Literatur als Gegenwelt

Alles erfunden? Und ist das wichtig?
«This is what we share» - Installation von Flanders and The Netherlands an der Frankfurter Buchmesse 2016. (Keystone)

«This is what we share» – Installation von Flanders and The Netherlands an der Frankfurter Buchmesse 2016. (Keystone)

Der neue Roman «Du sagst es» der niederländischen Autorin Connie Palmen schildert die verhängnisvolle Verbindung zwischen zwei Schriftstellern: Ted Hughes und Sylvia Plath. Das ist von historischem Interesse. Aber warum sollten wir dieses Buch darüber hinaus lesen? Weil es zeitlose Fragen und grosse Motive entwickelt, zum Beispiel: Schuld, Liebe, Schicksal. Kann man Menschen ändern? Können wir der Mensch sein, der wir sein wollen? Und dann geht es auch noch um eine literaturtheoretische Frage: Sylvia Plath schrieb letztlich immer nur über sich selbst. (Dies hat sie übrigens mit zahlreichen zeitgenössischen Autoren und Autorinnen gemein.) Also das, was man «Bekenntnisliteratur» nennen könnte. Das ist per se noch nicht schlecht. Mit Thomas Melles «Die Welt im Rücken» hat gerade Bekenntnisliteratur ganz knapp den Deutschen Buchpreis verfehlt, zum Bedauern vieler Kritiker. Aber Thomas Melle liefert auch einen Mehrwert, den Connie Palmens Ted Hughes bei Sylvia Plath vermisst: Dichtung. Eine zweite, poetische Wirklichkeit.

Mit einer solchen poetischen Wirklichkeit überraschte nun der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach in seinem jüngsten Roman «Mogador». Überraschend deshalb, weil Mosebach von der marokkanischen Hafenstadt Mogador erzählt, die längst nicht mehr Mogador heisst, sondern: Essaouira. Mosebach benutzt aber nicht nur den alten Namen, sondern auch, sozusagen, alte Farben: Er schildert Mogador als sinnlichen, spirituellen Ort voller Wunder und Erstaunlichkeiten, weit entfernt von jenem problematischen Komplex, als den wir diesen Teil der Welt, nämlich den arabischen, heute zu betrachten gewohnt sind. Nach Europa will in Mosebachs Marokko niemand. Seine Kritiker haben dann auch eine Art 1001-Nacht-Exotikkitsch moniert, gemischt mit Altherrenprosa, eine Art Manufactum-Literatur: Es gibt sie noch, die gute alte Zeit, wo Korruption die Gesellschaft am Laufen hält und Prostitution sehr pittoresk die wahren Machtverhältnisse der Geschlechter ausdrückt.

Zum Roman gehört Fiktionalität. Definitionsgemäss. Aber Fiktionalität ist die unerheblichste und am wenigsten interessante Eigenschaft eines erzählerischen Werks. Wichtiger sind existenzielle Fragen, wie sie zum Beispiel «Mogador» aufwirft: Mosebach kontrastiert die beiden Hauptfiguren in ihrer spezifischen Art, mit dem Schicksal umzugehen: passiv gegen willenhaft. Hier werden Daseinsentwürfe und Lebenshaltungen gezeichnet, ohne sie zu bewerten. Gegenwelten. Das ist Literatur, meine Damen und Herren. Mit dieser zeitlosen Einsicht aber will ich nicht schliessen. Sondern damit: Als ich letzte Woche auf der Frankfurter Buchmesse von A nach B eilte, kam ich am Stand des «Vorwärts» vorbei. So heisst die Zeitung der deutschen Sozialdemokratischen Partei. Auf dem Stand gab es eine kleine Bühne, und darauf sass unter anderem ein Hybridwesen aus Hipster und Theologiestudent, welches just das Wort führte, da ich vorbeilief, und zwar erklärte dieses Wesen: «Man muss aufpassen, dass man da nicht wieder in so eine Verzweckungskultur gerät.» Genau. Und solange Worte wie «Verzweckungskultur» im Schwange sind, ist noch ein weiter Weg zu gehen. Vorwärts!

4 Kommentare zu «Literatur als Gegenwelt»

  • Meinrad sagt:

    Sie schreiben: „Hier werden Daseinsentwürfe und Lebenshaltungen gezeichnet, ohne sie zu bewerten.“ Ich persönlich finde die Nicht-Bewertung von grosser Wichtigkeit. Es fällt dahingegen auf, dass das Hybridwesen sagte: „Man muss aufpassen, dass man da nicht wieder in so eine Verzweckungskultur gerät.“ Man erkennt, dass es sich dabei um einen Imperativ handelt, also keinen Satz. Gerne würde ich sagen: „Typisch sozialdemokratisch.“ Aber lassen wir das. Gerade die Nicht-Bewertung ist um sehr viel bedeutungsvoller als die Verzweckung, vor allem jene in den einzelnen Fachbereichen, was zu Konflikten führt. Das Wichtigste ist aber das Poetische und darinnen enthalten die Sprache des Künstlers. Mosebach gefällt mir im Allgemeinen, gerade weil er sich bisweilen konservativ zeigt.

  • Kristina sagt:

    Können wir der Mensch sein, der wir sein wollen? Sure, Herr Tingler, denn `the show must go on`.

  • Flo sagt:

    Alles erfunden? Und ist das wichtig?
    Nein überhaupt nicht! Für mich ist jedes Buch, und dank dem vorgezogenen Weihnchtsgeschenk meines Sohnes, dem E Book Reader, ein Abtauchen in eine ander Welt. Da ist es völlig belnglos ob die Geschichte einen wahren Hintergrund hat oder nicht.
    Ohne Bücher hätte ich meine Kindheit nicht überlebt. Mein allererstes Buch, Liseli sucht eine Heimat, habe ich mir nach Jahren wiedr beschaffen können – als Erinnerung.. Auch in späteren Jahren öffneten die Bücher eine Türe in eine ndere Welt und machten mein Leben erträglich. Wegen eines Augenproblemes konnte ich lange nur noch selten lesen und dank des E Book Readers bin ich dazu wieder in der Lage.
    Bücher sind etwas wunderbares, unersetzliches – ob der Inhalt auf Wahrheit beruht oder nicht!

  • Felixkeller sagt:

    Jedes Buch, jede Geschichte bietet mir, falls es mich anspricht, sozusagen ein „Dach über dem Kopf“. Oder noch besser: Eine Geborgenheit. Endlich kann ich der Welt, der schnöden Welt entfliehen – wenn auch nur für eine Weile. Das Marketing hat das noch nicht erkannt: Literatur kann eine Oase sein, in der man sich noch wohlfühlen darf. Und dazu noch auf einem Niveau, von der viele nur träumen können…

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