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«Ich danke Gott, dass er mich auf diese Idee gebracht hat»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 13. Oktober 2012

Statt in der Schweiz eine Doktorarbeit in Angriff zu nehmen, reiste die Anthropologie-Studentin Loïse Haenni vor vier Jahren nach Südamerika und besuchte dort eine Zirkusschule. Heute lebt die 31-Jährige ganz von der Artistik. Mit ihrem Partner zieht sie von Festival zu Festival. Ihr Projekt Circopitanga hat die beiden «ein wenig heimatlos», aber glücklich gemacht.Download der PDF-Datei

Frau Haenni, Sie sind in Australien geboren, in der Schweiz aufgewachsen, haben in Brasilien eine Zirkusschule besucht und diesen Sommer mit Ihrem Partner Oren Schreiber an vielen Festivals in Europa Ihre poetisch-artistische Kunst vorgeführt – wo sind Sie zu Hause?
LOÏSE HAENNI: Derzeit leben wir gerade in Turin, aber wir sind in der Winterzeit manchmal auch in Russland, Belgien, Frankreich oder Spanien, um unser Programm weiterzuentwickeln. Da wir fast immer unterwegs sind, haben wir keine richtige Basis. Man könnte sagen, wir seien ein wenig heimatlos, aber es ist auch schön, immer wieder zu neuen Reisen aufzubrechen. Das Schwierigste ist, Freundschaften aufzubauen und zu pflegen.

Wie wurden Sie von der Akademikerin zur Artistin und Weltenbummlerin?
Ich bin in Australien geboren. Später absolvierte ich das Kollegium Spiritus Sanctus in Brig, doch die Sehnsucht nach der weiten Welt spürte ich schon damals. Ich reiste durch Südamerika und arbeitete früh in einem Kinderheim in Peru. Während des Anthropologie- und Geschichtsstudiums untersuchte ich die Zusammenhänge zwischen Migration und Prostitution, beschäftigte mich mit dem Schicksal von Algerierinnen und Transvestiten aus Brasilien. Das Thema war mir wichtig, aber als ein Professor mich aufforderte, dazu eine Doktorarbeit zu schreiben, weigerte ich mich.

Warum?
Es war alles so theoretisch. Ich tat mich schwer, mehr als drei Stunden am Computer zu sitzen, und ich merkte, dass mich diese Kopflastigkeit krank machte. Ich hatte viel Gewicht verloren und war wohl kurz davor, an einer Depression zu erkranken, hatte aber gleichzeitig den Eindruck, es gebe keine Alternative zu diesem akademischen Weg – ich konnte ja nichts Anderes. Deswegen war ich sehr dankbar, als mir eine Bekannte von einem Seidenband-Artistenkurs in Madrid erzählte. Ich mochte die Vorstellung, die Umgebung zu verändern und mir am neuen Ort besser Sorge zu tragen. Statt Madrid wählte ich Buenos Aires, und weil mir die Sache selber nicht ganz geheuer war, schrieb ich mich dort an der medizinischen Fakultät ein. Das war mein Sicherheitsnetz und eine Beruhigungspille für meine Eltern. Dann fiel die Vorlesung aus und ich besuchte Seidenakrobatik- und Trampolinkurse.

Sie waren da 27-jährig – ziemlich alt für den Einstieg in die Zirkuswelt.
(Lacht) Oja, eigentlich lag die Altersguillotine bei ungefähr 18 Jahren, schon die 20-Jährigen fühlten sich alt. Aber ich spürte rasch, wie gut es mir tat, mich auf meinen Körper und seine Bewegungen zu konzentrieren. Ich liebte die Zirkusluft und wusste, dass ich nicht mehr zurück an die Uni wollte; so entschloss ich mich, mir ein Jahr Kredit zu geben und mich in dieser Zeit ganz ins Abenteuer zu stürzen. Ich erschwindelte mir einen Studienplatz an der nationalen Zirkusschule von Rio de Janeiro und traf dort auf meinen heutigen Partner, der nochmals zwei Jahre älter war als ich und ebenfalls auf Umwegen in diese Schule gefunden hatte: geboren in Tel Aviv, zuvor als Yoga-Lehrer in Indien tätig.

Und die Aussenseiter entschieden sich, gemeinsame Sache zu machen?
Ja, Oren sagte zu mir: «Ich will Strassenspektakel machen – kommst du mit mir an die Festivals?» Von da an haben wir gemeinsam trainiert und versucht, ein halbstündiges Programm auf die Beine zu stellen. In der Nacht schauten wir Youtube-Videos, am Tag probierten wir am Seil und am Seidentuch neue Dinge aus. Wir beauftragten einen Ingenieur, uns eine acht Meter hohe Karbon-Konstruktion zu bauen. Ein gutes halbes Jahr später hatten wir zwar dieses 6000 Euro teure Ding im Auto, wussten aber nicht, wo es passende Plätze gab, welches unser Markt sein könnte. Erst als wir am Lago Maggiore einen wunderbaren Standort gefunden und dort enormen Beifall erhalten hatten, wurden wir zuversichtlicher.

Dieses Jahr sind Sie während der Sommermonate an vielen Festivals aufgetreten, auch am Buskers in Bern. Die 45-minütige Aufführung beinhaltete nicht nur halsbrecherische Akrobatik, sondern berührte auch durch die ausgefeilte Choreographie. Haben Sie sich das alles selber beigebracht?
O nein, wir haben Kurse in Russland besucht und in Turin mit zwei Regisseuren zusammengearbeitet. Wir arbeiten drei Monate pro Jahr, um Geld zu verdienen, die restlichen neun Monate geben wir das Geld mit vollen Händen aus, um uns zu verbessern. Es ist nicht einfach, weil viele Festivals in Südeuropa stark unter der Finanzkrise leiden und keine richtigen Gagen mehr zahlen. Bern war wunderbar, weil das Publikum das Buskers liebt und versteht, dass wir Künstler hier nur vom Hutgeld leben. Wir haben an den drei Abenden in den Hüten so viel Geld gefunden, wie wir niemals als Gage verlangen würden – und die Kulisse vor dem Münster war einmalig.

Wie ist das, wenn man 24 Stunden mit dem Partner verbringt und im buchstäblichen Sinn von ihm abhängig ist?
Sagen wir es so: Wenn wir am Abend Streit haben, können wir am nächsten Morgen nicht die ganz schwierigen Sachen trainieren. Durch die Nähe ist alles sehr intensiv. Manchmal, wenn etwas beinahe Unmögliches gelingt, erleben wir ein Freiheitsgefühl, das ich so vorher nicht gekannt habe. An einem Tag fliessen Freudentränen, am nächsten gibt es nur Zweifel und wir fragen uns: «Was machen wir da bloss, was ist das für ein Leben?»

Sind Sie nie schlimm gestürzt?
Nein, ich habe mir zum Glück noch nichts gebrochen, aber es ist natürlich eine Wette auf die Zukunft. Man kann sie ein wenig beeinflussen durch Disziplin im Training und im Lebenswandel. Man sieht uns an den Festivals nicht mit den Musikern durch die Gassen ziehen und feiern. Wir gehen früh schlafen, damit wir am nächsten Tag ausgeruht und konzentriert sind.

Fragen Sie sich manchmal, ob der Preis, den Sie zahlen, zu hoch ist?
Ich bin – viele Jahre nach dem Internatsbesuch in Brig – fast gläubig geworden und möchte dem Lieben Gott danken, dass er mich auf diese Idee gebracht hat und ich die Kraft und die Naivität hatte, aufzubrechen und diesem Traum zu folgen. Es ist immer gut, wenn man im Voraus nicht zu viel darüber weiss. Heute sehe ich es als Geschenk des Himmels, dass ich mein Leben so auf den Kopf gestellt habe. Es ist ein gemeinsamer Sommertraum, den wir da leben, mit wenigen albtraumhaften Ausreissern. Das Schönste ist zu erfahren, wie unsere Arbeit das Publikum berührt. Wenn wildfremde Menschen mich nach einer Vorführung umarmen, weil ihnen die Liebesgeschichte so unter die Haut gegangen ist, bringt das alle Zweifel zum Verstummen.

Kontakt, Information und Fotos:
www.circopitanga.com
circopitanga@gmail.com

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