Das Buch der Stunde

«Die Zeit der Ruhelosen» von Karine Tuil steht für die Renaissance des Gesellschaftsromans.

Wie geht es der französischen Gesellschaft? Ein Teil davon hängt momentan – freiwillig – in der Luft, dank einer Attraktion am Eiffelturm. Foto: Charles Platiau (Reuters)

Was ist ein Gesellschaftsroman, meine Damen und Herren, was macht ihn aus, was sollte er leisten? Nun, idealerweise soll er das einfangen, was Balzac, ein Meister dieses Genres, die «menschliche Komödie» nannte. In der letzten Zeit erlebt die sogenannte Gesellschaftsliteratur einen Aufschwung, freilich leider nicht die deutschsprachige. Denn im deutschsprachigen Raum wurde die Tradition des Gesellschaftsromans jäh und brutal durch die Nazis abgeschnitten und dann nach dem Krieg ersetzt durch das Leitbild einer politisch engagierten Literatur nach dem Dogma der sogenannten Gruppe 47; ein Leitbild, dessen Erzeugnisse, obschon regelmässig kunstfern und langweilig, leider immer noch sehr im deutschsprachigen Feuilletonbetrieb präsent sind.

Zurück zur Renaissance der Gesellschaftsliteratur. «Die Zeit der Ruhelosen» der französischen Autorin Karine Tuil ist ein Beispiel dafür. Der Roman widmet sich dem aktuellen Zustand der französischen Gesellschaft, den Karrieren, die sie ermöglicht, den Grenzen, die sie setzt. Selten hatte ich ein Buch in der Hand, das in Dramaturgie und Tempo so dem Fernsehen nahekommt. Genauer: der Fernsehserie. Das Buch ist überaus gut konsumierbar, und ich halte Konsumierbarkeit bei Literatur gegen allen naserümpfenden Feuilletondünkel nicht für etwas Schlechtes, im Gegenteil. Der Roman ist packend und schnell. Sprachlich freilich ist Tuils Werk (und dies übrigens im Gegensatz zu manch guter Fernsehserie) bedeutungslos, bisweilen stark floskelhaft. Die Autorin reklamiert für sich eine Variation des Stils je nach Handlungsstrang und Empfindungswelt der jeweils agierenden Person. Konnte ich nicht feststellen, jedenfalls nicht in der deutschen Übersetzung.

Trotzdem sollte man es lesen

Ist das Literatur? Früher nannte man so was Kolportageroman: Es geht um Enthüllung, auch um Unterhaltung; es geht eher nicht um die differenzierte, diskursive, ambivalente Darstellung gesellschaftlicher Phänomene und Prozesse. Alles wirkt überdeutlich in «Die Zeit der Ruhelosen»; Subtilität ist Frau Tuils Sache nicht, alles wird gesagt, gern auch mehrfach, bisweilen bis zur Redundanz. Die Figurenprofile sind stark stereotypisiert.

Zeitlosigkeit unterscheidet Karine Tuil von Balzac. Foto: PD

Nun könnte man einwenden, dass gerade klischeeartige Typen hier wichtig seien für die Intention des Werkes, geht es Karine Tuil doch – ähnlich übrigens wie Didier Eribon – um die Kritik einer kategorischen sozialen Vorherbestimmtheit in der strikten französischen Klassengesellschaft; einer Determiniertheit übrigens, mit der ich, wie bei Eribon, ein grundsätzliches Problem habe: Sie ist mir zu eindimensional. Und auf einer ästhetischen Ebene ergibt sich die Frage: Ist es nicht vielleicht die Leistung des Gesellschaftsromans, der sich Literatur und nicht bloss Dokumentation nennen kann, dass er das Kunststück fertigbringt, eben nicht (nur) mit Stereotypen zu arbeiten und trotzdem die Mechanismen der Gesellschaft zu demaskieren?

Gute Literatur liefert uns Einsichten in die Beweggründe der menschlichen Natur, quasi die Essenz unserer Existenz, jenseits vom historischen Kontext, der immer, auch im Gesellschaftsroman, gerade dort, in ebendiesem Erkenntnisinteresse transformiert wird vom Banalen und Stereotypen ins Aussergewöhnliche. Die menschliche Komödie, eben. So entsteht Zeitlosigkeit, und das ist, wenn Sie mich fragen, der Unterschied zwischen Tuil und Balzac. Ob man Tuils Roman in 50 oder 100 Jahren noch lesen wird, ist fraglich. Trotzdem sollte man es lesen. Jetzt. Denn es ist das Buch der Stunde.

1 Kommentar zu «Das Buch der Stunde»

  • Meinrad sagt:

    Ein Stilmittel, um im Gesellschaftsroman die Stereotypen zu demaskieren, ist die Ironie. Nur hat meine Wenigkeit Mühe mit schriftlicher Ironie. Entweder bin ich dafür zu ernst oder zu naiv oder beides. Um Ironisches zu erkennen, bin ich auf das lebendige Zwiegespräch mit Tonfall, Mimik und Gestik angewiesen. Darum mag ich Chats in Facebook oder Gayromeo nicht. Emoticons verschlimmern das Ganze. Nun arbeitet Frau Tuil offenbar nicht mit Stereotypen und demaskiert dennoch. Das Stilmittel der Ironie fiele weg. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie tatsächlich schreibt, was sie meint, und (entgegen Hegel) darinnen die Wahrheit liegt. Das klingt zwar doof, gefällt mir aber. Die Figuren in ihrem ganzen Rollen-Quark werden dadurch zu Leuten mit Eigenschaften (vgl. Musil und Kant).

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