Logo

Tonspur zum Aufstand

Milena Krstic am Freitag den 17. Februar 2017

Erst wenige Stunden sind seit dem Konzert von Göldin und Bit-Tuner im Rössli vergangen. Die besagte Nacht ist jetzt schon eine Legende.

Rap is the new Punk: Stagediven am Göldin & Bit-Tuner Konzert im Rössli.

Mein Lieblingsjourni ist ein Rapper? Das habe ich erst kürzlich aus der Presse erfahren. Göldin, Göldin … Sein Name fiel immer wieder, wenn mir jemand erklären wollte, dass es kaum gute Mundart-Musik gebe, und die, die da herumgeistere, meistens etwas peinlich sei. Aber einen gäbe es, der sei unschlagbar: der in Chur geborene Göldin nämlich. Natürlich stand der dann auf meiner To-Listen-To-Liste, aber ich habs dann immer irgendwie versäumt (WIE BLOSS?!, werden sich eingefleischte Fans jetzt fragen und ja, das frag ich mich jetzt auch).

Und nun also kam er gestern für ein Konzert nach Bern ins Rössli – nach sechs Jahren wieder – und schmiss zusammen mit Bit-Tuner ein Fest, dass es einem auch in der Retrospektive die Herzchen in die Augen treibt.

Was die zwei da taten war wolkiger Polito-Rap, gepaart mit Dubstep (unter anderem). Aber nicht so dieses sozialverklärte Gegränne von wegen «Hurra, wir schmusen im Atomschutzbunker», sondern so im Stil von Kiddies auf Ketamin in der Neubausiedlung. Natürlich gabs da auch Bullen-Seitenhiebe, aber nicht auf die Billige, sondern eingepackt in durchdachten Text, statt dahingeplappert in Parolen. Die Rede ist von Kastenwägen, die Menschen einsammeln und davon, dass im Quartier jeder seine eigene Polizeistreife hat. Es geht um das Elend in der Schweizer Agglo; vom Geflüchteten-Blues bis zum Rich-Kids-Elend war das ganze Spektrum, das wir hier in unserem Disney Land zu bieten haben, abgedeckt.

Göldins Texte sind stark und werden grandios in Kombination mit Bit-Tuner, der da die Beats von seiner Station spickte; kluge, vertrackte, abgrundtief elektronische Kompositionen, die, auch wenn sie in den Cloud Rap abschweifen, niemals an Gewitztheit einbüssen.

Das Rössli kochte, die Jungs schwitzten. Als gäbe es kein Morgen, wiederholten sie nonchalant Lieder, brachten «Disco Remixes» und Göldin rappte zuletzt mantrisch, ganz erschöpft, rauchend am Mikrofonständer hängend: «Liebi i Zite vom kommende Ufstand».

Kaum zu glauben, dass die beiden vor zwei Wochen in St. Gallen ein desaströses Konzert erlebt haben sollen, wie Göldin erzählte. Im Rössli jedenfalls hätten die zwei machen können, was sie wollten: Das Ross war ein vorgeheizter Ofen, die Menschen wippten, noch bevor der erste Ton gespielt war.

Diese Nacht war ein Beweis dafür, dass es bei Spektakeln dieser Art nie nur «um die da oben auf der Bühne» und «die da unten im Publikum» geht, sondern, dass so ein Konzert nur dann gut wird, wenn alle bei der Sache sind.

Merci für dä. An alle!

Göldin und Bit-Tuner haben mit «Schiiwärfer» ein neues Album herausgebracht. Komplett und kostenlos anhörbar hier. Für die Grafik zeichnet sich die Mediengruppe Bitnik verantwortlich.

« Zur Übersicht

Ein Kommentar zu “Tonspur zum Aufstand”

  1. Fischer sagt:

    ah, millionen und depressionen reimen. nicht so schlecht. ryser style.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.