Tierquäler, Umweltkiller, Langweiler

Zur Moralisierung des Alltags.
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Der Burger ist in der moralischen Gesellschaft keine Option mehr, jedenfalls keine zulässige. Foto: R4vi, Flickr.com

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, meine Damen und Herren, dass ganz alltägliche Verrichtungen wie zum Beispiel die Nahrungsaufnahme oder die Fortbewegung von A nach B, also Vorgänge, die noch bis vor kurzem weitgehend moralfrei gehandhabt wurden, heute regelmässig einer moralischen Bewertung unterzogen werden? Woher kommt der Kaffee? Wie gross ist der Karbonfussabdruck? Du trinkst Wein zum Mittagessen? Du nimmst das Auto zum Briefkasten?

Fortschritt und Moral

Dieses Wiederaufkreuzen der Moral an allen Fronten verbindet sich mit Fortschritten in der digitalen Technologie, die nicht nur die Möglichkeiten der Selbstkontrolle ausufern lassen, sondern auch diejenigen der sozialen Kontrolle. Denn jeder kann heute Öffentlichkeit produzieren. Die Digitalität führt zur Exposition und zur Herstellung von Sichtbarkeitsverhältnissen und damit zur unausgesetzten gesellschaftlichen Bewertung im Modus der Sofortkonfrontation: Fleischverspeiser sind Tierquäler. Flugzeugbenützer sind Umweltkiller. Veganer sind selbstherrliche Langweiler.

Das erzeugt Gereiztheit. Das Internet ist ein schnelllebiges und unstetes Medium; das Eigentümliche und zugleich Bedenkliche an ihm jedoch ist die Gleichzeitigkeit von technischem Fortschritt und reaktionärer Moral: Die aktuelle Technologie des Anprangerns mag brandneu sein – die gesellschaftliche Reaktion auf jede Blossstellung früher privaten Verhaltens ist dagegen nicht selten ein paar Hundert Jahre alt: Puritanische Schelte der digitalen Öffentlichkeit ist zumeist die Reaktion auf vermeintliche Entgleisungen, auf Menschen, die ihr Leben (und damit ihr Schicksal) nicht im Griff zu haben scheinen. Pietistische Empörung. Der drohende Zeigefinger des Schuldirektors. Indignation wie im Damenverein der Mässigungsbewegung. Man könnte diese sich verschärfende Ungleichzeitigkeit von Technik und Moral, die im Grunde ein alter Topos der Modernisierungskritik ist, als «rasenden Stillstand» bezeichnen. So jedenfalls beschreibt der französische Philosoph Paul Virilio das Paradox einer Gesellschaft, in der sich die technologische Entwicklung im exponentiellen Galopp beschleunigt und gleichzeitig die kulturelle Bewegung zunehmend erstarrt.

Komplexitätsverweigerung

Wir sollten nicht vergessen, dass jeder Versuch, das gelingende Leben mit einem Repertoire von Begriffen zu definieren, sich tendenziell gegen eine Vielheit an Werten und legitimen Lebensformen richtet. Das, was der Philosoph Richard Rorty das «abschliessende Vokabular» nannte, nämlich jenes, auf dessen Basis wir Werturteile fällen und das uns dabei hilft, einer unübersichtlichen, konfusen und chaotischen Welt einen Ordnungsrahmen überzustülpen, ist durchaus problematisch. Der westliche Wertepluralismus ist schliesslich das Resultat der Erkenntnis, dass eine Definition des guten Lebens immer etwas Gewaltförmiges hat.

Dieser ethische Pluralismus, der die Privatisierung der Frage nach der richtigen Lebensführung zur Folge hatte, war eine der Errungenschaften der Moderne. Noch die Postmoderne neigte zu der Auffassung, es gäbe keine kulturell verbindliche Gestalt gelingenden Lebens. Insofern trägt die Rückkehr der Moral Züge einer Komplexitätsverweigerung: Falsch und Richtig scheinen wieder leicht erkennbar. Die Welt scheint wieder konsenspflichtig. Der Cheeseburger ist keine Option mehr, jedenfalls keine zulässige.

Das mag moralisch hoch motiviert sein, ist aber philosophisch ahnungslos. Es handelt sich hier um einen logozentrischen und pseudorationalen moralischen Gestus, der eine ökonomistische Lebensbewältigung verabsolutiert. Die Tendenzen der Entzivilisierung werden gefördert durch das phobokratische Zusammenwirken von Normierung und Mediatisierung: Die Angst, der Norm nicht zu entsprechen, wird durch die Visualität und mediale Durchdringung der digitalen Gesellschaft verstärkt; die Bewährungslogik von Perfektionierung und Korrigierbarkeit untergräbt aber dabei strukturell die Bedingungen für die Verwirklichung eines guten Lebens: Vor lauter Ressourcensicherung und Optimierung hat man dafür keine Zeit mehr. Die Aufstellung von Ernährungsplänen für die nächste Woche hat so viel Zeit beansprucht, dass man nun seine Gesundheit nicht mehr für einen Spaziergang nutzen kann. Keine Zeit. Bleibt die Frage, ob das Leben im Plan steckt oder im Spaziergang.

20 Kommentare zu «Tierquäler, Umweltkiller, Langweiler»

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