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Holligen: Säulenheilige. Alhambra.

Roland Fischer am Freitag den 21. April 2017

Aufgezeichnet von Tom Kummer.
Es ist kurz vor Mitternacht. Noch fehlt die Orientierung. Es ist meine erste Stunde in Holligen. Ich weiss ungefähr wo mein alte Heimat liegt: Dort, im Osten. Länggasse. Ich kenne die Himmelsrichtung meiner anderen Heimat, die ich kürzlich verlassen habe: Los Angeles. Zwischen den Säulen blinken Lichter, der Westen, alte Landstrasse Richtung Fribourg – dort wo das Pannenlicht eines riesigen Sattelschleppers gespenstisch aufleuchtet. Mehr weiss ich noch nicht.

Ich war noch nie hier: Was für ein bedrohliches, verschlafenes Narbengelände. Über mir trohnt eine Autobahnbrücke, getragen von gewaltigen Betonsäulen. Wie Betonheilige. Wirkt wie ein Kathedrale ohne Religion, ohne Botschaft. Aber das werde ich ändern.

Ich bin an einem gespenstisch leeren S-Bahnhof ausgestiegen, ein Geisterbahnhof, habe sofort eine junge Frau verfolgt, eine erste Spur aufgenommen. Sie war die einzige Passagierin in meinem Abteil, Kopfhörer steckten in ihren Ohren. Schneller Schritt. Furchtlos. Eine Bewohnerin von Holligen? Ich verfolge sie bis vors Haus. Sie merkt es nicht. Ich will als fremdes Wesen agieren. Einer der beobachtet und verfolgt, Böses und Gutes im Kopf jongliert. Sich verliebt. In diesen Unort verliebt – ohne Sentimentalität – sich in Menschen verliebt, Pläne schmiedet.

© Marco Frauchiger

Also verfolge ich über die nächsten Tage Menschen die den Europaplatz betreten und verlassen, nehme Spuren auf. Manchmal bis in den Hauseingang. In den Lift. Ich bin dann ganz der gespaltene Detektiv aus einem Noir 2.0. Verfolgen. Beobachten. Zweifeln. Porentiefe Wirklichkeit finden. Tiefere Wahrheiten entdecken.

Die Fälschung unterscheidet sich vom Original dadurch dass sie echter wirkt (Ernst Bloch). Einen Ort erträumen. Wie die Säulen am Europaplatz, diese gigantische Alhambra. Aber noch kann es niemand sehen. Die Säulen strahlen in den Ort Holligen, und es gibt längst kleine Ableger im Quartier. Replikanten. Noch kann sie keiner erkennen. Alle Menschen die den Europaplatz betreten und verlassen tragen den Mythos der Säulenheiligen ins Quartier. Wie ein Virus der Sehnsucht. Die Betonsäulen kommunizieren miteinander, sammeln Geschichten von grosser Liebe, Tod, Lebensglück und Einsamkeit, und strahlen sie ins Quartier. Niemand vor mir hat das erkannt! Es ist unfassbar. Ich kann jetzt Geschichten auf den Gesichtern lesen. Wie ein Engel der Hölle. Ich gleite am Himmel über Holligen. Alles wirkt friedlich von oben. Da ist eine Kirche. Dann die Brache. Zwei Betonwürfel neben einem Hochhaus. Bahngleise. Ein besetztes Haus. Eine Frauenband spielt. Nordafrikaner spielen Volleyball. Ich überfliege eine Moschee. Dann die Wildnis der Schrebergärten. Dahinter, wie eine Fata Morgana: Schloss Holligen.

Bern ist hier so real und mysteriös, hart und traumhaft – wie die wirkliche Welt ganz weit weg. Hat sich hier im Schatten von Bern eine Art geheime Parallelgesellschaft gebildet? Und nur die Betonsäulen am Europaplatz kennen das wahre Geheimnis. Kann hier vielleicht sogar das Glück zuhause sein?

Das transdisziplinäre Kunstprojekt transform fragt in seiner sechsten Ausgabe gemeinsam mit zehn Kunstschaffenden aus allen Sparten und einer Jury bestehend aus BewohnerInnen Holligens, was Kunst im öffentlichen Raum Holligens soll. Seit Februar diskutiert die Jury, was sie von Kunst für ihr Quartier erwarten. Anfang Monat waren die zehn Kunstschaffenden zehn Tage lang im Quartier unterwegs und arbeiten nun an Projekvorschlägen für ein grosses Kunstprojekt vor Ort. Anfang Mai entscheidet die Jury dann, welches Projekt in ihrem Quartier realisiert werden soll.

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