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Mit den Ohren des Oehring

christian pauli am Mittwoch den 9. November 2011

Zeitgenössische Komponisten gelten als verkopft und verschroben. Die Autobiografie von Helmut Oehring widerlegt das Klischee fundamental. Hier scheint jede Note, jedes Wort, jeder Gedanken mitten aus dem prallen und aber auch ramponierten Leben geschöpft. «Mit anderen Augen» (soeben im btb-Verlag erschienen) ist die verrückt anmutende Lebensgeschichte eines Komponisten, der, wenn es normal gegangen wäre, eines sicher nicht geworden wäre: Komponist.

Helmut Oehring stammt aus der DDR, wo er 1961 in Ost-Berlin als Sohn gehörloser Eltern geboren wurde. Sein Vater war Torhüter beim Dresdner SC und wurde in den 40er-Jahren «Grossdeutscher Meister». Sohn Helmut, benannt nach Helmut Schön, dem späteren Fussballtrainer und Freund des Vaters, lernte erst mit vier Jahren sprechen: Vorher war seine Sprache nur die Gebärdensprache. Sie sollte die Basis seiner Musik werden.

Nach der Ausbildung zum Baufacharbeiter und mehrfacher Dienstverweigerung begann Oehring – als Gitarrist und Komponist ein Autodidakt – sich die Musik der Gegenwart anzueignen: Luigi Nono, Helmut Lachenmann, Pierre Boulez, aber auch Jimi Hendrix, Frank Zappa, Freddy Mercury, Miles Davis. Heute gehört Oehring, der dem Rock'n'Roll wesensverwandter zu sein scheint als der neuen Musik, zur kulturellen Oberliga Deutschlands. Seine Werke werden an den wichtigen Festivals uraufgeführt. Seit 2005 ist Oehring Mitglied der Berliner Akademie der Künste.

Mich hat das Buch trotz seinem zuweilen etwas eigenartigen Schreibstil gepackt. Es ist die Geschichte von denkwürdigen Situationen und menschlichen Begegnungen, von historischen und kulturellen Kollisionen, und schliesslich von einem Hörenden, der von Geburt an seine Ohren seinen Eltern zur Verfügung stellen musste, und der zu einem ausufernden und wagemutigen Musiker wird. Helmut Oehring hat der zeitgenössischen Musik eine gehörige Portion Leben eingehaucht.
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Helmut Oehring wird heute Abend um 19:30 Uhr in Biel gespielt, und zwar von Studierenden des Fachbereiches «Théâtre musical» der Hochschule der Künste Bern: Burg Biel, Jakob-Rosius Strasse 16. Das Programm heisst «douleur, partir» bringt neben Oehring auch Werke von Mathieu Corajod, Wael Sami Elkholy und Hassan Taha.

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