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Diana Rojas’ Spagat zwischen Kunst und Klischees

Mathias Morgenthaler am Samstag den 20. Mai 2017
Diana Rojas hat in Kolumbien Volkswirtschaft studiert und wurde in der Schweiz durch die Sympany-Werbung bekannt. Bild: Luca Bricciotti

Diana Rojas hat in Kolumbien Volkswirtschaft studiert und wurde in der Schweiz durch die Sympany-Werbung bekannt. Bild: Luca Bricciotti

Statt in Kolumbien als Akademikerin Karriere zu machen, absolvierte Diana Rojas in Paris die Schauspielschule und kam dann der Liebe wegen in die Schweiz, wo sie als freischaffende Künstlerin tätig ist. Ihr interaktives Projekt «Arbeit 4.5» erlaubt den Besuchern eine spielerische Auseinandersetzung mit der Selbstständigkeit.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Rojas, Sie sind Mitorganisatorin eines wissenschaftlichen Kunstprojekts zum Thema Arbeit und Selbstständigkeit, das ab diesem Wochenende in Zürich stattfindet. Was bedeutet Selbstständigkeit für Sie?

DIANA ROJAS-FEILE: Ich bin seit zehn Jahren freischaffende Künstlerin, arbeite als Schauspielerin, Regisseurin, Kunstvermittlerin, Tänzerin, Sprecherin und Performance-Künstlerin. Da habe ich oft genug am eigenen Leib erlebt, wie schön und wie unglaublich anstrengend die Selbstständigkeit sein kann. Für Selbstständige wird das Leben zum Projekt. Man kann kreativ sein, sich selber verwirklichen, immer wieder neue Kooperationen eingehen – das ist die positive Seite. Aber man erfährt auch, warum diese Arbeitsform aus den beiden Wörtern «selbst» und «ständig» zusammengesetzt ist, wie gross die Gefahr der Selbstausbeutung ist. Du bist Chef, Angestellter, Buchhalter, Marketingleiter, Informatiker, Controller, Putzfrau in einem, manchmal Optimist und oft dein härtester Kritiker. Es ist, als müsstest du mit deinen zwei Händen permanent 10 Bälle in der Luft halten, also kannst du gar nicht alles im Griff haben.

Wollen Sie die Menschen also vor dem Schritt in die Selbstständigkeit warnen mit Ihrem Audio-Walk «Arbeit 4.5»?

Nein, uns ging es darum, das unternehmerische Selbst zu erforschen, weil selbstständige und unternehmerische Arbeitsformen stark zunehmen. Wir haben zu diesem Zweck einerseits Interviews mit Experten geführt, andererseits in den Kreisen 4 und 5 in Zürich zahlreiche Menschen porträtiert, die selbstständig arbeiten, vom Gastronom über die Friseurin zur Kita-Betreiberin und zum Digital-Worker. Dazu kommen fiktive Elemente, welche ein Musiker, eine Schriftstellerin und drei Schauspielerinnen beisteuern. So ist ein Erlebnis-Hörfilm entstanden, der den Teilnehmenden erlaubt, mit Kopfhörern durch die beiden Zürcher Quartiere zu spazieren, viele verschiedene Arbeitsformen kennen zu lernen und gleichzeitig ein Bewusstsein zu entwickeln, wie sie selber unterwegs sind. Es geht uns auch nicht um Selbstständigkeit im juristischen Sinn, sondern um eine Auseinandersetzung mit Schlüsselthemen wie Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung. Letztlich geht es um die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten wollen.

Wie haben Sie mit Ihrem Co-Projektleiter Björn Müller zusammengefunden, der an der HSG neue Arbeitsformen erforscht?

Der erste Kontakt ergab sich durch unsere gemeinsame Passion für den Tango-Tanz. Wir gingen ab und zu gemeinsam ins Theater und fanden dann heraus, dass wir beide gerne gesellschaftliche Themen erforschen, einfach auf unterschiedliche Art und Weise. Björn ist ein kreativer Forscher, ich eine forschende Kreative. Schon während meiner Schulzeit in Kolumbien habe ich mich für Wirtschaft und Arbeit interessiert. Meine besten Schulnoten hatte ich in Mathematik und Philosophie – schliesslich studierte ich Volkswirtschaft, um etwas zu lernen, was gesellschaftliche Relevanz hatte, und um zu verstehen, was den Homo oeconomicus antreibt.

In der Schweiz kennt man Sie nicht als Volkswirtschafterin, sondern als Schauspielerin aus einem Sympany-Werbespot oder als Nebendarstellerin in Spielfilmen. Was ist passiert?

Ich hatte in Kolumbien bei Unicef ein Praktikum absolviert und als Assistentin bei einem Professor gearbeitet, der sich sehr in der Friedensbewegung engagierte. Damals dachte ich, mit guten, volkswirtschaftlich fundierten Argumenten könne man eine Gesellschaft verändern. Dann wurde der Professor von Extremisten ermordet. Für mich war das ein Schock und eine grosse Desillusionierung. So liess ich die akademische Laufbahn sausen und begann in Paris, wo mein Cousin studierte, die Schauspielausbildung. Schon zuvor hatte ich leidenschaftlich getanzt und durch den Kontakt zu einer kolumbianischen Performancekünstlerin erlebt, wie berührend die Arbeit mit dem eigenen Körper ist. Vermutlich wäre ich ohnehin nicht glücklich geworden als Akademikerin, welche die ganze Zeit in ihrem Büro vor dem Computer sitzt. Aber für meine Eltern war es ein Schock, dass ich meine gute Ausgangslage verspielte und in Paris als Nobody etwas Neues anfing.

Sie selber haben es nicht bereut?

Es war schon hart. In Kolumbien hatte ich gute Noten der besten Universität vorzuweisen, was mir viele Türen geöffnet hätte. In Paris war ich niemand, hatte kein Geld und war zu stolz, meine Eltern um welches zu bitten. Ich machte viele Studentenjobs, schlief wenig, nahm wegen der Croissants und Pains au Chocolat zehn Kilo zu, verlor zwei Zähne und fragte mich, auf was das alles hinauslaufen soll. Doch ich merkte auch, dass mir immer, wenn es wirklich eng wurde, ein Schutzengel beistand. Schliesslich lernte ich in Paris meinen Mann kennen, lebte zuerst in einer Fernbeziehung mit ihm, fand dank einem Studienfreund ein erstes Arbeitsprojekt in der Schweiz und zog schliesslich nach Zürich.

Für eine Schauspielerin, die kaum Deutsch sprach, eine schwierige Situation.

Ja, der Anfang war schwierig, es dauerte zwei Jahre, bis ich als Schauspielerin in der Schweiz ein wenig Fuss fassen konnte. Eine Filmrolle an der Seite von Mathias Gnädinger in «Hunkeler macht Sachen» und die Sympany-Werbung, in der ich als Verkäuferin einen Kunden mit meinen vielen Nachfragen zur Kaffeesorte zur Verzweiflung brachte, haben mir dann einige Türen geöffnet. Aber vielleicht werde ich nie eine dieser Rollen mit Tiefgang und dramatischem Potenzial erhalten, die ich mir wünschen würde. Die Rahmenbedingungen sind sehr limitierend und der Arbeitsmarkt ist klein. Meistens erhalte ich Angebote, die lustige oder arme Südamerikanerin darzustellen, die ihren Körper verkauft. Sogar in der neuen Fernsehserie von Güzin Kar spiele ich eine Prostituierte. Es ist sehr schön, dort mitzuwirken, keine Frage, aber als Schauspielerin mit Spezialgebiet Prostitution hat man nicht so tolle Perspektiven. Und ich frage mich, warum im deutschsprachigen Raum auf der Theaterbühne und im Film die Klischees so stark dominieren und so selten die Vielfalt der Gesellschaft gezeigt wird.

An den Rahmenbedingungen können Sie nichts ändern.

Ja, das ist so. Deswegen mache ich noch viele andere Dinge als die Schauspielerei. So habe ich an der Hochschule der Künste Bern einen Master in Performativer Theaterkunst erworben und als Abschlussarbeit das Hörspiel «+/– 0 Prozent» realisiert, das sich mit der Frage auseinandersetzt, warum wir Menschen immer mehr haben wollen. Da kamen nebst der Künstlerin auch die Philosophin und die Volkswirtschafterin zum Zug. Aktuell arbeite ich an einem Projekt mit dem Stadtmuseum Aarau. Dort geht es darum, die Stimmen junger Migranten einzufangen und darzustellen, welches Bild sie sich von ihrer Zukunft in der Schweiz machen. Und eines Tages werde ich vielleicht nach Kolumbien zurückkehren und dort ein eigenes Projekt an der Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft realisieren – im Sinne einer Versöhnung mit meinen Wurzeln. Ich suche stark das Verbindende jenseits von Länder- oder Disziplinengrenzen; alle Formen von Schubladisierung, Ausgrenzung und Trennung sind mir fremd.

Kontakt und Information:

www.arbeit45.co oder www.dianarojas.net

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4 Kommentare zu “Diana Rojas’ Spagat zwischen Kunst und Klischees”

  1. Anton Schneider sagt:

    Es ist herrlich wie Frau Roja lebt, sich selbst verwirklicht, da und dort studiert, viele Masters erwirbt und die Errungenschaften dieser versklavten Welt geniesst. Ja “selbst” und “ständig” wird die Herausforderung werden. Oft und ab einem gewissen Alter, wird das Überleben in dieser Welt nur durch gespartes ermöglicht und die meisten arbeiten für dieses Gesparte und das “Alter” und beschränken Selbstverwirklichung auf das Hobby oder Wochenende. Frau Roja hat ihr Modell gewählt. Wie denkt Sie, den erzwungenermassen passiveren Teil des Lebens zu leben?

  2. Jean Liebchen sagt:

    Rojas fragt: “warum im deutschsprachigen Raum auf der Theaterbühne und im Film die Klischees (…) dominieren und so selten die Vielfalt der Gesellschaft gezeigt wird.” … und sie wundert sich, warum sie nur Arme, Ungebildete und Prostituierte spielen darf. Die Antwort: Um eine weibliche Hauptrolle in einem Shakespeare-, oder Schiller-Drama zu spielen, müsste sie perfekt Hochdeutsch können. So charmant ihr spanischer Akzent auch ist, warum soll im Theater die perfekt gestaltete und sehr anspruchsvolle Sprache der Dichter durch einen starken Akzent gänzlich unglaubwürdig gemacht werden?

  3. […] Tolle Interview mit Mathias Morgenthaler, yeahhh! „Diana Rojas Spagat zwischen Kunst und Klischees“ Interview Bund, Berner Zeitung,Tages-Anzeiger und Sonntags-Zeitung, 20. Mai 2017 Link: http://blog.tagesanzeiger.ch/berufung/index.php/35742/diana-rojas-spagatzwischen-kunst-und-klischees… […]

  4. […] „Diana Rojas Spagat zwischen Kunst und Klischees“ Interview Bund, Berner Zeitung,Tages-Anzeiger und Sonntags-Zeitung, 20. Mai 2017 http://blog.tagesanzeiger.ch/berufung/index.php/35742/diana-rojas-spagatzwischen-kunst-und-klischees… […]