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«Solange noch dumme Mäuse herumlaufen, bleibt viel zu tun»

Samstag 27. Oktober 2012

Alexander Ilic, IT-Unternehmer

Vor vier Jahren gab es erst einen klobigen Prototypen, heute gehen die Scan-Computermäuse von Dacuda bereits in 130 Ländern über den Ladentisch. Treibende Kraft hinter dieser Schweizer Innovation ist Alexander Ilic. Er gründete mit 21 Jahren die erste Firma und absolvierte nebenher in Rekordzeit das Informatikstudium. Gestern Abend wurde der 31-Jährige von Ernst & Young als «Unternehmer des Jahres» geehrt. Download der PDF-Datei

 

Das Interview beginnt mit einer kleinen Demonstration. Alexander Ilic, Chef der Dacuda AG, fährt mit einer Computermaus über die Titelseite einer Hochglanzzeitschrift. Auf dem Bildschirm seines Laptops erscheint in Sekundenschnelle das Zifferblatt der Uhr, die das Zeitschriftencover ziert. Ilic ist nicht besonders sorgfältig vorgegangen beim Scannen, er hat die Maus kreuz und quer bewegt. «Sie können irgendwie drüberfahren, der Algorithmus setzt das dann schon richtig zusammen», sagt er und grinst. Nach zwei, drei Sekunden ist das Bild im Computer, bereit zur weiteren Bearbeitung. Während der Besucher noch staunt, lässt Ilic die Maus über ein Textdokument spazieren. Auf dem Bildschirm erscheint, von Zauberhand gerade gerückt, ein fetter Titel, eine halbfette Einleitung, danach Lauftext, in den Original-Stilvorlagen. Ilic klickt ins Dokument und schreibt den Text an einigen Stellen um. Alles, was die Maus scannt, kann sofort weiterbearbeitet werden.

Herr Ilic, Sie haben mit 31 Jahren schon zwei Firmen gegründet, ein Informatikabschluss in München und einen Doktortitel an der ETH Zürich erworben. Nebenbei versehen Sie eine Assistenzprofessur an der HSG. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
ALEXANDER ILIC: Zwei Dinge sind entscheidend: Ich bin äusserst neugierig und ich kann gut Prioritäten setzen. Das führt dazu, dass es für mich keine Belastung ist, mehrere Dinge parallel zu tun, sondern eine Energiequelle. Die Vielseitigkeit zwingt mich zur Effizienz im Einzelnen. Die durchschnittliche Informatik-Studienzeit in München betrug damals 14,6 Semester. Ich hatte meinen Abschluss nach drei Jahren in der Tasche, 1,5 Jahre unter der Mindeststudienzeit. Bei der Diplomfeier fragte meine Mutter ganz besorgt: «Bist du sicher, dass du das Gleiche studiert hast wie deine viel älteren Kollegen hier?» Tatsächlich hatte ich nur sehr wenige Vorlesungen besucht. Ich ging einfach mit den älteren Kollegen, mit denen ich zu Studienbeginn eine Firma gegründet hatte, zu den Prüfungen.

Als Kind sind Sie vermutlich Tag und Nacht am Computer gesessen.
Ja, das kam vor, der Commodore 64 hatte einen wichtigen Platz in meinem Leben. Ich habe weniger gespielt als meine Schulfreunde, dafür sehr früh programmiert. Ich schaffte es sogar, das Diskettenlaufwerk in eine ganz passable Musikanlage umzufunktionieren. Damals musste man alles selber herausfinden, es gab noch kein Internet in der heutigen Form. So wurde ich in der Schule schnell zum gefragten Ansprechpartner, wenn es Computerprobleme gab. Und als sich mein Vater in der Firma über mangelhafte Software ärgerte, schrieb ich eine bessere für ihn.

Mit 21 Jahren gründeten Sie eine Firma. Wurden Sie da angesteckt von der Goldgräberstimmung in der Branche kurz nach der Jahrtausendwende?
Wir wunderten uns ein wenig, wer da alles viel Geld verdiente mit ziemlich phantastischen Plänen, und sagten uns: Für die Finanzierung unseres Studiums sollte es wohl reichen. So haben wir gelernt, was Kaltakquisition heisst und wie man Kunden überzeugt, in die Verbesserung ihrer Internetseiten zu investieren. Zudem bauten wir eine provisionsfreie Wohnungsbörse für die Region München auf, was programmiertechnisch sehr lehrreich war.

Warum nahmen Sie nach einigen Jahren an der Spitze der Entwicklungsabteilung eines deutschen Software-Herstellers noch eine Doktorarbeit an der ETH Zürich in Angriff?
Die Kaderstelle war eigentlich eine Stufe zu hoch für mich. Es lief zwar alles gut und ich hätte womöglich noch weiter aufsteigen können, aber ich wollte unbedingt noch dazulernen, in einem guten Umfeld wissenschaftlich etwas erarbeiten, das direkte Relevanz für die Praxis hat. Mit Elgar Fleisch habe ich einen Doktorvater gefunden, der visionär denkt und vieles ermöglicht. Als ich ihm gegen Ende meiner Zeit an der ETH erzählte, ein paar Kollegen und ich möchten ein Problem lösen, an dem sich seit 15 Jahren viele vergeblich versucht hätten, unterstützte er uns sofort.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Maus zu entwickeln, die Dokumente einscannen kann?
Ende 2007 setzte ich mich oft mit ETH-Kollegen zum Brainstorming zusammen. Wir diskutierten darüber, welche kleinen und grossen Probleme der Menschheit noch zu lösen wären. Wir hätten die vielen Notizen, die während der Gespräche entstanden sind, am Ende gerne in den Computer eingespeist. Da dachten wir: «Es gibt Scanner und es gibt die Maus, aber keine Kombination. Das ist eigentlich ein unhaltbarer Zustand.» Wir setzten uns zu viert zusammen, um das zu ändern. Ein Maschinenbauer, ein Ökonom, ein Bildverarbeitungsspezialist und ich, der Allrounder. Wir steckten im folgenden Jahr all unsere Arbeitskraft in die Entwicklung eines Prototypen. Zwei von uns hatten schon ein wenig Geld auf der Seite, wir halfen den anderen beiden finanziell aus. Wir kamen erstaunlich zügig voran, so dass wir Ende 2008 eine Holzkiste mit eingebauter Kamera vorweisen konnten, welche die Dokumente einwandfrei scannte.

Wie gelang der Schritt zur Markttauglichkeit?
Ich kam in dieser Zeit mit einem Unternehmer in Kontakt, der seine Firma für viel Geld an Microsoft verkauft hatte. Als er unsere Scan-Maus sah, sagte er: «Ihr seid verrückt. Ihr habt ein tolles Team und ein einzigartiges Produkt – sucht jetzt schleunigst Investoren.» Das war die Initialzündung, aus der Spielerei wurde ein Unternehmen mit Ambitionen. Bei der Investorensuche half uns die Finanzkrise. Die Leute zogen ihr Geld ab und suchten Anlagemöglichkeiten mit Perspektiven. Wir brauchten rund 1,5 Millionen Franken für die Kommerzialisierung. Am Schluss konnten wir auswählen, so gross war das Interesse. Hans-Peter Metzler, der heute bei uns im Verwaltungsrat sitzt, brachte viel Erfahrung im Lizenzgeschäft mit. Das half uns, den richtigen Partner zu finden für die weltweite Lancierung der Scan-Maus.

Hatten Sie auch bei der Suche nach einem Lizenzpartner die Qual der Wahl?
Ja, wir haben uns während rund neun Monaten 20 Unternehmen aus den Top-30 dieser Branche angeschaut und dann mit einigen verhandelt. Die südkoreanische Firma LG meldete erst in einem späten Stadium Interesse an, setzte sich dann aber rasch durch, weil sie am meisten Biss zeigte und stark in die Lancierung des Produkts investieren wollte. So schlossen wir einen exklusiven Deal mit LG fürs erste Jahr ab. Dieser ist im September ausgelaufen, jetzt kommen laufend neue Partner dazu. Wir sind heute schon in 130 Ländern mit unserer Technologie vertreten.

Ist das nicht problematisch, wenn eine ganze Firma mit 20 Leuten vom Erfolg eines einzigen Produkts abhängt? Sie könnten kopiert und vom Markt gedrängt werden.
Erstens sehen wir bei der Scan-Maus noch viel Potenzial. Es gibt weltweit 300 Millionen Computer-Mäuse, Tendenz immer noch steigend. Unser Ziel muss sein, dass unsere Technologie in all diese Mäuse eingebaut wird. Solange noch dumme Mäuse herumlaufen, bleibt also viel zu tun. (Lacht) Zweitens hängt unsere Technologie nicht an der Maus, sondern an der Kamera. Immer mehr unserer alltäglichen Geräte haben heute schon Kameras eingebaut, viele weitere werden folgen – da sehen wir überall den Bedarf für unsere Technologie und daher keine grosse Gefahr, kopiert zu werden.

Machen die Smartphones mit eingebauter Kamera und Scan-Apps Ihre Scan-Maus nicht überflüssig?
Im Gegenteil, es ergänzt sich sogar sehr gut. Es gibt derzeit zwei Probleme bei den portablen Geräten: Wenn Sie Dokumente fotografieren, sehen diese danach im Computer nicht aus wie Dokumente, sondern wie schlechte Fotos, mit Schatten, Unschärfe etc. Und Sie können diese Dokumente in der Regel nicht editieren, um die Inhalte weiterzuverarbeiten. Es gibt also viele Technologie-Brüche, die dazu führen, dass Menschen Dinge abtippen oder nachzeichnen. Das wollen wir ändern, auch im Smartphone-Bereich.

Letztes Jahr wurden Sie am Swiss Economic Forum ausgezeichnet, nun ehrt Sie Ernst & Young als «Unternehmer des Jahres». Was bedeuten Ihnen solche Preise?
Ich freue mich, aber ich nehme diese Auszeichnungen nicht sehr persönlich, Dacuda ist das Resultat guten Teamworks. Wichtig ist, dass die Auszeichnungen eine bessere Sichtbarkeit für unsere Technologie bringen und somit neue Geschäftsfelder eröffnen. Man lernt bei solchen Unternehmer-Ehrungen immer interessante Leute kennen. Wenn man neugierig ist wie ich, bringt einen das leicht auf neue Ideen.

Kontakt und Information:
www.dacuda.com
info@dacuda.com

16 Kommentare zu „«Solange noch dumme Mäuse herumlaufen, bleibt viel zu tun»“

  1. Roland Mouse sagt:

    Ich ziehe meinen Hut! Wenn wir es schaffen, dass solche Leute das Zepter übernehmen, kommts vielleicht doch noch gut..weiter so!

  2. auch von meiner Seite ; Gratulation so muss es gehen; Probleme auf den Tisch und querdenkerisch anpacken.

  3. Mariana H sagt:

    Wow, grosser Respekt vor dieser Leistung. Ich bewundere diesen Mann sehr, vor allem auch, weil ich selber an der ETH bin und extrem kämpfen muss. Genial, wenn man nebenbei noch Zeit findet für eine solch Selbstverwirklichung. Gratulation!

  4. Klaus Meister sagt:

    Habe jetzt echt Lust bekommen, diese Maus auszuprobieren. Noch nie davon gehört. Die Geschichte hört sich gut an. Weiterhin viel Erfolg!

  5. M. Oswald sagt:

    Herzliche Gratulation an das ganze Team zu dieser tollen Leistung!

  6. Ernst Boller sagt:

    Toll, habe aber leider noch nie davon gehört. Auf der Website von Dacuda findet sich kein Hinweis, ob und wo man die Maus kaufen könnte. Echtes Antimarketing. Schade. So kommt der Erfolg sicher nicht.

  7. Richi sagt:

    Hat jemand hier überhaupt diese Maus schon mal im professionellen Einsatz gesehen, seit gefühlten 1 1/2 Jahren wird in Blogs und Zeitungen nun schon darüber berichtet… Und scheinbar ist Ernst & Young entgangen, dass mobile Scanner in Mausgrösse schon seit über 10 Jahren (einfach ohne Mausfunktion) von verschiedensten Anbieter (sogar von HP und Logitech) auf dem Markt geworfen und dann wieder mangels Erfolg weggenommen wurden. Auch scheint diese Unternehmensberatung komplett vergessen zu haben, das der Markt für PC-Peripherie seit Jahren dahin serbelt, siehe etwa den ehemaligen Branchenprimus Logitech… Herrn Alexander Ilic mag die Aufmerksamkeit und die Auszeichnung vergönnt sein, aber bei Ernst & Young habe ich je länger je mehr Fragezeichen…

  8. John sagt:

    Wird es ein Modell geben mit höherer Auflösung und für grössere Flächen als A3?

    @Richi

    Die Maus gibts schon eine Ewigkeit. Geben Sie doch mal LG LSM-100 bei Google ein. Sie finden Bewertungen wie Sand am Meer.

  9. Nick sagt:

    Mir würde es reichen, wenn ich nur eine ESR-Codierzeile (bestehend aus einem String von knapp 60 Zahlen mit ein paar Sonderzeichen) mit einem Wisch zu 100% fehlerfrei einscannen könnte und ich dafür nicht bei jedem Windows-Releasewechsel einen neuen PEN für unsäglich teure Fr. 199.- bezahlen müsste. Aber das scheint wohl für alle Peripheriegerätehersteller zu viel verlangt zu sein, denn wer benötigt schon einen Rechnungscodierzeilenscanner, wenn doch die Mehrheit ihre Zahlungen am Postschalter tätigt oder im Onlinebanking die Zahlen von Hand erfasst???

    Also, an alle Genies: entwickelt doch mal einfach nur einen günstigen und einfachen Belegleserscanner und verkauft diese im Postkiosk! Für 49.- (mehr wie eine normale Maus dürfte er auf keinen Fall kosten!) kaufe ich euch bestimmt einen ab!

  10. Ernst Boller sagt:

    @John

    Nachdem ich etwa ein Dutzend der von Ihnen erwähnten Bewertungen gelesen habe, würde ich die Maus wohl eher nicht kaufen.

  11. Karl Baur sagt:

    Mir scheint wichtig zu sein dass es junge Leute gibt die den WIllen und den Mut haben unternemerisch zu denken end zu handlen. Das ist doch genau was die ETH braucht ., so etwa wie dies am MIT oder Cal Tech der Fall ist. Er soll doch nach California ins Sicicon Valley umziehen wo Er viele Anhaenger finden wird. Schade dass Scheizer ihm diesen Erfolg nicht anerkennen.

  12. DK sagt:

    Der Mausscanner von Dacuda nimmt ein Video auf, das in Echtzeit verarbeitet wird. Mit dieser Technik unterscheidet er sich fundamental von herkömmlichen Scannern, wie auch der LG LSM-100 einer ist.
    Ob sich die neue Technik durchsetzt, bleibt abzuwarten. Aber nur weil die bisherigen Mausscanner gescheitert sind, heisst das nicht dass Dacuda keine Chance hat, sich in grossen Stil durchzusetzen.

  13. Urs Wernli sagt:

    Braucht man dafuer einen Doktortitel der ETH? Kopieren geht auch ohne Titel und etwas zu frueh als Unternehmer des Jahres gewaehlt zu werden, aber eben Schweiz. In zwei Jahren pleite mit Doktortitel und Plagiatsanklagen, Vorbilder in dieser Richtung gibts auch genug!

    Urs Wernli

  14. Philipp Rittermann sagt:

    …wenn einer von ernst & young zum unternehmer des jahres gekürt wird, habe ich schon fragen….

  15. Marcel Frey sagt:

    Ich sehe nicht was an dieser Erfindung neu sein sollte. Der Handyscanner von Logitech tat dies schon vor 25 Jahren. Und die Software-Lösung für “Panoramafunktionen” sind auch nicht das “gelbe vom Ei”. Es ist immer mit *etwas unvollkommenheit” zu rechnen. Dass man dafür als Unternehmer des Jahres gilt ist ein Armutszeugnis für die Schweiz.

  16. Daniel sagt:

    Leider ist die Maus unbrauchbar. Einem Kollegen zuliebe, der kurz bei der Firma gearbeitet hatte, kaufte ich mir ein Exemplar. Bis heute habe ich es nicht geschafft, auch nur eine einzige A4-Seite einzuscannen. LG hatte allen Grund, den Vertrag mit diesem Genie zu kündigen.