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Zwischen Mars-Mission und irdischen Ambitionen

Mathias Morgenthaler am Samstag den 7. November 2015
Andreas Riedo, Physiker und Geschäftsführer der Ionight AG. Bild: Adrian Moser

Andreas Riedo, Physiker und Geschäftsführer der Ionight AG. Bild: Adrian Moser

Andreas Riedo hat am physikalischen Institut der Universität Bern ein Instrument für Mond- und Mars-Missionen entwickelt. Nun will er die Weltraumtechnologie als Unternehmer auf der Erde vermarkten. Der Spagat zwischen Forschung und dem Aufbau der Firma Ionight AG ist anspruchsvoll. «Ich bin in so vielen unterschiedlichen Rollen tätig, dass die Überforderung nie weit ist», gibt der Physiker zu und ergänzt: « Ich sehe diese Startup-Zeit deshalb als grosse Entwicklungschance, beruflich und persönlich.»

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Riedo, Sie betreiben als Wissenschaftler Weltraumforschung und Planetologie und führen gleichzeitig die irdische Firma Ionight mit vier Mitarbeitern. Wie passt das zusammen?

Vieles, was nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken ist, wurde ursprünglich für die Weltraumforschung entwickelt. In meinem Fall war es so, dass das Physikalische Institut der Universität Bern bereits 2003 von der Europäischen Weltraumbehörde ESA den Auftrag erhielt, für eine Merkur-Mission ein Instrument zu entwickeln, das die chemische Beschaffenheit von solidem Gestein genau analysieren kann.

Und nun vermarkten Sie auf der Erde, was sich auf dem Merkur bewährt hat?

Moment, so schnell ticken die Uhren nicht in der Weltraumforschung. Die Merkur-Mission BepiColombo, ein Kooperationsprojekt der ESA mit der japanischen Raumfahrtbehörde JAXA, wurde mehrfach verschoben, aktuell ist der Start für 2017 geplant. Das Instrument, das an der Uni Bern entwickelt werden sollte, wurde aus Budgetgründen schon früh gestrichen. Als ich 2010 im Rahmen meiner Doktorarbeit zum Forschungsteam stiess, befasste ich mich mit der Weiterentwicklung des Ionen-Spektrometers zur Oberflächenanalyse. In der Folge wurden wir für eine russische Mond-Mission ausgewählt, die Anhaltspunkte darüber liefern soll, wie alt unser Mond ist. Dahinter liegt die viel umfassendere Grundfrage, wie unser Sonnensystem entstanden ist. Weiter sind wir im Gespräch mit unseren chinesischen Kollegen hinsichtlich einer Mars-Expedition.

Welche Erkenntnisse soll sie bringen?

Da geht es unter anderem um die Frage, ob auf der Mars-Oberfläche Rückstände gefunden werden, die auf momentanes oder früheres Leben schliessen lassen. Das wäre natürlich grandios, wenn wir mithelfen könnten, den Beweis zu erbringen für die Bewohnbarkeit dieses Planeten.

Wie kamen Sie auf die Idee, mit Forschungskollegen eine Firma zu gründen?

Der Auslöser war mein erster Vortrag als Doktorand auf einer Konferenz in Florida. Ich war im Vorfeld extrem nervös, es war meine erste USA-Reise auf eigene Faust, im Publikum sassen Experten aus Wissenschaft, Industrie, Militär. Die erste Publikumsfrage nach meinem Referat war: «Kann man das, was Sie hier für die Weltraumfahrt entwickeln, auch kommerziell auf der Erde nutzen?» Ich hatte bis dahin keinen Gedanken daran verschwendet, aber als wir im Team darüber sprachen, kamen wir zum Schluss: «Warum eigentlich nicht?»

Wie war die Umstellung von Wissenschaft zu Startup-Unternehmertum?

Wir hatten zu Beginn keine Ahnung von Business. Als Forscher freuten wir uns über die Resonanz in akademischen Kreisen. Wenn du auf der Frontseite angesehener Wissenschaftlicher Magazine erscheinst, ist das eine schöne Bestätigung für die unzähligen Stunden im Labor. Aber wir hatten keinerlei Business­indikatoren. Am Startup-Weekend der Uni Bern testeten wir das erste Mal unsere Business-Idee und erhielten eine Auszeichnung. Das motivierte uns, einen Businessplan zu erarbeiten und uns um den Axa Innovation Award zu bewerben.

Wie leicht fällt es Physikern, einen Businessplan zu schreiben?

Wir wären wahrscheinlich heute noch dran, wenn wir uns nicht gezielt verstärkt hätten. Eine Wirtschaftsprüferin und ein Projektmanager brachten viel Knowhow ein. Am Ende gewannen wir den ersten Preis, welcher mit 50 000 Franken dotiert war.

Wie funktioniert das von Ihnen entwickelte Instrument?

Andreas Riedo prüft die Laseroptik. Bild: Adrian Moser

Andreas Riedo prüft die Laseroptik. Bild: Adrian Moser

Es geht grob vereinfacht gesagt darum, dass ein Laserpuls einen sehr kleinen Punkt von der Oberfläche eines festen Materials wegschiesst, etwa von einem Gestein oder Edelmetall. Das Material wird dadurch verdampft und gleichzeitig ionisiert, es entsteht also eine Art kleine geladene Staubwolke, von welcher dann der chemische Fingerprint, also die chemische Zusammensetzung bestimmt werden kann. Diese Massenspektrometrie-Technologie ist nicht neu, die grosse Herausforderung bestand darin, ein kleines, aber hoch leistungsfähiges Gerät zu entwickeln. Wir haben im Labor des Instituts so etwas wie den Rolls Royce der Massenspektrometer in diesem Gebiet, mit der Firma Ionight entwickeln wir nun ein kleines, portables Gerät für irdische Anwendungen. So können zum Beispiel Geologen, Wissenschaftler, Industrien oder Regierungen vor Ort Analysen machen statt Proben ins Labor schicken zu müssen.

An welche Anwendungsfelder denken Sie?

Das Instrument ist für verschiedenste Anwendungsbereiche geeignet. Unter anderem kann es in der Halbleiter- und Microchiptechnologie eingesetzt werden, um Herstellungsprozesse besser zu verstehen und zu verbessern, oder es wird für das 3D-Screening von Industriematerialien eingesetzt.

Welches Marktpotenzial sehen Sie dafür?

Der Markt für die Labor-Massenspektrometrie dürfte einige 100 Millionen Franken gross sein, der für den mobilen Einsatz der kleineren Geräte ist momentan noch deutlich kleiner, vielleicht einige 10 Millionen, aber er wächst sehr schnell. Entscheidend wird sein, wie schnell wir das Gerät weiterentwickeln und verschiedene, auf einzelne Anwendungsbereiche zugeschnittene Produkte anbieten können. Um da rasch voranzukommen, haben wir eine Firma gegründet, beziehen nun ein eigenes Labor in Gümligen und stehen in der ersten Finanzierungsrunde. Den ersten Kunden aus der Edelstahlindustrie gewannen wir schon Ende 2014, er hat uns soeben einen Folgeauftrag erteilt. Um unsere Produkte zu lancieren, besuche ich derzeit viele potenzielle Kunden rund um die Welt.

Sie haben ein 50-Prozent-Pensum an der Uni und sind gleichzeitig Chef eines Startups. Wie schaffen Sie das nebeneinander?

Es braucht viel Energie und eine grosse Portion Mut. Ich bin in so vielen unterschiedlichen Rollen tätig, dass die Überforderung nie weit ist. Manchmal erwache ich mitten in der Nacht mit dem Gedanken im Hinterkopf, eine Deadline zu verpassen. Ein solches Startup ist wie eine junge Pflanze, die man pausenlos giessen muss. Da unsere Kunden in verschiedenen Zeitzonen tätig sind, ist es unmöglich, sich auf 42 Stunden pro Woche zu beschränken. Kürzlich bezog ich meine ersten 10 Tage Ferien in diesem Jahr. Weil gleichzeitig diese Finanzierungsrunde läuft, war ich viel zu oft am Telefon. Zum Glück liess sich auf der Dominikanischen Republik keine stabile Internetverbindung aufbauen. So wurde ich gezwungen, vieles zu delegieren.

Warum tun Sie sich den Stress mit der Doppelbelastung und die 60-Stunden-Wochen an?

Es klingt vielleicht seltsam, aber es war ein unglaublich schönes Gefühl, die erste eigene Rechnung zu verschicken. Man wird sich dann bewusst, dass sich all die Anstrengungen ausbezahlt haben. Aber selbst das geschah unter Hochdruck, am 31. Dezember ging die Rechnung raus und mit ihr ein 14-seitiger Analysebericht für den Kunden. Schön und schwierig zugleich ist, dass man alles zum ersten Mal macht. Jeder Tag bringt Neues, als Technologie-Freak lerne ich täglich enorm viel über Wirtschaft, Recht, Kommunikation, Führung. Als Forscher musste ich mich bis jetzt um all diese Aspekte wenig kümmern, da kann man sich im Labor verkriechen. Ich sehe diese Startup-Zeit deshalb als grosse Entwicklungschance, beruflich und persönlich.

Und wann wollen Sie die Firma verkaufen?

Momentan ist das kein Thema. In erster Linie wollen wir jetzt ein stabiles Unternehmen auf die Beine bringen, das genug Umsatz generiert, dass wir einem Team sichere Löhne zahlen können. Mir ist das wichtig. Ich habe als Akademiker für meine Ausbildung viel Vorschuss von den Steuerzahlern bekommen, nun kann ich als Unternehmer etwas zurückgeben.

Kontakt:

www.ionight.com

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