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«Osterhase ist kein Beruf, Weihnachtsmann dagegen schon»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 23. August 2014
Cornel Müller, Experte für elektronische Arbeitsmarktlösungen.

Cornel Müller, Experte für elektronische Arbeitsmarktlösungen.

Machen elektronische Jobbörsen die Personalvermittler überflüssig und sind soziale Netzwerke wie Facebook die besseren Headhunter? Arbeitsmarktexperte Cornel Müller erläutert, warum Personalverantwortliche in Unternehmen umdenken müssen und wie Stellensuchende ihre Chancen erhöhen. Und er sagt, warum er froh ist, Unternehmer zu sein und nicht wie seine HSG-Studienkollegen 250’000 Franken im Jahr zu verdienen, ohne etwas bewegen zu können.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Müller, wer vor 15 Jahren eine neue Stelle suchte, ging zum Personalvermittler oder las den Stellenteil in Zeitungen. Finden sich Unternehmen und Stellensuchende heute dank Computertechnologie vollautomatisch?

Nein, so weit wird es nie kommen, aber das Internet hat die Branche enorm verändert. In den Neunzigerjahren waren die Stelleninserate der mit Abstand wichtigste Kanal, was den Zeitungen viel Geld einbrachte. In den Nullerjahren dominierten die Online-Jobbörsen, die im Prinzip gleich funktionierten wie die Zeitungsbeilagen, nur 10-mal billiger und elektronisch. In den Zehnerjahren sind nun Jobsuchmaschinen, Nischenplattformen für einzelne Branchen und Social-Media-Anbieter wie Facebook, Xing oder Linkedin zu den wichtigsten Akteuren geworden.

Worin unterscheiden sich Job-Börsen von Job-Suchmaschinen?

Die Job-Börsen publizieren bezahlte Stellenausschreibungen. Die Suchmaschinen legen den Schwerpunkt auf das Aggregieren und Aufbereiten unzähliger öffentlich zugänglicher Daten. Auf unserer Seite Jobagent.ch zum Beispiel sind derzeit über 123 000 offene Stellen in der Schweiz ausgeschrieben. Die Entwicklung in den USA zeigt, dass im elektronischen Arbeitsmarkt die Aggregatoren den Job-Börsen den Rang ablaufen. Das wird auch in Europa passieren. Das macht die Suche für beide Seiten effizienter.

Ein Versprechen der Anbieter an die Arbeitnehmer lautet: «Du musst dich nicht mehr bewerben, der Traumjob findet jetzt dich!» Lebenslauf hochladen und passende Stellenangebote erhalten – das funktioniert in der Praxis noch nicht, oder?

Für Journalisten vermutlich nicht, bei Polymechanikern, Bauingenieuren, Automatikern oder Pflegefachleuten hingegen schon. Diese gefragten Fachleute erhalten teilweise täglich Stellenangebote, wenn auch nicht immer passende. Viele Arbeitnehmer haben hier grundlegend umgedacht in den letzten Jahren. Sie laden bereitwillig ihren Lebenslauf oder ihr Jobprofil hoch und sind dadurch leicht auffindbar. Das Problem ist, dass die Personalverantwortlichen in den Unternehmen und die Stellenvermittler diese neuen Suchkanäle noch kaum nutzen, wie Studien belegen.

Aus Misstrauen oder weil es zu aufwendig ist?

Oft weil sie das Potenzial nicht erkennen oder die neuen Instrumente als Bedrohung sehen. Manche Personalvermittler sahen sich schon vor 10 Jahren in ihrer Existenz bedroht, weil Informationen über offene Stellen und Kandidaten zunehmend öffentlich zugänglich wurden. Die technologische Entwicklung macht die Personalprofis aber nicht überflüssig, im Gegenteil. Je mehr Informationen publik sind, desto wichtiger wird die selektive, gezielte Ansprache. Viele Unternehmen, die dachten, sie könnten sich nun den externen Vermittler sparen, sind damit auf die Nase gefallen. Es wirkt sehr unprofessionell, wenn ein interner Personal-Mitarbeiter, der bisher nur Inserate getextet und Interviews geführt hat, plötzlich externe Kandidaten anruft.

Eine Schwierigkeit ist doch, dass man heute kaum mehr unterscheiden kann, ob jemand aktiv auf Stellensuche ist oder nicht.

Das ist so. Auf rund 300 000 aktiv Stellensuchende kommen rund 3 Millionen Arbeitnehmende, die passiv suchen respektive unter gewissen Bedingungen wechseln würden. Mit dieser Gruppe muss man ganz anders kommunizieren als mit jenen, die aus Eigeninitiative suchen. In beiden Bereichen passieren teilweise haarsträubende Fehler. Ich erschrecke immer wieder, wie unsensibel, gleichgültig und unökonomisch viele Arbeitgeber mit Bewerbern umgehen. Auf der einen Seite wird viel Geld für «Employer Branding» und Talent-Akquisition ausgegeben, auf der anderen Seite bleiben Kandidaten zum Teil wochenlang ohne Antwort oder werden mit Standard-Absagen abgespeist. Wer dagegen ein gefragtes Profil hat, wird mit teilweise völlig unpassenden Angeboten belästigt.

Der Kampf um Talente wird sich noch verschärfen. Was müssen Arbeitgeber konkret besser machen?

Bis heute setzen viele auf das Modell «Post and Pray»: Sie publizieren eine Vakanz und hoffen, der ideale Kandidat melde sich dann. Wer im Kampf um Talente bestehen will, muss strategischer vorgehen und aktiv Stellensuchende so früh und präzis wie möglich ansprechen. Im Umgang mit den passiv Stellensuchenden gilt es, die Bewerbungsmöglichkeit radikal zu vereinfachen. Kein gefragter Ingenieur wird einen mühsamen Online-Fragebogen ausfüllen. Entweder kann er sich auf der Karrierewebsite eines Unternehmens umfassend informieren und mit einem Mausklick bewerben, oder er lässt es bleiben. Generell kann man sagen: Die Branche bewegt sich von der Schrotflinten-Rekrutierung in Richtung Scharfschützen-Beschaffung.

Dabei vermischen sich Berufs- und Privatleben immer stärker. Schweizer Start-ups wie Recomy, BuddyBroker oder Silp setzen gezielt auf Empfehlungen aus dem Freundeskreis.

Dieser Ansatz hat in meinen Augen ein grosses Potenzial – deshalb haben wir uns an Silp beteiligt. Ich nenne Ihnen ein konkretes Beispiel: Das Unispital Zürich hat – wie viele andere Spitäler – grosse Mühe, gute Pflegefachleute zu finden. Personal aktiv bei der Konkurrenz abzuwerben, macht sich schlecht. Eine Stellenanzeige zu schalten, ist in diesem Fall meist unergiebig, weil bei Mangelberufen zwar viele, aber in der Regel unpassende Bewerbungen eingehen. Via Silp haben wir Zugang zu rund 650 Millionen Profildaten, rund 7 Millionen davon sind registrierte Nutzer. Diese schreiben wir an und fragen, wer jemanden empfehlen kann. So kommen wir sehr rasch zum Beispiel mit einer Pflegefachfrau in Norwegen in Kontakt, die gerne in Zürich arbeiten würde. Diese schnelle internationale Suche mit persönlichem Empfehlungscharakter kann kein traditioneller Personaldienstleister bieten.

Sie sind seit 20 Jahren im Bereich elektronische Arbeitsmarktlösungen tätig. Warum haben Sie nach dem Studium an der HSG nicht wie viele andere Absolventen einen gut dotierten Konzernjob angenommen?

Weil ich im Kern kein Homo oeconomicus, sondern ein Herzbluttäter bin. Wenn das Team und die Inhalte stimmen, arbeite ich gerne für wenig Geld 18 Stunden pro Tag. Es gibt kein grösseres Privileg, als in Unabhängigkeit tun und lassen zu können, was man will. Ich habe in den 20 Jahren acht Firmen gegründet, eine früh wieder geschlossen, eine verkauft, eine in eine andere übergeführt. Aktuell bin ich noch in fünf Unternehmen engagiert. Ich sehe regelmässig, wie ohnmächtig sich viele Kollegen fühlen, die bei einer Bank oder Versicherung zwar enorm viel verdienen, aber praktisch nichts bewegen können. Manche von ihnen versichern mir allen Ernstes, dass sie nichts ändern können, weil sie im Minimum 250 000 Franken im Jahr verdienen müssen.

Was wollen Sie als Unternehmer bewirken?

Unsere Utopie ist der vollkommene Arbeitsmarkt. Stellensuchende sollen möglichst leicht den passenden Job finden. Wir haben rund 20 Jahre in die Perfektionierung unserer Stellensuchmaschine investiert – was uns in den Anfangsjahren mehrmals an den Rand des Ruins getrieben hat. Das Kernelement ist die Rubrizierung der rund 2000 Stellenausschreibungen, die unsere Suchmaschine täglich aufspürt. Wenn jemand eine CEO-Stelle sucht, dann soll er mit einem Klick auch die Anzeigen für Geschäftsführer und «Managing Partner» finden, nicht aber die Inserate «Assistant to the CEO». Der Teufel liegt bei solchen Dingen im Detail. Im Juli suchten viele Unternehmen in Anlehnung an den Fussball einen «Weltmeister für . . .», ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen war einmal so originell, eine Buchhalterstelle auszuschreiben unter dem Motto «Osterhase gesucht». Osterhase ist nach unserer Auffassung kein Beruf, Weihnachtsmann dagegen schon – wenn auch eine Teilzeitstelle mit sehr kleinem Pensum.

www.jobagent.ch oder cornel.mueller@x28.ch

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5 Kommentare zu “«Osterhase ist kein Beruf, Weihnachtsmann dagegen schon»”

  1. Hans Kohler sagt:

    Schade, dass dieses Interview keine wirklich neuen oder nutzbaren Erkenntnisse für Stellensuchende vermittelt.
    Ich halte es eher für eine Art unterhaltsamer Werbung, um nicht nur aus den Inserierenden, sondern auch noch aus den Job-Suchenden auf der angegebenen Website zahlende Kunden zu gewinnen.
    Ja, es ist nicht die Menge der Angebote, sondern die schwierig zu erreichende Trefferqualität, welche für den Suchenden zählt. Das hat vermutlich auch schon der langsamste Denker kapiert.
    Und wenn dafür (Mail-Abo) Geld verlangt wird, dann muss das Resultat bei weitem besser sein, als es auf dieser Website – im Vergleich mit der “Gratis”-Konkurrenz – tatsächlich ist.
    Ja, wir müssen Alle von Etwas leben, und das ist mit dieser Art der Stellenvermittlung vermutlich auch nicht ganz einfach. Aber in diesem Fall gibt es noch eine Menge zu tun, bis ich für ein Job-Mail dieser Art bezahlen würde.
    Trotzdem hoffe ich für uns Alle und natürlich für Herrn Müller, dass seine Utopie der perfekten Stellensuchmaschine oder zumindest der vollkommene Arbeitsmarkt eines Tages Wirklichkeit sind.

  2. Wie wäre es, wenn Firmen, welche einen Fachkräftemangel feststellen zuerst enger mit den RAV-Zentren (Arbeitslose in der Schweiz), den sozialen Diensten der Gemeinden (Ausgesteuerte, evt. Umschulung, etc.), Uni’s/Schulen (Abgänger) zusammenarbeiten würden? Das würde evt. auch die Steuerzahler entlasten. Ich kenne z.B. zahlreiche Personen, die Fachhochschulen absolviert haben, Studiumabgänger, Menschen die sich gerne weiterbilden würden (auch intern), um eine Stelle als Fachperson annehmen zu können, etc. und sich seit mehr als 6 Monaten auf Stellensuche befinden. Im übrigen bin ich auch auf Stellensuche. Ich bin ein Multitalent 😉 und lerne gerne Neues kennen 😉

  3. Peter-Martin Amstutz sagt:

    Ich hatte 2 Kaderstellen beim Kanton und beim Bund (5 Bundesämter). Dabei habe ich direkt oder indirekt ca. 50 Stellenbesetzungen begleitet. 25 davon wurden (z.T. nicht mal ausgeschrieben) intern vergeben an treue Seilschaftskollegen vom Chef-Chef. Die anderen 25 wurden extern vergeben, v.a. an Studien- oder Parteikollegen. Gerade beim Bund sind Sektions- und Abteilungschef diesbezüglich Könige: niemand kontrolliert, wer angestellt wird. Das HR ist schwach und nicht mal in der GL, die helfen allenfalls beim Interview und füllen Formulare aus. Fazit: Da kann ein HSG-.Absolvent klicken bis ihm die Finger weh tun. Wenn er niemanden kennt, bekommt er beim Bund und Kanton kaum je eine Stelle. Leider wahr. Und wenn doch, dann nur eine Sachberarbeiterstelle ohne Perspektive und natürlich zu tiefen Lohnklassen. Klar, nach paar Jahren ruhigem und widerspruchslosen Kopfnicken kann man sich an so einer Einstiegsstelle vielleicht einer Seilschaft anschliessen. Neustes Beispiel aus meinem aktuellem Amt? EIn ausländischer Anwalt hat seine Kaderstelle beim Bund verlassen, weil er aufgrund “seiner Persönlichkeit” mehrer Teammitglieder verlorenen hat. Nach einem Monat hat ihn der neue Arbeitgeber noch in der Probezeit freigestellt (sozial nicht kompetent). Er ist daraufhin an seine alte Stelle zurückgekehrt und wieder bei uns. Das laufende Stellen-Ausschreibungsverfahren wurde gestoppt. Und dazu bekommt er eine (noch) höhere Lohnklasse, da neues Pflichtenheft erstellt wurde. Für den Nachfolger wären 3 Lohnklassen weniger vorgesehen gewesen. Wie es in der Privatwirschaft aussieht, vermag ich aber nicht zu sagen. Da klappt es mit Klicken vielleicht besser.

  4. Esther Hirschi sagt:

    Die Job-Suchmaschinen finde ich wirklich toll. Sie erleichtern einem ungemein die Suche nach einer neuen Arbeit. Nur hat die Sache so ihren Haken! Sollte der oder die Stellensuchende ein Ü50 sein hat er oder sie Pech. Ich zum Beispiel habe mein Leben lang als Typografin gearbeitet, bin letzen November 2013 durch einen Konkurs stellenlos geworden und bewerbe mich nun verzweifelt auf alle für mich machbaren Jobs. Die folge: Standardabsagen am Laufmeter. Wenn die Firmen nur noch bereit sind, Menschen bis 35 Jahre anzustellen, nützen auch die besten Job-Suchmaschienen nichts! Die Firmen müssten sich dringenst auch den Arbeitslosen, seien sie jung oder alt, zuwenden. Nachfragen beim RAV, Prima Bern usw. Viele ältere Menschen würden gerne eine Lohneinbusse in Kauf nehmen, damit sie wieder in die Arbeitswelt einsteigen könnten. Lohn wäre auch mit älteren Arbeitnehmer verhandelbar 🙂 Dann könnten Firmen nicht immer die Ausrede bringen, dass wir ältere zu teuer sind.

  5. Stefan Gasser sagt:

    Guten Tag Allseits
    Auch ich habe mir die Zeit genommen, das Interview von Herrn Müller zu lesen. Meines Erachtens finden sich einige interessante Ansätze zur Ausübung verschiedener Bewerbungsstrategien. Wie überall eine Garantie hat man leider nicht. Jedoch bin ich überzeug, dass wenn man verschiedene Strategien nutzt, eine zum Erfolg führen wird. Die Frage für den einzelnen ist natürlich immer wann. Mit dieser Ungewissheit umgehen zu können gelingt zeitweilig besser mal weniger. Persönlich bin ich auf aktiver Stellensuche und es braucht viel Kreatives-Agieren, Energie, Strategien etc…..Was mir persönlich hilft ist davon abzukommen, nur an den Gedanken der Festanstellung festzuhalten. Wichtig ist es wie auch immer mit einem Bein im Erwerbsleben zu stehen, sei es zum Beispiel mit der Annahme von kurzzeitigen Projekten auch befristet. Frau Hirschi habe ihr Mail betrachtet, daraus ist zu entnehmen, dass Sie zu den ü 50 gehören, allerdings brauchen Sie sich nicht zu schmämen, denn aus meiner Sicht fangen die Schwierigkeiten bereits mit 40 an. In meiner einer letzten Tätigkeiten habe ich selbst potenzielle Kandidaten/innen imt IT-Umfeld vermittelt, sogenannte Contractors, Manager auf Zeit für anspruchsvolle Informatikprojekte. Meine Frage an Sie: Stehen Sie persönlich auf Ihre Branche bezogen oft in Konkurrenz mit weitaus jüngeren?
    Zum Thema Ausreden der Firmen, wahrscheinlich wäre es von Vorteil künftig die BVG-Beitragssätze zu vereinheitlichen.

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