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«Es ist kein Unglück, wenn viele dieser Jobs verschwinden»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 17. Juni 2017
Frithjof Bergmann: «Die grosse Mehrheit der Menschen lässt sich verführen.»

Frithjof Bergmann: «Die grosse Mehrheit der Menschen lässt sich verführen.»

Frithjof Bergmann stieg in den USA vom Preisboxer und Hafenarbeiter zum Philosophie-Professor auf und entwickelte das Konzept der «Neuen Arbeit». Auch im Alter von 86 Jahren kämpft er dafür, dass Menschen sich für soziale und unternehmerische Projekte zusammenschliessen, statt sich «in sinnentleerten Jobs müde zu strampeln».

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Bergmann, Sie sind Ende der 1940er-Jahre als 19-Jähriger in die USA ausgewandert, wo Sie später als Philosophieprofessor und Begründer der Bewegung «Neue Arbeit» bekannt wurden. Wie haben Sie herausgefunden, welches Ihre Berufung ist?

FRITHJOF BERGMANN: Indem ich sehr verschiedene Berufe ausübte und auf jene Menschen hörte, die einen klareren Blick für meine Begabungen hatten als ich selber. Man tappt ja selber meist im Dunkeln, wenn man seine Talente sucht, weil man das Naheliegende übersieht oder nicht mutig genug ist. Ich arbeitete als Fabrikarbeiter am Fliessband, als Bauarbeiter, Tellerwäscher, Preisboxer und als Hafenarbeiter. Die Arbeit mit Schiffen am Dock reizte mich, weil mich der Film «On the Waterfront» mit Marlon Brando tief beeindruckt hatte. Ich lud einen Sommer lang Unmengen von Getreide von Eisenbahnwagen auf alte Schiffe um. Als ich mich eines Tages erkundigte, wohin das Getreide gebracht werde, erfuhr ich: Es wurde von Portland in den nächsten Hafen nach Astoria geschafft, wo man es verfaulen liess, damit der Getreidepreis nicht sank.

Was hat dieses Erlebnis bei Ihnen ausgelöst?

Sie müssen sich vorstellen: Ich hatte kurz zuvor noch Hunger gelitten und wusste, dass in Deutschland nach dem Krieg das Essen knapp war. Es hat mich deshalb sehr beeindruckt und ins Grübeln gebracht, dass hier ein Grundnahrungsmittel vernichtet wurde, während andere nicht genug zu essen hatten. Und ich gewann in jungen Jahren den Eindruck, die Ökonomie mit ihren teils unsinnigen Anreizen sei ein Teufelsding, ein übles Gedankengebäude, das hinterfragt und neu gedacht werden muss. Zudem wunderte ich mich über die Rolle der Gewerkschaften. Dank des Boxens war ich in guter körperlicher Verfassung und arbeitete als Hafenarbeiter hart. Die Kollegen bremsten mich immer wieder mit der Begründung, sie hätten sich mit gewerkschaftlicher Hilfe das Recht erkämpft, langsam zu arbeiten. Die Situation war also doppelt verrückt: Wir taten die falschen Dinge und empfanden es als Fortschritt, diese Arbeit langsam zu verrichten. Mir scheint, das lässt sich auch heute noch beobachten.

Damals hat es Sie zum Philosophen werden lassen?

Nein, so direkt ging das nicht. Ich lebte während zweier Jahre als Selbstversorger in den Wäldern von New Hampshire, wollte aber eigentlich Schauspieler werden und schrieb Drehbücher für Filme und vor allem Theaterstücke. Einige Stücke wurden aufgeführt, durchaus erfolgreich, aber meine engsten Freunde gaben mir zu verstehen, dass meine Reden besser waren als meine Stücke und mein Schauspiel; zudem trete in jedem meiner Stücke ein Welterklärer auf, weswegen es vermutlich besser wäre, ich würde die Philosophie zu meinem Beruf machen. Ich sträubte mich zunächst, denn die Professoren, die ich kannte, kamen mir allesamt wie Mumien vor. Doch dann fügte ich mich und merkte schon im Studium, wie richtig diese Wahl war, wie sehr ich lebendig wurde beim Philosophieren.

War das nicht ein beschwerlicher Weg: vom Hafenarbeiter zum Philosophie-Professor?

Es wäre viel schwieriger gewesen, wenn ich das Studium als behüteter Akademikerspross in Angriff genommen hätte. Ich halte es für eine schreckliche Dummheit, dass junge Menschen, die den akademischen Weg einschlagen, bis zu einem Drittel ihrer Lebenszeit von der Arbeit abgehalten und auf die blutleere, praxisferne Auseinandersetzung mit der Theorie reduziert werden. Nur indem sie arbeiten, erfahren sie etwas über sich und die Welt. Ich selber erlebte im Studium die Vorteile der Ignoranz: Zu meinen akademischen Lehrern in Princeton gehörten Kurt Gödel und Clarence Irving Lewis, zwei der berühmtesten Philosophen dieser Zeit. Da ihre Namen mir kein Begriff waren, diskutierte ich unbefangen und furchtlos mit ihnen, kritisierte sie für Schwächen in ihrer Argumentation – und wurde für mein unerschrockenes Denken belohnt und gefördert.

Sie haben sich als Philosophie-Professor nicht auf Forschung und Lehre beschränkt, sondern sich immer wieder eingemischt – speziell in Regionen, die von Massenarbeitslosigkeit oder extremer Armut bedroht waren. Sind Sie zufrieden mit dem Erreichten?

Die Neue Arbeit, wie sie mir vorschwebt, ist an einigen Orten sichtbar geworden, etwa in Detroit und Flint, wo es auch dank unserem Engagement gelungen ist, eine Spaltung der Gesellschaft in Erwerbstätige und Arbeitslose zu verhindern. Aber es hat sich leider zu wenig Grundlegendes geändert. Es ist mir ein Rätsel: Die grosse Mehrheit der Menschheit lässt sich verführen, eine Arbeit zu verrichten, die sie müde macht und klein hält, um dann Dinge zu kaufen, die sie nicht braucht. Wir hätten dank des technologischen Fortschritts die Möglichkeit, mit wenig Aufwand die Dinge herzustellen, die wir zum Leben brauchen, und die Armut weltweit abzuschaffen. Stattdessen strampeln wir uns, angetrieben von Konsum- und Wachstumswahn, in sinnentleerten Jobs müde, verbrauchen Ressourcen im Übermass und verschärfen die Kluft zwischen Reich und Arm. Ich weiss nicht, warum wir nicht aus dieser Lethargie aufwachen wollen. Vermutlich ist es eine Mischung aus Armut an Begierde und Mangel an Phantasie, uns Alternativen auszudenken zum klassischen Lohnarbeitssystem.

Wie sieht denn Ihre Alternative aus?

Die «Neue Arbeit» hat drei Pfeiler: Erstens sollen Menschen herausfinden, was sie «wirklich, wirklich tun wollen» und darin unterstützt werden, mit ihrer Berufung Geld zu verdienen. Das bedingt auch, dass sich unser Schulsystem viel konsequenter auf Potenzialentfaltung konzentriert statt die jungen Menschen fit zu machen für einen Arbeitsmarkt, den es nach deren Schulabschluss so gar nicht mehr geben wird. Zweitens sollen die Dinge des täglichen Gebrauchs in regional organisierten Gemeinschaften hergestellt werden, wie das etwa beim Urban Gardening oder in Reparaturwerkstätten schon passiert. Und drittens sollen genossenschaftlich organisierte Unternehmen aufgebaut werden, in denen die Menschen nicht nur Angestellte, sondern auch Unternehmer sind. Wir müssen aufhören, Jobs zu erhalten, die keinem überzeugenden Zweck dienen und die Menschen krank machen. Es gibt in unserem Lohnarbeitssystem sehr viel Scheinarbeit, die nur dazu dient, die Illusion von Vollbeschäftigung aufrecht zu erhalten. Da arbeiten Menschen in grossen Organisationen in einem lachhaft engen Jobprofil und lassen ihre Talente verkümmern aus Angst davor, ohne Arbeit dazustehen.

Mir ist nicht klar, wie Ihr Gegenentwurf aussieht.

Wir sollten uns von der Wahnvorstellung lösen, die Menge der Arbeit sei begrenzt. Begrenzt sind die Jobs, wie wir sie kennen, und offen gesagt ist es kein Unglück, wenn viele dieser Jobs verschwinden respektive von Maschinen verrichtet werden. Es gibt Alternativen zu diesem Lohnarbeitssystem, dem wir uns die letzten 200 Jahre unterworfen haben und das von uns verlangt, dass wir als Gegenleistung für die Existenzsicherung einen monotonen Job verrichten. Statt Grossunternehmen, in denen die Bürokratie und die Angst regieren, brauchen wir vermehrt kleine kooperative Organisationen, in denen Menschen wirklich etwas voranbringen wollen. Ermutigende Ansätze gibt es viele: Ich denke an die freie Softwareentwicklung, welche die ganze IT-Branche revolutioniert, aber auch an Unternehmen wie Google, die ihre Angestellten auffordern, einen Tag pro Woche eigene Projekte zu verfolgen, und an starke Stiftungen, die wichtige Arbeit ermöglichen. Die Zeit, in der die Wirtschaft diktierte, welche Jobs es gibt und welche Produkte wir kaufen, neigt sich dem Ende zu. Je mehr Arbeit uns von Maschinen abgenommen wird, desto wichtiger werden Fähigkeiten wie Kreativität, Kooperation und Empathie.

Was wird aus Ihrer Vision der «Neuen Arbeit», wenn Sie sich einmal nicht mehr persönlich dafür einsetzen können?

Ich bin dankbar, dass ich in meinem 87. Lebensjahr noch immer mit voller Leidenschaft das tun kann, was ich wirklich, wirklich will. Aber ich könnte schon morgen mit einem guten Gefühl gehen. Was nach meinem Tod passiert, beschäftigt mich nicht. Obwohl ich keine Vorkehrungen getroffen habe, halte ich die Gefahr für klein, dass dann alles in sich zusammenfällt. Die offenen Technologie-Labore, kurz: Otelos, verbreiten sich von Österreich aus rasend schnell, fast wie eine Epidemie. Und wenn ich sehe, wer sich alles mit mir verbinden möchte, um die «Neue Arbeit» voranzubringen, fühle ich mich wunderbar aufgehoben in einer grossen Familie.

Teil 1 des Interviews ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen.

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4 Kommentare zu “«Es ist kein Unglück, wenn viele dieser Jobs verschwinden»”

  1. Sacha Maier sagt:

    Ich denke nicht, dass es soetwas, wie sinnlose Arbeit gibt. Jede Arbeit – egal, ob bezahlt oder nicht, hat einen gewissen Wert. Auch wenn dieser darin besteht, dem Arbeitenden neue Erkenntnisse zu vermitteln, oder sich selbst besser kennenzulernen. Allerdings hat sich unsere Welt seit der Sozialen Marktwirtschaft (1947-1992) drastisch verändert. Der Wert der Arbeitsleistung ist gesunken, während das Geldverdienen mittels Geld hohe gesellschaftliche Akzeptanz gefunden hat. Zudem haben wir die Welt global und komplex vernetzt, was tausende neuer Dienstleistungsberufe nötig macht.

  2. Martin sagt:

    Schade dass dieser intelligente und kritische Typ schon so alt ist. Leider hat er, statistisch gesehen, nicht mehr so viel Zeit um soviel zu verändern wie ich es gerne sehen würde.
    Ich würde sehr gerne mehr lesen von ihm.

  3. Paul Real sagt:

    Wenn der Reichtum der Gesellschaft Arbeit ist, dann ist auch jede Arbeit recht Reichtum zu sein. Nutzlos, unangenehm, gefährlich für die Umwelt etc. – aber rentabel.

  4. Charly sagt:

    Endlich mal einer der die Dinge beim Namen nennt. Wir müssen völlig neue Wege gehen, da dieser Weg sich schon seit geraumer Zeit als Sackgasse herausgestellt hat. Bezeichnend, dass der Herr auf die 90 zugeht und einen besseren Blick für die Zukunft besitzt als manch 30 Jähriger. Chapeau!

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