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Schweizerdeutsch generiert Big Data

Von DB, 19. Mai 2015 Kommentarfunktion geschlossen
In der Schweiz gibt es mittlerweile schon drei Apps, die Dialekte erkennen. Schöner Nebeneffekt: Diese Apps sammeln Daten. Was aus ihnen gewonnen werden kann, erklären zwei Dialektforscher.

Von Dr. Adrian Leemann und Marie-José Kolly

«Grüezi, Moin, Servus» ist die dritte App aus dem Hause der Entwickler der «Dialäkt Äpp» und «Voice Äpp» (iOS und Android). Letztere wurden zusammen von über 100’000 Personen heruntergeladen – das sind zwei Prozent der deutschsprachigen Schweizer. Beide Apps verorten den Dialekt des Benutzers: Sagen Sie dem Kerngehäuse des Apfels «Bütschgi»? Die App platziert Sie in den Raum Zürich. Sagt Ihr Nachbar «Gröibtschi»? Er stammt wahrscheinlich aus dem Bernbiet.

Die Apps wurden als interaktives Spiel mit Dialekten konzipiert. In Einverständnis mit den Benutzern sammeln sie auch Dialektdaten, welche ausgewertet und in wissenschaftlichen Zeitschriften, aber auch in populärwissenschaftlichen Artikeln publiziert werden.

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Mit den Apps als Mittel der Wissenschaftskommunikation und Datensammlung treten Dialektforscher in einen Dialog mit Dialektsprechern. In der Forschung bezeichnet man diese Form der Benutzerbeteiligung als Citizen Science. Dies führte im Falle der «Dialäkt Äpp» zu sogenanntem Big Data: Die nachfolgende Grafik zeigt die Anzahl der «Dialäkt Äpp»-Nutzer und Citizen Scientists pro Gemeinde. Viele Benutzer stammen aus dem dicht besiedelten Mittelland. Alpine Gebiete sind im Datensatz weniger stark vertreten.

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Teilnehmer der «Dialäkt Äpp» nach Ortschaft.

Aber weshalb verwenden 100’000 Schweizer eine App, die ihnen mitteilt, welchen Dialekt sie sprechen? Dialekt ist Teil der Identität: In der Schweiz tragen wir unseren Dialekt wie ein Abzeichen auf der Brust. Sagt Ihr «Gisch mer schnäu ds Sauz übere», so wissen Sie, dass da ein Bernbieter spricht. Weil er nicht «schnäll» und «Salz» gesagt hat, sondern «schnäu» und «Sauz».

Identität und Individualität sind wichtige Stichworte der postmodernen Gesellschaft – wie ticke ich? Wie spreche ich? Deshalb faszinieren Dialekte. Und das Faszinosum ist hier nicht zuletzt darin begründet, dass eine Maschine einem Menschen etwas ganz Grundsätzliches über sein Wesen mitteilt. Kann ein «Gerät» wirklich erkennen, woher ich stamme? Kann ich die App täuschen und für einen Walliser durchgehen? Das Faszinosum gilt auch für andere Sprachen: Das Dialect Quiz der «New York Times» verortet Amerikaner aufgrund ihrer Aussprache von 25 Wörtern. Kein anderer Inhalt der «New York Times» hat online bisher so viele Leser angezogen wie dieses Dialekterkennungsquiz. Auch die Webapp des «Tages-Anzeigers» «Grüezi, Moin, Servus» ist ein riesiger Hit und erreichte bis heute weit über eine Million Menschen im deutschsprachigen Raum.

Diese Begeisterung kommt der Dialektforschung zugute. Da die Apps auf Daten eines in die Jahre gekommenen Sprachatlas basieren, kann mit deren Daten nun Sprachwandel dokumentiert werden. Sprechen wir heute noch so wie um 1950? Dank Citizen Science mit der «Dialäkt Äpp» konnten Dialektforscher zeigen, dass sich Merkmale des Grossraums Zürich ausbreiten: Das «Bütschgi» hat sich in den letzten Jahrzehnten in Richtung Zentralschweiz, östliches Aargau und in den Raum Basel vorgetastet.

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Wörter für «Apfelüberrest» anno 1950 und 2014. (Grafik: SRF)

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Wörter für «Apfelüberrest» anno 1950 und 2014. (Grafik: SRF)

Wird so die Schweizer Dialektvielfalt zu Zürcher Einheitsbrei? Eine Frage die immer wieder auftaucht. Trotz der zunehmenden Mobilität der Deutschschweizer sind viele Dialektmerkmale noch ähnlich verteilt wie zu Zeiten des Sprachatlas. Wie schon in den 50er-Jahren sagt der St. Galler Primarschüler nach wie vor «lupfe», wo das Berner Modi die Schultasche «lüpft». Und: Die «Dialäkt Äpp» erkennt bei 65 Prozent der Nutzer den richtigen Kanton, «Voice Äpp» erkennt den Dialekt der Nutzer auf 20 Kilometer genau. Von Einheitsbrei keine Spur.

«Das ist zum Lachen»

Für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist Dialektforschung prinzipiell eine dankbare Disziplin: Jeder Dialektsprecher hat Bezug dazu. Was will der Forscher mehr? Beim Thema Mundart sind Dialektsprecher zwar interessiert, oft aber auch sensibel. Treffen Resultate auf einen Sprecher nicht zu, so kann er ganz schön in Fahrt kommen: «Das ist zum Lachen und zeigt einmal mehr, was solche ‹Studien› Wert sind. Für den Rundordner» («Weltwoche»-Leser P. J.). Resultate anderer Wissenschaftler – man denke zum Beispiel an Atomphysiker – werden nicht gleichermassen infrage gestellt. Beim Dialekt wird der Laie zum Experten – darin liegt die Stärke, manchmal aber auch die Schwierigkeit dieser Disziplin. Die Forscher nützen die Gunst der Stunde: Apps für englische und französische Dialekte sind bereits in Entwicklung.

Zu den Personen

Der gebürtige Schweizer Dr. Adrian Leemann arbeitet derzeit als Sprachwissenschaftler am Department of Theoretical and Applied Linguistics der Universität Cambridge. Er hatte die Wissenschaftliche Leitung im «Grüezi, Moin, Servus»-Projekt. Zuvor leitete er am Phonetischen Laboratorium der Universität Zürich die Entwicklung der «Voice Äpp».

Marie-José Kolly ist Doktorandin an der Universität Zürich und zurzeit SNF-Stipendiatin in Paris. Sie beschäftigt sich mit fremdsprachlichen Akzenten und Dialekten. Zusammen mit Adrian Leemann und anderen Wissenschaftlern entwickelte sie «Dialäkt Äpp», «Voice Äpp» und «Grüezi, Moin, Servus».

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