Logo

Catherine Ochsenbeins langer Anlauf zur ersten Festanstellung

Mathias Morgenthaler am Samstag den 5. Januar 2013

 

Catherine Ochsenbein, Parlamentsführerin

Catherine Ochsenbein, Parlamentsführerin

Stellensuchende über 50 haben es schwer, Wiedereinsteigerinnen erst recht. Trotz dieser heiklen Ausgangslage hat Catherine Ochsenbein nicht aufgegeben und im Alter von 55 Jahren ihre erste unbefristete Stelle angetreten. Als Parlamentsführerin kann die studierte Biologin alle ihre Talente in die Waagschale werfen. Entsprechend motiviert geht die 57-Jährige zu Werke.

Frau Ochsenbein, Sie sind Parlamentsführerin – das klingt nach einer sehr verantwortungsvollen Aufgabe.
CATHERINE OCHSENBEIN: Man darf das nicht falsch verstehen: Ich führe interessierte Leute durchs Parlamentsgebäude, sprich: durchs Bundeshaus. Diese Führungen in der sessionsfreien Zeit sind sehr beliebt. Täglich finden sechs Rundgänge statt. Für mich besteht die Herausforderung darin, mich rasch auf das jeweilige Publikum einzustellen: die Primarschulklasse aus dem Jura, die Mitarbeiter eines Detailhändlers, den Lesezirkel oder Geschichtsverein, die diplomatische Delegation aus Afrika oder eine Gruppe Blinder. Ich muss also nicht nur die Geschichte des Bundeshauses und der Schweizer Politik gut kennen, sondern sie auch in vier Sprachen an sehr unterschiedliche Zielgruppen vermitteln. Es hilft, wenn man ab und zu eine Anekdote einstreuen kann.

Zum Beispiel?
Bekannt ist etwa das Fresko „Die Landsgemeinde“ von Albert Welti und Wilhelm Balmer im Ständeratssaal. Weniger bekannt ist, dass das keine Phantasiegesichter sind, sondern jeder Kopf nach einem lebenden Vorbild gemalt worden ist. Das Gesicht des Landammanns gehörte in Tat und Wahrheit einem Taglöhner, der aufgrund seiner auffallend noblen Gesichtszüge Modell stehen durfte. Oder dann der legendäre Steinwurf von Gottlieb Duttweiler: Weil der Nationalrat seine Vorstösse zum Thema Landesversorgung vier Jahre lang verschleppt hatte, warf Duttweiler 1948 mit zwei Steinen eine Fensterscheibe des Bundeshauses ein. Er fürchtete sich vor weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen und wollte die Bevölkerung – nicht ganz uneigennützig – dazu anhalten, sich mit Lebensmittelvorräten einzudecken. Sein Steinwurf sorgte auch im Ausland für Schlagzeilen.

Sie haben vor zwei Jahren, im Alter von 55 Jahren, zum ersten Mal in Ihrem Leben eine Festanstellung angetreten. Was hat sich dadurch in Ihrem Leben geändert?
Nach mehreren befristeten Anstellungen ist es schön, eine Festanstellung anzutreten. Nun habe ich einen fordernden, vielseitigen Job in den ich meine Sprachkenntnisse, mein Interesse für Geschichte und meine pädagogische Erfahrung einbringen kann. Dann aber auch ganz persönlich: Es tut mir gut. Ich habe mich zu Beginn, wie das damals üblich war, der Karriere meines Mannes untergeordnet und die Haus- und Kinderarbeit übernommen. Ich war nicht unglücklich dabei, aber der Wiedereinstieg war schwierig.

Hätten Sie nicht Teilzeit arbeiten können?
Vor 30 Jahren war Teilzeitarbeit kaum möglich. Nach dem Biologiestudium arbeitete ich während 3 Jahren Vollzeit an befristeten Stellen. Anschliessend zog ich mit meinem Mann wegen seiner Arbeit nach England, später gründeten wir in Zürich eine Familie, zogen nach der Geburt des zweiten Kindes in den Kanton Baselland und schliesslich nach Bern. Durch die Umzüge musste ich mein soziales Netz immer wieder neu aufbauen. Zuerst machte ich Übersetzungsarbeiten, um nicht ganz aus der Übung zu kommen, später übernahm ich regelmässig Stellvertretungen an Schulen.

Nagte die Situation an Ihrem Selbstvertrauen?
Es ist schwierig, sich auszuzeichnen und Erfolgserlebnisse zu feiern, wenn man praktisch nur zu Hause arbeitet. Es war nicht so, dass mir die Decke auf den Kopf gefallen wäre, aber mein Mann war in seinem Beruf sehr gefordert und aus dem eigenen Umfeld bekam ich Bemerkungen zu hören, die nicht spurlos an einem vorbei gehen, etwa die, was ich denn den ganzen Tag mache ohne Arbeit. Regelmässig hörte ich auch, ich hätte ja keine Ahnung von der heutigen Arbeitswelt und wenn ich erst einmal 40 gewesen sei, dann könne ich es vergessen mit dem Wiedereinstieg.

Wie hat es schliesslich doch geklappt mit dem Wiedereinstieg?
Ich sah die Ausschreibung eines Kurses für akademische Wiedereinsteigerinnen der Universität St. Gallen. Zugelassen waren Frauen zwischen 28 und 45 Jahren, ich war damals 53. Ich mochte den Kopf nicht in den Sand stecken, ging an den ersten Informationsanlass, bestand das Assessment und wurde zugelassen. Finanziell war es ein Kraftakt, aber die einjährige Weiterbildung inklusive Praktikum bei Swiss Re in Zürich brachte mir das Selbstvertrauen zurück. Durch den Austausch mit den anderen Absolventinnen merkte ich, dass es ihnen ähnlich ging, dass ich mich nicht verstecken musste. Zudem tat die Praktikumserfahrung sehr gut. Bei Swiss Re habe ich ein Online-Schulungsprogramm zu Umweltthemen realisiert. Danach wusste ich, dass ich etwas zu bieten habe, was auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird.

Half die Referenz bei der Stellensuche?
Das hoffte ich. Ich fand auch prompt offene Stellen im Schnittbereich zwischen Wissenschaft und eLearning, erhielt aber auf meine Bewerbung oft nicht einmal eine Antwort. Wenn man mit viel Hoffnung Unterlagen abschickt und diese wenige Tage später im grossen Umschlag wieder im Briefkasten findet, ist das sehr verletzend. Zum Glück dauerte diese Phase nicht ewig. Als ich die Stelle der Parlamentsdienste sah, bewarb ich mich sofort, aber mit wenig Hoffnung. Zwei Wochen später wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen, weitere zehn Tage später erhielt ich die Stelle und somit eine Art Attest, dass man auch mit 55 Jahren den Wiedereinstieg noch schaffen kann.

Wie schwierig war es, wieder Fuss zu fassen im Arbeitsalltag?
Aufgrund meiner zahlreichen befristeten Arbeitsstellen und meiner Weiterbildung an der Uni St. Gallen war ich recht gut auf die Anforderungen im Arbeitsalltag vorbereitet. Zudem bin ich als Wiedereinsteigerin sehr motiviert und flexibel. Und ich bringe eine gute Portion Lebenserfahrung und Gelassenheit mit. Vielleicht sollten Unternehmen Praktika anbieten für Wiedereinsteigerinnen, um die Hemmschwelle zu senken. Oft erhalten diese Frauen gar keine Chance, weil in den entscheidenden Positionen Männer sitzen, die keine eigene Erfahrung haben mit dem Wiedereinstieg und deshalb lieber auf einen Mann setzen als auf eine Frau mit Karrierebrüchen.

Kontakt:
catherine.ochsenbein@parl.admin.ch
www.parlament.ch
Für Wiedereinsteigerinnen
Der Weiterbildungskurs „Women Back to Business“ der Universität St. Gallen richtet sich an Frauen mit Universitäts- oder Fachhochschulabschluss, die nach einer Familienpause wieder mindestens 50 Prozent arbeiten möchten. Drei Viertel der Absolventinnen der ersten vier Kursjahre haben laut Evaluation den Wiedereinstieg geschafft. Der Kurs ist modular aufgebaut und umfasst 21 Kurstage, die auf ein Jahr verteilt sind. Nächster Kursstart ist der 6. März. Weitere Informationen unter www.es.unisg.ch/wbb

« Zur Übersicht

11 Kommentare zu „Catherine Ochsenbeins langer Anlauf zur ersten Festanstellung“

  1. mineli sagt:

    Solch Kurse sollte es nicht nur für Wiedereinsteigerinnen mit akademischem Hintergrund geben. Auch Frauen im kaufmännischen oder mit pflegerischem Hintergrund suchen Stellen nach ihrem 40 Lebensjahr, wenn die Kinder gross geworden sind. Es würde mich interessieren werche Institution dies anbietet.

  2. Hans Saurenmann sagt:

    @Mineli Kommentar ist nichts beizufuegen ausser das ist ein Bevorzugung einer Klasse gegenueber allen anderen Frauen und Maenner die sich aus welchen Grueden wieder eingliedern muessen. Ohne Vitamin B bekommt man keine Anstellung im Bundeshaus! Fuer mich ist sowieso Schleierhaft das die Gesellschaft wie die Schweiz auf das Fachwissen der Grauen Tigers einfach brach liegen lassen kann, bin 69 und arbeite immer noch voll hier in Florida, wuede auch in der Schweiz weiterarbeiten. wie heisst es so schoen; arbeiten mach Jung, so ist es!

  3. Hoffentlich hat Frau Ochsenbein noch die Chance, für sich möglichst viel in eine eigene Pensionskasse einzuzahlen (wird auch steuerlich begünstigt), damit sie betreffend ihrer eigenen Altersvorsorge – soweit überhaupt noch möglich – unabhängig wird und nicht wie unsere Mütter riskiert, in die Rentenfalle der pensionierten geschiedenen Witwen zu tappen.

  4. karl Kaiser sagt:

    Auf eine Festanstellung des Bundes warte ich schon 5 Jahre.(63 Jahre alt und schon 5 Jahre Arbeitslos)
    Aber das sind für mich nur Träume.Würde jede Arbeit annehmen wenn ich eine Bundesstelle bekommen würde.
    Das sagt ein Schweizer Berufsmann.

  5. Alfred Siffert sagt:

    Gratuliere. Aber mal Tacheles: da findet eine studierte Biologin und tolle Powerfrau eine Stelle als “Tourismusführerin”. Und die Männer? Die sitzen in ihren Parteien, schanzen sich gegenseitig Jöbli und Boni zu. EIgentlich ist diese Stelle, so sehr ich mich auch freue, letztlich Zeichen einer Männerdominierten Parteifilz-Vetterli-Landschaft. DIese Frau könne locker manchen unfähigen, wegbeförderten Apparatschik mehr als ersetzen. Aber eben. Sie ist nicht in der SVP, FDP, CVP…. da geht eben gar nichts. EIn Skandal, wie fähige Leute suchen und unfähige Männer sich bei Bund und Kanton gutbezahlte Pöstli zuschachern.

  6. Mario Wiedenmeier sagt:

    Mit interesse habe ich ihr Interview gelesen. Wir sind seit 46 Jahren in Texas und sehen das Bundeshaus sehr oft während den Nachrichten. Wir schauen fast täglich SF oder heute SRF. Gute Nachrichten ohne Reklamen. Und auch gute Sendungen.

    Da sie dies Gebäude jetzt sehr gut kennen wundert es mich warum der “Hut” auf dem Gebäude (Bundeshaus) sehr oft schief steht oder so zu sehen ist. Zur Innenstadt geneigt. Dass sie “noch” eine Stelle erhalten haben freut mich sehr. Ich arbeitete hier bis ich 74 war.

    Jetzt seit Dezember heisst es SRF aber leider funktioniert dies nicht oder dann nur halbbazig aber hauptsächlich nicht. So jetzt möchte ich nicht mehr berufstätig sein aber wenigstens noch auf dem Laufenden bleiben.

    Alles Gute Mario + Leni Wiedenmeier Austin Texas

  7. marie sagt:

    wenn das die berufsaussichten einer akademikerin sind, die wieder einsteigen will… um eine solche arbeit zu machen, braucht es keine akademische ausbildung.

  8. Philippe Calle sagt:

    Ich gratuliere herzlich Frau Ochsenbein für diesen erfolgsreichen Wiedereinstieg. Was mich aber sehr stört, ist, dass die Universität St. Gallen den anglomamerikanischen Ausdruck von “Women Back to Business” eingeführt hat. Das Förderkauderwelsch der Weltbeherrschung der Amis zählt (noch) nicht zu den Landessprachen der Schweiz. Die künftigen Weltsprachen werden ja sowieso Chinesisch, Hindi und Spanisch heissen.

  9. Geppina sagt:

    @mineli. Es gibt auch WiedereinstergerInnenkurse für Frauen mit kaufmännischen/pflege/Verkaufs-Hintergrund: Siehe Link: http://www.wefa.ch/de/200_angebote/index.php?n2=Wiedereinstiegskurse.
    Beste Grüsse und viel Erfolg.

  10. Mara Koch sagt:

    Ich freue mich auch für Frau Ochsenbein. Die Regel ist aber eher, dass Frauen in ihrem Alter und ihrer Biographie keine Stelle mehr antreten können. Bei den Frauen fängt es im Alter von 37 an, dass sie nicht mehr eingestellt werden, bei Männern mit 51. Diese Tatsache ist wenig bekannt, diese Frauen sind ja auch statistisch nicht erfasst, sondern sie müssen sich irgendwie mit familiärer oder anderer Hilfe durchschlängeln und sind im Alter EL-Bezügerinnen.

  11. Karin sagt:

    Ich möchte die Frage der ersten Kommentatorin mineli aufgreifen: Wo gibt es solche Kurse für Frauen über 40 oder 50, die in einem kaufmännischen Beruf wiedereinsteigen? Bin fast 50 und habe bereits 80 Absagen erhalten (Direktionssekretärin, viersprachig und mit fundierten Buchhaltungskenntnissen). Sollen wir (denn ich bin kein Einzelfall) jetzt 15 Jahre ausgesteuert Däumchen drehen???

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Publireportage

Wettbewerb Belle Epoque

Gewinnen Sie ein nostalgisches Weekend in Kandersteg.

Vergleichsdienst

Günstiger in die Ferien!

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Publireportage

BLS-Tageskarte

Jeden Tag nur 200 Stück: Sichern Sie sich Ihre BLS-Tageskarte für Ausflüge mit Bahn, Bus und Schiff durch die halbe Schweiz.

Vergleichsdienst

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.