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«Wenn man wenig plant, bleibt mehr Zeit für Überraschungen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 28. November 2015

 

Pascal Häring, Zirkusartist mit Spezialität Roue Cyr. Foto: Simone Häring

Pascal Häring, Zirkusartist mit Spezialität Roue Cyr. Foto: Simone Häring

Pascal Häring kündigte im Alter von 31 Jahren seinen Manager-Job, um in Neuseeland eine Zirkusschule in Angriff zu nehmen. Down Under lernte er nicht nur, atemberaubende Kunststücke in einem Metallrad zu vollführen, sondern er gewöhnte sich auch die Schweizer Absicherungsmentalität ab. So weiss der 37-Jährige noch nicht, wie er im nächsten Jahr seinen Lebensunterhalt verdienen wird.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Häring, warum haben Sie mit 31 Jahren Ihren Managerjob aufgegeben und in Neuseeland eine Ausbildung zum Zirkusartisten in Angriff genommen?

PASCAL HÄRING: Ich fühlte mich nicht mehr in meinem Element bei dem, was ich tat. Zwar arbeitete ich in einem spannenden Unternehmen mit tollen Kollegen, aber mir wurde klar, dass ich eigentlich nicht der Business-Typ bin. Ich hatte mit viel Leidenschaft Physik studiert, bin später zum Projektmanager und Key Account Manager in einer Sensorik-Firma aufgestiegen und merkte dann zunehmend, dass ich in dieser Rolle nicht glücklich werde. Als auch noch meine Beziehung in die Brüche ging, dachte ich: «Jetzt hast du alle Freiheiten, das zu tun, was du wirklich willst.»

Zirkusartist ist eine ungewöhnliche Karriereoption für einen über 30-Jährigen.

Die Zirkuswelt hat mich schon als Kind magisch angezogen und ich habe früh gelernt zu jonglieren. Später meldete sich diese Leidenschaft zurück, ich wurde Trainer in einem Jugendzirkus, besuchte vor sechs Jahren für zwei Wochen eine Zirkusschule in Budapest – und wusste am Ende, dass ich mehr Zirkusluft atmen möchte. Zuhause begann ich sofort, im Internet nach Zirkusschulen zu suchen. Ich hatte grosse Lust, das gewohnte Umfeld zu verlassen und etwas Neues in Angriff zu nehmen.

Hatten Sie keine Bedenken, Lohn und Sicherheit einfach aufzugeben?

Es kam mir entgegen, dass ich im August zu spät dran war für Zirkusschulen in Europa. So rückten Anbieter in Neuseeland und Australien in den Fokus, was mir erlaubte, die Sache als Sprachaufenthalt zu deklarieren. Ich konnte mir sagen: «Wenns misslingt, hast du wenigstens ein Jahr lang dein Englisch verbessert.» Aber eigentlich brauchte ich keine Absicherung. Die Energie und Freude, mit der ich in kürzester Zeit eine eigene Nummer entwickelte, war mir Bestätigung genug, dass das der richtige Weg war. Ich nahm einfach einen Schritt nach dem anderen. Es war ein spannendes Projekt, die Nummer einzustudieren und zu filmen und das Dokument als Bewerbung nach Christchurch in Neuseeland zu senden. Erst als von dort die Zusage kam, erschrak ich und begriff allmählich, was das für Konsequenzen hatte.

Sie kündigten ohne Bedenken Ihren Job?

Ja. Ich weilte damals in einer Skilehrer-Weiterbildung in Zermatt, vereinbarte von dort aus einen Termin mit meinem Chef und reichte die Kündigung ein. Dann löste ich meine Wohnung auf, stellte die Möbel bei meinen Eltern ein und suchte ein Zimmer in Christchurch. Hilfreich war, dass ich meine Lebenskosten immer tief gehalten hatte und nur für mich verantwortlich war. Zudem unterstützte mich mein engstes Umfeld. Meine Mutter beispielsweise fand nach anfänglichen Bedenken, ich würde es ein Leben lang bereuen, wenn ich den Schritt jetzt nicht wagen würde.

Wie haben Sie den Alltag in der Zirkusschule erlebt?

Ich habe erfahren, wie viel man leisten kann, wenn man wirklich am richtigen Ort ist. Schon nach wenigen Tagen stand es für mich ausser Frage, ob ich das Richtige getan hatte. Ich fühlte mich wie in einer grossen Familie. Vermutlich hat in der Schule niemand härter und länger gearbeitet als ich, denn ich wusste, dass ich als älteres Semester Gas geben muss, wenn aus der Zirkuskarriere noch etwas werden soll. Erst mit ein wenig Distanz wurde mir klar, wie unzufrieden ich in der Schweiz gewesen war. Man erkennt das an simplen Dingen. Wenn du dich jeden Morgen aus dem Bett quälst und widerwillig den Tag in Angriff nimmst, ist es höchste Zeit, etwas zu ändern. In Christchurch konnte ich es jeweils gar nicht erwarten, wieder in die Schule zu gehen und Neues zu lernen.

Dann wurde die Gegend im September 2010 und im Februar 2011 von heftigen Erdbeben erschüttert.

Ja, das war sehr unheimlich. Beim ersten Beben kam wie durch ein Wunder niemand ums Leben. Als sich die Bevölkerung wieder aufgerappelt hatte und auch die Zirkusschule wieder funktionierte, traf uns das zweite starke Beben umso heftiger. Die ganze Innenstadt wurde zerstört, es gab 180 Tote und die Zirkusschule musste schliessen. Meine Akrobatikpartnerin hörte auf, so dass ich fortan ganz auf mich gestellt war. Schliesslich erhielten wir die Möglichkeit, die Ausbildung in Australien abzuschliessen. Die Zirkusschule in Melbourne verfügte über eine fantastische Infrastruktur, das Niveau war hoch, aber die Atmosphäre katastrophal. Prestige schien hier wichtiger zu sein als Kreativität. Aber das tangierte mich nur am Rande. Ich war damals schon mit der Erarbeitung meines eigenen Programms beschäftigt und hatte mein Alleinstellungsmerkmal entdeckt.

Wie sind Sie mit dem Roue Cyr, diesem grossen Metallreifen, in Kontakt gekommen?

Ein halbes Jahr vor meiner Abreise nach down under hatte ich die Künstlerin Valérie Inertie mit ihrer Roue-Cyr-Nummer gesehen. Diese fliessenden, sanften Bewegungen gefielen mir. In der Zirkusschule sah ich eines Tages ein altes Rad in einer Ecke liegen. Ich begann, damit zu experimentieren, und obwohl das Rad in schlechtem Zustand war, fühlte ich mich sehr wohl damit. Leider gab es an meiner Schule keinen spezialisierten Trainer dafür. Ich machte einen Profi in Los Angeles ausfindig und wurde von ihm mittels Videocoaching ausgebildet. Wir haben uns nie von Angesicht zu Angesicht gesehen, aber ich verdanke ihm viel.

Was ist die besondere Herausforderung bei der Arbeit mit dem Roue Cyr?

Das Gerät ist wie ein grösserer Hula-Hoop-Reifen, aus Metall statt aus Plastik. Sein Durchmesser übertrifft meine

Nichts für Anfänger: Pascal Häring mit dem Roue Cyr. Foto: Simone Häring.

Nichts für Anfänger: Pascal Häring mit dem Roue Cyr. Foto: Simone Häring.

Körpergrösse ein wenig, so dass ich mich reinstellen und mit Füssen und Händen festhalten kann. Gesteuert wird das Ganze allein durch die Verlagerung des Schwerpunkts. Das Rad bewegt sich dann auf und ab, ähnlich einer Münze, die man auf dem Tisch drehen lässt. Reizvoll finde ich daran, dass man mit einer denkbar einfachen Form, einem Kreis, sehr unterschiedliche Dinge machen kann. Es sind fast schon meditative Bewegungen, die eine leicht hypnotisierende Wirkung haben. Der erste Schritt zum Erlernen der Grundtechnik ist schwierig und dauert lange, danach ist es ein kontinuierlicher Aufbau. Mir kam dabei entgegen, dass ich als Skilehrer und passionierter Skifahrer ein gutes Gefühl für Körperbalance entwickelt hatte.

Wie sieht der Stellenmarkt für einen Roue-Cyr-Artisten aus?

Zunächst konnte ich nach Abschluss der Schule mit einem kleinen Zirkus in Neuseeland auf Tournee. Dann kehrte ich in die Schweiz zurück und verschickte viele Blindbewerbungen. Ich war sechs Wochen lang Teil der Show «Swiss Christmas» in Zürich, trat mit einer Variété-Truppe in Deutschland auf. Danach war es ein Auf und Ab. Es gab Phasen mit wenig Auftritten, aber auch sehr intensive Zeiten. Nun war ich fast ein Jahr lang mit dem Musical Barnum in England auf Tournee mit 8 Shows pro Woche. Da hatte ich einen festen Lohn inklusive Pensionskassenbeiträgen, was für unsere Branche eher ungewöhnlich ist.

Wie sieht Ihr Programm für 2016 aus?

Im Moment gibt es da noch fast keine Fixpunkte. Früher hätte mich das nervös gemacht, aber seit meiner Zeit in Neuseeland bin ich wesentlich gelassener. Wir Schweizer haben ja die Tendenz, uns gegen alles Mögliche zu versichern. In Neuseeland leben die Menschen mehr im Moment – das zeigt sich auch daran, dass Löhne und Mieten wöchentlich bezahlt werden. Ich bin im Moment sehr entspannt. Wenn man nicht alles verplant hat, bleibt mehr Raum für schöne Überraschungen und spontane Projekte. Dass ich dabei weniger verdiene als früher, stört mich nicht. Ich bin die meisten Zeit mit Menschen zusammen, die ebenfalls wenig Geld haben, da fällt das gar nicht gross auf. So lebe ich nicht in einer eigenen Wohnung, sondern in einer Wohngemeinschaft in Bristol, der Zirkushauptstadt Englands. Und ich geniesse die Freiheit, die mein Lebensstil mit sich bringt.

Haben Sie gar keine Ziele oder Träume?

Doch, ich wäre gerne Teil einer modernen Zirkuskompanie, die nicht einfach einzelne Nummern zum Besten gibt, sondern ein richtiges Programm mit Kunst, Tanz und Akrobatik anbietet. Manchmal träume ich davon, einen solchen Zirkus zu gründen und zu führen, an anderen Tagen sage ich mir, es wäre wesentlich einfacher, in einer bestehenden Organisation mitzumachen. Der Zirkus Monti beispielsweise beeindruckt mich in dieser Hinsicht, er bietet eine gute Mischung aus traditionellem und zeitgemässem Zirkus. Ich bin neugierig, welche Türen sich noch öffnen werden für mich. Als nächstes steht nun erst einmal ein TV-Auftritt in der Sendung «Die grössten Schweizer Talente» vor der Tür.

Kontakt und Information:

mail@pascalhaering.com oder www.pascalhaering.com

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