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Presseschau (1): Berner Bär

Der «Hauptstädter» nimmt die Berner Medienlandschaft unter die Lupe. Heute: der «Berner Bär».

Gerade in Zeiten, in denen das Zeitungssterben weniger aus wirtschaftlichen Gründen als aus terroristischer Motivation in Erscheinung tritt, ist es für uns Medienschaffende wichtig, dass der Zusammenhalt gefördert wird. Da der «Hauptstädter» schon immer grösster Verfechter von Sanftmut und Nächstenliebe war, kümmert er sich für einmal um das Schaffen der Kollegen. Wir beginnen mit unserer Lieblingswochenzeitung, dem «Berner Bär».

Freunde des gediegenen Eventjournalismus kennen das oberste «Berner Bär»-Credo: Zähne zeigen! In jeder Ausgabe sind sie massenweise zu finden. Kritische Leser dürften sich bereits gefragt haben, ob der «Berner Bär» gänzlich über hippe Inserate (Brautmode-Event in Huttwil) oder doch etwa von der Zahnarztlobby finanziert wird. Sehr bissig äussert sich dann auch Chefredaktor Jean-Claude Galli auf der Titelseite über ein existenzielles Thema: In der Schweiz gibt es zu wenig Glamour. Trotz solcher Missstände bleibt Galli professionell und präsentiert seine Zahnreihen im Bild über seinem Kommentar.

Wir blättern um, bleiben kurz am Inserat zum Brautmode-Event in Huttwil hängen und schauen uns danach sehr viel mehr Zähne an. Auf Seite drei stellen wir etwas enttäuscht fest, dass diese völlig frei von barbusigen Frauen ist, obwohl solche in der Tradition jedes Boulevardblattes eigentlich vorgesehen sind. Dafür dürfen wir Birgit Steinegger betrachten, die einen Deoroller in der Hand hält. Auch nicht schlecht. Das Bild wurde an einer Weihnachtsaktion aufgenommen, bei der Promis halfen, Spenden an Bedürftige zu verfrachten. Die meisten haben wohl so fest geholfen, dass sie gerade in der Cüplipause waren, als sie dem Fotografen des «Berner Bär» ihre Zähne gezeigt haben. Nationalrätin Aline Trede hat wohl am meisten geholfen und hat es gar auf zwei Bilder geschafft. Wir gratulieren.

Auf der nächsten Doppelseite wird uns zwar völlig verschwiegen, wo der nächste Event stattfindet, an dem man sich hochzeitlich kleiden kann. Dafür wissen wir nun, wo man die besten Treberwürste kauft. Ansonsten gibt es hier nicht viel zu sehen. Es wird auf eine Inszenierung von Don Quijote hingewiesen. Die Menschen auf dem dazugestellten Bild gehören wohl genau zu solchen, die Chefredaktor Galli um den gewünschten Glamour bringen – völlig unglamourös verbergen sie ihre Zähne. Als erzürnter Leser ist es Ihre Pflicht, diesen Missstand der Ombudsstelle zu melden.

Die Seite sieben ist Adelboden gewidmet. Das Skirennen ist Nebensache, es wird um die Wette gegrinst. Und zwar auf satten 20 Bildern. Es ist verständlich, dass auf so vielen Bildern nicht alle Personen denselben Glamourfaktor haben können. Dieser reicht vom absoluten Topshot (Adolf Ogi) bis mässig populär (Franziska Maeder, Arztgehilfin). Trotzdem ist es eine sehr schöne Seite — wäre da nicht Adrian Amstutz. Der alte Miesepeter hält seine Zähne konsequent hinter seinen Lippen versteckt.

Weiter geht es mit ulkigen Inseraten, in denen Damen mit grossem Naturbusen oder Zahnbehandlungen in Ungarn angepriesen werden. Auf der Seite daneben sind verkleidete Männer abgelichtet. Wenn Sie verkleidete Männer in der Zeitung sehen, können Sie in der Regel davon ausgehen, dass es sich um Thomas Fuchs und Erich Hess handelt. Nicht so in diesem Fall. Wir befinden uns am 1. Wirtschaftsapéro im Kursaal. Die drei Herren sind als die drei Könige verkleidet. Einer von ihnen hat sich lustig das Gesicht braun angemalt. Darüber hätte sich wohl Birgit Steinegger von Seite drei sehr gefreut. Auf 16 Bildern gibt es sehr viel Wirtschaftsprominenz zu sehen, die wahrscheinlich niemand kennt. Um noch mehr Glamour auf die Seite zu packen, ging der «Berner Bär»-Chefredaktor mit gutem Beispiel voran und liess sich gleich selbst ablichten.

Nach dem Umblättern geht es weiter mit einem sehr glamourösen Stelleninserat für einen Job als Verkaufsberater bei einem Fütterungsspezialisten, das ist wohl so etwas Ähnliches wie ein Cateringservice. Auf der Seite nebenan gibt es ein kniffliges Bilderrätsel, auf dem es die fünf Unterschiede zu finden gilt (Spoiler-Alert: Gürtelschnalle, T-Shirt, Schnauz, Schwertgriff, Uniformabzeichen). Trotzdem ist es die schlechteste Doppelseite in dieser Ausgabe. Viel zu wenig Bilder, man wird quasi zum Lesen genötigt.

Falls Sie nicht sonderlich daran interessiert sind, eine ländlich gelegene Wohnung mit renovierter Nasszelle zu mieten, dann können Sie sich Seite 12 getrost sparen. Auf Seite 13 wird es richtig dramatisch. Dort geht es um DJ Scaloni, der nicht mehr DJ sein will. Das ist so traurig, dass wir fast ein wenig Verständnis dafür aufbringen können, dass er auf dem Bild nicht lächelt. Ein anderer übernimmt das aber für ihn. Sie werden es schon erahnt haben, wer es ist. Genau, «Berner Bär»-Chefredaktor Galli! Man sieht ihn ziemlich glamourös lächelnd DJ Scaloni zuprosten. Stark!

Auf der nächsten Seite gibt es einen 20-Franken-Gutschein für das Shoppyland zu gewinnen. Dazu brauchen Sie nur das Kreuzworträtsel zu lösen und das Lösungswort einzusenden (letztes Lösungswort: Schneiele u Beiele). Seite 15 präsentiert in der Rubrik «News und Trends» den letzten Schrei aus der Fashionwelt. Ein Modeunternehmen wirbt für Festkleidung für die Rollen von Brautmutter, Trauzeuge und Hochzeitsgast. Und nein, das Unternehmen kommt nicht aus Huttwil.

Kaum zu glauben, dass wir die letzte Seite bereits erreicht haben. Das unbestrittene Highlight auf dieser: die Liste mit den Promigeburtstagen. Da schafft es nur die Crème de la Crème des Showbiz hinein. Hier ein paar Beispiele: Dave Grohl, 14. Januar 1969 (US-amerikanischer Musiker), Kate Moss, 16. Januar (britisches Model), Muhammad Ali, 17. Januar 1942, Albrecht Moser, 18. Januar 1945 (Schweizer Waffenlauflegende).

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 16. Januar 2015

1 Kommentar

  1. Watergirl says:

    Der sprachlich ganz versierte Autor scheint ein grosser Medienfuchs zu sein und fühlt sich bemüssigt eine Presseschau zu stemmen. Dabei erkennt er selbst wirtschaftliche und andere Schwergewichte nicht. Dass er bei einem Kommentar zum Bernerbär die “Flüstertüte” als Herzstück des Blattes nicht erwähnt, lässt vermuten, dass er sich doch nicht so gut auskennt oder als “Hauptstädter” noch gar nie dort war. Was dagegen der Inhalt von kommerziellen Inseraten in einer Presseschau verloren hat, weiss wohl nur er…

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  1. Watergirl says:

    Der sprachlich ganz versierte Autor scheint ein grosser Medienfuchs zu sein und fühlt sich bemüssigt eine Presseschau zu stemmen. Dabei erkennt er selbst wirtschaftliche und andere Schwergewichte nicht. Dass er bei einem Kommentar zum Bernerbär die “Flüstertüte” als Herzstück des Blattes nicht erwähnt, lässt vermuten, dass er sich doch nicht so gut auskennt oder als “Hauptstädter” noch gar nie dort war. Was dagegen der Inhalt von kommerziellen Inseraten in einer Presseschau verloren hat, weiss wohl nur er…

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