Geiz ist blöd

Ausser man pfeift auf seine Lebenszeit.

Sparsamkeit ist nur in gewissen Grenzen vernünftig. Foto: iStock, Montage: Nathalie Blaser

Wir müssen mal was klarstellen, meine Damen und Herren, und diese Rubrik, dem Konsum gewidmet, ist der perfekte Platz dafür. Nämlich: Geiz ist keine Tugend. Sondern ziemlich erbärmlich. Geiz ist nicht nur, wie gerade neulich Karl Lagerfeld – meine Lieblingsquelle – wieder festgestellt hat, eine der unschönsten Charaktereigenschaften, aus der sich alle möglichen anderen hässlichen Züge ableiten lassen, – sondern Geiz ist auch: unökonomisch. Nehmen wir das Beispiel der Energie- und Benzinpreise. Diese Diskussion zeigt nämlich paradigmatisch, wie dröge und unangenehm (und in ihrem Verhalten unökonomisch) verbissen sparsame Menschen sind, die regelmässig nur den absoluten Betrag in Franken (beziehungsweise: meist Rappen) sehen und ihre eigene Zeit und Lebensqualität mit ungefähr null bewerten (Letzteres wohl zu Recht).

30 Minuten bis zur Tankstelle

Wenn ich «verbissen sparsam» sage, meine ich nicht Menschen, die kein Brot haben und sehen müssen, wo sie ihre nächste Mahlzeit herkriegen, sondern beispielsweise jene in unseren Breitengraden weitaus zahlreicheren Zeitgenossen, die ohne mit der Wimper zu zucken fünf Kilometer extra zu einer ganz bestimmten Tankstelle fahren (und dabei jede Menge CO₂ ausstossen), um einen Rappen pro Liter Benzin zu sparen, auch wenn sie dort 20 Minuten warten müssen. Dass derart knickriges Verhalten sogar dann unökonomisch wäre, wenn der Liter Benzin an besagter Tankstelle fünf oder zehn Rappen weniger kosten würde, leuchtet nur jenen Leuten nicht ein, die (wie dies pathologische Rappenspalter regelmässig tun) ihre eigene Zeit systematisch unterbewerten, oder, wirtschaftswissenschaftlich gesprochen, ihre Opportunitätskosten nicht in Rechnung stellen. Wenn man nämlich 30 Minuten extra unterwegs ist und dafür netto zwei Franken fünfzig spart, veranschlagt man die eigene Zeit de facto mit einem Stundenansatz von fünf Franken, und man muss nicht Linda Evangelista sein, um das zu wenig zu finden.

Allgemein gesprochen: die ökonomische Rationalität selbst lehrt, dass Sparsamkeit nur in gewissen Grenzen vernünftig ist – sobald die Transaktionskosten überhandnehmen, sollte man damit aufhören. Genau wie übrigens die Umweltökonomie uns lehrt, dass es ein gewisses optimales CO₂-Emissionsniveau gibt, das natürlich grösser ist als null, einfach weil bei einer Emission von null die damit verbundenen gesellschaftlichen Kosten unerträglich hoch wären.

16 Kommentare zu «Geiz ist blöd»

  • Rationalitäter sagt:

    Grund genug, stark am ökonomischen Prinzip zu zweifeln. Zwar verfügt der Mensch dank moderner Technologien fast jederzeit über fast jede Information. Dank der grenzenlosen Irrationalität der oben genannten Zeitgenossen, ist das ökonomische Prinzip obsolet. Wer 5 Franken ausgibt für 4.50 zu sparen, hat was Entscheidendes nicht begriffen. Ein Gegenmittel? Endlich Kosten internalisieren. Dann würde die Rappenspalterei ganz schön ins Geld gehen.

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