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«Der Beruf und der Arbeitsvertrag verlieren an Bedeutung»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 8. April 2017

Joël Luc Cachelin, promovierter Ökonom und Gründer der Wissensfabrik.

Was werden wir tun, wenn Maschinen die Hälfte unserer heutigen Arbeit verrichten? «Der Mensch kann sich auf die Fähigkeiten konzentrieren, die ihn von der Maschine unterscheiden», sagt der Ökonom Joël Luc Cachelin und rät Unternehmen, sich von Hierarchien, Abteilungen und fixen Stellenbeschreibungen zu verabschieden.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Cachelin, die Oxford-Studie «The Future of Employment» rechnet uns vor, dass bis in 17 Jahren der Mensch in jedem zweiten Job überflüssig geworden sein wird. Sie dagegen fordern, der Mensch könne in der Arbeitswelt von morgen seine Potenziale besser entfalten. Wie passt das zusammen?

JOEL LUC CACHELIN: Für mich ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil: Der Mensch kann sich durch die Automatisierung auf die Fähigkeiten konzentrieren, die ihn von der Maschine unterscheiden. Im Wahrnehmen von Gefühlen, im Entwickeln kreativer Ideen oder im Fragestellen werden uns die Roboter nicht so schnell überholen.

Wo sind Jobs in Ihren Augen bedroht?

Erstens bei Aufgaben, die man leicht automatisieren kann und die Mitarbeitenden heute wenig Gestaltungsspielraum haben – etwa beim Kassieren im Supermarkt oder der Belegverarbeitung. Zweitens, wo Informationen übertragen, weitergeleitet oder kombiniert werden, ohne interpretiert zu werden. Das ist etwa in der Buchhaltung oder Steuerkontrolle der Fall. Drittens wenn Monopole entstehen, die mit wenig Mitarbeitenden auskommen. Nehmen wir das Fotografieren, wo Tausende Kodakfilme produziert, verkauft und entwickelt wurden. Heute ist die Branche auf wenige Apps geschrumpft. Viertens – und das ist neu – fallen dort Arbeitsplätze weg, wo wir Arbeit mit Hilfe von Technologie neu organisieren.

Was heisst das konkret?

In der Administration und im mittleren Management verschwinden viele Stellen, weil wir uns mit Hilfe von Plattformen selbst organisieren. Führungskräfte können Personal-Kennzahlen selbständig in einem Cockpit anschauen oder Mitarbeitende treffen Entscheidungen aufgrund der gestiegenen Transparenz dezentral – ohne Rücksprache mit einem Chef. Es geht immer weniger um Arbeitsteilung als um die Integration von unterschiedlichen Perspektiven und Fähigkeiten.

Das klingt gut, ändert aber nichts daran, dass sehr viele Menschen ihre angestammten Jobs verlieren werden.

Wir müssen Arbeit im Sinne der Potenzialwirtschaft ganz neu denken. Alle, die von den Maschinen verdrängt werden, haben Fähigkeiten, die wir bisher nicht gesehen haben. Eine Kassiererin kann vielleicht sehr gut Geschichten vorlesen, ein Buchhalter wunderbar fotografieren. Wichtig scheint mir, Potenzial nicht verkürzt wirtschaftlich zu denken, sondern immer auch den sozialen Wert von Arbeit beziehungsweise einer Beschäftigung zu betrachten. Das gelingt uns leichter, wenn wir Arbeit nicht mit Erwerbsarbeit gleichsetzen. Wir werden uns vermehrt mit der Frage beschäftigen müssen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der bezahlte Arbeit nicht für alle ein mögliches oder das bevorzugte Lebensmodell ist. Wahrscheinlich braucht es ein Grundeinkommen oder Ähnliches für eine Potenzialwirtschaft, an der alle teilhaben können. Ich würde es allerdings nicht bedingungslos gewähren, sondern an soziale Aufgaben knüpfen.

Solche Diskussionen sind in der Schweiz nach der klaren Ablehnung der Volksinitiative wieder weitgehend vom Tisch. Stattdessen schreiben sich Unternehmen «Arbeit 4.0» auf die Flagge, beschränken sich aber auf die Einrichtung von Kreativzonen und Co-Working-Gelegenheiten oder auf einen Ausflug des Managements ins Silicon Valley.

Das sind wichtige Ansätze, aber sie reichen nicht. Um unsere Potenziale besser nutzen zu können, müssen wir uns von der kafkaesken Arbeitswelt befreien. Hierarchien, Abteilungen und fixe Stellenbeschreibungen unterdrücken unsere Kreativität, hindern uns daran, unseren Leidenschaften nachzugehen. Unternehmen werden sich künftig statt an Produkten an Problemen orientieren. Eine hohe Ausstrahlung werden Fragestellungen mit einer gesellschaftlichen Relevanz haben. Diese ergibt sich beispielsweise aus den Dingen, die in einer digitalen Welt knapp werden – Rohstoffe, aber auch Stille oder der Zufall. Swisscom fokussiert ihr Branding gegenwärtig auf die Frage, was uns in einer digitalen Gesellschaft zusammenhält.

Was bedeutet diese Entwicklung für das Personalmanagement?

Das unternehmensübergreifende HR ist für mich ein Kernthema der nahen Zukunft. Bereits heute arbeitet Axa Winterthur in der Ausbildung ihrer Datenanalysten mit Zühlke und Swisscom zusammen. Bei Postfinance gibt es den temporären Funktionswechsel über Abteilungen hinweg, bei der Post kann man sogar innerhalb des Konzerns rotieren. Es wird normal werden, Personalentwicklung aber auch Arbeitsverhältnisse und Karrierepläne über Unternehmensgrenzen hinweg zu denken.

Aus Sicht des Arbeitnehmers heisst das: Eine gute Ausbildung und eine Anstellung bei einem etablierten Unternehmen geben keine Sicherheit mehr.

Sowohl der Beruf als auch der Arbeitsvertrag verlieren an Bedeutung. Wir werden in Zukunft bei vielen verschiedenen Arbeitgebern tätig sein, nacheinander oder auch gleichzeitig. In Rollen zu arbeiten, passt besser zu den Lebensphasen, die wir durchlaufen, zu den unterschiedlichen Aspekten unserer Persönlichkeit, aber auch zu einer Welt, die sich rasch verändert. Wir sollten neugierig und beweglich bleiben und gut mit unseren Energien haushalten. Die Arbeitswelt wird auch höhere Anforderungen an unser persönliches Wissens- und Kompetenzmanagement stellen. Zentral wird die Selbstreflexion. Um seine Potenziale sehen und einbringen zu können, braucht es eine vertiefte Auseinandersetzung mit der eigenen Person – auch mit den Schwächen und Defiziten.

Sie selber führen seit Jahren Ihre eigene Wissensfabrik und publizieren, beraten, referieren, arbeiten in Projekten mit. Hätten Sie sich nie ein Team gewünscht? Arbeit stiftet ja auch soziale Zugehörigkeit.

Einsamkeit ist eine logische Folge, wenn man versucht zu analysieren und zu verstehen, was gerade mit uns passiert. Ich muss aber nicht jeden Tag dieselben Menschen sehen, um mich aufgehoben zu fühlen. In meiner Selbständigkeit habe ich viele feine Menschen kennengelernt. Es entstehen ganz besondere Freundschaften von Verbündeten, die weit über den Smalltalk oder den fachlichen Austausch hinausgehen.

Kontakt und Information: www.wissensfabrik.ch

Whitepaper zum Thema: www.wissensfabrik.ch/potentialwirtschaft/

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7 Kommentare zu “«Der Beruf und der Arbeitsvertrag verlieren an Bedeutung»”

  1. Cristina Alberghina sagt:

    Wenn bereits heute geisteswissenschaftliche Berufe kaum noch wirtschaftlichen Wert haben, wie soll eine Verkäuferin mit Geschichtenvorlesen Geld verdienen? Das Grundeinkommen ist kein soziales, sondern ein neoliberales Prinzip bei dem 99% der Bevölkerung am Existenzminimum leben werden! Eine Mittelschicht wird es nicht mehr geben.

  2. M Kobelt sagt:

    Unternehmensübergreifende Mitarbeiterentwicklung und das ohne Stellenbeschreibungen? Es ist wohl besser, wenn der gute Mann weiterhin alleine arbeitet.

  3. Sacha Maier sagt:

    Wir sind nun einmal mitten in der Implementation des korpokratischen Neofeudalismus. Das informelle Ziel dieses globalen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells besteht darin, dass unsere gnädige Elite ihre Vermögen alle zehn Jahre verdoppeln kann. Die erste Etappe bestand in der geographischen Trennung von Konsum und Produktion, damit sich die Handels-Multis (von Apple bis Zara) dazwischen pflanzen konnten. Die nächste Stufe ist die Wegautomatisierung aller repetitiven Dienstleistungsberufe; tw. mit KI-Funktionen. Darum wird der zweckmässige Ausbau der Sozialhilfe in Zukunft entscheidend sein.

  4. Ralf Schrader sagt:

    Es scheint mir paradox, in Ausführungen zur nahem Zukunft noch Strukturen aus dem Jetzt zu benutzen. Industrie 4.0 macht die Swisscom ebenso überflüssig, wie die postfinance. Für diese nahe Zukunft erwarte ich das Verschwinden von Besitz, damit auch Geld, Staaten und die sichtbare Wirtschaft.
    Arbeit wird es im Überfluss geben, da wo Industrie und KI nie vordringen können. In der Alten- und Krankenpflege, der Medizin, der Bildung und allen sonstigen sozialen Bereichen. In diesen wird es auch in Zukunft permanenten Personalmangel geben.

  5. Reto Pauli sagt:

    Eines vergisst der Schreiber. Wer keinen Job mehr hat kann nichts mehr bezahlen auch nicht die Krankenpflege. Am Ende wird es daher auch keine Jobs für Krankenpflege,weder Medizin geben. Die Wirtschaft funktioniert einfach!

  6. Jürg Seifert sagt:

    Es wird immer von Entwicklung gesprochen, in Zukunft werden ….
    Ich habe eher den Eindruck, dass der Ökonom aus der sog. Wissensfabrik und ein paar Andere die sich beim Arbeiten noch nie schmutzige Hände gemacht haben, sich das so wünschen ! Es gehört zum heutigen Trend klare Struckturen andauernd zu verändern und an jeglichen Normen zu sägen. Gerade die Schweiz hat sich ein grosses Nowhow in der Berufsbildung erarbeitet ( ja ich denke der Zenit wurde vielerorts erreicht ) Wer jetzt noch dem andauernden Fortschritt hinterher springen will, bewegt sich rückwärts. Konstanz ist gefragt !

  7. Jürg Seifert sagt:

    GUTE ARBEIT IST ETWAS, DAS AUCH ANDEREN MENSCHEN ZU EINEM LEBEN IN WÜRDE VERHILFT UND SIE SCHADET AUCH NIEMANDEM !

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