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Der Bauernsohn, der mehr Grün in die Bürogebäude bringt

Mathias Morgenthaler am Samstag den 25. März 2017
Gerhard Zemp, Gartenbauingenieur, Architekt und Mitgründer der Aplantis AG.

Gerhard Zemp, Gartenbauingenieur, Architekt und Mitgründer der Aplantis AG.

Als Kind arbeitete Gerhard Zemp auf dem elterlichen Bauernhof im Entlebuch und erkundete die Natur. Dank Ausbildungen zum Gartenbauingenieur und Architekten ist er heute ein weltweit gefragter Mann, wenn es um die Begrünung von Städten geht. Dieser Tage bringt er Bäume aus Florida und Costa Rica in den Commerzbank Tower in Frankfurt.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Zemp, Sie stammen aus bescheidenen Verhältnissen im Entlebuch und sind heute ein weltweit gefragter Experte für die Begrünung von Gebäuden. Wollten Sie schon in jungen Jahren so hoch hinaus?

GERHARD ZEMP: Ich hatte als Kind keine Zeit, darüber nachzudenken, denn ich musste als Ältester schon mit 6 Jahren viel Verantwortung übernehmen auf dem Bauernhof, wenn mein Vater im Militär war. Prägend waren für mich die Streifzüge durch die Natur mit meinem Grossvater. Er zeigte mir die Vielfalt der Pflanzenwelt, die Heuwiese, das Hochmoor, den Wald. So war es für mich eine glückliche Kindheit, obwohl ich hart arbeiten musste und unser Hof so abgelegen war, dass wir die Nachbarn nur mit dem Feldstecher sehen konnten.

Naheliegend wäre gewesen, dass Sie den elterlichen Hof übernehmen.

Nein, das wollte ich nicht, da eignete sich mein jüngerer Bruder viel besser. Ich wollte mehr von der Welt verstehen und sehen – und so nahm ich mir den Pfarrer zum Vorbild, der eine grosse Bibliothek hatte und spannend erzählen konnte. Ich mobilisierte alle Kräfte, um die Kantonsschule in Beromünster besuchen und dort im Internat wohnen zu können. Der Wechsel war allerdings ein Schock. An unserer Gesamtschule im Entlebuch hatte es in meiner Klasse 7 Schüler gehabt, an der Kantonsschule insgesamt 1000. Neben der Schule wässerte ich den Friedhof, schnitt Hecken und mähte Rasen, um mir etwas Sackgeld zu verdienen.

Sie wurden dann nicht Pfarrer, sondern absolvierten nach einem Austauschjahr in Australien ein Gartenbauingenieur-Studium in Wädenswil und machten sich rasch einen Namen in der Branche.

Ja, ich gab Vollgas, in der Ausbildung und später als Angestellter bei Hydroplant, dem grössten Innenraum-Begrüner der Schweiz. Es war die Zeit, als in Zürich-West unglaublich viele Kräne standen und wie wild gebaut wurde. Trotz spannender Projekte ärgerte ich mich aber darüber, dass viele Architekten Gebäude ohne Begrünung konzipierten und ich sie als Gärtner nicht überzeugen konnte. Deshalb entschloss ich mich, berufsbegleitend ein Architekturstudium in Angriff zu nehmen.

Mit welchem Ziel?

Ich wollte das Thema Grün weiterentwickeln. Aufgrund der zunehmenden Verdichtung verschwindet vielerorts die Grünfläche, die Natur sucht sich Refugien an der Fassade, auf dem Dach oder im Innenraum. Bisher entwarfen Architekten und Landschaftsarchitekten in Wettbewerben spannende Grünfassaden und Innenraumbegrünungen. Die Unerfahrenheit mit der Thematik in den weiteren Planungsphasen führte oft dazu, dass die Bauherren und Investoren die Begrünung wieder fallen liessen. Was fehlte, war ein neutrales Planungsbüro für Gebäude- und Innenraumbegrünung. Planer und Gärtner sprechen verschiedene Sprachen und verstehen sich oft nicht. So gründeten zwei Freunde und ich in Bern das vermutlich europaweit erste unabhängige Architekturbüro für Gebäudebegrünung.

Einen ersten Grossauftrag erhielten Sie aus Frankfurt, wo Sie Norman Fosters Commerzbank Tower neu begrünen. Was machen Sie dort konkret?

Skygärten im 39. Stock des Norman Foster Commerzbank Towers in Frankfurt.

Skygärten im 39. Stock des Norman Foster Commerzbank Towers in Frankfurt.

Zunächst erschrecke ich immer, wenn ich sehe, wie die Leute dort arbeiten. Sie sitzen von 9 bis 17 Uhr in ihren Grossraumbüros auf 56 Etagen und haben gerade genug Zeit, am Mittag im Lift die Stockwerke runterzufahren, um in der Kantine rasch etwas zu essen. Umso wichtiger ist es, an solchen Orten ein Stück Natur in die Arbeitswelt zu integrieren. In Frankfurt geht es darum, dass die 10 Skygärten mit bis zu 16 Meter hohen Bäumen nach 20 Jahren renoviert werden müssen. Zahlreiche Pflanzen haben die starken Temperaturunterschiede in den Wintergärten nicht überlebt. Unser Ziel war es, dem Kunden den Wert des weltweit ersten begrünten Hochhauses bewusst zu machen.

Welche Lösung haben Sie gefunden?

Wir haben zum Beispiel in Florida passende Koniferen-Arten gefunden und diese über Monate in Holland akklimatisieren lassen. Die übrigen Pflanzen stammen aus einer Baumschule in Costa Rica. Nächsten Samstag werden 40 solche vier bis fünf Meter hohen Nadelbäume auf zwei klimatisierten Sattelschleppern nach Frankfurt transportiert. Ich hoffe, wir bekommen die Tannen in den Lift und so in den 39. Stock. Da kommt mir jeweils zugute, dass ich als Bauernsohn auch mal zur Motorsäge greifen kann, wenn ein Ast geopfert werden muss.

Noch lieber würden Sie wohl neue Gebäude mit hohem Grünanteil konzipieren. Sträuben sich die Auftraggeber und Architekten da immer noch?

Grün soll nie nur Dekoration sein. Die meisten Architekten fürchten sich vor der Integration von Pflanzen. Sie wollen primär ihren Bau unter Kontrolle haben, und die Natur empfinden sie als unberechenbar, oft gar gefährlich – weil sie wächst, sich bewegt, sich im Jahresverlauf verändert. Auch das Topmanagement in Firmen sträubt sich oft gegen die Begrünung, die Angestellten dagegen sehnen sich danach. In vielen modernen, luftdicht verpackten Gebäuden ist die Luftfeuchtigkeit so tief, dass die Mitarbeiter schon beim Eingang mit Wasser versorgt werden. Rote Augen, Müdigkeit, Erkältungsanfälligkeit, erhöhter Heizbedarf und permanenter Lärm sind weitere negative Konsequenzen unserer energetisch optimierten Bauweise. Vermehrte Begrünung brächte da viele Vorteile. Nicht nur im Innenraum, sondern auch an der Fassade, wo sie zu einer Reduktion der Überhitzung der Städte beiträgt.

Findet allmählich ein Umdenken statt?

Ja, neben Dach- sind Fassadenbegrünungen stark im Kommen, nicht nur in Wien und Salzburg, sondern auch in Zürich und Bern, wo Begrünungen vermehrt verlangt werden in Bau-Wettbewerben. Wir haben derzeit sehr viele Neubauprojekte bei uns auf dem Tisch und haben gerade mit einem Landschaftsarchitekturbüro einen Wettbewerb gewonnen für ein grosses Bauvorhaben in der Zentralschweiz. Mein nächster Traum ist, Pflanzen direkt in die Büromöbel zu integrieren.

Also hat sich das Abenteuer Firmengründung und Selbstständigkeit gelohnt?

Ja, ich lebe hier meinen Traum. Ich bin wie damals auf dem Bauernhof verbunden mit der Pflanzenwelt und bringe das Grün in die Städte.

Kontakt und Information:

www.aplantis.ch oder info@aplantis.ch

 

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Ein Kommentar zu “Der Bauernsohn, der mehr Grün in die Bürogebäude bringt”

  1. Vincenz Blum sagt:

    Super, dass sich da ein Entlebucher für die Harmonie zwischen Natur und Mensch weltweit einsetzt. Das Entlebuch ist eine Quelle für die “grüne Inspiration”.
    Der Schreiber, ebenfalls Bauernsohn, lebte früher 10 Jahre im Entlebuch und hat in den vergangenen 20 Jahren 20’000 Bäume in Asien gepflanzt.

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