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«So entstand aus zwei Niederlagen eine Business-Idee»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 23. Januar 2016
Fabian Kauter

Fabian Kauter, Fechter, Musiker und Initiant der Crowdsourcing-Plattform «I believe in you». Bild: Valérie Chételat

Die Erfolgsgeschichte des Berner Unternehmens «I believe in you» begann mit zwei Niederlagen am Nationalfeiertag: Nach dem enttäuschenden Abschneiden an den Olympischen Spielen in London lancierten der Fechtprofi Fabian Kauter und der Kanute Mike Kurt mit dem Marketingspezialisten Philipp Furrer eine Crowdfunding-Plattform für Sportprojekte. Nun steht die weitere Expansion ins Ausland bevor.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Kauter, Sie sind Fecht-Profi, Musiker und Unternehmer – was ist Ihr Hauptberuf?

FABIAN KAUTER: Der Sport steht zumindest bis zu den Olympischen Spielen in Rio im Zentrum. Als Einzelsportler ist man aber immer auch Unternehmer. Nebst dem Fechten kümmere ich mich um viele Dinge: den Internetauftritt, die Kommunikation, Marketing und Sponsoring, die Medienarbeit. Zudem war ich den letzten zwölf Jahren sehr viel auf Reisen, lernte fremde Sprachen und Kulturen kennen. Und auch in mentaler Hinsicht habe ich viel gelernt durch den Sport: mir hohe Ziele zu stecken, Niederlagen zu akzeptieren, trotz grossem Ehrgeiz immer fair zu bleiben. Sport ist tatsächlich eine Lebensschule.

Gleichwohl haben Sie immer noch anderes daneben gemacht: erst ein Studium, dann eine Banklehre, schliesslich eine Firma gegründet.

Das Wirtschaftsstudium habe ich zwei Mal vor dem Bachelor abgebrochen – einmal während der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in London, das zweite Mal wegen der Firmengründung. Die Tätigkeit als Assistent im Private Banking war sehr spannend. Die Bankbranche war in den Jahren 2009 und 2010 im Umbruch, ich lernte als Quereinsteiger in kurzer Zeit enorm viel. Zudem war ich sozusagen mein eigener Sponsor. Was ich mit dem 50-Prozent-Pensum auf der Bank verdiente, steckte ich direkt in meine Fechtkarriere. Nun habe ich seit gut drei Jahren eine Anstellung als Zeitsoldat, was mir finanzielle Sicherheit gibt und mehr Zeit fürs Training lässt.

Wie kamen Sie vor vier Jahren auf die Idee, die erste Schweizer Crowdfunding-Plattform für Sportprojekte zu gründen?

Der Kanute Mike Kurt und ich waren an den Olympischen Spielen in London beide am 1. August im Einsatz – und wir versagten beide. Oder sagen wir es so: Er verpasste den Final und ich blieb schon im ersten Duell auf der Strecke, weil ich meine Nerven nicht in den Griff bekam. Wir waren richtig frustriert, wollten aber nicht ewig jammern. Wir sprachen darüber, welche Unterstützung wir uns für unsere Karriere gewünscht hätten. So entstand aus zwei Niederlagen die Business-Idee, eine Plattform zu lancieren, auf der Sportler Geld sammeln können für ihre Projekte. Zum Glück war von Anfang an auch Philipp Furrer mit an Bord, der bei Swiss Olympic im Marketing tätig war und als Online-Spezialist wichtiges Knowhow mitbrachte. Unser Enthusiasmus und sein Realismus ergänzen sich gut.

Im Juni 2013 gingen Sie mit der Plattform «I believe in you» online. Was konnten Sie in den 2,5 Jahren bewegen?

Wir haben unsere Erwartungen bei weitem übertroffen. Rund 370 Projekte konnten dank «I believe in you» realisiert werden, total wurden 2,1 Millionen Franken in den Schweizer Sport investiert. Besonders stolz sind wir, dass in mehr als drei von vier Fällen das Sammelziel erreicht wurde. Diese Realisierungsquote sucht weltweit ihresgleichen. Das zeigt auch, dass wir die Projekt-Initianten gut beraten bei der Festlegung eines realistischen Sammelbetrags. Denn das Geld, das einzelne Unterstützer zusichern, wird nur überwiesen, wenn der anvisierte Gesamtbetrag erreicht wird in der festgelegten Frist von 30, 50 oder 80 Tagen.

Auf welche Projekte sind Sie besonders stolz?

Es gibt sehr unterschiedliche Kategorien. Ein wichtiges Projekt im Bereich Spitzensport war sicher, dass wir mithelfen konnten, das zweite Südafrika-Trainingslager von 400-Meter-Hürdensprinter Kariem Hussein zu finanzieren. Dank 26 Unterstützern kamen über 2500 Franken zusammen. Der Rest ist bekannt, Hussein wurde in Zürich überraschend Europameister. Ebenso wichtig sind Projekte von noch unbekannten Nachwuchssportlern. So erläutert der zwölfjährige Eiskunstläufer Raphael Gerber in einem herzigen Video, dass er einen schwierigen Dreifachsprung einüben möchte und dafür 40 Lektionen nehmen muss. Er hat so über 4000 Franken aufgetrieben. Und dann gibt es die Projekte, die uns sprachlos machen. So haben 178 Unterstützer insgesamt über 100’000 Franken zu einem Projekt beigesteuert, das in Winterthur auf dem Sulzer Areal eine stehende Welle zum Surfen realisiert. Dazu kommen die vielen Vereine, die dank Crowdfunding-Projekten die Infrastruktur verbessern oder sich neue Trikots kaufen können.

Ist Ihre Plattform sozusagen die moderne Form des altbekannten Sponsorenlaufs?

Ja, das ist so. Der Vorteil ist, dass Sportler sich sehr persönlich und emotional präsentieren können mit Bildern und Videos. Und sie spüren direkt die Wertschätzung. Gerade für Einzelsportler ist das extrem wichtig, man durchläuft da viele Krisen und Zeiten des Zweifels. Da gibt es einen grossen Motivationsschub, wenn man sieht, dass Dutzende von Unterstützern an einen glauben und finanziell mithelfen.

«I believe in you» beschäftigt aktuell 11 Mitarbeiter. Wie verdienen Sie Geld mit der Plattform?

Die 11 Mitarbeiter teilen sich in rund 700 Stellenprozente. So sind beispielsweise ich und die Leichtathletin Ellen Sprunger, die bei uns für die Romandie zuständig ist, nur Teilzeit angestellt. Unser Team bietet den Athleten und Vereinen eine professionelle Projektberatung. Wenn ein Projekt erfolgreich ist, erheben wir eine Betreuungs- und Beratungsgebühr von 5 Prozent des gesammelten Betrags. Weitere 4 Prozent decken den Aufwand und die Gebühren für den Zahlungsprozess. Die Betriebskosten möchten wir ausserdem mit Sponsoren decken. Seit einem Jahr unterstützt uns Postfinance als Hauptpartnerin. Wir haben seit letztem Jahr einen Ableger in Österreich und möchten in weiteren Ländern Fuss fassen. Für mich stand allerdings nie im Vordergrund, mit «I believe in you» viel Geld zu verdienen. Ich bin sehr glücklich, dass aus der Idee dank grossem Einsatz ein Unternehmen geworden ist, das vielen Sportlern und Vereinen einen Schub gibt.

Gibt es manchmal Konflikte zwischen dem Sportler Fabian Kauter und dem Unternehmer?

Nein, bis zu den Olympischen Spielen in Rio hat der Sport eindeutig Priorität. Das kann ich dem Unternehmer Kauter gut erklären: Wenn ich in Rio mit dem Degen gut abschneide, profitiert auch «I believe in you» davon. Nach Rio ändern sich vielleicht die Prioritäten. Derzeit ist meine Hauptaufgabe, mehr Vereine dazu zu bringen, unser Angebot zu nutzen. Viele der über 20’000 Schweizer Sportvereine kennen die Plattform, kommen aber gar nicht auf die Idee, ein Projekt zu lancieren.

Angenommen, Sie könnten sich heute schon den Gewinn der Bronze-Medaille im Einzelwettkampf sichern: würden Sie unterschreiben?

Das ist eine gemeine Frage. Wenn ich mit Bronze nach Hause käme, wäre ich sehr stolz, von daher könnte ich das schlecht ausschlagen. Aber da kommt mir mein Sportlerherz in den Weg, das sagt: Eigentlich möchte ich mehr, eigentlich möchte ich um Gold kämpfen. Wir werden sehen. Als Unternehmer hatte ich jedenfalls grosses Glück. Es gibt so viele Start-ups, die scheitern, und wir können uns nach 2,5 Jahren schon bescheidene Löhne auszahlen. Das ist ähnlich viel wert wie eine Olympia-Medaille.

 

Kontakt und Information:

www.ibelieveinyou.ch oder mail@fabiankauter.ch

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