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«Die Kunst verhilft uns zu einem klareren Blick auf uns selber»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 14. November 2015
Christine Kranz, Unternehmensberaterin mit hoher Kunstaffinität. Foto: Philipp Derganz.

Christine Kranz, Unternehmensberaterin mit hoher Kunstaffinität. Foto: Philipp Derganz.

«Führungskräfte tun sich oft schwer damit, ihre Verhaltensmuster zu erkennen und zu hinterfragen», weiss Christine Kranz. Die international erfolgreiche Beraterin hat eine ganz eigene Methode entwickelt, um dies zu ändern. Sie nutzt Kunstwerke, um den auf Tempo und Effizienz getrimmten Managern einen Spiegel vorzuhalten. Ursprünglich hatte sie allerdings ganz andere Pläne.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Kranz, wie kamen Sie auf die Idee, bei der Management-Beratung Kunstwerke einzusetzen?

CHRISTINE KRANZ: Während des Studiums am C. G. Jung-Institut in Küsnacht hatte ich eines Tages die Idee: Ich möchte die Kunst in die Unternehmen bringen und so Selbstreflexion ermöglichen und die Wahrnehmung schulen. Führungskräfte tun sich oft schwer damit, ihre Verhaltensmuster zu erkennen und zu hinterfragen. Die Arbeit mit Symbolen und Archetypen fällt ihnen wesentlich leichter. Wenn wir ein Bild betrachten, geht es in einem ersten Schritt um die Frage, was dieses beim Betrachter auslöst. Auf dieser Basis können wir leichter darüber reden, was das Verhalten der Führungskraft bei Mitarbeitern und Kunden auslöst und ob das in ihrem Sinne ist.

Können Sie das konkretisieren?

Worin erkenne ich mich wieder? Rembrandts Portraits helfen bei der Selbstverortung.

Worin erkenne ich mich wieder? Rembrandts Portraits helfen bei der Selbstverortung.

Ich habe beispielsweise den Auftrag erhalten, die oberste Geschäftsleitung eines internationalen Konzerns zu schulen. Das Ziel war, die Persönlichkeit und Wahrnehmung dieser Manager zu stärken, die zwar alles über ihre Fachgebiete wussten, aber wenig über ihre eigenen Ressourcen und ihren Führungsstil. Anhand von vier Rembrandt-Portraits haben wir uns mit den archetypischen Figuren Jüngling, Macher, Patriarch und Mentor auseinandergesetzt. Jede Führungskraft lebt diese vier Rollen in unterschiedlichem Ausmass. Werden zwei oder sogar drei Rollen vernachlässigt, liegt viel Potenzial brach. Je nach Kontext ist für die Bewältigung der aktuellen Herausforderungen die eine Rolle wichtiger als die andere. Wer die Kreativität und Offenheit der Jugend nicht fördert, verbaut sich unter Umständen den Weg zu Innovationen, wer nur Patriarch und nie Mentor ist, hält die Leute in seinem Umfeld klein. Die Kunst ist da ein wunderbarer Spiegel. Sie verhilft zu einem klareren Blick auf uns selber und auf unsere Umgebung.

Wenn ich Ihre beeindruckende Kundenliste anschaue, frage ich mich: Verändert sich in diesen grossen Konzernen wirklich etwas, wenn einzelne Manager bei Ihnen Kunst betrachten?

Der Einwand ist berechtigt. Viele Manager stehen unter enormem Druck, sie müssen alles den Quartalszahlen und dem Aktienkurs unterordnen. Sie geben den Druck an ihre Mitarbeiter weiter, alles muss schnell, effizient und unmittelbar erfolgreich sein. So funktioniert unsere Wirtschaft noch in weiten Teilen und mir ist klar, dass sich diese Kultur nicht von heute auf morgen ändern lässt. Ich erlebe aber immer wieder, wie dankbar einzelne Führungskräfte sind für die Möglichkeit, innezuhalten, ihren Horizont zu erweitern und mehr Klarheit zu gewinnen. Ihr persönlicher Lernprozess führt dazu, dass sich die Kultur in ihrer Abteilung verändert. Vielleicht ist das zunächst nur ein Biotop in einer grossen Unternehmung, aber mit der Zeit zieht das immer weitere Kreise.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Managern auf Ihre Arbeit?

Ein Topmanager, der so viel unterwegs ist, dass er vermutlich jeden Monat einmal um den Planeten fliegt, sagte mir kürzlich, er fühle sich dank der Selbstreflexion mit Hilfe von Kunstwerken viel zentrierter. Zusätzlich falle es ihm leichter, seine Bedürfnisse wahrzunehmen, offen auf andere zuzugehen und zu delegieren. Das sind wertvolle Rückmeldungen. Wenn Manager sich auf diese Weise wichtig nehmen, ins Zentrum stellen dürfen, schaffen sie eine gesunde Grundlage für dauerhafte Spitzenleistungen. Sonst erleben wir ja oft, dass Führungskräfte ihre eigene Angst oder Unsicherheit mit Geltungsdrang, Statussymbolen und Lohnexzessen kompensieren und sich grenzenlos verausgaben ohne viel Gefühl für sich selber oder andere.

Wie haben Sie ein Gefühl dafür entwickelt, was Sie beruflich bewegen wollen?

Als viertgeborenes Kind einer Unternehmerfamilie fasste ich bereits mit elf Jahren den Entschluss, die elterliche Firma zu übernehmen. Also wurde ich Zahntechnikerin, trat ins Unternehmen meiner Eltern ein und leitete bald eine eigene Abteilung. Mit 26 Jahren wurde mir bewusst: Ich kann das zwar und hielt es bisher für meinen Auftrag, aber eigentlich entspricht es mir nicht. Ich verspürte den Drang, diese begrenzte technische Welt im Fürstentum Liechtenstein hinter mir zu lassen und mit Menschen zu arbeiten.

Wie reagierten Ihre Eltern?

Die haben mich nie gebremst, sondern gefördert. Es waren meine eigenen Denkmuster und Glaubenssätze, die mich zunächst davon abhielten, etwas Neues, Eigenes zu wagen. Man setzt sich die Grenzen meistens selbst, limitiert sich aufgrund unangenehmer Erfahrungen oder übernommener Überzeugungen. Oder wir glauben, Erwartungen erfüllen zu müssen, um Anerkennung zu gewinnen, geliebt zu werden. So halten wir uns selber klein und verbieten uns vieles. Ich habe mir mit der Zeit angewöhnt, immer genau das zu tun, vor dem ich am meisten Angst habe. Dort sind die Wachstumschancen am grössten. Wer immer den bequemeren Weg geht, riskiert zu stagnieren. Ich habe mir früh vorgenommen, meine Gefühle ernst zu nehmen, so zu leben, dass ich am Ende nicht dasitze und bereuen muss, meine Chancen nicht genutzt und meinen Beitrag nicht geleistet zu haben.

Eigentlich müssten Sie bereits mit Jugendlichen ins Museum statt mit Managern im gesetzten Alter zu arbeiten.

Ich bin dankbar, dass meine Symbolon-Methode seit Anfang an auch an Hochschulen zum Einsatz kommt. Wir haben heute tatsächlich wenige Instrumente, um die innere Welt zu erkunden und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was durch uns in die Welt kommen soll. Die meisten Studien und Ausbildungslehrgänge setzen einseitig auf Wissensvermittlung, der individuelle Weg im Spannungsfeld zwischen bekanntem Alltag und unbekanntem Abenteuer bleibt ausgeklammert. Dabei sind das elementare Themen, die Heldenreise oder – wie Jung es nannte – die Individuation.

Und was ist aus dem Zahntechnik-Unternehmen Ihrer Eltern geworden?

Das wurde erst verpachtet und später verkauft. Oft halten Unternehmer verzweifelt an ihrer Firma fest, statt sie rechtzeitig in andere Hände zu übergeben oder sich sogar zu erlauben, sie zu schliessen. Andere klammern sich an einen Job, weil sie das Unbekannte fürchten oder glauben, ohne den gewohnten Lohn und den hohen Lebensstandard gehe die Welt unter. Oft erzeugt Wohlstand Unbeweglichkeit, Wesentliches geht verloren. Für mich ist klar: Wenn etwas zu einer Last wird, ist es an der Zeit, sich zu befreien. Das Leben unterliegt einem ständigen Wandel und hält so viele Möglichkeiten für uns bereit. Dass ich heute zahlreiche Topmanager beraten und Fachkräfte ausbilden darf, verdanke ich keinem Uniabschluss oder MBA – ich habe nicht einmal die Matura. Aber ich habe mich kontinuierlich weitergebildet und bin immer wieder Risiken eingegangen, um meine Träume zu realisieren. Das hat sich ausbezahlt, denn ich kann heute an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Psychologie und Kunst aus dem Vollen schöpfen.

Kontakt und Information:

christine.kranz@symbolon.com oder www.symbolon.com

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