Worte des Jahres

Denn bloss postfaktisch ist uns zu wenig.
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Das Wort des Jahres. Foto: Screenshot Neo Magazin Royale, ZDF

Sie alle haben es gehört, meine Damen und Herren: Die «Oxford Dictionaries» haben das Wort «post-truth» (deutsch: «postfaktisch») zum internationalen Wort des Jahres 2016 gewählt. Mit diesem Adjektiv soll eine gesellschaftliche Entwicklung beschrieben werden, nämlich die, dass sich das sogenannte Volk in seiner öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch Emotionen und Ex-ante-Überzeugungen leiten lasse. Angetrieben von dem Aufstieg der sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden, habe das Konzept des Postfaktischen seit einiger Zeit an Boden gewonnen, wird Oxford-Dictionaries-Präsident Casper Grathwohl zitiert.

Die Gründe für diesen Aufstieg des Postfaktischen werden dabei unterschiedlich gesehen: Für die einen ist die Postmoderne schuld, weil sie den Wahrheitsbegriff relativierte und alles als Narrativ begriff. Andere machten eine Sehnsucht nach der Vormoderne verantwortlich. Nun, ein Faktum jedenfalls ist, dass alle von «postfaktisch» reden, von «Faktendämmerung» und dem Ende der Aufklärung. Ein anderes untersuchenswertes Faktum hingegen wäre, wie oft auch früher schon, lange vor dem Internet, wichtigste politische Entscheidungen faktenfern und jenseits des Tatsächlichen getroffen wurden, auf Basis irgendeines Glaubens, denn darum geht es ja bei Postfaktizität nicht zuletzt. Fest steht: Zeitenwenden sind Sprachenwenden. Und deshalb folgen hier noch ein paar andere Worte, die unsere Epoche illustrieren:

  1. Echoist

    Der Narziss gilt als Typ unserer Zeit, aber wer ist sein Antipode? Der Echoist.

  2. Antiziganismus

    Als Antiziganismus bezeichnet man die Feindseligkeit, Abwertung und Benachteiligung von Menschen, die als «Zigeuner» wahrgenommen werden. Sagt eine aktuelle Broschüre der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung.

  3. Calexit

    Seit Trumps Sieg verbreitet sich über Twitter unter dem Hashtag «Calexit» der Ruf nach einer Abspaltung Kaliforniens von den USA.

  4. Entbettung

    Der Soziologe Heinz Bude attestiert Trump «narzisstische Empathie» und sagt: «Er riecht, wo die Leute sich entbettet fühlen.»

  5. misgendern

    Verb als Analogiebildung zu «to misgender»: Jemandem (versehentlich) das falsche (soziale) Geschlecht zuweisen.

20 Kommentare zu «Worte des Jahres»

  • Guerino Mazzola sagt:

    es muesste anti-faktisch heissen. „Post“ ist irreleitendes Nachher. Ich hoffe, dieser Unsinn hoert auf, wenn man die Fakten der Wissenschaft leugnet: Versuch mal, anti-faktisch aus dem Fenster zu springen! Die Gravitation schert sich einen Deut um Deine Phantsasien.

    • marie sagt:

      nein, nein. post ist schon korrekt. am faktischen war das bemühen, faktisch zu sein, relevant. das bemühen ist einfach weggefallen.
      in den meisten wissenschaften ist man übrigens auch bemüht faktisches zu wiederzugeben – faktisch sind aber m.e. nur mathematik und logik. das andere gibt sich einfach gerne gesetzesartig; ist aber sehr oft weit davon entfernt.

      • Guerino Mazzola sagt:

        Nein, Faktizitaet ist nicht das Bemuehen drum. Schon hier faengt das postfaktische Relativieren an. Typisch post-moderne Verrueckung ins Subjektive rein.
        Und nein, ich bin Mathemaiker, aber die Naturwissenschaften sind auch am Faktischen orientiert, wenn auch nicht fuer ewig. Wie gesagt: Springen Sie doch aus dem Fenster, wenn die Gravitation nur postfaktisch sein soll:)
        M.E. ist dieses ganze Gesuelz eine Marotte derjenigen, die nicht mehr wissen wollen/koennen, wie wir staendig mit Fakten leben: die ganze Technologie zB. , bitte schoen: ein Meer von Fakten. Wie sonst koennten wir hier uns im Internet auslassen.

  • Meinrad sagt:

    Zitat: „Fest steht: Zeitenwenden sind Sprachenwenden.“ Sind aber Sprachenwenden immer auch Zeitenwenden?

  • Hans Hintermeier sagt:

    Das nenne ich doch postfaktisch: eine selbsternannte Elite in Zürich hält Fakten zurück, die nicht in ihr politisches Programm passen. 29.11. im Tagi: „Zürich hielt Studie zur Zuwanderung zurück“. Begründen tun sie es damit, dass die Fakten von „den Anderen“ zu wenig differenziert betrachtet werden würden (paternalistisch). Sie sind natürlich die Einzigen, welche die Fakten „richtig“ „interpretieren“ können. Die Elite möchte den mündigen Bürger abschaffen, er ist nur noch lästig.

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