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Haben Sie mal fünf Minuten?


Ist Zeit zu sparen ein guter Vorsatz fürs neue Jahr?

So. Weihnachten liegt hinter uns, liebes Publikum, wir kloppen uns bereits im Ausverkauf um die letzten Daunenjacken von Canada Goose, und dann bietet die Saison auch noch den Neujahrsabend mit all seinen Parties, Shindigs und Massenanlässen. Und guten Vorsätzen. Ein sehr beliebter guter Vorsatz, sozusagen ein Klassiker, besteht für viele Menschen ja darinnen, bewusster mit ihrer Zeit umzugehen. Darunter verstehen viele Leute, Zeit zu sparen. Und darunter verstehen viele Leute, Zeit effizienter zu nutzen.

Im Verhältnis zur Zeit zeichnet sich der spätmoderne Mensch durch zwei besondere Eigenarten aus: Erstens wird ihm so oft die Zeit präsentiert wie nie zuvor in der Geschichte: auf seinem Mobiltelefon, auf dem Treppenstufensimulator, auf Leuchtanzeigen über der Autobahn. Und zwar besonders in der Schweiz. Nach einer Vergleichsstudie des Psychologen Robert Levine sind wir hier sogar Weltmeister im Tempo des Lebens: Die öffentlichen Uhren gehen ganz genau, offenbar so genau wie nirgends sonst auf der Welt (und wenn, wie ich aus eigener Anschauung hinzufügen möchte, wenn sie falsch gehen, dann gehen sie katastrophal falsch oder sind gleich stehengeblieben). Die Schweiz hat ausserdem die Mutter aller Uhren hervorgebracht, nämlich jene berühmte Bahnhofsuhr von Hans Hilfiker, für deren Kopie Apple unlängst rund 20 Millionen Franken aus der Portokasse an die SBB zu zahlen hatte. Wir sehen: die Zeit (beziehungsweise ihre konventionelle Messung) wäre nichts ohne die Schweiz, deren bedeutendste Industrien, Uhren und Banken, sich seit gefühlten Ewigkeiten mit dem Wert der Zeit befassen. Ob dies eine gesellschaftliche Präzisionskultur entstehen liess, deren Pünktlichkeit als immaterielles Kulturgut das Prädikat «Weltkulturerbe» verdient, ist eine andere Frage.

Zweitens hat der spätmoderne Mensch so viele Möglichkeiten wie nie zuvor, sich die Zeit zu vertreiben. Oder dieselbe mit vermeintlich lebensqualitätssteigernden Aktivitäten auszufüllen: Man kann, während man bei Starbucks in der Schlange steht, endlich all die SMS-Nachrichten löschen von Leuten, die man nur mit Vornamen kannte und inzwischen vergessen hat; man kann, während man aufs Boarding wartet, noch schnell ein paar E-Mails verschicken oder das nächste Romanmanuskript beginnen oder auf seinem Tablet Computer schon mal den Film anfangen, den man später an Bord weitersehen will.

Das zunächst paradox Scheinende an der Zeit ist ja, dass sie ein Wert ist, den man zu sparen glaubt, indem man ihn nutzt. Nicht genutzte Zeit gilt nicht als gespart, sondern als vergeudet. Und die Zeit, in der wir leben, ist geradezu versessen darauf, Zeit zu sparen. Deshalb kann man zum Beispiel online Rechnungen bezahlen oder im Internet auf Partnersuche gehen. Und ohne den Tausenden und Abertausenden von glücklichen Interweb-Pärchen zu nahe treten zu wollen, deutet doch gerade das letzte Beispiel darauf hin, dass dieses obsessive Zeitsparen (wie jede Art von übertriebener Sparsamkeit) nun allerdings auch eine Komponente hat, die man als «nerdy» bezeichnen würde, also mit einem Eigenschaftswort, das man, in Ermangelung eines deutschen Äquivalents, am besten übersetzt mit «scheinbar rational, aber jedenfalls sozial unbeholfen».

Das bezieht sich nicht nur auf Leute, für die es ein Statussymbol ist, dass mutmassliche Breaking News auf dem Display ihres Smartphones erscheinen, oder die sich endlos darüber aufregen können, das ihr Computer sieben Sekunden länger braucht als ein anderer, um irgendwelche Aktiencharts zu laden. Sondern beispielsweise auch auf alle Zeitgenossen, die sich azyklisch verhalten, um Zeit zu sparen, indem sie etwa ihre Weihnachtseinkäufe im September erledigen. Diese Zeitsparfreunde verhalten sich ähnlich rational wie Gesundheitsfanatiker, die allen möglichen anscheinenden und potenziellen Risiken ausweichen, bis sie ein Leben führen, dessen einziger Wert in seiner Länge liegt. Denn was machen die Leute mit ihren gesparten sieben Sekunden? Nun, in der Regel benutzen sie diese wenig später, um sich darüber aufzuregen, dass ihr Tablet zwei Minuten länger braucht als ein anderes, um ein App-Update runterzuladen. Diese Aufregung aber ist Zeitvergeudung. Womit wir das scheinbare Paradoxon vom Anfang aufgelöst hätten – aber nur zu einem neuen Paradox: Durch den Verzicht aufs Zeitsparen spart man Zeit.


Im Bild oben: Harold Lloyd im Film «Safety Last» (1923). (Foto: Hal Roach Studios)

Philipp Tingler

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Publiziert am 28. Dezember 2012

5 Kommentare

  1. Christian Duerig says:

    Schauen Sie sich den Film “Hugo Cabret” an und Sie stellen fest, dass Zeit nicht in unserer Macht liegt. Dr. Philipp Tingler philosophiert und ….. Sie können den Platzhalter selber ausfüllen. Happy New Year. Crigs

  2. Katharina I says:

    Aaaaah! Sehr schön! Und so philosophisch! Ebenfalls sehr schön finde ich, dass Weihnachten endlich hinter uns liegt. Mir geht’s schon viel besser. 8-) Auch dank dem Herrn Tingler. Er ist ja auch ein Doktor. ;-)

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  1. Christian Duerig says:

    Schauen Sie sich den Film “Hugo Cabret” an und Sie stellen fest, dass Zeit nicht in unserer Macht liegt. Dr. Philipp Tingler philosophiert und ….. Sie können den Platzhalter selber ausfüllen. Happy New Year. Crigs

  2. Katharina I says:

    Aaaaah! Sehr schön! Und so philosophisch! Ebenfalls sehr schön finde ich, dass Weihnachten endlich hinter uns liegt. Mir geht’s schon viel besser. 8-) Auch dank dem Herrn Tingler. Er ist ja auch ein Doktor. ;-)

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