Riskanter Poker mit Air-Berlin-Aktien

Aktien zum Schnäppchenpreis: Die Air Berlin steht vor einem Schuldenberg. Foto: Getty

Aktien zum Schnäppchenpreis: Die Air Berlin steht vor einem Schuldenberg. Foto: Getty

Ich fliege oft mit Air Berlin und habe gesehen, dass deren Aktien stark gesunken sind wegen der negativen Artikel in den Zeitungen. Müsste man nicht bei den Air-Berlin-Aktien einsteigen, die man zum Schnäppchenpreis haben kann? V. Z.

Die Aktien von Air Berlin können Sie an der Börse in der Tat zum Schnäppchenpreis erwerben: Die Titel sind von über 21 Euro vor zehn Jahren auf unter einen Euro eingebrochen. Dies hat sachliche Gründe: Die zweitgrösste Fluggesellschaft Deutschlands sitzt auf einem dramatisch hohen Schuldenberg, leidet unter Problemen im operativen Geschäft und hat bei Investoren und Kunden an Vertrauen eingebüsst, nachdem ernsthafte Zweifel an der Zahlungsfähigkeit des Unternehmens aufgekommen sind. Eine Kombination, die im Airlinegeschäft fatal ist.

Fakt ist, dass die bei Reisenden lange sehr beliebte Airline nicht nur ein rotes Firmenlogo hat, sondern auch seit Jahren rote Zahlen schreibt. Die Verluste machen es denn auch unmöglich, dass Air Berlin ihre Verschuldung von über einer Milliarde Euro aus eigener Kraft abbaut. Ohne die Finanzspritze der arabischen Grossaktionärin Etihad Airline aus Abu Dhabi, die fast dreissig Prozent der Aktien besitzt, wäre Air Berlin wohl schon länger nicht mehr in der Lage, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Doch inzwischen sind auch Aktionäre aus den reichen Ölstaaten am Golf mit ihren Engagements wählerischer geworden. Ob Etihad langfristig zu Air Berlin hält, ist unklar.

Für einen Aufschrei in Deutschland hatte Anfang Juni die Anfrage von Air Berlin auf Prüfung eines Bürgschaftsantrags an die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Berlin gesorgt. Obwohl Deutschland die Prüfung von Staatshilfe in Aussicht gestellt hatte, überraschte das Air-Berlin-Management zwei Wochen später mit der Mitteilung, dass man nun doch keine staatliche Bürgschaft mehr brauche. Das Unternehmen sei zahlungsfähig, und das Management verwies darauf, dass Etihad im Frühling für mindestens eineinhalb Jahre Unterstützung zugesagt hätte. Ein weiterer Rückschlag war, dass Gespräche zwischen Etihad und dem TUI-Konzern über eine gemeinsame Ferienfluggesellschaft der Air-Berlin-Tochter Niki mit Tuifly erfolglos beendet wurden. Immerhin scheint Air Berlin bei der Kostenreduktion mittels besserer Leasing-Bedingungen für 14 Flugzeuge und geringerer Bürokosten Fortschritte zu machen.

Die Diskussionen über die Zahlungsfähigkeit sind allerdings Gift für den Verkauf, sodass sich die Gesellschaft zur Kommunikation genötigt sah, dass auch die Flugtickets gesichert seien. Schlecht fürs Geschäft war ferner, dass es phasenweise zu einer Vielzahl von Flugausfällen und grossen Verspätungen kam. Wenn eine Airline nicht mehr zuverlässig ist, hat dies in der Regel rasch brutale Folgen bei den Buchungen. Laut Management sollen die für die Ausfälle und Verspätungen verantwortlichen Probleme inzwischen gelöst sein.

Ich würde es Air Berlin gönnen, wenn die laufende, tief greifende Umstrukturierung gelingt. Die zahlreichen Arbeitsplätze, die bei einem Zusammenbruch verloren gehen könnten, bieten immerhin Gewähr, dass der deutsche Staat, falls nötig, eine Rettung zumindest prüfen würde. Ob allerdings eine nachhaltige Rettung und ein unternehmerischer Turnaround über eine finanzielle Überbrückung hinaus gelingen, ist alles andere als sicher.

Bei den Aktien würde ich trotz des tiefen Kursniveaus keinesfalls einsteigen. Ein Engagement ist hoch spekulativ und wäre ein riskanter Poker. Wie im Casino setzen Sie auf alles oder nichts.

Ich erinnere mich daran, wie viele Kleinanleger kurz vor der Swissair-Pleite noch Aktien der einst stolzen Schweizer Nationalairline gekauft hatten, weil sie glaubten, die Swissair könne nie untergehen. Für diese falsche Annahme mussten sie teures Lehrgeld zahlen und verloren ihr Kapital. Auch bei Air Berlin ist angesichts der massiven operativen Verluste und der riesigen Schulden alles möglich.

 

4 Kommentare zu «Riskanter Poker mit Air-Berlin-Aktien»

  • toni sagt:

    Die meisten spekulativen Käufe setzen eher auf die Anleihe von Air Berlin, denn als Gläubiger ist man besser geschützt wie Aktionäre

    • Peter Schneider sagt:

      Interessant. Wenn man denn so gut geschützt ist, warum erhält man für 5.625 Air Berlin 19 nur noch 55.5% und nicht 100%? Auch hier ist der Kursverlauf recht aufschlussreich. Es geht beständig nach unten.

  • Ruedi Meier sagt:

    Es wäre bedauerlich, wenn es AB nicht mehr geben würde. Die Preise der Mitbewerber aus dem LH-Konzern würden auf gewissen Strecken explodieren. Leider sieht es nicht so aus, als würde die Airline den Turnaround schaffen. Fliege gern mit ihr und hoffe, dass es klappt. Auch wegen der vielen Arbeitsplätze.

    • Mark Reist sagt:

      Das sehe ich anders. Ich sehe immer noch nicht ein, weshalb eine deutsche Fluggesellschaft ab ZRH in die ganze Welt hinaus fliegen muss.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.