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«Es lohnt sich nicht, auf die perfekte Idee zu warten»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 5. März 2016
Felix Plötz, Unternehmer, Referent und Buchautor. Foto: Sarah Rubensdörffer

Felix Plötz, Unternehmer, Referent und Buchautor. Foto: Sarah Rubensdörffer

Der geborene Unternehmer ist Felix Plötz mit Sicherheit nicht. Dennoch wird er als Mutmacher in Sachen Selbständigkeit gefeiert. Mit dem neuen Buch «Das 4-Stunden-Startup» bringt der 32-Jährige seine Philosophie auf den Punkt: Niemand muss kündigen und alles auf eine Karte setzen, um eine Idee zu verwirklichen. Oft lohnt es sich, klein anzufangen und gross zu denken.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Plötz, wie gross ist der Schritt vom Angestellten zum Unternehmer?

FELIX PLÖTZ: Der Schritt kann sehr gross sein. Ich selber hatte solchen Respekt vor dem Sprung in die Selbständigkeit, dass ich mich jahrelang nicht traute. Ich hatte Angst vor dem Scheitern, vor den finanziellen Risiken; und ich hatte mich mit den Annehmlichkeiten angefreundet, die meine Konzernkarriere mit sich brachte. Ich hatte nichts von diesen Draufgängern, die sagen: «Machen wirs einfach – Scheitern ist die beste Ausbildung.» Ich war bis kurz vor dreissig so vernünftig unterwegs, wie es zu erwarten ist, wenn beide Eltern Lehrer sind.

Heute mit 32 Jahren werden Sie als Unternehmer und Mutmacher gefeiert. Was ist da passiert?

Veränderungen passieren nie einfach so, es braucht etwas, das einen aufrüttelt. Bei mir war das eine Frau, oder besser: zwei Frauen. Vor vier Jahren setzte mich meine langjährige Partnerin vor die Tür. Wir galten bis dahin als Traumpaar, aber für mein Privatleben galt das gleiche wie für meine Karriere: Es sah glänzend aus, aber der schöne Schein konnte auf Dauer nicht über die innere Leere hinwegtäuschen. Ich war natürlich trotzdem schockiert, die Trennung von meiner Freundin hatte mich in eine Art verfrühte Midlife-Crisis geschleudert. Auch bei der Arbeit meldeten sich Zweifel. Ich trug zwar die Verantwortung für 30 Millionen Euro Umsatz in 7 Ländern, aber wenn ich meine Chefs im Grossraumbüro vor mir sah, dann wusste ich: So will ich nicht werden. Sie waren noch mehr als ich in ihrem Hamsterrad gefangen.

Gekündigt haben Sie trotzdem nicht.

Wie gesagt: Ich bin kein sehr risikofreudiger Mensch. Immerhin wurde mir bewusst, dass ich durch meinen Kaderjob in der Industrie zwar einen hohen Status geniesse, aber nicht unbedingt jene Dinge lerne, die man im Leben braucht. Ich kannte mich zwar bestens mit dem Software-Programm SAP aus, hatte aber keine Ahnung, wie man gute Entscheidungen fällt oder Unsicherheit aushält. Zum Glück hatte mich mein Arbeitgeber zwei Jahre zuvor in ein Fahrtraining geschickt, wo wir lernen sollten, spritsparend zu fahren. Ich lernte dort zwei Dinge: dass man wirklich viel Benzin sparen kann bei entsprechender Fahrweise; und wie grässlich man solche Trainings geben kann. So entschloss ich mich, selber ein Training anzubieten.

Wie war das mit Ihrem Kaderjob vereinbar?

Das war kein Problem. Ich erarbeitete abends das Konzept und baute alles auf – das machte allemal mehr Spass als TV zu schauen. Die Trainings fanden an Wochenenden statt. Ich fand 16 Fahrlehrer in 7 Städten, die das für mich anboten. Ich war überzeugt: Wenn man 20 Prozent Benzin-Einsparung bei unverändertem Fahrspass in Aussicht stellt, dann rennen mir die Privatkunden die Tür ein. Entsprechend teuer und aufwendig geriet der Webshop, den ich dazu aufbaute. Leider interessierte sich aber kaum jemand für meine Kurse. Zum Erfolg wurde das Projekt erst im zweiten Anlauf, als die Benzinpreise stiegen und die Unternehmen die Kosten in ihren Fuhrparks reduzieren wollten. So verdiente ich bald gutes Geld im Geschäftskunden-Segment.

Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Es lohnt sich nicht, auf die perfekte Idee zu warten – viel wichtiger ist, wie gut Sie in der Umsetzung sind. Also besser klein starten und gross denken. Die wenigsten haben im ersten Anlauf Erfolg. Deswegen ist es wichtig, mit etwas Überschaubarem loszulegen. Hätte mir jemand um die Jahrtausendwende das Konzept von Facebook anvertraut: ich hätte es bestimmt an die Wand gefahren. Das ist doch das Problem mit vielen Startups, die an Business-Plan-Wettbewerben prämiert werden. Um überhaupt beachtet zu werden, müssen die Jungunternehmer tolle Kapitalisierungstabellen und Gewinnprojektionen für die nächsten fünf Jahre vorlegen – und dann folgt das böse Erwachen, weil die Realität sich nicht an die schöne Planung hält. Deswegen halte ich es in den meisten Fällen für viel besser, nebenher etwas aufzubauen und zuzuwarten mit dem Sprung in die Selbständigkeit.

Was hat bei Ihnen dazu geführt, dass Sie kurz vor dreissig dann doch gekündigt haben?

Nachdem mich meine Freundin vor die Tür gesetzt hatte, setzte ich mich intensiv mit meinem Leben auseinander, fragte mich, wie ich denken und handeln will, um mehr Freude und Tiefe zu erreichen. Ich schrieb meine Gedanken dazu in einem Büchlein nieder. Weil mein Geschäft mit den Fahrkursen gut lief, hatte ich den Mut, mein Leben umzukrempeln. Ich kündigte den Kaderjob und startete im Januar 2013 das Abenteuer Selbständigkeit. Ein wichtiger Faktor war, dass ich mich 2012 in eine sehr inspirierende Frau verliebt hatte. Leider trat sie auf Anfang 2013 eine halbjährige Weltreise an. Sie schenkte mir vor dem Abschied ein Buch mit Widmung, ich ergänzte meine gesammelten Lebensweisheiten um einen Heiratsantrag an sie und lud das Büchlein bei Amazon hoch. Dann flog ich ihr hinterher, um den Antrag mündlich zu bekräftigen.

Hatten Sie Erfolg damit?

Leider nicht: sie hat Nein gesagt. Und zeitgleich wurde mein Booklet, das ich ursprünglich gar nicht hatte veröffentlichen wollen, bei Amazon so oft heruntergeladen, dass es Bestseller-Status erlangte. Es war ein Gefühlschaos sondergleichen. Klar war eigentlich nur eines: dass ich nicht wieder ins Hamsterrad im Konzern zurückwollte. Als ich im «Spiegel» einen Artikel über die verschnarchte Generation Y las, die angeblich höchste Ansprüche stellt, aber nichts leisten will, wurde mir bewusst: Es fehlt an guten Vorbildern. Man müsste aufzeigen, dass man mit Mut und Kreativität etwas bewegen und Spass haben kann. Der Zufall wollte es, dass der Zwischenmieter, der meine Wohnung hütete, während ich meiner Traumfrau nachreiste, Journalist war. Er blieb nach meiner Rückkehr noch eine Weile da. Und wir schrieben zusammen das Buch «Palmen in Castrop-Rauxel».

Palmen in was?

Castrop-Rauxel. Müssen Sie nicht kennen. Wer den Ort kennt, verwendet ihn gerne als Synonym für das letzte Kaff. Uns gefiel die Geschichte eines Maurerlehrlings mit Hauptschulabschluss, der dank Mut und einem guten Näschen in Castrop-Rauxel zum grössten Palmenhändler Europas mit einem 13‘000-Quadratmeter-Gewächshaus geworden ist. Wir brachten das Buch im Eigenverlag heraus, finanziert durch Crowdfunding. Unser Hauptziel war, junge Menschen zwischen 25 und 35 zum Selfmade-Unternehmertum zu ermutigen. Unser Buch, das ein Bestseller wurde, war ein Beispiel für unsere Botschaft. Wir hatten keinen Verlag um Erlaubnis gebeten, sondern die Sache selber an die Hand genommen. Und die 12 Unternehmergeschichten im Buch funktionierten nach dem gleichen Prinzip. Ein Sozialarbeiter, der nebenher einen eigenen Youtube-Kanal betreibt, ein Angestellter des Finanzamtes, dessen Herz für Grafikdesign schlägt. Oder nehmen Sie das Beispiel der drei Jungs, die mit Deinbus.de der Fernbusbranche neues Leben eingehaucht haben. Die haben die Grundlagen für den Erfolg während fast drei Jahren neben dem Studium geschaffen. Viele grosse Ideen nehmen ihren Anfang in ganz kleinen Schritten.

Wollen Sie damit auch sagen: Erfolg ist weniger planbar, als wir meinen?

Das ist meine Überzeugung, ja. Erfolg stellt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit ein, wenn wir die richtigen Dinge tun und Spass dabei haben. Kennen Sie die Geschichte von Thomas Bachem? Er wurde eines Tages von einer Freundin gefragt, ob er einen Editor zur einfachen Erstellung von Lebensläufen kenne. Statt endlos zu suchen, machte er sich selber ans Programmieren – es war mehr eine Fingerübung als eine Geschäftsidee. Eines Tages schaltete er das Ding frei, auf lebenslauf.cc, weil alles andere schon besetzt war. Rasch zeigte sich, dass er einen Nerv getroffen hatte. Die Nachfrage war so gross, dass er 5.99 Euro für die Nutzung verlangen und sich schliesslich die Domain lebenslauf.com und AdWords-Werbung kaufen konnte. Heute nutzen jeden Monat 50‘000 Menschen das Angebot. Bachem hat das Business an Xing verkauft und ist damit zum Millionär geworden.

Wie rentabel waren Ihre eigenen kleinen Geschäftsideen?

Mein Spritspar-Fahrtraining habe ich an den ADAC verkauft. Zudem habe ich mit dem Journalisten-Freund den Verlag Plötz & Betzholz gegründet, in dem wir Bücher von Youtube-Stars verlegen. Das klingt nach einem Anachronismus, ich weiss, aber wer online 5 Millionen mal angeklickt wird, der hat auch auf dem Büchermarkt ein grosses Potenzial. Jedenfalls gewannen wir damit den Anerkennungspreis an der Frankfurter Buchmesse. Bald meldete sich eine grosse Verlagsgruppe für eine Vertriebskooperation, später unterbreitete uns die Ullstein-Verlagsgruppe ein schönes Übernahmeangebot.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag heute aus?

Das Verlagsprojekt ist weiterhin ein wichtiger Pfeiler. Zusätzlich bin ich Anfang Jahr bei einem Berliner Startup eingestiegen, das ich bei der Recherche für meine Bücher kennengelernt hatte. Ich bin dort für Marketing und Vertrieb verantwortlich. Sehr oft bin ich als Referent unterwegs, um andere zum Unternehmertum zu ermutigen. Ich fühle mich heute in dieser Vielfalt nicht nur lebendiger, sondern auch sicherer als in einem Konzernjob. War ich früher ein Meister darin, Prozesse zu optimieren, verstehe ich mich heute darauf, mein Leben so zu organisieren, dass ich Gelegenheiten ergreifen und die richtigen Entscheidungen fällen kann. Diese mentale und finanzielle Freiheit ist extrem wertvoll. Wer sie erlangen will, muss nicht gleich seinen Job kündigen – denn Existenzangst kann lähmend sein. Er kann auch mit einem 4-Stunden-Startup beginnen und die Sache organisch wachsen lassen.

Information und Kontakt:

www.felixploetz.com

Das Buch:

Felix Plötz: Das 4-Stunden-Startup. Wie Sie Ihre Träume verwirklichen, ohne zu kündigen. Econ 2016.

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