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«Fotografieren ist für mich Ausdruck einer Haltung»

beruf am Samstag den 10. Oktober 2015
Manuel Bauer begleitete den Dalai Lama während vier Jahren als persönlicher Fotograf.

Manuel Bauer begleitete den Dalai Lama während vier Jahren als persönlicher Fotograf.

Sein Handwerk lernte Manuel Bauer in der Werbefotografie, aber heimisch wurde er in dieser Arbeit nie. Bald zog es ihn in die Welt hinaus, erst nach Indien, dann zum Dalai Lama, den er später vier Jahre lang als «Hoffotograf» begleitete. «Wer sich auf die Suche nach seinen Begabungen macht, muss einige Umwege in Kauf nehmen», bilanziert Bauer im ersten Teil des Interviews.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Bauer, Sie sind dank Ihren Arbeiten über den Dalai Lama ein international bekannter Fotograf geworden. Wann hat sich Ihre Leidenschaft für die Fotografie erstmals gezeigt?

MANUEL BAUER: Ich war ein Spätzünder. Als Jugendlicher interessierte ich mich überhaupt nicht für Fotografie. Aber die Haltung meines Vaters beeindruckte mich. Er leistete sich als Künstler und Grafiker den Luxus, seine Kunden nach ethischen Kriterien auszuwählen. Manchmal erzählte er am Mittagstisch, welch lukrativen Auftrag er abgelehnt hatte, weil der potenzielle Kunde nicht mit seinem Wertekompass übereinstimmte. Für gemeinnützige Organisationen arbeitete er hingegen zu einem viel günstigeren Tarif. Ich nahm mir meinen Vater zum Vorbild und entschloss mich, eine Arbeitsform zu wählen, in der ich ebenso frei war. Weil ich kein guter Zeichner war, dachte ich: dann halt Fotografie.

Wie haben Sie ohne Leistungsausweis Fuss gefasst in diesem Berufsfeld?

Der Arbeitsmarkt war knallhart, es gab kaum Lehrstellen. Die Kunstgewerbeschule lag für mich ausser Reichweite, also bemühte ich mich um einen praktischen Berufseinstieg und fand dank dem Netzwerk meines Vaters eine Lehrstelle. An der Aufnahmeprüfung fotografierte ich zum ersten Mal. Danach war die Lernkurve entsprechend steil. Ich lernte mein Handwerk in der Werbefotografie, hatte einen Chef, der mich sehr forderte und mir früh beibrachte, dass es viel harte Arbeit brauchte für ein gutes Resultat. Mit der Zeit hatte ich meinen Job im Griff, aber ich merkte auch, dass ich nicht wirklich gut darin war, irgendwelche Seidenfoulards oder Uhren ins beste Licht zu rücken. Es war mir auch nie ganz wohl dabei; ein wenig fühlte ich mich stets als Betrüger, und oft ging ich abends mit Kollegen auf die Strasse und verteilte Flugblätter, die zum Konsumverzicht und zu mehr sozialer Verantwortung aufriefen. Das passte nicht wirklich zu meinem Brotjob.

Wie haben Sie sich aus dem Spagat befreit?

Ich könnte jetzt sagen, ich hätte mich bewusst entschieden, etwas Sinnvolleres zu tun mit meiner Arbeitszeit. Aber oft kann man die Dinge erst rückblickend schlüssig erklären, im Moment handelt man intuitiv und ohne klare Ziele. Ich habe jedenfalls vieles aus dem Bauch heraus entschieden, dieses gemacht und etwas anderes aufgegeben. Und viele Türen haben andere für mich aufgestossen. So war es mein erster Chef, der Werber, der mich in der Schwarzweiss-Reportage förderte. Bald kam ein erster Auftrag – ich durfte einen Strassenwischer in seinem Alltag für eine Ausstellung fotografieren. Wenig später ergab sich ein erstes Mal die Gelegenheit, einen Journalisten auf einer Indienreise zu begleiten. So rutschte ich in ein neues Feld und merkte, wie wohl ich mich bei dieser Arbeitsweise fühlte, mit welch interessanten Menschen ich zusammenkam und wie mein Umfeld mir besondere Begabungen zuschrieb.

Es wäre vermutlich einfacher gewesen, in der Werbefotografie den Lebensunterhalt zu verdienen.

Wer sich auf die Suche nach seinen Begabungen macht, muss einige Umwege in Kauf nehmen. Ich erhielt tatsächlich in jungen Jahren ein verlockendes Angebot, hätte als Assistent eines bekannten Modefotografen in Paris arbeiten können. Vielleicht hätte ich diesen Job sogar gut gemacht, aber es wäre mir nicht wirklich wichtig gewesen, ich hätte mich nicht mit Haut und Haar eingebracht in dieser Arbeit. Und ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich über Status und Besitz freuen können, wenn sie einen Drittel der Lebenszeit für etwas opfern, das ihnen weder wichtig ist noch sinnvoll erscheint.

Was war Ihnen wichtig in dieser Zeit?

Ich wollte mit meiner Arbeit auf Missstände und Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, wollte das Verständnis zwischen den Völkern verbessern. Fotografieren ist für mich nicht einfach ein Handwerk, sondern Ausdruck einer Haltung. Ich sehe mich in der Tradition des engagierten Fotojournalismus, der von einer Sache betroffen ist und etwas verändern will. Die erste Reportagereise nach Indien, die ich teilweise aus dem eigenen Sack finanzierte, hatte das Ziel, den Tamilen, die als Flüchtlinge und Arbeitskräfte in die Schweiz kamen, ein Gesicht und eine Geschichte zu geben. Wenn das Informationsdefizit zu gross ist, entstehen Vorurteile, Angst und Ablehnung. 1990 besuchte ich dann die tibetische Diaspora und begegnete erstmals dem Dalai Lama – ein Schlüsselmoment für mein weiteres Leben.

Nach der Jahrtausendwende konnten Sie den Dalai Lama während vier Jahren begleiten und hatten in dieser Zeit den Status eines Hoffotografen. War das der Lohn für viele Jahre der Entbehrungen und der Unsicherheit?

Es war ohne Zweifel eine sehr aufregende Zeit, von der ich menschlich enorm profitiert habe. Aber wenn Sie den Lohn ansprechen: Vom finanziellen Gesichtspunkt her war das Dalai-Lama-Projekt ein Verlustgeschäft und nur dank grosszügiger Unterstützung der Volkart Stiftung möglich. Ich habe an den verkauften Büchern keinen Rappen verdient, habe alles in die Qualität des Projekts investiert und etwa die Hälfte der Zeit unbezahlt gearbeitet. Es gibt auch in mir die eine Stimme, die fragt, ob es nach all den Jahren nicht möglich wäre, ohne permanentes Strampeln über die Runden zu kommen. Dann antwortet aber eine andere Stimme, die glücklicherweise viel lauter ist: «Was willst du eigentlich? Du lebst genau das Leben, das du dir immer gewünscht hast, und kannst es nach deinen Vorstellungen gestalten. Viele der Menschen, die du fotografierst, wissen nicht, ob sie am Abend eine Hand voll Reis heimbringen und satt werden. Also nutze deine Gestaltungsfreiheit, um etwas Sinnvolles zu tun.» Ich kann mich wirklich nicht beklagen. Wenn ich morgen sterben sollte, wäre es ok, ich habe meinen Beitrag geleistet.

Kontakt und Information:
www.manuelbauer.ch

Vortragstournée ab 23. November: www.explora.ch/programm/himalaya_dalai_lama

Teil 2 des Interviews erscheint in einer Woche an dieser Stelle.

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