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«Richtig beissen will gelernt sein»

Chelsea R. aus Bern spricht sich im Exklusivinterview für eine Polizeihunde-Gewerkschaft aus.

Chelsea, wir dürfen Sie doch so nennen?
Ja, klar.

Wir sind auf Sie aufmerksam geworden, weil Sie der Ask-Force des «Bund» eine Frage stellten in Bezug auf Polizeihunde. Können Sie Ihr Anliegen nochmals kurz erläutern?
Gern. Mir ist aufgefallen, dass Polizeihunde, die einen Einbrecher schnappen oder Drogendepots aufspüren, in den Pressemitteilungen der Kantonspolizei immer öfter mit Foto und Namen geoutet werden.

Was ist daran schlecht?
Für mich ist das in vielen Fällen eine Blossstellung. Vor allem dann, wenn die Hunde auf dem Foto unvorteilhaft aussehen. Nehmen wir das Beispiel von Blade zur Morgenstund, der Ende Oktober an der Lenk einen Einbrecher gestoppt hat.

Und gebissen.
Ja, okay. Auf dem Bild, das anschliessend veröffentlicht wurde, hat er einen schon fast irren Blick. Aber das Hauptproblem ist ein anderes: Die Situation ist aus unserer Sicht nicht fair. Denn Polizisten werden nie geoutet – aus verständlichen Gründen.

Warum glauben Sie, dass die Kantonspolizei Hunde nach erfolgreichen Einsätzen so offensiv an die Öffentlichkeit zerrt?
Ich habe mich diesbezüglich erkundigt und von der Pressestelle folgende Antwort erhalten: Der Hauptgrund liege schlicht in der Erfahrung, dass – ich zitiere – «uns zahlreiche Medienschaffende jeweils nach Namen und in Einzelfällen nach weiteren Einzelheiten wie Alter, Rasse oder gar Lieblingsfressen der Hunde fragen». Ein weiterer Grund sei, immer gemäss Pressestelle, dass die Diensthundeführer überdurchschnittlich viel Zeit in die Arbeit mit ihren Hunden investierten – insbesondere nach Dienstschluss. Es sei somit «auch eine kleine Dankesgeste» den Diensthundeführern gegenüber, wenn ihr Hund in der Zeitung namentlich Erwähnung finde. Sie sehen: Es geht überhaupt nicht um die Hunde.

Der «Bund» hat sich nie nach den Namen von Diensthunden erkundigt. Im aufsehenerregenden Fall des Rentners von Biel hat der «Bund» sogar bewusst darauf verzichtet, das Bild des Diensthundes Faro zu veröffentlichen. Nicht weil es ein Basler Hund war: Es ging uns dabei vor allem um die Würde des alten Mannes.
Eben. Aus unserer Sicht geht es auch um die Würde des Hundes. Erinnern Sie sich, wie Faro damals auf einem Baumstrunk sass. Er wirkte irgendwie trottelig.

Ja, das Bild ist unvergesslich. Es schien, als wüsste er gar nicht, was er getan hat. Aber zurück in die Gegenwart: Sie sagten im Vorgespräch, Ihr Partner verkehre in Polizeihund-Kreisen und er sei daran, mit ein paar Kollegen eine Polizeihundegewerkschaft aufzubauen.
Richtig, es geht um die Gewerkschaft Bulldogs Bern. Und ich werde übrigens die Geschäftsführerin sein.

Wie viele Hunde würden Sie mit der BDB vertreten?
Bei der Kantonspolizei Bern stehen zurzeit 58 Hunde im Dienst. Es sind 28 Schutzhunde, 12 Betäubungsmittelhunde, 6 Personenspürhunde, 6 Sprengstoffhunde, 2 Brandmittelspürhunde, 2 Notengeldspürhund und 2 Leichenspürhunde.

Was sind die Kernanliegen von BDB?
Zunächst gilt es festzustellen, dass die Diensthundeführer und -führerinnen ihre Hunde in aller Regel sehr gut halten. Trotzdem gibt es divergierende Interessen. Sie kennen das ja aus ihrem Bereich, wo es nebst dem Journalistenverband auch jenen der Verleger gibt.

Mindestlöhne dürften für Hunde aber nicht das Hauptproblem sein.
Nein, aber es gibt doch Regelungsbedarf. Bei Diensthunden sind etwa Ruhezeiten ein Problem. Oft müssen sie lange hinten in Autos in Käfigen ausharren und haben nicht genügend Möglichkeiten, sich frei zu bewegen.

Und die Ernstfalleinsätze?
Hier haben wir ein Kernproblem. Diensthunde sind verpflichtet, hohe Risiken auf sich zu nehmen.

Das gehört zum Job.
Ja, aber es ist nicht der Hund, der das Risiko beurteilt, sondern der Diensthundeführer.

Der leidet aber auch, wenn der Hund verletzt oder gar getötet wird.
Natürlich. Aber genau aus diesem Grund gibt es Hundeführer, die ihre Beziehung zum Hund bewusst professionell gestalten – um eine zu nahe emotionale Bindung zu vermeiden.

Wie ist das zu verstehen?
Nun, ein Polizeihund ist ja auch ein soziales Wesen und wäre gern in eine Meute, sprich in eine Familie integriert und würde nichts lieber tun, als am Sonntag mit den Kindern auf dem Sofa herumlungern und Fernsehen schauen. Wenn er dann aber am Montag in einem Fabrikgebäude angeschossen wird, können Sie sich vorstellen, was das für die Familie bedeutet.

Noch etwas anderes: Warum werden Einbrecher, die von Polizeihunden gestoppt werden, meistens gebissen? Das ist ja für beide Seiten nicht sehr angenehm?
Sie müssen wissen, dass ein Schäferhund so stark zubeissen könnte, dass ein Arm bricht.

Tatsächlich werden Einbrecher aber stets nur leicht verletzt. So steht es zumindest in den Pressemitteilungen der Polizei.
Aber es stimmt auch. Richtig beissen will gelernt sein. Ein ausgebildeter Schutzhund beherrscht den so genannten sauberen Biss.

Was heisst das?
Er beisst dosiert und nur einmal zu und er konzentriert sich auf den Arm eines Flüchtigen. Das bedeutet, es gibt keine Mehrfachverletzungen durch unkontrolliertes Herumschnappen.

Chelsea, wir danken Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch. Haben Sie Lust auf einen kleinen Spaziergang?
Ja, sehr gern.


Zur «Person»: Chelsea R. ist eine bald zweijährige Dalmatinerhündin und lebt im Berner Nordquartier.

Die Hauptstädter-Redaktion


Publiziert am 31. Dezember 2016

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