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«Erfolgreich sind nicht die mit der besten Idee»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 6. Juni 2015
Adrian Locher, Mitgründer von DeinDeal und passionierter Unternehmer.

Adrian Locher, Mitgründer von DeinDeal und passionierter Unternehmer.

Im Alter von 15 Jahren hat Adrian Locher sein erstes Unternehmen lanciert, später arbeitete er in Deutschland für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und lancierte in der Schweiz die Online-Einkaufsplattform DeinDeal. Der 33-Jährige sagt, die Bedeutung guter Ideen werde überschätzt. Wichtiger sei es, den Puls der Zeit zu treffen. Nun gönnt sich der Unternehmer eine Auszeit mit seiner Familie.

Interview:
Mathias Morgenthaler

Herr Locher, die Online-Einkaufsplattform DeinDeal hat im fünften Jahr nach der Gründung mit 150 Mitarbeitern 83 Millionen Franken umgesetzt. Sie sind zwar einer der Gründer und Geschäftsführer, aber die Idee haben Sie geklaut. Sind Sie trotzdem stolz?

ADRIAN LOCHER: Ich stehe dazu, DeinDeal isteine Copycat, ein Nachahmer-Geschäft. Aber wissen Sie was? Der Wert guter Ideen wird überschätzt. Mindestens 90 Prozent des Erfolgs hängt von der richtigen Umsetzung ab. An Universitäten wird zwar viel über Innovation und Einzigartigkeit gesprochen, aber wir sollten uns deswegen nichts vormachen: Die meisten Märkte haben viele Player. Erfolgreich sind nicht die mit der besten Idee, sondern die, die im richtigen Moment den besten Job machen.

Vorbild für DeinDeal ist das amerikanische Unternehmen Groupon. Wie kamen Sie auf die Idee, etwas ähnliches in der Schweiz aufzubauen?

Ich war im Jahre 2009 in den USA und sah, wie rasch Groupon wuchs und dass das Startup kurz nach der Gründung schon mit über 100 Millionen Dollar bewertet wurde.

Und da haben Sie Herzrasen und glänzende Augen bekommen?

Nein, nicht wegen des Geldes. Wäre Reichtum mein Antrieb gewesen, hätte ich nach der HSG einen Job im Investmentbanking oder bei einer Unternehmensberatung angenommen wie die meisten Kommilitonen. Aber es beeindruckte mich, wie schnell eine Firma wachsen kann, wenn man am Puls der Zeit ist. Ich bin seit meinem 15. Lebensjahr unternehmerisch tätig – bis dahin mit Höhen und Tiefen.

Wie haben Sie begonnen als 15-Jähriger?

Ich begann 1997 erste Homepages zu programmieren, weil das spannender und lukrativer war als mein Job bei McDonalds, der mir 16 Franken einbrachte pro Stunde. Im Jahre 2001 gründete ich während des Studiums mit zwei Kollegen eine Internetagentur. Erst gestalteten wir Websites für das lokale Gewerbe, den Metzger, den Schreiner, das Fitnessstudio. Nach einigen Jahren hiessen die Kunden Swisscom, Post, SBB, Zurich. Wir waren 15 Mitarbeiter, hatten es geschafft – für mich der Moment, etwas Neues in Angriff zu nehmen. Ich liebe den Aufbau eines Unternehmens; sobald alles läuft, wird es mir langweilig. So zog ich mit einem anderen Kommilitonen nach Berlin und wir suchten uns eine Geschäftsidee. Schliesslich lancierten wir eine Social-Media-Agentur.

Gabs dafür 2006 schon eine Nachfrage?

Das war unser Problem, wir waren der Zeit voraus und kamen nicht an die Werbegelder heran. Die Kundenliste las sich gut, Microsoft, Blackberry und Deutsche Telekom standen darauf, aber das Geschäft lief harzig. Wir arbeiteten sieben Tage pro Woche und kamen doch auf keinen grünen Zweig. Nach knapp vier Jahren schlossen wir unsere Firma. War das ein Misserfolg? Natürlich hatte ich Selbstzweifel und fragte mich manchmal auch, warum ich mir das antat, während meine früheren Studienkollegen in grossen Unternehmen schnell Karriere machten. Aber wir haben sehr viel gelernt in dieser Zeit.

Zum Beispiel?

Einer unserer Kunden war Facebook. Das Netzwerk hatte 2008 in Deutschland noch keine Million Mitglieder, Platzhirsch war StudiVZ mit 15 Millionen Mitgliedern, gegründet von HSG-Absolvent Ehssan Doriani, der das Netzwerk 2007 an Holtzbrinck verkauft hatte – angeblich für 85 Millionen Euro. Wir erarbeiteten eine Marketingkampagne für Facebook in Deutschland, zu deren Lancierung Mark Zuckerberg persönlich anreiste.

Wie haben Sie den Facebook-Gründer erlebt?

Ein blitzgescheiter Mensch, vielleicht der intelligenteste, den ich bis heute kennengelernt habe. Aber auch sehr kühl, rational und fokussiert. Und ein Getriebener. Ich glaube, es ging ihm da schon lange nicht mehr um Geld. Er wollte sich ein Denkmal setzen, seinen Einfluss vergrössern. In Deutschland ging es rasch. Wenige Wochen nach der Marketingkampagne hatte sich die Zahl der Mitglieder verdoppelt, dann wurde es ein Selbstläufer.

Wie bauten Sie 2010 DeinDeal auf?

An einer Internetkonferenz traf ich im Dezember 2009 den Startup-Unternehmer Amir Suissa. Wir diskutierten am Abend in einer Bar über Groupon und sagten am Schluss: «Lass uns das in der Schweiz machen.» In den Weihnachtsferien entwarfen wir den Finanzplan, ein einseitiges Excel-Dokument, im Februar programmierten wir die Software, im März war das erste Produkt online, das Kunden mit Rabatt kaufen konnten. Wir starteten sehr schlank, mit wenig Zeit und Geld. Schon im April merkten wir: Wir haben den Puls der Zeit getroffen, es läuft. Im August 2010 waren wir bereits 25 Leute. Was also ist das Wichtigste für den Erfolg eines Gründers?

Das Timing?

Das Glück, zum richtigen Zeitpunkt mit dem passenden Team auf das richtige Thema zu setzen. Es braucht ziemlich viel Glück – aber man kann das Glück ein bisschen zwingen, indem man es immer wieder versucht. Bei mir war die Neugier immer grösser als die Angst. Wenn du schon in jungen Jahren so unterwegs bist, kannst du gar nicht konservativ denken.

Ein Jahr später kaufte Ringier 60 Prozent von DeinDeal bei einer Unternehmensbewertung von 30 Millionen Franken. Umsatz und Mitarbeiterzahlen wuchsen rasant. Ging das nicht zu schnell?

Zeitweise war es wirklich schwierig, mit dem Wachstum Schritt zu halten. Wir sassen in einem Rennwagen, der mit horrendem Tempo unterwegs war, und mussten aufpassen, dass wir nicht rausgeschleudert wurden. Wir mussten die Firma immer wieder umbauen, neue Räumlichkeiten suchen, Personal einstellen, Strukturen einführen, als die direkte Führung nicht mehr möglich war, eine Unternehmenskultur festlegen, uns von Mitarbeitern trennen. Und natürlich gab es bei rund 2000 Partnern, die ihre Angebote über unsere Plattform vermarkteten, auch ein paar Probleme mit grossem Medienecho.

In Kürze lautet der Vorwurf an DeinDeal: Sie überreden Ihre Partner, Produkte und Dienstleistungen zu ruinösen Spottpreisen anzubieten, schaffen dadurch eine Schnäppchenkultur und sorgen dafür, dass Ihre Kunden Zeugs kaufen, das sie gar nicht brauchen.

Das fasst die Kritik ganz gut zusammen. Erstens: Keine Firma kann ein Kundenbedürfnis schaffen, wir können es nur befriedigen. Zweitens: Wir bieten keinen Ramsch an, sondern qualitativ hochwertige Produkte. Drittens: Unsere Partner schätzen DeinDeal als Vertriebskanal und mehr noch als Marketinginstrument. 79 Prozent der Partner arbeiten wiederholt mit uns zusammen, die Rechnung geht offenbar für alle auf. Wir haben in der Schweiz einen Marktanteil von 80 Prozent und haben schon im vierten Jahr schwarze Zahlen geschrieben. Das alles spricht für eine rasche, aber nachhaltige Entwicklung.

Sie verlassen das Unternehmen im Juli. Ist es Ihnen schon wieder langweilig geworden? Oder haben Sie einfach so viel Geld verdient, dass Sie nicht mehr arbeiten müssen?

Amir Suissa und ich hatten den Exit zusammen mit unserem heutigen Hauptaktionär Ringier von Anfang an so geplant. Wir Gründer wurden gut bezahlt – das Geld reicht, um eine neue Idee zu lancieren, aber bei weitem nicht, um nie mehr arbeiten zu müssen. Geld bedeutet für mich die Freiheit, jederzeit etwas Neues wagen zu können. Statussymbole interessieren mich nicht. Ich habe die letzten fünf Jahre sehr viel gearbeitet und wenig mitbekommen, was in der weiten Welt geschieht. Nun will ich den Fächer öffnen, den Trends und grossen Themen nachspüren. Deswegen reise ich mit meiner Frau und unserer 20 Monate alten Tochter im zweiten Halbjahr an die Hotspots der Gründerszene, nach New York, ins Silicon Valley, nach Berlin, London, Singapur und Hongkong. Die grösste Herausforderung wird sein, mich wirklich ein halbes Jahr treiben zu lassen und mich nicht zu früh in ein neues Abenteuer zu stürzen.

Kontakt und Information:

adrian@deindeal.ch

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3 Kommentare zu “«Erfolgreich sind nicht die mit der besten Idee»”

  1. Sepp sagt:

    Also wenn Ideen nicht wichtig sind und niemand Ideen hat, dann gibts auch keine Ideen die man Klauen kann.

  2. wame82 sagt:

    Den Puls der Zeit muss immer getroffen werden. Digitale Schaufensterpuppen würden heute noch Skepsis erregen, jedoch morgen vielleicht nicht mehr. Für uns reichen klassische Vitrinen und Verkaufsregale in einem Kleidungsgeschäft. Vielleicht wird morgen aber ohne Kleiderständer, Regale und Empfangstheken verkauft?

  3. xxxTrading sagt:

    Da muss ich Herrn Locher recht geben nicht die Idee ist Ausschlag gebend sondern die Umsetzung. Man kann 10 verschieden Leuten die gleiche Idee geben aber nur ein paar davon werden erfolgreich sein. Das Talent der Umsetzung zählt. Das führt zum Erfolg.