Mündel oder Unternehmer?

Was Konsum mit Freiheit zu tun hat.
Blog Mag Konsumkultur

Risikoscheu und fair: Wenn der Staat als Moralanstalt den Einkaufswagen füllt. (Bild: Getty Images/Montage Nathalie Blaser)

Der deutsche Soziologe Stephan Lessenich, meine Damen und Herren, hat neulich in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» konstatiert, dass wir in Zeiten der von ihm so genannten «Aktivgesellschaft» lebten. Die Figur des «Unternehmers» sei das soziale Rollenmodell unserer Zeit: Dinge angehen, in die Zukunft investieren, kein Risiko scheuen – das sind laut Lessenich die gesellschaftlich wertgeschätzten, im Erfolgsfall auch materiell honorierten Eigenschaften des Aktivbürgers.

Schön wärs, kann ich dazu nur sagen. Was jedenfalls den vermeintlichen Aktivbürger in seiner Rolle als Konsument anbelangt, ist vielmehr festzustellen, dass das Ideal und Leitbild des mündigen Verbrauchers auch schon mal mehr im Schwange war. Philosophen wie Konrad Liessmann und Kenneth Minogue haben darauf hingewiesen, dass spätmoderne Demokratien die Tendenz aufweisen, als moralisches Hyper-Subjekt zu agieren und so das autonome Individuum zu gängeln. Der Staat wird als «Nanny State» (wieder) zur Moralanstalt, und dazu passt eine Konzeption von Verbraucherpolitik, die den Konsumenten nicht nur vor missbräuchlichen Praktiken und übermässiger Marktmacht von Anbietern schützt, sondern ihn auch zu vermeintlich moralischem Konsum anzuleiten bestrebt ist: nachhaltig, fair, gesundheitsbewusst und risikoscheu, bitte. Das kommt der Politik insofern entgegen, als sie Handlungsfähigkeit demonstrieren kann. Wenn sie sonst oft ohnmächtig wirkt. Mit Unternehmertum, dem Ideal des Unternehmers als Stütze der freiheitlichen Gesellschaft, allerdings hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Freiheit bleibt auf der Strecke, wenn private Fragen des Konsums zu Fragen öffentlichen Wohlverhaltens werden.

9 Kommentare zu «Mündel oder Unternehmer?»

  • Doria Gray sagt:

    Die persönliche Freiheit hört da auf, wo sie andere schädigt. Wenn ich mit meinem Konsumverhalten dazu beitrage, dass Menschen 14 Stunden am Tag in stickigen Fabrikhallen zu einem Hungerlohn schuften müssen, dann richtet meine Freiheit Schaden an. Hier hat der Staat das Recht, mich zu einer Verhaltensänderung aufzufordern. Wenn ich hingegen rauche, füge ich nur mir selbst einen Schaden zu. Dies geht den Staat tatsächlich nichts an.

    • Marcel Mertz sagt:

      „Wenn ich hingegen rauche, füge ich nur mir selbst einen Schaden zu.“ – Das kann man aber auch anders sehen: Man könnte mögliche Schaden durch Passivrauchen berücksichtigen, oder die erhöhten Gesundheitkosten aufgrund von Krankheiten, die mit dem Rauchen assoziiert sind; Kosten, die (bei uns) von der Allgemeinheit (= anderen Personen) mitgetragen werden. Dann kann man wiederum argumentieren, dass Ihre Freiheit Schaden anrichtet bzw. andere schädigt, und dass deshalb der Staat das Recht hat, Sie zu einer Verhaltensänderung aufzufordern. (Ich sage nicht, dass das zwingend richtig so ist – nur, dass Ihre Argumentation nicht konsistent ist, weil man in beiden Fällen von möglicher Schädigung von anderen sprechen kann, und daher in beiden Fällen der Eingriff durch den Staat legitimiert wäre).

    • Tom sagt:

      Passivrauchen ist eine ganz üble Sache.

    • Thomas Michel sagt:

      Die stickigen Fabrikhallen gibts weil diese Demokratien noch in den Kinderschuhen stehen und nicht weil ich Kaufentscheidungen treffe.

  • Sebastian Nussbaumer sagt:

    Keine Frage, der Staat vertritt gewisse Moralvorstellungen. Dazu frage ich mich einerseits, ob das falsch ist. Ich denke: Nein. Andererseits wundere ich mich wie gross der relative Einfluss dieser Moralvorstellungen via Propaganda und Regulierungen auf mein Verhalten ist, gegenüber jenem von Medien, PR-Industrie, meiner Mitmenschen etc. Ich denke: Winzig. Aber das Schöne am Staat ist ja dass man ihm für fast alles die Schuld geben kann.

    • Rita Baumgartner sagt:

      Da haben Sie absolut Recht! Man ist doch etwas müde von den Prädigern, die „Marktfreiheit=Demokratie“ tag-ein tag-aus herunterbeten.

  • Kristina sagt:

    Und das fängt schon bei den Vorlieben an.

  • LiFe sagt:

    Nie vergesse ich, wie Politiker lange vor dem Crash 2008 aufgerufen hatten: „Wir brauchen Ideen, Innovationen und Gründergeist!“ Wer Ideen pushen puschen möchte ist zwingend ein miserabler Konsument. Zumindest vorübergehend. Bis heute erwacht der Gründergeist nicht aus seinem Dornröschenschlaf. So sieht’s aus. Ein Koma der anhält. Believe me or not. The Gründergeist is shot.

  • Henry sagt:

    Dem System ist ein bestens kontrollierter Konzerngänger freilich lieber, als ein Entrepreneuer mit eigener Meinung. Daher wird letzterer politisch, gesellschaftlich und pekuniär in der veröffentlichten Meinung diskreditiert. Bargeldverbot, Aufhebung des Bankgeheimnisses, Totalüberwachung bis hin zu Arbeitszeit-und Lohnvorschriften u.v.m. Die unternehmerischen Freiheiten vergangener Tage sind längst passé. So sich die Zeiten nicht ändern, rate ich meinen Sprösslingen, entgegen meinen bisherigen Ratschlägen, sie mögen sich beim immer übermächtigeren Vater Staat ein gut dotiertes, warmes Plätzchen suchen. Da gibt’s unglaubliche „Karrieren“ in der Nachbarschaft. Auf ewig versorgt, frühe Pension, ein freizeitorientiertes Leben. Danach streben ihre Kommilitonen doch schon längst.

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