst des EFD – das übliche Vorgehen bei Medienanfragen, wie mir erklärt wird. Nun denn, Herr S.* sendet mir einige sehr informative Auszüge aus Fachzeitschriften, Bücher zu Bundesbauten und Notizen von der Denkmalpflege Bern. Persönliche Statements gibts im Rahmen der Pressarbeit leider keine, dafür noch die Meldung, dass eine Gesamtsanierung der Bausubstanz in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege Bern in den nächsten Jahren bevorsteht.

Ich freu mich – nachdem ich mich schon bei «Asterix und Obelix erobern Rom» und der verfassungstechnischen Formalität zur Beschaffung des Passierscheins A38 wähnte – endlich Essenz. Aus dem Buch zu Bundesbauten von einem gewissen Dieter Schnell geht hervor, dass Verwaltungsgebäude in ihrem städtischen Erscheinen nicht monumental zu sein haben. Präsenz markieren erwünscht, aber subtil. Die Würdeformel öffentlicher Gebäude hiess in den 50er Jahren vor allem viel Raum – auch in Form von Umschwung oder einer Parkanlage – statt ehrfurchterregenden architektonischen Gesten. Somit wird auf die übergeordnete Instanz hingewiesen ohne zu klotzen, demokratisches Understatement. Schliesslich handelt es sich um einen sog. zweckgerichteten Profanbau – als Gegenstück zum ornamentalen Sakralbau einer hochdekorierten Kirche beispielsweise. Dabei sollen idealerweise die internen Hierarchien widerspiegelt und die als effizient erachteten Arbeitsabläufe katalysiert werden. Die Raumgliederung und die Erschliessungskorridore werden somit zur Aussenform, zur Matrize der Verwaltung.

Das Gelenkstück zwischen den beiden Trakten dient als Lichthof und integriert somit auch die wunderbare Parkanlage – eine architektonische Finesse.

Die Oberzolldirektion gilt als hochqualitativer Bau der Nachkriegszeit und der 50er Jahre – wie der Fischer sagte. Karge Materialien treffen auf klare Formen. Speziell bei diesem Gebäude aber: Heimatstil trifft auf „Neues Bauen“. Reinhards hatten – der damaligen wirtschaftlichen Lage geschuldet – die Auflage möglichst „billige“ Lösungen für den Bau zu finden. Wollten aber gleichzeitig nicht auf handwerkliche Sorgfalt verzichten und trugen somit der heimischen Tradition des Qualitätsdenken Rechnung. Gutes Handwerk, das wurde schon 1914 an der Landesaustellung in Bern propagiert. Vom etwas opportuneren „Landi-Heimatstil“ distanzierte sich das Architektenpaar hingegen dezidiert. Einfachheit und ein hoher ästhetischer Anspruch standen klar im Fokus.

Das alles hatte formale Auswirkungen, Innen sowie Aussen. Zur Reduzierung der Heizkosten wurde beispielsweise am Längsbau auf viel Fensterfläche verzichtet und dafür auf profilierte Fensterrähmen gesetzt. Beim Interieur blieb man detailverliebt, zu sehen an der sorgfältigen Möblierung. Und es sind eben diese Güterabwägungen und Kompromisse, welche den Bau zu einem der wichtigsten Architekturbeispiele dieser Zeit für die Stadt Bern machen.

Puh Freunde – ich kann nicht mehr! Zuviel der Essenz jetzt, ich muss zum Rockboy, ich brauch etwas Schmuggelware. Im 9er Tram Richtung Stadt die Blicke der Passagiere wieder, an der Monbijoustrasse 40. Sie strahlt eben schon hart was aus, diese Oberzolldirektion – zeitlos schön. Ein wahrlich hübsch gebautes Stück.

 

* Namen dem Urs bekannt

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Ein Kommentar zu “Hübsch gebautes Stück №1 – Die Oberzolldirektion”

  1. Dienstbier sagt:

    :-)