Die drei Konsum-Irrtümer

Der Mensch hungert nach Gütern: «Le déjeuner des canotiers» von Pierre-Auguste Renoir, 1880–1881.

Wussten Sie, dass es in Peking schon vor über 500 Jahren Reklameplakate gab, die bis zu zehn Meter hoch waren? Sie warben zum Beispiel für Metzgereiprodukte, Seidenmode oder Bambuswaren, und in der Nacht wurden die Bilder sogar beleuchtet.

Schön und gut, kann man sich da sagen – und jetzt?

Genau: Und jetzt. Die jahrhundertealten Werbetafeln sagen viel aus über die jetzige Zeit. Das erfahren wir vom Historiker Frank Trentmann, der soeben ein dickes Werk über die Geschichte des Konsums seit dem 15. Jahrhundert veröffentlicht hat: «Herrschaft der Dinge». Trentmann, Professor an der Universität London, ging dem massenhaften Kauf und Verbrauch von Gütern auf der halben Welt nach, im alten China, in Baden-Württemberg oder im Italien der Renaissance.

Und wie so oft, so erscheinen unsere alten Binsenwahrheiten im Adlerblick der Geschichte jetzt plötzlich anders – oder falsch. Drei Beispiele:

1. Die Shoppinggesellschaft ist typisch für unsere Zeit

Ist sie nicht. Der Kauf von Gütern zur Selbstdarstellung, vielfältiger Konsum für breite Schichten des Volkes, auch Markenbildung und Marketing-Tricks zur Ankurbelung des Absatzes – all das sind keine Erfindungen einer industriellen oder westlichen Gesellschaft. Den Massenkonsum gab es, bevor es die Massenproduktion gab. Und Konsumgesellschaften fand Frank Trentmann zu vielen Zeiten, an vielen Orten, in vielen Formen. Vom Diener an aufwärts strebten die Menschen nach Klimbim, Flitter und Tand, nach Tee, Kaffee, Kakao, Schnallenschuhen, Porzellanknöpfen, Lacktruhen, Tabak oder Hunderten Arten von Baumwollstoffen.

2. Der Massenkonsum ist ein Kind des US-Kapitalismus

Ist er nicht. Coca-Cola oder McDonald’s sind höchstens erfolgreiche Nachzügler eines urmenschlichen Verhaltens, des Anpreisens und Kaufens – mehr nicht. Massenwaren wurden auch im Ming-China mit seinen Werbeplakaten oder im alten Rom mit seinem Brand-Olivenöl professionell vermarktet und eifrig konsumiert.

Und so empfand manch einer die Uniformierung durch internationale Moden schon vor Jahrhunderten als Ärgernis. 1577 wetterte ein englischer Pfarrer, dass seine Landsleute inzwischen aussähen wie Spanier, Franzosen oder Türken, aber gar nicht mehr als Engländer erkennbar seien – alle gleich. Schlimmer noch: Langsam kämen die Frauen daher wie Männer, und die Männer wie Ungeheuer. Das Lamento könnte von 2017 stammen.

3. Der Massenkonsum wird von der Privatwirtschaft angeheizt

Nicht nur. Parallel zum privaten Güter- und Dienstleistungsangebot wuchs immer auch das Konsumangebot des Staates. Und so kamen die Menschen in den Überflussgesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur zu Volkswagen, Aromat und Hitachi-Stereoanlagen – sondern zugleich wurde das ganze System durch staatliche Ausbauten überhaupt erst angefeuert: Autobahnbau, Wasseranschlüsse, neue öffentliche Parks und Museen. Oder durch Radio und Fernsehen: Auch die typischen Massenkonsummedien wurden vom Staat eingerichtet, gross gemacht und vermarktet. Im Land der SRG weiss man das ja eigentlich schon.

Ohnehin hatte fast jeder Staat den Anspruch, seinen Bürgern mehr Güter zu bieten; jedes politische System versprach mehr Konsum, ob es nun demokratisch, monarchistisch, faschistisch, sozialistisch oder sogar kommunistisch war (letzteres versagte hier einfach besonders spektakulär).

Fazit: Der materielle Hunger lässt sich nicht verbieten

Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge: Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. Sachbuch. DVA 2017. 1104 S., ca. 50 Fr.

Wir sehen: Es gibt nicht die Konsumgesellschaft quasi als moderne Ausartung. Sondern die Konsumgesellschaft entsteht immer wieder, auf unterschiedlichsten Wegen.

«Ob es uns nun gefällt oder nicht, wir müssen die beachtliche Macht und Beständigkeit, welche die Konsumkultur im vergangenen halben Jahrtausend bewiesen hat, anerkennen», schreibt Frank Trentmann am Ende seiner «Herrschaft der Dinge». Und so sei es im Licht der langen Geschichte kaum vorstellbar, wie ein Nullwachstum jetzt plötzlich diese Expansion begrenzen soll.

Denn natürlich gab es auch zahllose Versuche, den Konsum einzuschränken, ob durch Priester, humorlose Stadtväter, eifernde Revolutionäre oder Welt- und Menschenverbesserer jeder Art. Auch das zeigt die Geschichte: Sie alle mussten lernen, dass sich der materielle Hunger nicht einfach wegreden, wegbeten oder wegsperren lässt.

38 Kommentare zu «Die drei Konsum-Irrtümer»

  • Ruth Brüderlin sagt:

    Wie konnten die Chinesen ein zehn Meter grosses Plakat beleuchten? Mit Kerzen und Fakeln oder Feuerwerk? Und woraus war es gemacht – in Stein gemeisselt quasi?

    • Ralph Pöhner sagt:

      Papier und Tücher waren offenbar am Üblichsten. Die «Encyclopedia of Advertising» über das China der Sung-Dynastie (bis 1279): «Popular advertising media included high-flying banners, lanterns, pictures, wooden signboards, decorated structures and printed wrappers for products. Printed advertisements also came into existence.» — Übrigens steht dort auch: «In the late 15th century, posted advertisements appeared in England where crowds gathered.»

  • Bucher sagt:

    Null- Wachstum wird irgendwann eintreffen, ob das den Wachstumspropheten gefällt oder nicht. Der Grund ist so einfach wie logisch. Die Anzahl Menschen auf unserer Erde wird irgendwann ein Maximum erreichen und die Ressourcen auf der Welt sind begrenzt. Ergo ist ein ewiges Wachstum unmöglich.

    • Tom sagt:

      Es sei denn, dass durch Naturkatastrophen, Meteoriteneinschlag oder menschliches Versagen (auch eine Naturkatastrophe) ein so grosser Teil der Menschheit eliminiert wird, dass das Wachstumsspiel von vorn beginnen kann.

      • Ralf Schrader sagt:

        Aber auch dann gibt es einen Deckel, welcher nicht überschritten werden kann. Alle Ressourcen sind endlich und können nur abnehmen.

        Nullwachstum, welch ein dummes Wort, ist unrealistisch. Die Wirtschaftsleistung wird kontinuierlich abnehmen, bis ein verträgliches Mass erreicht ist. Viel, viel weniger als heute.

  • Peter Schilling sagt:

    Die heutige masslose Konsumgesellschaft hat absolut nichts gemein mit dem Konsum vor 50 Jahren. Vergleicht nur mal wie unsere Grosseltern wirklich nur das Notwendigste zum Überleben hatten und sich keinen Luxus leisteten oder wie ein Kind vor 60 Jahre aufwuchs und praktisch nur mit Dingen aus der Natur und seiner eigenen Phantasie spielte und nicht wie heute sein Kinderzimmer mit Plüschtieren und Spielsachen vollgestopft ist.
    Die heutige Konsumgesellschaft wird hier nur schöngeredet und es wird versucht diese zu rechtfertigen anstatt sich ernsthaft mit den diversen Problemen welche dadurch ausgelöst werden, auseinanderzusetzen

    • Philipp Rey sagt:

      Das unser Konsum ins unermessliche schiest ist schon korekt und das bestreitet dieser Artikel nicht. Ist es aber weil sie keinen konsum wollten oder es sich nicht Leisten konnten? Und was ist die Lösung von diesem Problem?
      Ich glaube es geht nicht darum den Konsum schön zu reden, sondern darum von der Geschichte etwas über uns zu lernen.
      Und zu sagen früher war alles besser hilft auch nimmandem

    • Peter Aletsch sagt:

      Nun, so arm waren wir und unsere Vorfahren nicht. Kann nicht sein, denn man baute so wunderschöne Städte, Dörfer, Kirchen, Kapellen, Häuser. Man vergleiche mit der heutigen Schundarchitektur. Alles wie weisse Kühlschränke aus Beton. Man schrieb in einer heute für unmöglich gehaltenen kunstvollen Handschrift. Wir hatten Fussball, Velos und Bücher. Man orientierte sich kulturell nach oben, heute haben wir weitgehend eine vulgäre Kultur.

  • H.Trickler sagt:

    Während Jahrmillionen kämpfte der Homo sapiens um das nackte Überleben. Daraus folgte zwingend dass jeglicher Fortschritt zur Verbesserung des Lebensstandards diente und damit wirtschaftliches Wachstum generierte.

    Erst seit rund 50 Jahren hat dank der modernsten Technik der Lebensstandard im Westen einen Stand erreicht, wo der Anreiz für weitere Steigerungen verblassen wird. (Das Wochenendshopping in New York usw. trägt nicht wirklich zur weiteren Verbesserung bei).

    Man wird sich daran gewöhnen, dass ständiges Wirtschaftswachstum weder nötig noch zweckmässig ist.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Der Homo Sapiens existiert nicht „seit Millionen von Jahren“. Die ältesten Knochenfunde sind gerade mal 260’000 Jahre alt. Lucy aus Äthiopien ist zwar 2,3 Mio. Jahre alt, aber kein Homo Sapiens, gehört nicht mal zur Gattung Homo.
      Selbst die wegen Klima-Schutz protestierende Jugend ist nur am Freitag Nachmittag auf der Strasse, sitzt am Samstag Morgen aber im Flugzeug/Zug für ihren 5. City-Trip in diesem Jahr. Unser Verhalten ist weiterhin vor allem biologisch gesteuert (gefallen, entdecken, steuern), vermengt mit unseren Instinkten. Wer Besseres von uns Menschen erwartet, ist der Kultur in die Falle gegangen: nur weil wir immer bessere Techniken besitzen, bedeutet das nicht, dass der Mensch auch nur ein Quentchen dazulernt. Die neuere Geschichte zeigt das doch deutlich auf.

      • H.Trickler sagt:

        Warten Sie mal bis man endlich ein paar Verwandte von Lucy auf anderen Kontinenten gefunden hat …. :p

  • Malena sagt:

    Keine Frage: Für die Umwelt (Klima, Abfall) und die langfristige Ressourcenverfügbarkeit wäre gebremstes Wachstum und Konsum wünschenswert. Zählbare (d.h. nicht nur symbolische) Veränderungen in diese Richtung werden am ehesten gelingen, wenn Massnahmen nicht nur idealistisch sind sondern auf einem realistischen Menschenbild und einem fundiertem Verständnis des globalen Systems basieren. Gut gemeinte aber auf einem falschen Menschenbild beruhende Ansätze sind zum Scheitern verurteilt (Kommunismsu). Die hier diskutierte real existierende Konsumlust bedeutet ja nicht, dass man eh nichts ändern kann. Aber man muss sie als Faktor unbedingt in die Analyse und Reformvorschläge einbeziehen. Hohes Fernziel: Transformation der materiellen Konsumbedürfnisse auf nicht-materielle Ebenen, weltweit.

  • T. Schilling sagt:

    Dieser Artikel suggeriert sehr einseitig dass es Massenkonsum scheinbar schon immer gegeben hat und immer geben wird. Ich empfehle jedem kritischen Leser jedoch zu vergleichen mit welchen Spielzeugen ein durchschnittliches Kind vor nur 80 Jahren aufgewachsen ist, mit der Flut von Spielzeugen eines heutigen Kindes. Ebenfalls überlegt Euch mal wie viel Luxus oder unnötige Dinge sich bei euren Grosseltern aufgestaut haben und vergleicht es mit dem Ballast den ihr mit Euch rumschleppt und monatlich auch wieder entsorgen müsst. Die Unterschiede sind riesig und haben mit dem heutigen Massenkonsum absolut nichts gemeinsam!

  • Peter Aletsch sagt:

    Man muss schon den Kick, das Lustgefühl beim Kauf genauer untersuchen und vergleichen mit dem realen langfristigen Nutzen und dem Aufwand, das Geld für den Kauf zu beschaffen oder das mögliche bittere Ende mit zuwenig Geld weit später (im Alter) zu gewärtigen. Es gibt ja das berühmte Kinder-Experiment, wo die, welche instantane Belohnung ausschlagen konnten zugunsten von mehr Gewinn morgen, im Leben erfolgreicher waren. Ich habe kein Verständnis für Leute, die sich sagen: „Ich muss sowieso arbeiten, warum nicht alles mögliche sich heute leisten“. Ich kenne auch einige Damen, ständig am finanziellen Limit, abhängig vom Staat und anderen – trotzdem fasst ihre Kostüm- und ‚Schuh-‚(Stöckelschuhe, Stiefel) und Kleider-Sammlung Dutzende bis Hunderte von Exemplaren.

    • Gottfried Rabulist sagt:

      Das ist aber nur eine Seite der Medallie. Es geht hier schon um grundsaetzliche Fragen: als HomoOeconomicus (die wir alle sind) tendieren wir zum groesstmoeglichen Output bei minimalem Input. So wollen wir mit unserem Ersparten nur schon bei den Banken auch moeglichst viele Zinsen erhalten und kurbeln so das PerpetuumMobile schon mal an.
      Andererseits achtet der HomoOeconomicus auch darauf, beim Konsum den niedrigstmoeglichen Preis fuer ein identisches Gut zu bezahlen. Das gibt dem Perpetuum Mobile zusaetzlichen Drall. Und die Theorie verlangt ja auch danach -ergo auch nach Wachstum. Auch der Konsumentenschutz ist einer der Faktoren, der den ganzen Drall noch unterstuetzt.

      Einziger Trost: die Naturgewalten haben – ganz im Gegensatz zu unseren Nachkommen – kein so grosses Problem damit.

      • Peter Aletsch sagt:

        Dies ist die veraltete, widerlegte konventionelle Theorie. ‚Der rationale Investor‘ etc. Nicht einmal die Proponenten haben so investiert, sondern gemäss der ‚home bias‘. Heute gilt halt die Verhaltensökonomie. Ich sehe keinen direkten Zusammenhang mit dem Kaufwahn. Ist höchst irrational.

      • Rolf Rothacher sagt:

        Es gibt keinen HomoOeconomicus. Schauen Sie sich doch die Leute an, die vor den Apple-Shops Schlange stehen, um ein Gerät für 700 Franken zu kaufen, das in der Herstellung keine 10 Franken kostet, aber wo Apple drauf steht. Sehen Sie sich die wohlhabenden Frauen an, die in der Sloane Street in London vor dem Gucci-Laden Schlange stehen, weil nur ein Dutzend Kunden gleichzeitig im Laden sein sollen. Also warte ich brav, bevor ich überteuertes Zeugs kaufen darf.
        Der Mensch ist so primitiv (oder entwickelt), wie der Homo Habilis vor 1,5 Millionen Jahre. Das Einzige, was dazugekommen ist, sind immer neue Techniken und mehr Wissen. An unserem Verhalten hat sich nichts geändert, bzw. es ist eher unbedachter, also idiotischer geworden, weil wir weniger Gefahren ausgesetzt sind.

  • Jürg Meier sagt:

    Die Menschen und ihre „Natur“ ist gegeben. Alles was wir als beschränkt intelligente Wesen tun können ist Wege zu finden, womit wir uns und den Rest der Schöpfung wegen unserer (beschränkt intelligenten) Natur nicht selber auslöschen.

  • Silvan sagt:

    Apropos Konsum: Das Buch findet man im Preisvergleich hier http://www.buchsu.ch/9783421042736

  • Sacha Maier sagt:

    Niemand hat je bestritten, dass der Konsum in der Menschheitsgeschichte schon immer einen wichtigen Platz eingenommen hat. Einzigartig sind jedoch zwei Epochen: Einmal das römische Reich, in dem der Binnenkonsum von der Produktion geographisch und kulturell abgetrennt und zu den Barbaren (Kelten, Gallieren, Germanen, etc.) verlagert wurde, wozwischen sich die reichen Händler schalteten und sich dumm und dämlich verdienten. Dann die heutige Epoche nach der Soz. Marktwirtschaft (1947-1992), als mit den WTO-Globalismusbeschlüssen 1995 das volkswirtschaftlich negativ wertschöpfende altrömische System gleich im globalen Massstab etabliert wurde. Die alten Römer sind in ihrer Schuldenwirtschaft buchstäblich ertrunken. Es gibt keinen plausiblen Grund, warum das nicht auch uns widerfahren wird.

  • Willi sagt:

    Im Grunde sind die Regierungen nicht ehrlich, weil sie den ‚Konsumenten‘ nicht sagen, was für einschneidende Folgen die ‚Reise‘ haben wird. Wenn wir weniger konsumieren, fallen auch viele Arbeitsplätze weg. Die mangelnde Ehrlichkeit zeigt sich auch darin, dass beispielsweise der Flugverkehr ausgenommen wird oder die Lenkungsabgaben für den Strassenverkehr als nicht durchsetzbar betrachtet werden. Überall, wo es weh tut, schreckt die Politik zurück. Die Politikerinnen wollen ja auch wieder gewählt werden. Zumindest Sigmar Gabriel war ehrlich, als er sagte: Wir müssen mit der Illusion aufräumen, zu glauben, wir könnten gleichzeitig aus der Atom- und Kohlekraft aussteigen.

  • Wolfgang Sigrist sagt:

    Die Gier nach Konsumgütern ist der Preis der allgemeinen Emanzipation nach den Revolutionen des 18. Jahrhunderts. Je befreiter von Unterdrückung und Tyrannei, desto mehr Konsum benötigen Menschen, um das Gefühl der Freiheit in vollen Zügen zu geniessen.

  • Peter Künzler sagt:

    Mit den Morden ist es wohl ähnlich: schon immer wurde gemordet. Es scheint sich da um eine uralte Schwäche der Menschen zu halten. Dennoch versuchen wir bis heute, das Morden im Zaun zu halten. Es schadet uns als Gesellschaft.

    Also: aus der Tatsache, dass etwas immer wieder auftritt und eine tief liegende Schwäche der Menschen darstellt, folgt nicht, dass man dies nicht bekämpfen soll. Sicherlich am liebsten mit Beeinflussung der Menschen. Aber eben halt auch manchmal mit Zwangs.

    Das Argument dieses Blogs ist ebenfalls sehr alt und wird immer wieder vorgebracht. In der Morallehre ist es als „naturalistischer Fehlschluss“ bekannt: man kann nicht vom Sein auf ein Sollen schliessen.

  • Roman Meier sagt:

    Ich bin dann mal gespannt, wie gross der Hunger nach materiellen Gütern noch sein wird, wenn die Menschheit wegen einer von ihr zerstörten/veränderten und dann lebensfeindlichen Umwelt und infolge der Ueberbevölkerung ums Ueberleben kämpfen wird. Schätze mal, dann wird es nur noch ums wirklich Lebensnotwendige, wie das tägliche Brot gehen. Ueberhaupt! Was sind schon 500 Jahre Konsumgesellschaft angesichts der inzwischen 1 Mio. Jahre alten Menschheitsgeschichte und erst recht angesichts des 3500 Mio. Jahre existierenden Lebens auf der Erde! Ein Nichts! Die Natur/ das Leben wird diese verschwenderische und zerstörerische Konsumkultur quasi in einem Wimpernschlag wegwischen!

  • A. A. sagt:

    Alles kommt wieder! Eine dringend benötigte Bestätigung, dass die Welt früher nicht besser war, als heute! Scheinheilige behaupten das Gegenteil!

    • Sacha Maier sagt:

      Herr oder Frau A. A., es geht nicht darum, ob die Welt früher besser, oder schlechter war, als heute, sondern darum, dass wir heute vor einer historisch einzigartige Situation stehen, die noch nie in der Menschheitsgeschichte aufgetreten ist: Und zwar, dass es so viele von uns gibt, dass die planetaren Resourcen auszugehen drohen und auch noch unser Klima kippt. Die menschliche Geldgier verhindert jede Lösung. Damit hat die Wegwerf-Konsumgesellschaft ein natürliches Verfalldatum. Gegen Lebensformen mit evolutiven Fehlentwicklungen, die nicht nachhaltig leben können und ihre eigene Lebensgrundlage zerstören, hält die Natur ein bewährtes Mittel bereit. Nennt sich Aussterben. Vielleicht macht es einst in ein paar hundert Millionen Jahren der Mensch 2.0 einmal besser.

      • Leo Binsberger sagt:

        Herr Maier
        ihre Kommentare sind mit grossem Abstand das Vernünftigste auf diesen Seiten!

  • Thomas Hartl sagt:

    Es ist etwas billig, die aktuelle, globale Konsumgesellschaft mit dem Konsum im alten China oder im Italien der Renaissance zu rechtfertigen. Wir legitimieren Nordkoreas Regime ja auch nicht mit der Tyrannei von Kaisern auf dem chinesischen Thron. Dass wir den Konsum nicht radikal einschränken können, mag stimmen, aber in sozial und ökologisch sinnvolle Bahnen kann man ihn schon lenken. Es ist ein Unterschied, ob wir mit einer Billigfluglinien in den Ballermann jetten, oder auf einer Bergwanderung die Schweiz geniessen. Beides ist aber mit Konsum verbunden.

    • Jacques Bonhomme sagt:

      Die Wünsche und Begierden des Menschen sind unterschiedlich verteilt. Wollen Sie eine Öko-Diktatur?
      Ich mag in meinem Alter weder Bergwanderungen (schon viele unternommen), noch Ballermann (noch nie gemocht). Aber verbieten würde ich das niemandem. – Chacun à sa façon.

      • Thomas Hartl sagt:

        Lenken heisst nicht verbieten. Die extrem tiefen Flugpreise sind beispielsweise nur möglich, weil viele versteckte Folgekosten auf die Allgemeinheit und vor allem auf die künftigen Generationen abgewälzt werden. Wenn wir über Gesetze, Gebühren und Steuern dafür sorgen, dass wir unseren Kindern keinen ausgeplünderten Planeten überlassen, so hat nichts mit einer Öko-Diktatur zu tun. Wir geben lediglich Menschen eine Stimme, welche noch nicht geboren wurden.

      • Jacques Bonhomme sagt:

        Gegen eine Kerosinsteuer (Flugbenzin) hätte ich nichts einzuwenden. Fliegen war früher auch teurer.

    • Kurt Schwob sagt:

      Ich lese aus dem Artikel keine Rechtfertigung der heutigen Konsumgesellschaft – er zeigt nur etwas menschlichere Relationen. Dass man den Konsum etwas besser lenken sollte, finde ich auch.

  • Nadine Binsberger sagt:

    Naja, im Teaser hiess es „Weshalb Nullwachstum eine Illusion sein dürfte“. Und dann geht es doch nur darum, ob und weshalb der Mensch Güter konsumiert. Konsum an sich ist nicht dasselbe wie Wachstum. Wachstumskritiker behaupten nicht, der Konsum müsse auf Null runter. Ihnen geht es nur darum, dass Konsum schön/gut/befriedigend/… ist, aber stetiges Wachstum hingegen schädlich bis physikalisch unmöglich. Der Mensch kann gar nicht jeden Tag mehr konsumieren als am Vortag, oder im Vorjahr. Das ist schlicht physikalisch begrenzt. Das gilt selbst bei den immateriellen Gütern, weil der Mensch und seine Rezeption mit allen seinen Sinnen physikalisch sind. D.h. irgendwann müssen wir unweigerlich mit Nullwachstum umgehen können, auch wenn das unseren ökonomischen Theorien widerspricht.

    • Alexander der Kleine sagt:

      wunderbares Wunschdenken: „irgendwann müssen wir unweigerlich mit Nullwachstum umgehen können, auch wenn das unseren ökonomischen Theorien widerspricht“ – denn leider bringen a) immer mehr Menschen auf diesem Planeten immer mehr Konsum (per se, bze. zwingend – oder bringen Sie den Menschen in Afrika, Asien, etc., bei, dass sie keine Kinder mehr haben und auf ihre Altersvorsorge verzichten dürfen ?) und b) ökonomische Theorien taugen eh nichts und entpuppen sich allein als Ideologien, mit heute schon einer beinahme erschreckend religiös-sektenhaften Fratze. Sie können das drehen und wenden wie Sie wollen, aber die Menschheit wird nie mit Nullwachstum, geschweige denn mit Vernunft, umgehen können. Die Katastrophe ist unausweichlich (und hinterher ist wieder Potenzial für Wachstum/Konsum).

      • Nadine Binsberger sagt:

        @Kleine: Nennen Sie mir irgendeine Population von Lebewesen in der Geschichte des blauen Planeten, die immer nur gewachsen ist, dies heute noch tut und es auch in Zukunft tun wird. Nein? Keine? Und weshalb soll das beim Menschen anders sein? Und wie wächst die Population Mensch weiter, wenn einmal das Material der ganzen Erde in Menschenfleisch umgewandelt ist? Ausserdem machen die (Zitat) „Menschen in Afrika, Asien, etc.“ zwar 80% der Weltbevölkerung aus, aber sind nur für 20% des Weltkonsums verantwortlich. D.h. (Zitat) „die Katastrophe“ wird nicht dort erzeugt. Preisfrage: sondern wo? Und wodurch?

    • Peter Thiele sagt:

      Genau auf den Punkt gebracht!

  • Ralf Schrader sagt:

    Man muss den ‚Hunger nach Gütern‘ nicht verbieten, es reicht, wenn man unter Bedarf produziert und anbietet. Wenn 100 Leute unbedingt ein Ding haben wollen, stellt man 95 davon her. Keines mehr. Folglich muss man Marktwirtschaft verbieten, resp. abschaffen. Ale Begründung reicht die Begrenztheit aller Ressourcen. So wünschen wir auch kein Nullwachstum, sondern Regression auf 33% von aktuell, umgerechnet 95% ökologischer Fussabdruck.

    Es ist keineswegs so, dass alle Menschen kein Mass der Wünsche haben. Alle mit Verstand gesegneten Menschen begrenzen sich selbst und freiwillig. Unbegrenzt kann man Wissen, Charakter und Verstand kumulieren und ausformen. Das reicht für ein Menschenleben.

    • Jacques Bonhomme sagt:

      Läuft schlussendlich auf Planwirtschaft und Diktatur hinaus. Die meisten Menschen wollen das wohl nicht. Auch die Vernunft ist individuell verteilt.

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