Improvisation als Erkenntnis

Zum neuen Jahr: Ein Plädoyer gegen zu viel Plan.

Zwei Kinder mit improvisiertem Hoch- oder Himmelbett. Foto: Stephanie Young Merzel, Flickr.

Das neue Jahr hat frisch begonnen, meine Damen und Herren, Pläne und Vorsätze sind gefasst. Alle scheinen einen Plan zu haben. Weil offenbar der planvolle, ökonomisch rationale Unternehmer ein Leitbild unserer Zeit verkörpert. Das sagt jedenfalls der Soziologe Stephan Lessenich: Die Figur des «Unternehmers» sei das soziale Rollenmodell der Gegenwart: Dinge anzugehen, in die Zukunft zu investieren, kein Risiko zu scheuen – das seien die gesellschaftlich wertgeschätzten, im Erfolgsfall auch materiell honorierten Eigenschaften des Aktivbürgers. Jeder ein Unternehmer seiner selbst, immer bereit, Verantwortung für sich zu übernehmen, für das eigene Leben, das eigene Fortkommen; derart laute die gesellschaftlich dominante und politisch durchgesetzte Erwartung an uns alle.

Und so was geht natürlich nicht ohne Plan. Alles am Unternehmer scheint Planung zu sein (obschon dies zunächst paradox klingt), sein Vorgehen und Vorhaben ist geplant und kalkuliert, das ist geradezu die Grundlage seiner Existenz. Doch so scheint es eben bloss. Heutzutage. Und zwar scheint es so, weil wir den Plan überschätzen. Das hängt zusammen mit der Zeit, in der wir leben, nämlich der sogenannten Postpost- oder Spätmoderne. Postpostmodern zu leben heisst, das Schicksal nicht mehr zu akzeptieren, und die Abweisung von Schicksalhaftigkeit wird vom zeitgenössischen postpostmodernen Subjekt in zahlreichen Belangen praktiziert: Körperlichkeit und Aussehen, zum Beispiel, oder Reproduktion und Beziehungsstatus, sowie, schliesslich: mit Blick auf die Karriere. An die Stelle des Schicksals ist der Plan getreten. Das heisst aber auch, dass das Individuum nunmehr die Verantwortung für sämtliche Zustände und Entwicklungen trägt, die früher an die Instanz des Schicksalhaften (wie auch immer benannt) delegiert waren, womit einst eine gewisse Seelenruhe einherging.

Pflicht einer Planung und Individualisierung

Wir sehen: Eigentlich gehts nur noch um den Plan, und das ist irre anstrengend, besonders weil gleichzeitig bekanntlich die biografischen Optionen im Wissenszeitalter exponentiell zunehmen. Der dazugehörige Megatrend heisst «Individualisierung»: Der lineare Lebensweg des Einzelnen wird abgelöst durch ein Konzept vielfältiger Lebensentwürfe und offener Biografien, auch offener Erwerbsbiografien, doch dies entlastet den Einzelnen nicht von seiner Planungspflicht, im Gegenteil, es macht sie bloss noch schlimmer.

Wer jedoch das Schicksal zulässt, plant weniger, kann leichter improvisieren. Das ist wichtig für die Zukunft. Die Improvisation nun ist wiederum einer Unternehmertugend eng verwandt: der Innovation. Neuerdings spricht man ja gerne allenthalben von «Disruptoren», und dies erweckt den Eindruck, als wären Innovationen nur vorstellbar als Quantensprünge der Technik und des Denkens, als quasi-kontinentale Verschiebungen, als Zeitsprünge auch. Der US-amerikanische Technikautor Steven Johnson hat demgegenüber darauf hingewiesen, dass bahnbrechende Innovationen nicht selten aus Dingen und Konstellationen entstehen, die zum Status quo gehörten. Wie auch sonst. Die Innovation liegt in der neuen Assoziation, dem «Nächstmöglichen», wie Johnson schreibt. Aber was ist dies anderes als Improvisation?

Improvisation erweitert unser Ich

Improvisation ist theoretisch und praktisch, ein praktisches Tun, wie die Innovation, ein Problemlösungsprozess, zugleich Lebenskunst, eben nicht planvoll und zielgerichtet. Sondern gerichtet auf: Schauen, Fragen, Zuhören. Ein offener Vorgang. Offenheit ist überhaupt das Stichwort. Improvisation als Technik der Offenheit setzt unser Denken und Handeln in Bewegung, bringt uns dazu, unsere Prämissen und Überzeugungen zu überprüfen, die eigene Trägheit zu überwinden, unseren Vorstellungshorizont, unser Ich zu erweitern. Das ist ein ebenso schöpferischer wie zerstörerischer Vorgang, ein kontinuierliches Fliessen. «Wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen: wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.» Das stammt, natürlich, von Nietzsche.

Die Gabe der Assoziation ist also, neben Mut und Selbstsicherheit, eine wichtige Voraussetzung für Improvisationstalent. Improvisation ist ein Talent, aber Lernerfolgen zugänglich. Welche Eigenschaften haben Menschen mit einer Begabung für Improvisation? Allen voran: Vorstellungskraft; die Gabe, einen Gegenstand in einem neuen Kontext zu sehen, Dinge anders zu beschreiben. Das sind im Grunde – Eigenschaften des Künstlers. Man könnte auch sagen: Improvisation als Wert versöhnt das Rollenbild des Unternehmers mit dem des Künstlers.

3 Kommentare zu «Improvisation als Erkenntnis»

  • nelas sagt:

    Heute braucht man Intuition, eine Portion Glück und gute Berufsleute um sich herum, die einem erkennen. Und es braucht wahnsinnig viel Mut und es ist anstrengend, in so einer Welt zu leben. Die Postmoderne bringt viele „Verlierer“ mit sich. Ausserdem ist unsere Gesellschaft mit einem Fuss noch nicht in dieser Zeit angelangt: noch immer braucht jeder zu viele Diplome, die seine Fähigkeiten unter Beweis stellen sollten. Künstler schöpfen aber aus sich selber… Menschen brauchen heute ganz andere Fähigkeiten, um mitzuhalten. Zum Beispiel: Empathie, Kreativität, Mut, Ausdauer, auch Moral..Und ein gesundes Menschenbild.

    • LiFe sagt:

      Um gegen Roboter konkurrieren zu können braucht der Mensch Ideen und Innovationen. Diese umsetzen zu können dürfte spannend werden. Ein alter Klassiker sagte einmal: Hier ist das Wollen, hier ist die Kraft, das Wollen will und die Kraft ist bereit…..ein anderer stellte fest, dass es so eingerichtet werden müsste, dass Ziele einem entgegen kommen sollten. Ich denke darauf kommt es an. Alors, starten wir bei Null, bis sich etwas bewegt. Betrachten wir es als Test, ob wir neue Arbeit und neue Kultur schaffen können. Warum Test? Da Planungen und Pläne nicht immer gelingen. So spart man sich den Ärger und Frust. Im übrigen Ideen kann man auf seiner letzten Reise mitnehmen.

  • Meinrad sagt:

    Jedem Plan wohnt das Schicksal inne. Beim Planen gehe ich von Prognosen aus, deren Eintreten wahrscheinlich ist. Ich muss aber auch von vorsichtigen Annahmen ausgehen, deren Risiko kaum schätzbar ist, etwa Unfall oder Krankheit, für die ich keine Verantwortung trage. Treten solche Risiken ein, so hat das Schicksal zugeschlagen. Treten die genannten Prognosen nicht ein, so hat das Schicksal hart zugeschlagen. Das Schicksal ist «schuld», eine romantische Sprechweise, denn Schuld bedingt Kausalität. Bei der Improvisation habe ich (selten genug) spontane, kreative Ideen, die ich umsetze. Theorie und Praxis. Folgt aber die Umsetzung der Idee nicht einem in Zeit und Raum klitzekleinen Plan, einem Plänchen? Ist eine (rasche) Abfolge der Umsetzungen solcher Plänchen nicht Improvisationskunst?

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