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Nun haben auch Investoren Hunger auf tibits

Mathias Morgenthaler am Samstag den 8. August 2015
Die drei Tibits-Gründer Reto Frei, Daniel Frei und Christian Frei (v.l.n.r.). Foto: Amanda Nikolic.

Die drei Tibits-Gründer Reto Frei, Daniel Frei und Christian Frei (v.l.n.r.). Foto: Amanda Nikolic.

Vor 15 Jahren haben die Gebrüder Frei mit der Familie Hiltl das Gastronomie-Unternehmen «tibits» gegründet. Damals galt Vegetarismus als Verhaltensauffälligkeit, heute essen in den sieben tibits-Restaurants in der Schweiz und in London jeden Tag 7000 Gäste. Höchste Zeit für ein Gespräch mit einer Unternehmerfamilie, die nicht nur beim Essen auf Nachhaltigkeit achtet.

Mathias Morgenthaler

Wenn Daniel Frei im tibits-Restaurant an der Berner Gurtengasse sitzt und einen Ingwer-Zitronen-Punch trinkt, sieht er aus wie der typische tibits-Gast: Hornbrille, Freitag-Tasche und Dreitagebart. Doch Frei ist der Chef hier, Ökonom, Absolvent der Universität St. Gallen und Geschäftsführer der Firma tibits, in deren sieben vegetarischen Restaurants in der Schweiz und in London täglich rund 7000 Gäste ein- und ausgehen.

An der HSG wurde Frei belächelt

Frei weiss, dass er nicht wie ein typischer HSG-Absolvent wirkt. Er sei immer ein wenig belächelt worden von seinen Mitstudenten, sagt der 46-Jährige: «Wegen der philosophischen Ader und der sozialen Einstellung». Wer weiss, welchen Weg er beruflich eingeschlagen hätte, wenn nicht 1998 der Vorschlag seines fünf Jahre jüngeren Bruders Reto gekommen wäre, gemeinsam mit dem sechs Jahre älteren Bruder Christian bei «venture», dem neuen Businessplan-Wettbewerb von McKinsey und der ETH Zürich, teilzunehmen. Das Thema lag für die drei auf der Hand: Sie alle waren Vegetarier, alle hatten sie es satt, im Restaurant vom Servicepersonal mitleidig angeschaut zu werden und im besten Fall die Menubeilagen ohne Fleisch vorgesetzt zu bekommen.

Die Gebrüder Frei erhielten zwei Auszeichnungen für ihren Businessplan und konnten den erfahrenen Gastronomie-Unternehmer Rolf Hiltl für das Projekt gewinnen. Mit privaten Darlehen trieben sie eine Viertelmillion Franken auf, um gemeinsam mit Hiltl die Firma tibits zu gründen, Testessen durchzuführen, ein Lokal in Zürich zu mieten und Personal anzustellen. Im Dezember 2000, zwei Jahre nach dem Businessplan-Wettbewerb, eröffneten sie ihr erstes Fast-Food-Restaurant mit 20 Angestellten im Zürcher Seefeld. Der Andrang in den ersten Tagen war so gross, dass vier Wochen später schon 40 Angestellte mitwirkten.

350 Angestellte aus 43 Nationen

Knapp 15 Jahre später arbeiten 350 Angestellte aus 43 Nationen in den tibits-Restaurants in Zürich und Bern (je zwei Filialen), Winterthur, Basel und London. Im Oktober 2015 wird tibits ein Restaurant im Bahnhof Luzern eröffnen. Viel kann da nicht schief gehen, wie der Betrieb eines Provisoriums im früheren Bahnhofsrestaurant zwischen Juni und Dezember 2014 gezeigt hat. Ein neunter Standort wird Ende 2017 in St. Gallen eröffnet. Die Speisen werden in allen Restaurants frisch vor Ort gekocht.

Läuft das Geschäft inzwischen fast von alleine? Daniel Frei lacht. Er hört diese Frage oft – auch von Freunden. «Es gibt nichts Gefährlicheres für einen Unternehmer als das Gefühl, es geschafft zu haben», antwortet er dezidiert. Zwar sei er froh, dass Vegetarismus heute keine Verhaltensauffälligkeit mehr sei wie vor 15 Jahren, sondern ein Trend, aber das sei noch lange kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen.

tibits-Mitbegründer Reto Frei sagt: «Eine Firma, die sich nicht weiterentwickelt, verliert die Existenzberechtigung.» Deshalb investiere tibits viel Zeit in die Kreation neuer Gerichte und besserer Angebote. Der Dienstag beispielsweise steht bei tibits neuerdings ganz im Zeichen der veganen Küche, demnächst soll die Kaffeezubereitung erweitert werden, so dass das Personal die Milch für den Cappuccino kunstvoll gestalten kann – auf Wunsch auch mit rein pflanzlicher Milch. «Einen Betrieb mit viel Kundenkontakt operativ stabil zu führen und hinter den Kulissen permanent weiterzuentwickeln, ist eine grosse Herausforderung», sagt Reto Frei.

Avancen aus Japan, den USA und Dubai

Das erklärt auch, warum sich tibits viel Zeit lässt mit weiteren Expansionsschritten. «Wir erhalten viele Anfragen für Beteiligungen oder Kooperationen», sagt Daniel Frei, «aus Bulgarien, Holland, Japan den USA oder Dubai». Es gebe auch Übernahmeavancen; kürzlich machte ein Geschäftsmann, der sein Unternehmen verkauft hatte und tibits in Deutschland lancieren möchte, ein Angebot. Was sprach dagegen? Er habe zwar keine Töchter, antwortet Daniel Frei, aber wenn einer bei tibits einsteigen wolle, dann reagiere er wie ein Vater, der zum ersten Mal den potenziellen Schwiegersohn mustere. «Da akzeptiert man nicht den Erstbesten.»

Wer bei den Gebrüdern Frei vorstellig wird, tut gut daran, nicht nur von Marktanteilen und Rendite zu reden, sondern sich zu Werten zu bekennen. «Viele Interessenten sind einseitig geldgetrieben und verstehen nicht, wie zentral der ökologische Ansatz und der Umgang mit den Mitarbeitern ist», sagt Daniel Frei, der sich als «Gralshüter des tibits-Leitbilds» bezeichnet. Vier Eckpfeiler haben die Brüder bei der Gründung darin festgehalten: Lebensfreude, Vertrauen, Fortschrittlichkeit und Zeit. Christian Frei bezeichnet es als seine wichtigste Aufgabe, diese Werte vorzuleben und dafür zu sorgen, «dass nicht die Angestellten fürs Management da sind, sondern die Chefs für ihre Mitarbeiter».

Banker, Lehrer, Ingenieur und Ökonom

Dass sich der Chef mehr als Dienstleister denn als Big Boss versteht, ist augenfällig. Im tibits an der Berner Gurtengasse bewegt sich Daniel Frei nicht wie ein König im eigenen Palast. Er fragt hier etwas und grüsst da einen Angestellten – und immer wieder kommen Gäste auf ihn zu, die ihm die Hand schütteln und Grüsse an seine Brüder ausrichten. Seit vier Jahren ist auch Andreas Frei, der älteste Bruder, im Familienunternehmen mit an Bord. Er arbeitete zuvor lange Zeit für eine Bank, nun kümmert er sich bei tibits um Buchhaltung, Finanzen, Facility Management. Christian, der zweitälteste, zeichnet für das Design und die Einrichtung verantwortlich, Reto, der Jüngste, ist für die Produkte und Innovation zuständig und hat stets den Betrieb in London im Auge. Daniel Frei schliesslich wirkt als Geschäftsführer, ist Markenbotschafter und Expansionsbeauftragter in Personalunion. «Wir ergänzen uns sehr gut – ein Banker, ein Lehrer, ein Ingenieur und ein Ökonom decken gemeinsam viele Bereiche ab», sagt Christian Frei.

Die operative Leitung des Tagesgeschäfts liegt inzwischen in den Händen eines langjährigen Mitarbeiters. Die Entwicklung der Mitarbeiter hat einen hohen Stellenwert. Für viele bot die Anstellung bei tibits eine erste Chance, im Schweizer Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Christian Frei nennt das Beispiel eines jungen Mannes aus Bangladesch, der kaum Deutsch sprach, als er im tibits-Restaurant in Zürich in der Küche zu arbeiten begann. «Heute ist er Küchenchef in Winterthur und hat eine Familie – es ist schön, zu so einer persönlichen Entwicklung etwas beizutragen.»

Übernehmen dereinst die Söhne?

Eine Herausforderung bleibt allerdings: Genügend Zeit für die eigene Familie zu finden. An den meisten Tagen sind die Frei-Brüder schon zwischen sechs und sieben Uhr für tibits auf den Beinen, vor 20 Uhr sind sie selten wieder zuhause. Von einem «Selbstläufer» kann also keine Rede sein. Immerhin gönnen sie sich inzwischen manchmal einen Skitag unter der Woche oder einen Arbeitstag im Home-Office. Und manchmal überlegen sie sich dann, wer tibits dereinst weiterführen könnte. Daniels elfjähriger Sohn findet das, was sein Papa macht, «ganz cool», aber das muss nicht viel heissen. Der älteste Sohn von Christian ist bereits zwanzig und hat eine Kochlehre abgeschlossen – nicht die schlechtesten Voraussetzungen für ein späteres Engagement im Familienbetrieb. Und auch die Hiltls haben drei Kinder zwischen 12 und 18 Jahren, die sich für Gastronomie interessieren.

Die Nachfolgeplanung gehen die Gebrüder Frei ähnlich umsichtig an wie die Auslandexpansion. Beides ist regelmässig ein Thema in den Gründerrat-Treffen, die alle zwei Monate stattfinden. Und in beiden Fällen gilt die Maxime: nichts überstürzen und jede Entscheidung gut reifen lassen.

Kontakt und Information: www.tibits.ch

 

Dieser Text erschien erstmals in Englisch im Buch: Thomas Knecht (Hrsg), «The Success Formula for Start-ups». NZZ Libro, 164 S, Fr. 40.00.

 

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4 Kommentare zu “Nun haben auch Investoren Hunger auf tibits”

  1. Gerald sagt:

    Klingt alles sehr gut.
    Mich würde interessieren: wie geht das Unternehmen mit Mitarbeitern um, die längere Zeit krank sind?

    Beste Grüsse
    Gerald

  2. Marcel Senn sagt:

    Dass die Gebrüder Frei von vermutlich rund 80-90% der 0815 HSG Studenten für ihre Idee belächelt wurden, erstaunt eigentlich nicht, denn was da Jahr für Jahr an phantasielosen Kleingeistern an der HSG herangezüchtet werden, da muss man sich nicht wirklich wundern – es gibt an jener Eliteschule einfach zuviele konforme spätkapitalistische Vollzugsfunktionäre mit einer Angestellten- und keiner Unternehmermentalität – und dann schon gar ncht auf “Terra icognita” wie z.B. Vegetrierschnellrestaurants wie diese in den späten 90ern noch welche waren.
    Aber zum Glück gibt es ja auch dort noch rund 10-20% kreative und Innovative Köpfe, die über die Lehrbücher hinausdenken können und ihren Weg gehen wie die Gebrüder Frei und der Erfolg hat ihnen recht gegeben.
    Bin zwar selber Fleischesser, aber ich habe kein Problem damit auch mal in ein Vegirestaurant zu gehen.

  3. tibits Team sagt:

    Das tibits arbeitet in solchen Fällen eng mit unserem Krankenversicherer zusammen. Das HR und der zuständige Case Manager besprechen geeignete Massnahmen und setzen diese dann – mit Einverständnis des Mitarbeiters- gezielt um. Sei dies eine Therapie, Veränderung des Arbeitsplatzes bis hin zur Umschulung, falls der angestammte Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann. Entlassungen aufgrund langer Unfall- oder Krankheitsbedingter Absenzen gibt es nicht im tibits.

  4. Gerald sagt:

    Liebes tibits Team,

    danke für die Antwort zum Thema Krankheit!

    Meine Frage hätte auch anders formuliert sein können: Wieviel Menschlichkeit können sich Arbeitgeber erlauben?

    In den meisten Fällen werden ja Mitarbeiter, die nicht mehr gut genug funktionieren, kurzfristig entsorgt bzw. gekündigt.
    Zumindest in Österreich ist das so üblich.

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