Logo

«Der Hippie wird allmählich interessant für die Konzerne»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 13. Februar 2016
Premium Cola ist nicht nur ein Produkt, sondern vor allem eine Idee der Zusammenarbeit. Foto: Till Gläser | www.glaeser-photography.de

Premium Cola ist nicht nur ein Produkt, sondern vor allem eine Idee der Zusammenarbeit. Foto: Till Gläser | www.glaeser-photography.de

Als Uwe Lübbermann eine eigene Cola-Marke lancierte und gegen alle Regeln der Geschäftswelt verstiess, wurde er als Spinner belächelt. Doch 14 Jahre nach der Gründung ist Premium Cola beliebter denn je: Letztes Jahr wurden in 200 Städten 1,4 Millionen Flaschen verkauft. Und Lübbermann wird nicht mehr belächelt, sondern als Referent eingeladen und als Unternehmensberater beigezogen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Lübbermann, Sie haben bei Premium Cola nicht nur keine Verträge und keine Chefs, sondern auch keine Firmenbüros – wie funktioniert das im Alltag?

UWE LÜBBERMANN: Ich arbeite gerne von zuhause aus und teile mir die Arbeit frei ein. Was ich für mich beanspruche, will ich auch allen anderen anbieten. Ich bin in Hamburg, unsere Buchhalterin ist in Mecklenburg, andere Mitglieder des Kernteams in Dresden und Freiburg, eine hat sich den Traum erfüllt, ein paar Wochen in Chile zu leben, und arbeitet von dort aus. Manche sehe ich regelmässig, weil sich gezeigt hat, dass die Zusammenarbeit nach einiger Zeit ohne Treffen schwieriger wird. Andere habe ich in 14 Jahren Zusammenarbeit nie getroffen. Für mich passt das gut zu meiner Vorstellung vom Unternehmen. Ich mache nicht diese strikte Trennung zwischen intern und extern. Lieferanten, Händler, Kunden gehören alle zu unserer Organisation. Es ist eine Wertschöpfungskette aus gleichberechtigten Partnern, die dafür gesorgt hat, dass wir im letzten Jahr 1,4 Millionen Flaschen abgesetzt haben.

Vor drei Jahren lag dieser Wert noch unter einer Million. Sie wachsen also schnell, obwohl Sie keine Kredite aufnehmen, keine Werbung machen und auch mal einen Grosskunden abweisen.

Ja, die Geschichte zieht immer weitere Kreise. 14 Jahre nach der Gründung sind wir in 200 Städten in Deutschland, der Schweiz und Österreich vertreten – mit unserer Cola, unserem Bier und der Holunder-und Mate-Limonade, die wir vertreiben. Unser Wachstum ist organisch, wir forcieren es nicht mit Fremdkapital und bedrängen die Konsumenten nicht mit Werbung, sondern wir teilen unsere Idee. Unser Hauptprodukt sind eigentlich nicht die Getränke, sondern es ist unsere Idee der Zusammenarbeit – die Getränke sind eher das Transportmittel dieser Idee. Bei mir stand nie der Profit im Vordergrund, sonst hätte ich einen Businessplan gemacht und Fremdkapital reingeholt. Ich habe es langsam angehen lassen, das Unternehmen nebenberuflich aufgebaut. Mein Geld habe ich auf dem Bau, als Barkeeper und als Behindertenbetreuer verdient. Es dauerte gut 7,5 Jahre, bis ich erstmals Geld verdiente mit Premium Cola, und 8,5 Jahre, bis ich davon leben konnte. Ich kann sehr stur und hartnäckig sein, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe.

Stimmt es, dass Sie manchmal lukrative Grossaufträge ablehnen?

Ja, wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu schnell wachsen und so die Organisation überfordern. 2012 waren wir am obersten Limit und hatten teilweise Mühe, unsere Lieferanten pünktlich zu bezahlen. Wenn dann ein Kunde 400’000 Flaschen Bier für ein Festival bei uns bestellen will, ist das ein grosses Risiko. Da müssen wir manchmal verzichten, um die Balance des Unternehmens nicht zu gefährden. Wachstum ist nicht per se gut und nicht immer notwendig. Jede Organisation hat eine Zielgrösse, die sie nicht überschreiten sollte, wenn sie den sozialen Zusammenhalt bewahren will. Wo diese kritische Grösse in unserem Fall liegt, weiss ich noch nicht. Aber ich möchte nie so weit kommen, ein mittleres Management einführen zu müssen.

Zu reden gab die Tatsache, dass Sie nicht den Grosskunden Rabatte gewähren, sondern den kleinen Abnehmern. Warum?

Bei Grosskunden wird die Auslieferung günstiger, weil es effizienter ist, 1000 Flaschen an einen Abnehmer zu liefern als an 100 verschiedene. Sollen wir diese Kunden noch zusätzlich mit Mengenrabatt belohnen? Wir haben uns fürs Gegenteil entschieden und gewähren kleinen Kunden, die pro Flasche mehr für die Logistik zahlen, einen Anti-Mengenrabatt von 4 Cent pro Flasche, sofern sie diesen beantragen. Unsere Preise sind übrigens für alle transparent: Der Abholpreis bei uns an der Rampe liegt bei 38 Cent pro Flasche, der Zwischenhändler kauft sie für 51,5 Cent und der Gastronomie-Betrieb zahlt 62,5 Cent. Da gibt es keinen Druck auf Lieferanten oder Zwischenhändler, keine Verhandlungen, keine dunklen Geschäfte. Und jeder weiss, wie viel davon in die Buchhaltung fliesst, wie viel in die CO2-Kompensation, wie viel in die Reserven. Der ganze Kreislauf ist so konzipiert, dass alle ihren fairen Anteil haben und davon leben können.

Ernten Sie eigentlich Bewunderung für Ihre unternehmerische Leistung oder stempeln manche Sie als weltfremden Träumer ab?

Am Anfang hörte ich oft, ich sei ein Spinner und würde schon noch in der Realität ankommen. Speziell die Händler waren überzeugt, dass das so nicht funktionieren könne. Als es uns nach 10 Jahren immer noch gab, wurden die Kritiker leiser. Und als wir die Millionen-Grenze knackten, sagten einige: Diese Hippies machen zwar vieles falsch, aber irgendwie scheint es zu funktionieren. Bei den Wirtschaftsprüfern von KPMG durfte ich schon drei Mal unser Geschäftsmodell vorstellen. Die waren sehr nett, schauten mich am Ende aber so ungläubig an, als hätte ich ihnen gerade erklärt, wie man übers Wasser gehen kann. 2013 hatten wir die Steuerprüfung im Haus. Auch da ging es eine Weile, bis die Beamten unsere Organisationsform verstanden. Es gab danach keine Beanstandung. Ich habe in den letzten Jahren vielen kleinen Unternehmen bei der Gründung oder der Umstellung auf flache Hierarchien geholfen. Und in letzter Zeit mehrten sich die Anfragen von Konzernen.

Der weltfremde Träumer wird also mehr und mehr zum Unternehmensberater?

Ja, der Hippie wird allmählich interessant für die Konzerne. Ich mag den Begriff Berater nicht, aber ich werde tatsächlich vermehrt auch von grossen Unternehmen kontaktiert. Aktuell bin ich in ein Projekt bei der Deutschen Bahn involviert, wo 70 interne und 70 externe Führungskräfte sich mit den zwei Themen Demokratisierung und Digitalisierung auseinandersetzen. Ich stehe mit weiteren deutschen Konzernen und einem grossen Schweizer Technologiekonzern im Kontakt. Viele Führungskräfte werden sich bewusst, dass Druck und Zielvorgaben auf Dauer niemanden zu guter Leistung ermuntern. Wenn Angestellte wie Leibeigene behandelt werden und Kaderleute von Angst getrieben um Macht und Einfluss kämpfen, schadet das dem Unternehmensklima und den Kundenbeziehungen. Die Alternative liegt auf der Hand: Unternehmen, die ihren Mitarbeitern mehr zutrauen, ihnen mehr Freiräume schenken, werden mit Engagement und Leistung belohnt. Meine Haltung ist, dass 99,5 Prozent der Menschen in sich gut sind und auch gute ehrliche Arbeit erbringen wollen. Man muss sie weder motivieren noch kontrollieren, sondern die Zusammenarbeit moderieren. Deswegen will ich nicht der Chef sein, sondern der zentrale Moderator.

Im Grunde sind Sie doch trotzdem der Chef. Ohne Sie gäbe es die ganze Firma nicht.

Ja, das stimmt – ich war der Initiator, mein Menschenbild, meine Sturheit, meine Ausdauer waren tatsächlich wichtig. Ist das nicht ermutigend, was ein Einzelner in Gang bringen kann, wenn er sich einer Idee verschreibt, die viele teilen? Sonst hören wir ja immer, dass ein Einzelner nichts verändern kann. Ich möchte mit der Premium-Cola-Geschichte auch andere ermutigen, etwas zu unternehmen. Ich war weder wohlhabend noch gebildet oder besonders intelligent. Mir war es einfach ein Anliegen, die Zusammenarbeit in einem anfänglich kleinen Projekt so zu organisieren, dass sich alle auf Augenhöhe begegnen. Wenn wir andere ausbeuten, können wir zwar kurzfristig mehr Profit machen, aber eines Tages fällt das auf uns zurück. Ungleichbehandlung hat auch global einen hohen Preis, das sehen wir am Beispiel des nicht abreissenden Flüchtlingsstroms. Ich möchte mithelfen, den Kapitalismus zu reparieren und alle an unserem Wohlstand teilhaben zu lassen.

Information und Kontakt: www.premium-cola.de

Teil 1 des Interviews
ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen.

« Zur Übersicht

6 Kommentare zu “«Der Hippie wird allmählich interessant für die Konzerne»”

  1. Dr. Alexander Dill sagt:

    Vielen Dank für dieses tolle Interview! Besonders der umgekehrte Rabatt ist eine wirkliche Innovation. Wir werden versuchen, diese auch bei uns umzusetzen. Sehr gut auch der Ansatz, auf Vertrauen und Beteiligung aufzubauen, also stets das Gute zu vermuten.
    In der Schweizer Venture-Szene ist es genau umgekehrt: Das Geschäftsmodell baut auf Mengenskalirung, die Verträge und Businesspläne dokumenteren Misstrauen.
    Grüsse aus Basel vpn der Commons AG http://www.commons.ch

  2. sonja schäli sagt:

    Danke für das interessante Interview.
    Der Link der Firma ist jedoch falsch verlinkt – nur auf http://www.premiu 🙂

  3. Regina Probst sagt:

    Ein ermutigendes Modell. Nur gehe ich mit Herrn Lübbermann nicht ganz einig, dass es nicht besondere Eigenschaften braucht, um es durchzuziehen. Bezüglich Ausdauer genügt Hartnäckigkeit nicht, weil sie auch rigide sein kann, also das Gegenteil von der Offenheit, die es für dieses riskante Modell des Vertrauens und Verzicht auf Hierarchien braucht. Überblick behalten, die richtigen Entscheidungen treffen, Leuten vertrauen, kreative Lösungen, …erfordert breite Fähigkeit zur raschen Informationsverarbeitung, also fluide Intelligenz. Offenheit und Intelligenz korrelieren in Studien zuverlässig.

  4. Luigi sagt:

    Sicher, das Unternehmen “Uwe Lübbermann” hat ein paar Jobs, die ortsungebunden funktionieren. Aber er selber auch musste einsehen, dass es ohne Real-Life nicht geht: wer sich nicht regelmässig trifft, entfremdet sich. Ausserdem ist das Unternehmen im Kern eine ganz normale Firma: irgendwo muss morgens um Sieben ein Arbeiter an der Maschine stehen und die Brause ind die Flasche füllen. Die Maschine steht bei einer ganz normalen Firma, mit Angestellten, die zuverlässig und vertrauenswürdig ihren Alltagsjob abspulen; in Gebäuden die ganz normal irgendwo stehen (müssen).

  5. Jacques Tati sagt:

    @Luigi: Caro Luigi . Ich gebe Ihnen recht. Das ist so, wenn man in einer Fabrik Limo abfüllen muss. Industrie eben. Ein Job eben, hoffentlich auch anständig bezahlt. Als “ex-Hippie” sehe ich aber nicht ein, warum ich diese teure “Premium Limonade” kaufen sollte. Das kann man auch selbst. Zu Hause. Ob Cola oder Holunderblüten, gar Ginger Ale. Diese Kohlensäure bringt man überall hinein. Mit “savoir-faire” eben. Und einer kleinen Energie-Attacke.

  6. Remo Anderegg sagt:

    @Jacques Tati: Dann gehören Sie wohl einfach nicht zur Zielgruppe, weder für Premium Cola noch für irgendwelche andere Limonadenhersteller. Ist Ihr gutes Recht. Andere finden die Idee hinter Premium Cola bestechender als Sie und kaufen lieber ein überteuertes Produkt, das nicht auf Profitmaximierung setzt als ein (zu) günstiges Produkt, wo Ausbeutung dahintersteckt. Auch das ist ihr gutes Recht. Marktwirtschaft eben.

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Anzeigen

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.