Scham und Klasse

Über ein einvernehmlich überschätztes Buch.
Feiert Erfolge beim zu kurz gekommenen Volk: Marine Le Pen, Vorsitzende des Front National, an einer Pferdeshow in Villepinte. Foto: Jacky Naegelen (Reuters)

Feiert Erfolge beim zu kurz gekommenen Volk: Marine Le Pen, Vorsitzende des Front National, an einer Pferdeshow in Villepinte. Foto: Jacky Naegelen (Reuters)

Das deutschsprachige Feuilleton liebt den Franzosen Didier Eribon, meine Damen und Herren. Dessen autobiografisch geprägte Gesellschaftsanalyse «Rückkehr nach Reims» ist unlängst auf Deutsch erschienen und ein Überraschungserfolg, weil alle sich von diesem Buch die Erklärung der Gründe dafür erhoffen, warum der Rechtspopulismus neuerdings so gut ankommt.

Eribon schreibt von seiner Kindheit und Jugend im Arbeitermilieu der nordfranzösischen Stadt Reims, die er alsbald verlassen musste, weil er als homosexueller Mann hier keine Chancen auf ein erfülltes, authentisches Leben hatte. Und realisierte später in Paris und als Akademiker, dass eigentlich die Herkunftsscham das grösste Stigma seiner Existenz darstellt: die Scham darüber, aus kleinen, einfachen Verhältnissen zu kommen und nur gegen grosse Widerstände zum Intellektuellen geworden zu sein.

Zwei Schwächen

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Suhrkamp.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Suhrkamp.

Das Feuilleton spricht von einer «brillanten Milieustudie». Ich nicht. Ich habe Eribons Buch mit Begeisterung begonnen und mit Unwillen beendet. Mich stören zwei Dinge an diesem Werk. Erstens: die Geringschätzung des autonomen Individuums. Hinsichtlich der fundamentalontologischen Frage «Selbstschöpfung oder Klassendeterminismus» entscheidet sich der Soziologe Eribon für eine Beschreibung der sozialen Realität als unerbittliche Maschinerie, der nicht zu entkommen sei. Rigide soziale Gesetzmässigkeiten führen zu einem geradezu marxistischen Schema gesellschaftlicher Schicksalhaftigkeit, der Klassenhabitus überprägt alles, nichts ist stärker als die selbstreproduzierende Kraft der sozialen Ordnung.

Eribon reduziert Individuen auf ihre Klassenzugehörigkeit; er denkt nicht liberal, also in den Kategorien «Individuum» und «Rationalität», sondern in den Kategorien «Gruppen» und «Identität». Damit pflegt er eine Form von Paternalismus und Herkunftsidolatrie, die letztlich als autoritär bezeichnet werden muss. Das Rezept gegen neue autoritäre Strömungen von rechts kann nun aber gerade nicht ein liberalitätsfeindliches Dogma von der anderen Seite sein. Wir brauchen mehr Liberalismus, nicht weniger, wie Eribon fordert. Die Diskreditierung des autonomen Individuums steht immer am Anfang allen Übels, theoretisch wie praktisch, links wie rechts.

Anti-Liberalismus

Die Erklärung Didier Eribons für die Erfolge des Front National ist weder neu noch differenziert und geht ungefähr so: Seit den Achtzigerjahren habe neoliberales Denken systematisch in einer konzertierten Aktion die intellektuelle Landschaft Frankreichs unterwandert, von der Industrie finanziert. Das Ziel war die Tilgung des Klassenbegriffs aus der politischen Debatte und die diskursive Nivellierung klassenspezifischer Besonderheiten und Erwartungen sowie die Auflösung der Grenzen zwischen rechts und links, um das Konzept eines Gesellschaftsvertrages die Klassen ersetzen zu lassen, also das Konzept eines eigenverantwortlichen Zusammenlebens gleichberechtigter Individuen. Dieses Konzept ist Eribon ein Graus. Hier setzt seine Erklärung für die Erfolge von Marine Le Pen an: Wenn man den Leuten sagt, soziale Determination gibt es nicht, reagieren die Unterprivilegierten laut Eribon nicht etwa mit Initiative und Mobilität, sondern mit: Bitte schön, sind wir eben keine Klasse, sondern das zu kurz gekommene Volk, dem nicht mehr die Bosse, sondern jetzt die Flüchtlinge alles wegnehmen.

Mit anderen Worten: Der Liberalismus ist schuld am Untergang der Demokratie. Das ist, im Kern, Eribons These. Und seltsamerweise spielt also die Scham, so wichtig sie für seine persönliche Lebensgeschichte ist, bei Eribons politischer Analyse nahezu gar keine Rolle, da geht es vordringlich um Motivationen wie Missgunst und Habenwollen, nicht so sehr um Gefühle und Bedürfnisse der Distinktion, der Abgrenzung gegenüber dem Fremden als Kompensation von Statusscham.

Der Ton des Opfers

Das Zweite, was mich an Eribons Buch stört, ist: der Ton. Eribon schreibt von Beleidigungen, die er erfahren hat und erfährt. (Er selbst ist übrigens nicht zimperlich im Austeilen von Beleidigungen und nennt zum Beispiel Slavoj Žižek einen «faschistoiden Feuilletonclown».) Und leider ist sein eigener Ton eben genau das: beleidigt. Es ist der indignierte Ton des Opfers, in dem dieses Buch geschrieben ist, nicht ohne Ressentiment, dafür völlig ohne Humor und Selbstdistanz. Die Opferrolle aber hat noch nie die Emanzipation befördert. Die Stimmung dieses Buches ist denn auch Passivität, Indignation, Beleidigtsein.

«Ich bin ein Produkt der Beschimpfung. Ein Sohn der Schande», schreibt Eribon. Er hat eine Karriere der Scham hinter sich. Doch zur Scham gehören zwei. Man kann sich beschämen lassen oder nicht. Glücklicherweise reagieren und reagierten nicht alle Homos auf Beschämungsversuche so ängstlich und fluchthaft wie Eribon, denn sonst wären wir heute noch nicht sehr viel weiter. Das Unbehagen, zwei Welten anzugehören, die Melancholie, die aus einem gespaltenen Habitus erwächst (um einen Begriff von Bourdieu aufzugreifen, den Eribon gern zitiert) – ist so selten nun nicht. So was kann man auch kreativ und oppositionell nutzbar machen. Eribon aber stilisiert einerseits sein Schwulsein zur sexuellen Dissidenz und schreibt, dass die Differenz aufgrund seiner Homosexualität ihm überhaupt den Antrieb zur Klassenflucht gab, und nimmt andererseits doch die Haltung eines Schulhofopfers ein: Ein Phlegma liegt über diesem Buch, der Unterton des Sich-Fügen-Müssens trotz ostentativer Kritik. Eine larmoyante Duldung spricht aus der sozialromantischen Inszenierung der Unüberwindbarkeit des eigenen Schicksals, die ständig beschworene Trägheit des Klassenhabitus überträgt sich auf das Werk.

Homos als Klasse

Mehr noch: Auch die Homos selbst werden zu einer Klasse, einer kohärenten sozialen Kohorte bei Eribon. So wie seine politische Paranoia ein bisschen ans untergegangene DDR-Fernsehen erinnert, so ist sein Homobild etwa 1975 festgefroren, und weil Eribon selbst ein Homo ist, traut sich kein Mensch, das zu kritisieren. Nun, ich bin ebenfalls ein Homo – und der Letzte, der behaupten würde, die homosexuelle Emanzipation wäre verwirklicht, zumal in unserer schönen Schweiz, die hier übrigens noch rückständiger ist als Frankreich. Selbstverständlich gibt es kulturelle und diskursive und physische Gewalt gegen Schwule. Doch wenn man Eribons Buch liest, hat man den Eindruck, alle Homos würden Chansons lieben und könnten auch heutzutage nur anonym und unter Lebensgefahr in öffentlichen Grünanlagen Kontaktanbahnung betreiben, und das ist glücklicherweise einfach falsch und grotesk. Hier werden die sozialen Fortschritte von 40 Jahren ignoriert und persönliche Prägungen von Herrn Eribon in einer Weise verallgemeinert, die mit einer soziologischen Analyse jedenfalls gar nichts zu tun hat.

So ist denn «Rückkehr nach Reims» als persönliche Lebensgeschichte hinlänglich interessant, ansonsten ein Werk mit vielen Fehlern. Der Grundwiderspruch des Buches ist natürlich, dass Eribon von einem obsoleten Klassenbegriff und einem rigiden Klassendeterminismus in der französischen Gesellschaft ausgeht und selbst der lebende Gegenbeweis für diese These ist. Einerseits scheint er unglaublich stolz darauf zu sein, sich selbst neu erfunden zu haben, andererseits hält er mit marxistischer Halsstarrigkeit daran fest, jede individuelle Genealogie hänge von einer sozialen Archäologie oder Begrifflichkeit ab, beweist aber damit vor allem an sich selbst seine These, die soziale Welt sei das performative Produkt der Begriffe, durch die wir auf sie blicken.

Okay, gelegentlich hat er auch recht. Zum Beispiel in der Feststellung: «Im intellektuellen Feld herrschen manchmal die schrecklichsten Umgangsformen.»

7 Kommentare zu «Scham und Klasse»

  • Jacques sagt:

    Schwul oder nicht schwul ist für mich nicht die Frage. Bin Individualist, und so eben genetisch hetero orientiert. Schon als Junge faszinierten mich Frauen, wie bei den jungen Burschen in Fellini-Filmen dargestellt. Aber überall prallen diese Theorien aufeinander. Wie “ Sein bestimmt – das Bewusstsein“. Trifft sicher teilweise auch zu, aber nie im totalen Sinne. Im interaktiven Sinne durchschnittlich 50:50. Meine, hatte auch ein sog. soz. Handicap: Vater eh. Verdingbueb, Mutter aus „armengenössiger“ Familie stammend. (damalige Verhältnisse – Zeit WK2). Bin aber sehr zufrieden damit, was sie für mich alles taten. Wegen schwul, da kann ich immer Copain ‚Ivon‘ aus Paris fragen. (Stammt auch aus einf. Verhältnissen).

  • Ritter H. A. sagt:

    Tinglers lieber Liberalismus hindert ihn offenbar, genau zu lesen, leider. Eine derartig unsinnige Interpretation habe ich sonst nirgends gefunden. Vielleicht wollte er im TagesAnzeiger provozieren. Das entschuldigt die masslose Kritik ein kleines Stück weit. Aper er nimmt so die Beobachtungen und Thesen von Eribon einfach nicht ernst. Und das hat das Buch nicht verdient. Am verblüffendsten die Behauptung, Eribon hätte keine Distanz zu sich selbst. Lieber Herr Tingler, lesen Sie doch das Buch nochmals.

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