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«Handwerk hat auch im 21. Jahrhundert ein grosses Potenzial»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 3. Dezember 2016
Philipp Kuntze will dafür sorgen, dass sich Handwerker besser vernetzen und vermarkten.

Philipp Kuntze will dafür sorgen, dass sich Handwerker besser vernetzen und vermarkten.

Wer lernt heute noch Küfner, Kürschner, Drechsler oder Korbflechter? Viele Handwerksberufe sind vom Aussterben bedroht. Der Berner Möbelhändler und Innenarchitekt Philipp Kuntze will dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Mit dem Verein «World Crafts» macht er Handwerkskunst sichtbar und setzt sich dafür ein, dass es weiterhin Alternativen zum 3D-Drucker gibt.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Kuntze, Sie haben nie einen Handwerksberuf ausgeübt, rufen nun aber mit Ihrer Organisation «World Crafts» zur Rettung des Handwerks auf. Warum dieses Engagement?

PHILIPP KUNTZE: Ich war während meiner Lehre als Hochbauzeichner in Gstaad oft und gerne auf Baustellen unterwegs. Damals erwachte mein Interesse für die unterschiedlichen Materialien, Holz, Stein, Leder, Glas etc. Später, nach einer Zusatzlehre als Innenausbauzeichner, rutschte ich in die Welt der Designmöbel. Ich arbeitete bei Teo Jakob, Zingg Lamprecht und Intraform und interessierte mich mehr und mehr für die Geschichten hinter den einzelnen Produkten. Allmählich machte ich mir in der Designmöbelbranche einen Namen als Spezialist mit einem Flair für ausgefallene Materialien, für spezielle Hölzer, besondere Lederarten oder besonders interessante Gesteine.

So wurden Sie allmählich zum Mann für Raritäten?

Ich eignete mir über die Jahre ein breites Wissen über Handwerkstraditionen in aller Welt an. Wenn beim Bau nur noch industriell hergestellte Materialien wie Silikatverputze, Kunstharzoberflächen und Schaumstoff-Formteile zum Einsatz kommen, werden die Gebäude gleichförmig und seelenlos. Ich wurde zunehmend von Architekten beigezogen, die sich für exklusive Obermaterialien interessierten, von Herzog & de Meuron etwa oder von Prime-Tower-Architekt Gigon Guyer. Für das Restaurant Clouds im Zürcher Prime Tower suchten wir Eukalyptushölzer mit speziellen Lackierungen, für das Restaurant Duc im Hotel du Commerce in Basel eine Buffetverkleidung aus Lachsleder. So kam vor drei Jahren der Moment, in dem ich mich mit eigener Agentur selbständig machte.

Welches ist der Schwerpunkt Ihrer selbständigen Tätigkeit?

Ich arbeite hauptsächlich als freischaffender Innenarchitekt und Möbelhändler. Die Möbelbranche ist leider arm an Innovation. Jeden Frühling trifft man an der Möbelmesse in Mailand ähnliche Stoffe und Formen an. Auch im Innenausbau ist vieles uniform. Alle verwenden Eicheriemen, entweder als Parkett oder als Laminat. Die Wände werden mit Silikatfarbe weiss gestrichen. Kommt Glas zum Einsatz, handelt es sich um industriell hergestelltes Floatglas. Ich will hier Gegensteuer geben und wieder für mehr Vielfalt sorgen. Das bedingt allerdings die Kenntnis alter Handwerkstraditionen. Viele Schreiner wissen heutzutage kaum mehr, wie man ein Holz seift oder sonst natürlich behandelt, manche Architekten und Designer haben nur bescheidene Materialkenntnisse. So sterben weltweit zahlreiche Handwerksberufe aus, was kulturell ein riesiger Verlust ist und der Jugend Perspektiven raubt. Als Folge davon haben wir in vielen Gegenden der Welt ein Überangebot an Hochschulabgängern und eine grosse Jugendarbeitslosigkeit.

Ist das nicht der Lauf der Zeit und jeder ein Nostalgiker, der das Rad zurückzudrehen versucht?

Es gibt mehrere Ebenen. Zum einen sind die Termin- und Kostenvorgaben in der Architektur oft so eng, dass meistens günstige Standardprodukte zum Zug kommen. Zum anderen fehlt schlicht die Kenntnis der Alternativen. Handwerk hat auch im 21. Jahrhundert ein grosses Potenzial. Je mehr Komponenten serienmässig in 3D-Druckern produziert werden, desto grösser wird das Bedürfnis nach hochwertigem Handwerk.

Wo zeigt sich dieses Potenzial denn?

Nehmen Sie die pflanzlichen Flachsfasern: Früher wurden daraus Kleider gewoben, heute kommt Flachs in der Uhren- und in der Autoindustrie zum Einsatz, weil das Material ähnliche Eigenschaften hat wie Karbon, aber leichter ist und kein Erdöl verbraucht. Innovative Köpfe haben Schutzhelme aus Flachs produziert, eine sehr sichere und ökologische Sache. Ein anderes Beispiels ist das eines österreichischen Küfers, der zwar keine Fässer mehr herstellt, aber sein Handwerk nutzt, um wunderbare Badewannen aus Nussbaum-, Arven- oder Tannenholz herzustellen. Die Produkte verändern sich, das ist normal, aber wenn wir nicht dafür sorgen, dass die Handwerkstradition fortgesetzt wird, steuern wir direkt auf eine Katastrophe zu. In der Schweiz haben Jugendliche die Auswahl zwischen 250 Lehrberufen, aber es gibt kaum noch Küfer-, Kürschner-, Drechsler- oder Glasmaler-Lehrlinge. Viele denken, sie könnten später nicht davon leben, bemühen sich deshalb um eine kaufmännische oder akademische Karriere. Das halte ich für falsch. Deswegen ist es mir ein Anliegen, den Wert des Handwerks hervorzustreichen.

Wie soll das gelingen?

Ein Ort, wo Design-Möbel neben Handwerksutensilien stehen: Philipp Kuntzes Atelier in Bern.

Ein Ort, wo Design-Möbel neben Handwerksutensilien stehen: Philipp Kuntzes Atelier in Bern.

Ich organisiere mit «World Crafts» regelmässig Veranstaltungen und stelle Vertreter des Handwerks vor, etwa Stuckateure, Glockengiesser, Glühmittelhersteller, Scherenschneider oder Drechsler. Zudem investiere ich viel Zeit und Herzblut in die Wissensvermittlung, habe zu diesem Zweck 42 Handwerksmetiers in Bild und Wort auf Schautafeln beschrieben. Der nächste Schritt wird sein, eine digitale Plattform für die Handwerksberufe zu schaffen. Ohne Vernetzung über Berufs- und Ländergrenzen hinaus werden viele Handwerksberufe nicht überleben. Es gibt so viele hervorragende Materialien und Techniken, die hier noch kaum jemand kennt. Ich denke etwa an den japanischen Urushi-Naturlack, eine 7000 Jahre alte Handwerkstradition. Der Lack wird mit Baumöl statt Erdöl produziert und ist sehr vielseitig einsetzbar. Oder im Textilbereich. Heute werden alle Kleider aus den gleichen vier, fünf Ausgangsmaterialien industriell hergestellt. Ich arbeite derzeit an einem Pilotprojekt mit diversen Spinnerinnen, um Alpaka-Wolle auf verschiedene Art und Weise zu verarbeiten mit dem Ziel, funktionelle Kleidung je nach Wärmebedürfnis herzustellen.

Sie sagten, das Handwerk werde nicht mehr geschätzt. Mangelt es nicht auch an Innovationsbereitschaft unter den Handwerkern?

Das ist ein wichtiger Punkt. Statt sich nur zu beklagen, dass die Arbeit seltener gefragt ist und immer schlechter bezahlt wird, sollten Handwerker vermehrt zusammenspannen und mit Innovationen von sich reden machen. Hier in meinem Atelier hängt über dem Tisch ein Lampenschirm aus gepresstem Kaffeesatz. Diese Schale da ist ebenfalls aus Kaffeesatz gefertigt. Diese Produkte riechen nicht nur wunderbar nach Kaffee, sondern sie sind auch aus ökologischer Sicht eine gute Sache: Allein die Schweiz importiert jährlich 90’000 Tonnen Rohkaffee. Es macht also Sinn, denn gemahlenen und überbrühten Kaffee als Rohstoff weiterzuverwenden. Mir geht es nicht nur darum, traditionelles Handwerk zu schützen, sondern auch darum, innovativem, unkonventionellem Handwerk eine Bühne zu verschaffen.

Information und Kontakt:

www.qnc.ch oder www.world-crafts.org
philipp.kuntze@qnc.ch

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3 Kommentare zu “«Handwerk hat auch im 21. Jahrhundert ein grosses Potenzial»”

  1. Hans Waldmann sagt:

    Bei aller Technologie, die Ausgangslage einer “Ingeneurskunst” ist immer noch das Handwerk und das vertiefte (haptische) Wissen über das Material. Was nützen CNC Maschinen und 3D-Drucker, wenn man die Eigenschaften des Material und dessen Grenzen nicht kennt? Und das schaft Handwerk.

  2. Ralf Schrader sagt:

    Wenn es in 30 Jahren noch einen Handwerker gibt (von Hobby- Bastlern abgesehen) gebe ich einen aus. Der letzte Lastenträger im Hafen von Rotterdam hat seinen Sohn auch zum Lastentragen geraten, weil es sich Kräne nicht vorstellen konnte.

  3. Barbara Grohé sagt:

    Ich glaube, dass Handwerk weiterhin bestehen wird. Zunehmend haben Menschen wieder Freude an guten Möbeln, die man über die Jahre hat und die sich lohnen aufzuarbeiten wenn sie in die Jahre gekommen sind.